Ein chilenischer Wanderausflug

...oder die Aufklärung dreier Irrtümer

Wir hatten über Markus Kollegen vom DAV gehört, dem deutschen Andenverein, oder auch "Club Andino", tatsächlich damals von Deutschen hier gegründet und teilweise immer noch zweisprachig.
Dort finden jeweils Donnerstags Infoabende statt und es werden für fast alle Wochenenden Touren angeboten, bei denen man auch als Nicht-Mitglied mitlaufen kann, gegen eine geringe Gebühr. Wir hörten also von einem Ausflug, der Sonntags stattfinden sollte und beschlossen mitzugehen, da wandern hier eben doch nicht so einfach ist wie in deutschen Mittelgebirgen, es gibt kaum markierte Wege, keine guten Karten von allen Gebieten, und es sind auch viel weniger Leute unterwegs, die man fragen könnte.

Sonntag morgens um 07:15 fanden wir uns also pünktlich am Treffpunkt ein - und waren die einzigen! Nach einigen Überlegungen (sind wir zu spät, war es doch am Samstag, ist der Treffpunkt woanders?) traf eine Australierin ein und klärte uns auf, es sei alles richtig und das wäre normal. Nur Nicht-Chilenen seien pünktlich. Als nächstes traf die Leiterin der Gruppe ein (sie hat deutsche Eltern, da schlugen also auch noch die Gene durch) und nach und nach der Rest. Wir verteilten uns auf die vorhandenen Autos und gegen 8 Uhr ging's los zur Laguna Aculeo, etwa 2 Stunden südlich der Stadt, etwas kürzer, falls jemand eine vernünftige Karte gehabt hätte. Unterwegs war eine Brücke über einen Fluß gesperrt, kurzerhand fuhren alle durch eben jenen hindurch, obwohl die Autos nicht geländetauglich waren, aber das Wasser war zum Glück nicht zu tief.
Aufstieg im Nebel sieht zwar künstlich aus, ist aber echt

Nachdem wir geparkt hatten, ging es auch gleich in flottem Tempo los, stetig bergauf und ohne die Markus und mir eigenen zahlreichen Frühstücks-, Futter-, Foto- und Flora&Fauna-Entdeckungspausen. Der Weg schlug sich teils durch dichtes Gebüsch, über Steine und Schotter und, wie gesagt, bergauf.
Es war noch sehr neblig und man sah nicht viel von der Landschaft, allerdings beruhigten uns ein paar entgegenkommende Reiter, daß es "zwei Stunden weiter oben" schon blauen Himmel gäbe. Allmählich fragte ich mich, wie viele Stunden es überhaupt noch nach oben gehen würde...
Nach einer kurzen Essenspause ging es weiter bergan, jetzt wuchsen ringsum nur noch Gestrüpp, Büsche, und teils riesige Kandelaberkakteen. Der Nebel lichtete sich allmählich und plötzlich schien tatsächlich die Sonne. Unter uns lag ein Wolkenmeer und darüber erkannte man die Andengipfel im Sonnenschein, aufgereiht wie an einer Kette!
Pause im Nebel Wir lassen den Nebel hinter uns

Nach einer etwas längeren Mittagspause, die ich auch schon dringend brauchte sahen wir das Ziel vor uns: ein weiterer steiler Anstieg, mir schien er mindestens so lang, wie das Stück für das wir schon 3 Stunden gebraucht hatten, und dann sollten wir ein Hochplateau mit Andenblick erreichen.
Mittlerweile war es durch die Sonne schon unglaublich heiß geworden und die Schattenplätze wurden rar. Nach einem weiteren tollen Ausblick auf die Anden und einem weniger ermutigenden auf das letzte steile Stück, beschloß ich unter einem Strauch eine Siesta einzulegen und dort auf die anderen zu warten, die in einer knappen Stunde zurück sein wollten. Markus machte es zwar nicht soviel aus aber ich glaube der Gedanke an eine Siesta gefiel auch ihm... Es war einfach zu heiß, trotz Sonnenhut und 1,5 Litern Wasser pro Person und der weitere Weg wand sich steil über große Steine und Felsbrocken mitten durch die sengende Hitze.

