Verschneites Argentinien

2500 Kilometer Winterurlaub rechts und links der Anden

25.08.-02.09.2007

Ruta40-Panorama

Freitag

Unsere frisch erworbene 380-Liter Dachbox scheint schon beim Beladen auf unerklärliche Weise zu schrumpfen. Die Nachbarin fragt, ob wir ausziehen. Nein, wir fahren nur für 9 Tage nach Argentinien und haben noch nicht einmal Lebensmittel dabei, bis auf den Fahrtproviant. Um 16 Uhr verlassen wir Santiago Richtung Nordosten und erreichen nach 2 Stunden den Beginn der Passstraße zum Paso Los Libertadores. Für LKW scheint hier der 80km/h Aufkleber die Mindestgeschwindigkeit zu bedeuten. Die Landschaft wird immer karger, Schneereste machen sich breit und es geht stetig bergauf. Hinter der letzten Biegung des Tals sehen wir dann die 29 breit ausgebauten Serpentinen, die sich das letzte Teilstück noch um 680 Höhenmeter hinaufschrauben. Es ist sogar zu kurvig um Brote zu schmieren. Zum Glück ist die Straße akkurat von Schneeresten befreit, die Schneewehen rechts und links werden dafür höher. Mittendrin kreuzen überraschend eine Skipiste und der zugehörige Lift unseren Weg, die zum Skizentrum Portillo führen, die Straße verschwindet dafür kurzfristig in einer Unterführung.
Oben angekommen stehen wir plötzlich vor dem Vorposten der Zollabfertigung. Mit vollen Backen die letzten Äpfel vertilgend erhalten wir die Bestätigung, daß wir ein Auto ausführen. Es ist schon dunkel und eiskalt hier oben und wir können weiter nichts erkennen, aufgrund der Massen von wartenden LKW. Verwirrt passieren wir eine Schranke, wo ist hier die Passkontrolle? Wenig später später stehen wir vor dem Tunneleingang, in dessen Mitte etwa die Grenze nach Argentinien liegt. Wo sind die Mülleimer??? Wir dürfen keine frischen Lebensmittel einführen, haben aber nicht alles essen können und sollen jetzt illegalerweise Brot, Paté und Äpfel ins Nachbarland schmuggeln? Markus fragt bei der Tunnelwache nach, ob wir die Kontrollen verpaßt hätten. Vielleicht sind wir schon illegal eingewandert? Nein, alles richtig, die Formalitäten werden gesammelt hinter dem Tunnel erledigt. Also ab in den knapp 4 km langen Tunnel auf 3.185m Höhe und nach einigem Zögern entsorgen wir notgedrungen und schweren Herzens die übrigen Lebensmittel in der Röhre.

Auf der anderen Seite fahren wir in eine riesige Halle und arbeiten uns von Schalter zu Schalter. Umständlich per Hand werden das Auto, wir und die obligatorische Zusatzversicherung kontrolliert. Wir erhalten diverse Papiere, reisen erst aus, dann nach Argentinien ein und müssen sie in immer wieder neuen Kombinationen vorzeigen. Endlich geschafft - und unser Gepäck hat niemanden interessiert. Jetzt dürfen wir bloß die Ausreisepapiere für das Auto und uns bis zur Wiedereinreise nach Chile nicht verlieren. Auf den restlichen 200km bis Mendoza beginnt das nächtliche Rennen der LKW, die uns reihenweise überholen. Leider sehen wir nichts von der Landschaft, dafür beginnt es leicht zu schneien, es ist eher ungastlich hier oben. Im Örtchen Uspallata holen wir Geld am Automaten, wieder andere Peso und prompt holen wir nur etwa 20 Euro. Also noch einmal aufgestockt, aber der Maximalbetrag liegt hier bei 75 Euro. Wenig später erreichen wir Mendoza, finden problemlos unser Hotel und bekommen sogar nach 23 Uhr noch ein Zimmer, zu dieser Jahreszeit ist wenig los.
schattige Straßen in Mendoza unser Hotel

