Altos de Lircay

...der Winter schlägt zurück.

12.- 15.10.2007

Altos de Lircay

Freitag

Die Reserva Nacional Altos de Lircay liegt nur etwa 4 Autostunden südlich von Santiago und wir haben sie bisher wohl einfach übersehen. Der Tag der Entdeckung Amerikas, oder auch Kolumbustag, scheint uns dafür nun eine gute Gelegenheit, verlängert er dieses Wochenende freundlicherweise um den Montag. Wir verlassen nachmittags mit vielen anderen vollbepackten Autos Santiago, glücklicherweise biegen die meisten kurz darauf in Richtung Küste ab. Der Winter scheint zu Ende: die Chilenen sind wieder unterwegs, mit Fahrrädern und Campingausrüstung im Gepäck.
Ein Begräbniszug mit mehr als zwanzig Autos, der sich langsam über die Ruta 5 schiebt und eine mangelnde Beschilderung in Talca behindern noch kurz unsere Fahrt, dann biegen wir in die Straße nach Vilches ein. Kurz vor Sonnenuntergang nähern wir uns dem Park, welcher mit Tor und Kette verschlossen ist. Niemand ist weit und breit zu sehen. Es ist uns in Chile noch nie passiert, daß ein Park abgeschlossen ist und wir nicht mehr hineinkommen! Da uns der Hunger plagt, parken wir gleich neben dem Tor und Markus kocht auf dem hölzernen Drehkreuz für Fußgänger unser Essen. Danach bleibt uns nur, ins Auto zu gehen und Karten zu spielen. Als sich die Deckenleuchte irgendwann automatisch abschaltet sehen wir plötzlich ein Auto hinter dem Tor näherkommen, es steigt jemand aus und öffnet das Tor. Von der anderen Seite kommt ebenfalls ein Wagen und wird eingelassen, dann rasselt die Kette wieder zu. Den Vorgang beobachten wir hinter dem Vorhang versteckt noch zweimal. Es kommen anscheinend nur angemeldete Gäste hinein, die wohl zu einer Gruppe gehören, denn ein anderer Wagen wird abgewiesen. Gegen 1 Uhr fährt sogar ein Bus vor, dessen Fahrer nur ein paar Handbreit von unserem Fenster entfernt hält. Wir bleiben unbemerkt und sind auch ganz froh darüber. Danach bleibt es ruhig bis zum Morgen und wir schlafen fest.

Samstag

Nebel über dem Zeltplatz Nebel zwischen den Bäumen
Dichter Nebel weckt uns und wir würden uns am liebsten wieder umdrehen und weiterschlafen. Nachdem wir vom Parkwächter eingelassen werden installieren wir uns auf dem Campingplatz der relativ teuer, aber seinen Preis auch wert ist: Tisch, Bank, Grill, Lampe und sogar eine funktionierende Steckdose gibt es für jeden großzügig bemessenen Stellplatz. Die nächtlichen Besucher entpuppen sich als eine Gruppe, die sich gerade lauthals startklar macht, um begleitet von etwa zwanzig Packpferden loszuwandern. Zum Glück bleiben die nicht hier. Da es bei knapp 6 Grad nieselt frühstücken wir erstmal unter dem Tarp. Danach machen wir uns auf eine Erkundungswanderung zum Río Lircay, dessen durch eine kleine Schlucht fließende Wassermassen zumindest mich von einer Überquerung abhalten.
der Río Lircay Flußquerung
Markus balanciert von Stein zu Stein auf die andere Seite, kann mich aber nicht überzeugen ihm zu folgen. Wir kehren um und finden ein Teilstück des Sendero de Chile und endlich bessert sich auch das Wetter. Zum Glück, denn unentschuldbarerweise habe ich vergessen, unsere Regenjacken einzupacken. Wer rechnet denn schon mit Niederschlägen?
Wir wandern durch dichten, teilweise schon grünen Wald und überall hängt noch der Nebel in den Bäumen. Ein ungewohntes Bild nach den kahlen Bergen um Santiago herum, bald sehen wir sogar noch Schneereste. Nach Querung einiger Bäche finden wir einen idealen Picknickplatz, nagelneu und überdacht.
Bachquerungen die Picknickhütte
Der Weg ist insgesamt fast 19km lang, aber irgendwann drehen wir um, sonst wird es dunkel bis wir wieder unten sind. Nach letzter Aussicht auf schneebedeckte Hänge machen wir uns auf den Rückweg. Hinter einer Kurve erschreckt uns ein Pferd, das ohne Reiter den schmalen Pfad entlangrast, und nachdem wir uns alle einen Moment erschrocken angestarrt haben, drückt es sich vorsichtig vorbei und galoppiert weiter bergab.
ehemaliger Baumriese tief verschneite Berge
Als wir schon fast wieder am Zeltplatz sind begegnen uns vereinzelte Wanderer die wohl alle noch zu der großen Gruppe gehören. Wenn die noch im Hellen irgendwo ankommen wollen, müssen sie sich ziemlich beeilen. Wir finden bunte Pilze, die auf Bäumen wachsen und Markus nimmt gleich eine Kostprobe. Er hat gehört, die seien essbar. Ich verzichte und warte lieber erst einmal die nächsten 24 Stunden ab. Markus läßt sich aber nicht beirren und sammelt noch eine Handvoll Pilze ein, die er später auf dem Kocher zubereitet.
Ausblick auf den Vulkan essbare Baumpilze
Der Zeltplatz hat sich etwas gefüllt, aber die Grillfreuden um uns herum werden durch erneut einsetzenden Niesel bald gedämpft. Die Temperatur sinkt auf knapp über Null Grad und wir scharen uns um den Kocher. Beim Essen geht der Regen in Schnee über und wir sehen die Nachbarn unter Regenschirmen mit dem Grillgut kämpfen. Es wird merklich ruhig um uns herum, und auch unter unserem Tarp eher ungemütlich kalt. Wir verziehen uns ins Auto und messen kurz vor dem Einschlafen 6 Grad Innentemperatur. Nachts wechseln sich Schnee und Regen ab und es stürmt teilweise heftig. Wir müssen zweimal die Wasserbeule auf dem Tarp leeren, damit die Konstruktion nicht zusammenbricht.

