RN Altos de Lircay 2

2 Tage wandern, 2x 20km, 2x über 2200 Meter

30.10.-02.11.2008

Vulkan Descabezado Grande
Dank eines kurzfristig eingerichteten neuen Feiertags erwartet uns ein langes Wochenende. Donnerstag abends machen wir uns aus dem Staub und stehen erst einmal eine gute Stunde sinnlos auf der Avenida Matta herum. Die Chilenen stehen sich und dem Verkehr buchstäblich selbst im Weg. Bei grüner Ampel wird solange in die Kreuzung hineingefahren, bis auch der letzte Quadratmeter Kreuzung von Autos belagert ist. Springt die Ampel für die anderen auf grün, geht erst einmal gar nichts, denn die Kreuzung ist ja noch blockiert. Es folgt ein Hupkonzert und alle schieben sich einen Meter weiter vor, in irgendeine vermeintliche Lücke. Da die grüne Welle ein unbekanntes Phänomen ist, erwartet uns dieses Geschiebe an jeder Ampel, und derer gibt es viele, meist eine pro Häuserblock. Die letzte Schikane hält die Linksabbiegerspur auf die Ruta 5 bereit: hier wurde zwar eine eigene Linksabbiegerampel eingerichtet, da der Verkehr sonst überhaupt keine Chance hätte, die Gegenfahrbahn zu überqueren, dummerweise aber befindet sich gleich dahinter ein Zebrastreifen für die Fußgänger, die von ihrem Recht verständlicherweise auch Gebrauch machen. Also versuchen sich bei jeder Grünphase soviele Autos wie möglich auf den 10 Quadratmetern vor dem Überweg zu postieren (spurtechnisch nach dem Motto: aus 1 mach mindestens 2,5), um sich zwischen den schimpfenden Fußgängern hindurch zu quetschen. Der Rest der Abbieger wartet trotz grüner Ampel weiter auf eine Gelegenheit zum Abbiegen, und verteidigt gleichzeitig durch weiteres hupen und hin- und herschieben, den Platz im Rückstau gegen diejenigen Autofahrer, die sich von rechts (der Geradeausspur) noch schnell in die Schlange zu mogeln versuchen.
zwei Spechte Aufstieg durch lichten Wald
Dank dieser Hürden stehen wir vier Stunden später erst im stockfinstern vor dem verschlossenen Tor der Reserva. Das kennen wir aber schon vom letzten Jahr, daher suchen wir uns neben dem Infocenter der Conaf ein Parkplätzchen im Wald und Markus kocht, während ich das Auto gegen den Angriff der Motten und Maikäfer verteidige und das Bett für die Nacht richte. In Ermangelung einer gerade Stellfläche für den Gaskocher balanciert Markus unser Essen erfolgreich auf einem Zaunpfosten in luftiger Höhe.
erste Ausblicke Pass auf 2000 Metern
Um 9 Uhr 30 schließt der Conafmitarbeiter das Tor auf, vor dem sich über Nacht schon einige Autos angesammelt haben, wir sind diesmal also nicht die einzigen. Nachdem wir uns endlich einen von 30 Zeltplätzen ausgesucht haben, machen wir uns gleich auf den Weg zur ersten Wanderung. Ziel ist der Enladrillado, eine große, felsige Hochebene auf über 2200 Metern.
die ersten Schneefelder
Der Weg dorthin führt zunächst schattig durch frisch begrünten Wald (letztes Jahr um diese Zeit haben wir hier noch Schneereste gefunden), um nach zwei Stunden scharf nach rechts abzuzweigen, ziemlich bergauf. Wir erklimmen Serpentine um Serpentine und sind noch dankbar für den Schatten, denn kurz darauf verlassen wir den Wald und es wird unerwartet heiß. Dafür lenken jetzt die Ausblicke auf das Tal, die schneebedeckten Berge und die entfernte Küstenkordillere ab.
Markus vor Vulkan Picknickfelsen mit Aussicht
Nachdem wir einen letzten Pass überwunden haben, begrüßt uns der Vulkan Descabezado (der Geköpfte) und Schnee, soweit das Auge reicht. Wir picknicken erstmal wohlverdient auf einem Aussichtsfelsen, dann durchwandern wir das Schneefeld, um ans andere Ende zu gelangen, wo das Hochplateau abrupt und steil abfällt, hinunter ins Tal des Río Claro. Gegenüber thronen der Descabezado und ein paar seiner Kollegen. Die Aussicht ist einfach spektakulär. Sobald der Schnee ab Dezember abgetaut ist, kann man hier zelten und mit etwas (fragwürdigem) Glück des nachts die Ufos beobachten, für die die Gegend bekannt ist.
Balanceakt mit Vulkanen
Markus legt sich zu einem Mittagsschlaf in die Sonne und ich beobachte eine sechsköpfige Eidechsenfamilie, die mich mißtrauisch aus einer Felsspalte heraus beäugt. Das einzige, was einem Außerirdischen hier nahekommt, sind die ziemlich großen, faltigen und breitbäuchigen Eidechsen, die sich zahlreich auf den Felsen sonnen.