Samstag

Das Hotel liegt in einer ruhigen, breiten Wohnstraße mit vielen alten Bäumen, die die ganze Straße beschatten, sobald sie einmal Blätter haben. Wir erkunden das vermeintliche Einkaufsparadies Mendoza, bis um 14 Uhr die Läden zumachen und wir den Straßenatlas nicht mehr kaufen können, den wir vorher gesehen haben. Ein paar schöne Läden gibt es hier und wir gehen nicht mit leeren Händen: Bücher, CDs und Kleidung sind ziemlich günstig im Vergleich zu Chile und so wird das Auto schon wieder voller. Da wir aber sicher bald wiederkommen beschränken wir uns auf das Bummeln durch die Straßen und vergessen völlig, ein paar Fotos zu machen oder die Parks und Plazas zu bewundern. Das macht im Sommer aber bestimmt auch mehr Spaß, heute ist es eher kalt. Mittags und abends kehren wir dafür ausgiebig zu Steak und dem guten argentinischen Malbec ein, an gemütlichen Restaurants besteht in Mendoza wirklich kein Mangel. Man isst hier spät, als wir um kurz nach Mitternacht ins Hotel zurückkehren, kommen immer noch neue Gäste: zwei alte Damen in Jogginghose und Pelzmantel!

Sonntag

Wir stehen noch später auf und kommen erst nach 11 los. Um die Ecke kaufen wir in einem riesigen Carrefour ein (fast wie in Frankreich) und decken uns mit argentinischen Leckereien ein. Frischmilch ist hier auf 3 Liter pro Familieneinheit rationiert, momentan aber sowieso ausverkauft. Auf der Suche nach der nötigen Straßenkarte fahren wir noch in eine Mall, finden wieder Bücher, noch mehr Klamotten und CDs, aber leider keine Karte. An einer Tankstelle ergattern wir Kilometer später wenigstens eine Provinzkarte und die "Rutas de Argentina", um einen Überblick zu erhalten. Die Straße führt immer geradeaus, rechts die schneeweißen Anden, über und vor uns strahlendblauer Himmel, alles wirkt viel weiter als in Chile, was hier ja auch keine Kunst ist bei der Größe des Landes. Überall säumen schnurgerade gepflanzte Pappeln als Windschutz die Straßen und Felder.
die Ruta 40 Wintereinbruch
Dann biegen wir von der gut geteerten Straße auf die Ruta 40 ab: das Pendant zur Panamericana in Chile, nur viel mehr Abenteuer, denn hier ist es teilweise so einsam, daß man bei jeder Gelegenheit Benzin, Bargeld und Wasser aufstocken sollte. Die Piste erstreckt sich über knapp 5000 Kilometer entlang der Anden fast von der bolivianischen Grenze im Norden bis nach Río Gallegos im Süden, wo das argentinische Festland an der Magellanstraße aufhört. Anscheinend nutzen einige Autokonzerne diese Straße als Teststrecke - warum, können wir uns denken... Rechts und links stehen Kühe zwischen Schneeresten. Nach etwa einer halben Stunde kommt uns ein Auto entgegen. Wir genießen das Schotterfeeling, während der Schnee immer näher an die Straße rückt und bald eine strahlendweiße Decke über der Landschaft bildet.
flache Pampa mit Ruta 40 Stausee Agua del Toro
Wir fahren zwar nur geradeaus aber das ist auch gut so, denn so können wir ungestört die beeindruckende Landschaft bewundern. Wer hätte gedacht daß einsame Weiten so spannend sein können? Am späten Nachmittag biegen wir auf die Straße nach Las Leñas ein, Argentiniens berühmtestem Skigebiet. Da die Übernachtung dort nur für Hobbygeldverschwender erschwinglich sein soll, fragen wir im altehrwürdigen (die Betonung liegt hier auf alt) Thermalhotel in Los Molles nach einem Zimmer. Der übelriechende alte Mopp vor der Rezeption schreckt uns aber ab, genau wie das restliche Ambiente. Da es hier jetzt schon Dauerfrost gibt wollen wir aber nicht zelten oder im Auto schlafen. Oben in Las Leñas scheint nicht viel los, trotzdem ist es nicht möglich in der Zimmervermittlung der 4 vorhandenen Hotels ein Zimmer, geschweige denn eine kompetente Auskunft zu bekommen. Vielleicht entsprechen wir optisch nicht dem finanziellen Standard. Also wieder hinunter, und kurz vor dem Dunkelwerden finden wir ein 4-Bettzimmer in einem kleinen Refugio mit offenem Kamin. Ich bin mit der Aussicht auf eventuelle Mitbewohner nicht glücklich, aber immerhin bekommen wir hier etwas zu essen, anscheinend ein Asado, denn eine große Ziege wird komplett auf den Grill im Wohnzimmer gelegt. Da aber immer mehr Leute zum Essen kommen, die anscheinend ältere Rechte haben (oder weil wir ein chilenisches Auto haben) werden wir später mit Huhn abgespeist und sitzen im kälteren Nebenraum, dafür dürfen wir die Nacht aber alleine im Zimmer verbringen. Wahrscheinlich besser als zelten, denn nachts heult der Wind ums Haus.