Sonntag

Außerhalb der Bettdecken ist es eiskalt, Schneereste liegen auf Boden und Auto. Wir sind die einzigen weit und breit die noch trockene Bänke und Tische zur Verfügung haben. Während wir frühstücken klart das Wetter auf und die Sonne kommt heraus, daraufhin wird es gleich angenehm warm. Wir fragen uns gerade, wie die Gruppe die Nacht im 400m höher gelegenen Camp erlebt hat, als der Parkwächter vorbeikommt und uns fragt, ob alles in Ordnung ist oder ob wir irgendetwas benötigen. Im anderen Camp waren es unter Null Grad, erzählt er, und die Ausrüstung der Gruppe eher dürftig. Daher gab es dort wohl einige Schwierigkeiten.
noch mehr Schnee über Nacht Blick vom Cerro Paine
Bei dem schönen Wetter laufen wir vormittags den Pfad zum Cerro Paine hinauf. Der kurvenreiche Weg beginnt direkt am Campingplatz und schlängelt sich in knapp zwei Stunden bis zum Mirador Paine. Wir sind ganz allein unterwegs und schälen uns nach kurzer Zeit aus den diversen Kleidungsschichten, so warm wird uns auf dem Anstieg. Am Mirador kochen wir einen Tee und picknicken. Wir sind hoch über dem Tal und können beobachten wie die Wolken uns immer weiter einhüllen, während unten die Sonne scheint.
Mirador der Zeltplatz ganz klein unten im Tal
Es wird wieder kalt und wir laufen weiter, bis der Weg endet, hier finden wir noch einen hübschen Wasserfall und einige Schneereste, dann kehren wir um.
Mirador Paine Fin del Sendero
Wieder unten angekommen halten wir nach der Anstrengung einen ausgiebigen Mittagsschlaf, ziehen anschließend aber noch einmal los, denn das schöne Wetter lockt.
Reste des Eisbergs
Wir erwandern noch einige kürzere, aber schön angelegte Pfade mit diversen Miradores, bis es Zeit wird an das Abendessen zu denken. Der Platz hat sich merklich geleert - vielen war es wohl einfach zu kalt in der letzten Nacht.
Abstieg zum Wasserfall wo ist hier der Weg?
Heute abend läßt es sich aber besser aushalten und wir sitzen nach dem Essen noch lange im Licht der Lampe draußen. Das einzige Problem bei dieser Temperatur ist der Rotwein: der Geschmack will sich einfach nicht entfalten, obwohl wir ihn die ganze Zeit in der Jackeninnentasche zum aufwärmen herumtragen. Wir können uns aber nicht überwinden, ihn ins Wasserbad zu stellen...

Montag

Nach der ebenfalls frostigen Nacht kommt morgens wieder der Parkwächter um sich nach dem Wohlergehen der einzelnen Zelter zu erkundigen. Wir sitzen schon beim Frühstück und stellen den Tagesplan auf. Da wir mit einer Rückreisewelle nach diesem ersten langen Wochenende der Saison rechnen, beschließen wir lieber früh aufzubrechen. Hierher wollen wir aber in jedem Fall noch einmal kommen, es gibt noch einige Wandermöglichkeiten und der Wald hat es uns angetan.
und noch ein Mirador sieht eher herbstlich aus
Kaum haben wir den Park verlassen und sind durch das Waldgebiet ins Tal hinunter gelangt, ist es so warm, daß man schon die Klimaanlage einschalten könnte. Unten an der Panamericana kann man sich nicht mehr vorstellen, in der Nacht gefroren zu haben.
Die Rückreisewelle bleibt aus oder ist noch gar nicht gestartet und wir sind am frühen Nachmittag bereits wieder in Santiago. Zur Abwechslung ist es aber angenehm, einmal nicht erst um Mitternacht aus dem Wochenende zurückzukommen.

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