Davon gab es Unmengen Über den Wolken

Nachdem wir uns eine Weile abgekühlt hatten erkundete ich die Aussicht und Markus hielt unter dem Strauch seinen Mittagsschlaf. Gestört wurde die Ruhe nur durch einige laut brummende riesige Insekten, die uns penetrant verfolgten. Nach einiger Zeit kamen die anderen zurück und hatten auch nicht mehr gesehen als wir.
Ein Wolkenmeer Andenpanorama
Nun ging es den gleichen Weg zurück, diesmal in noch schnellerem Tempo, da man bei einem Wasserlauf noch baden wollte. Man hätte den Abstieg auch als Express-wandern bezeichnen können. Den Bach erreichten wir gegen 16 Uhr und machten dort ausgiebig Pause. Das Wasser war eiskalt und hinterher paßten die Füße zum Glück wieder in die Schuhe...

...sooo kalt ist es! letzte Ausblicke


Nach einigen Fotos wurde der Aufbruch angekündigt, denn wir hatten noch einige Kilometer vor uns. Der Abstieg zog sich noch ungefähr 2-3 Stunden hin und alle waren schon ziemlich müde, da es fast genauso anstrengend war wie der Aufstieg.
Ein stacheliger Geselle... ...ein temporär ebenfalls stacheliger Geselle...

Kurzfristig wieder ziemlich fit wurde ich allerdings, als ich im letzten Moment etwas pelziges braunes ziemlich genau dort sitzen sah, wo ich meinen Fuß hatte hinsetzen wollen: dort saß eine riesige Vogelspinne seelenruhig zwischen den Steinen!!!
Nachdem ich mich in Sicherheit gebracht hatte und Markus sie ausgiebig fotografiert hatte erfuhren wir, daß sie keineswegs aus einer Zoohandlung entlaufen war (meine Theorie) sondern, daß diese Tierchen in dieser Gegend gar nicht so selten anzutreffen sind. Von Vogelspinnen hatte ich aber bisher in keinem Reiseführer etwas gelesen.
Desweiteren wurden wir aufgeklärt, daß nicht die Vogelspinne sondern die sogenannte "Eckenspinne" (Arana de los rincones) zu fürchten sei, denn die sind giftig. Vor kurzem war auch ein Kind an einem Biß gestorben. Das ist wahrscheinlich das Äquivalent zu der australischen Redback Spider, die mir dort auch höchst unsympathisch war...
Somit stimmt die Aussage, daß es in Chile keine gefährlichen Tiere gibt nicht, denn zum Puma, der ebenfalls äußerst selten zu sehen sein soll (gerade vorgestern wurde mitten in Temuco einer erschossen!) gesellt sich nun mindestens eine Spinnenart!

die rote chilenische Vogelspinne...

Etwas später erwischen wir noch den falschen Hang und kamen nicht wie vorgesehen bei den Autos an, sondern 2-3 Kilometer abseits davon. Hier hatten wir allerdings Glück, denn einige Anwohner die wir trafen, erklärten sich bereit die Fahrer das Stück die Straße hoch zu den Autos zu chauffieren, so daß wir anderen unten warten konnten. Auf dem Rückweg kehrten wir noch kurz in einem Lokal ein, da alle total ausgetrocknet und -gehungert waren, bevor wir uns auf die Autobahn nach Hause machten und gegen 23 Uhr dort eintrafen.

Heute hatten wir also gelernt:
- daß auch Bergführer keineswegs den Weg kennen oder dieser außer mit Fußspuren irgendwie markiert ist
- daß es mindestens 2 gefährliche Tierarten gibt
- daß eine chilenische Wanderung, die als "leicht" angepriesen wurde "leicht" in eine 24km lange (1500 Höhenmeter) Bergtour ausartet, da es keine verläßlichen Karten gibt, die mehr als Startpunkt und Ziel erkennen lassen

Bergfalten Kakteen am Abend


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