Montag

frostiger Morgen das Refugio in Los Molles
Nach einem rosigen und klirrendkalten Sonnenaufgang frühstücken wir sparsam (Kaffee, Kekse und Butter, dazu gibt es noch eine Schüssel Dulce de Leche, das der Argentinier zu jeder Tages- und Nachtzeit verspeisen kann, ähnlich wie die Chilenen, uns ist es viel zu süß) und fahren wieder ins Skigebiet. Unterwegs schauen wir noch in die Pozos de las Animas, zwei momentan tiefgefrorene Dolinen, um die sich wilde Legenden ranken.
die Pozos de las Animas ...ausnahmsweise keine Krater
In Las Leñas fegt der Wind fast schon mit Sturmtendenz über die Straße und nach kurzer Überlegung beschließen wir, daß der Preis des Skipasses sich bei diesem Wetter nicht rechtfertigt. Auf dem Rückweg wollen wir statt dessen in den Thermen ein Bad zu nehmen, weil heute schon die Dusche ausfiel.
Es heißt: die allerletzte Tür. Wir gehen den ewig langen Gang entlang, an dem sich Zimmer an Zimmer reiht, gut daß wir hier nicht genächtigt haben. Durch eine Zwischentür der nächste Gang, es geht bergab, riecht muffig und wird feuchter. Zum Schluß ist es düster, der Boden aufgeweicht, der Geruch wird stärker, dann stehen wir vor der letzten Tür. Hinter ihr suchen wir den Lichtschalter und begutachten dann die Thermen des Grauens: Umkleidekabinen im Feldlazarettstil, gegenüber muffige kleine Wasserbecken mit abgestandenem Schwefelwasser, das nicht gerade einladend wirkt.
Lazarettkabinen lange verblaßter Glanz
Eine Frau erscheint, die uns Handtücher bringt, sie sieht aus wie die ehemalige Lazarettschwester. Unsere Frage nach den Duschen verneint sie, daraufhin treten wir dankend den Rückzug an und lassen uns den Eintritt erstatten. Den Schwefelgeruch bis zur nächsten Dusche zu ertragen wäre doch zuviel.
Zurück auf der Ruta 40 erwarten uns Schneefelder und exakt gezogene Pappellinien. Wo Pappeln zu sehen sind, wohnen immer auch Menschen.
natürliche Lineale Pappeln = hier wohnt jemand
In Malargüe wollen wir tanken und sehen entsetzt eine lange Autoschlange. Ist Benzin auch rationiert? An der zweiten Tankstelle fahren wir aber gleich an die Säule und tanken problemlos. Auf Nachfrage erfahren wir, daß Gas immer noch rationiert ist und die Gastankstelle nur eine Stunde am Tag öffnet, daher die Schlange. In der Touristeninfo gibt man uns ausgiebig Auskunft zu den Zielen der Umgebung. Wir entscheiden uns für eine Forellenfarm und einen Wasserfall, die beide in Straßennähe liegen. Vorher finden wir noch die wohl beste Bäckerei West-Argentiniens und holen uns "schmutzige Gesichter".
der Forellenfluß
Die Forellenzucht liegt malerisch neben einem breiten Flußtal, aber mitten im scheinbaren Nichts, so wie alles hier. Wir fragen nach dem Restaurant und bekommen ganz allein ein vorzügliches Forellendreigangmenü aufgetischt, wie es scheint, vom Forellenzüchter persönlich.
Forellenfarm mit Ziege im Forellenrestaurant
Unsere Fische werden vor dem Fenster aus dem Wasser geholt und liegen 20 Minuten später in Alufolie gedünstet auf dem Teller. Während des Essens beobachten wir die Arbeiter und eine Ziege, die wie ein Hündchen einem der beiden hinterherläuft und aufgeregt meckert, wenn er wegläuft. Zwei dicke Katzen und diverse Vögel harren hungrig der Fischreste, als die Arbeiter eine Ladung fangen und ausnehmen.
Wenig später fahren wir am angepriesenen Salon de Te vor, in Erwartung des Wasserfalls. Wir sitzen draußen in der Sonne (mitten im tiefsten Winter), trinken Kaffee und Markus sitzen zahme Vögel auf der Hand. Als noch zwei Argentinier eintreffen geht die Führung los, über zwei wackelige Hängebrücken und ein hübsches Bachtal wandern wir bis zum versprochenen Salto.
zahmer Gast Überreste des Meeresbodens
Unterwegs erklärt der Führer uns noch sämtliche archäologischen Reste am Weg, tatsächlich liegen überall Fossilien herum, daher darf man wohl auch nicht alleine wandern. Zurück am Haus sollen wir ein Trinkgeld geben das wir selbst bestimmen. Alter Trick, denn Gringos geben auf die Art immer mehr als Einheimische, wir kennen aber die lokalen Preise und deshalb fällt es ungringohaft aus.
der Salto Pampasgras?
Die Ruta 40 passiert nun eine bergige Landschaft, vorbei an schönen Flußtälern und einem tiefen Canyon, hier müßte man mal Kanu fahren. Stellenweise ist die Ruta 40 ziemlich aufgeweicht und das Auto nimmt Schlammfarbe an. Wir lassen zwei Hospedajes links liegen und hoffen auf besseres.
schlammige Piste grandiose Landschaft mit Fernsicht
In der Dämmerung fahren wir durch ein gewaltiges Lavafeld und passieren eine der vielen Gedenkstätten der Difunta Correa. Diese Dame war vor vielen Jahren in der argentinischen Einsamkeit verdurstet und nur ihr noch im Tode an der Brust gesäugtes Kind überlebte. Seitdem findet man überall in Argentinien am Straßenrand kleine Schreine, die dankbare Reisende errichtet haben. Vorzugsweise hinterläßt man als Gabe eine volle Wasserflasche.
der Río Grande Gedenkstätte
Mittlerweile fahren wir nur noch über Asfaltfetzen, anders kann man den Straßenzustand nicht bezeichnen. Der Schwierigkeitsgrad erhöht sich durch das nötige Umfahren der tiefen Schlaglöcher. Oft muß man sich blitzschnell für die kleinsten entscheiden, oder gleich mit zwei Rädern neben der Piste fahren. Wir befürchten schon am Straßenrand schlafen zu müssen, da erreichen wir Barrancas, das immerhin ein kombiniertes Restaurant, Pension und Campingplatz besitzt, alles sehr einfach. Da wir kaum noch Bargeld haben schlafen wir draußen im Auto, essen aber drinnen. Nach der Bezahlung stellen wir fest, daß wir uns sicher auch das Hotel hätten leisten können, so billig ist alles. Bei Omelett und Rinderschnitzel (Argentinier essen hier kein Schwein) verfolgen wir die Nachrichten im Fernsehen und spielen danach noch im Auto Karten.