auf dem Enladrillado Tal des Río Claro
Am Nachmittag machen wir uns an den Abstieg und erreichen nach über neun Stunden Tour wieder unseren Zeltplatz. Die wenigen anderen Zelter haben sich strategisch gut verteilt, so dass man sich gegenseitig weder hört noch sieht. Die meisten anderen Besucher sind zu einem der kostenlosen Plätze weiter hinten im Park gelaufen, wir ziehen aber die Grillstelle, den eigenen Wasserhahn und die Glühbirne, die uns der Guardaparque netterweise in die Lampe geschraubt hat, vor. Wenn es einmal einen richtig schönen Zeltplatz gibt, dann muss man ihn auch nutzen. Bei gegrilltem Filet und Salat wird es draußen schon ziemlich kalt, sodass wir früh ins Zelt verschwinden.
Vulkanblick Zeltplatz mit Laterne
Am nächsten Morgen stehen wir zwar früh auf, da die Sonne aufs Zelt brennt, aber wir kommen rekordverdächtig noch später los als am Vortag. Der heutige Weg führt zunächst über die gleiche Strecke wie gestern, zweigt aber früher nach rechts ab und steigt noch steiler an. Hätten wir den mal gestern mit ausgeruhten Beinen in Angriff genommen!
schattiger Aufstieg und noch 'ne Pause
Die nächste Stunde gleicht permanentem Treppensteigen (Typ enge Wendeltreppe mit zu schmalen Stufen) bis wir endlich schwitzend ein etwas flacheres Stück erreichen. Dann geht es gemächlicher weiter, wir haben ähnliche Ausblicke wie gestern, heute mit hübschen Wolken, dann wartet das erste Schneefeld. Als wir eine Art Pass erreichen und uns schon fast am Ziel wähnen, weist ein Schild "Laguna 1 Std." über ein endloses Schneefeld, das wir bisher nicht sehen konnten.
Weg mit Aussicht Blick zurück Richtung Küste
Bald sind die Schuhe durchweicht und die Socken nass und wir sehen immer noch keinen See. Eine neue Steigung hinauf, dauernd sinkt man in den pappigen Schnee, und noch einen schneebedeckten Hang hinunter gerutscht, dann ist die Laguna tief unten in einem Talkessel zu erkennen, allerdings größtenteils noch zugefroren, schneebedeckt, und nur an den aufgetauten Ufern als solche zu erkennen.
und wieder der Descabezado Markus studiert die Route
Als wir uns auf einem Felsen windgeschützt zum Picknick niederlassen, treffen wir auf ein deutsch-schweizerisches Pärchen, das hier vergeblich einen Zeltplatz sucht. Sie sind auf einjähriger Weltreise und gerade fertig mit Bolivien und Nordchile. Wegen der drohenden Wolken wird es kalt und wir ziehen die immer noch feuchten Schuhe und Socken wieder an und marschieren über die gleichen Schneefelder wieder zurück. Kaum haben wir den Pass passiert, wird der Wind wärmer, vom Schnee ist nicht mehr viel zu sehen und die Sonne heizt schon wieder. Der Weg heute war auch nicht viel kürzer als gestern und zweimal 800 Höhenmeter rauf und runter machen sich allmählich bemerkbar.
Vulkane mit Wolken der Schnee nimmt kein Ende
Am Campingplatz hat derweil ein Aufbautrupp Einzug gehalten, der einen riesigen LKW ablädt. Neben kistenweise Obst und Gemüse, Kartons mit Lebensmitteln, Grills und Gasflaschen, stehen auch geschätzte eintausend Rollen Klopapier neben einem aufgebauten Partyzelt. Hoffentlich fallen die dazugehörigen Camper nicht heute noch ein! Wir haben aber Glück (und unseren Zeltplatz strategisch gut am anderen, unzugänglicheren Ende des Platzes gewählt), die einhundert Kinder, die hier eine Woche verbringen werden, wie der Parkwächter uns erzählt, kommen erst am nächsten Tag. Also grillen wir in Ruhe Würstchen und Lammkoteletts, dann ist es auch schon wieder dunkel, kalt, und der warme Schlafsack ruft.
die gefrorene Laguna del Alto
Am nächsten Morgen finden wir, dass wir für zwei Tage ausreichend gewandert sind, frühstücken gemütlich, flüchten uns in den spärlichen Schatten und hängen ein bißchen herum. Dann wird es zu heiß, also packen wir und sind am Mittag schon auf dem Weg hinunter ins Tal. Nach einem kleinen Abstecher an den Stausee Lago Colbún, der letztes Jahr fast leer war, jetzt aber besser gefüllt scheint, kehren wir zurück zur Ruta 5 und sind am späten Nachmittag zuhause.
Abstieg, es wird wärmer und schon wieder alles grün


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