Dienstag

Vulkane unter Wolkenschauspiel Vulkan Trómen
Heute Nacht haben Markus mein Schnarchen und das Krähen der Mitternachtshähne wachgehalten. Da dies meistens umgekehrt der Fall ist, hält sich mein Mitleid in Grenzen. Die angepriesenen heißen Duschen sind knapp über kalt, aber nagelneu. Nach plötzlich überraschend teurem Frühstück (hat man im Hellen das chilenische Nummernschild erkannt?) aus Kaffee und einem Medialuna (eine Art Croissant)lassen wir Barrancas hinter uns. Wir fahren tolle Schleifen durch grandiose Landschaft und entdecken sogar vier große bunte Papageien, die wir hier gar nicht erwartet hätten. Mitten im Nichts tauchen plötzlich zwei Sonnenschirme am Straßenrand auf. Gebremst und umgedreht, entdecken wir ein kleines Schwefelbad, im Sommer sicher schön, und zwei Picknicktische mit Bänken.
Schwefelquellen Picknick mit Aussicht
Der Einladung können wir nicht wiederstehen und trinken erstmal Tee vor toller Kulisse, vor uns die weite Pampa und hinter uns der Vulkan Trómen mit über 4000 Metern. Im nächsten Ort Chos Malal tanken wir (die Benzinsorte heißt hier in jeder Provinz anders, zur Verwirrung der Touristen) und nachdem ein zwar sehr ausführlicher aber wenig ergiebiger Vortrag des Touristeninfomitarbeiters keine weiteren Sehenswürdigkeiten enthüllt, gehen wir im Hotel mittagessen. Bemerkenswert ist, daß jeder Ort hier immer eine sehr auskunftsfreudige Information besitzt, in Chile sind diese entweder gerade geschlossen oder haben nicht viel zu sagen.
alter Vulkanschlot
Von Chos Malal fahren wir die empfohlene Abkürzung nach Las Lajas. Hier sind noch weniger Autos unterwegs, dafür die Landschaft umso schöner, riesige Estancias liegen am wild geschwungenen Fluss, und soweit man sehen kann sind Kühe als schwarze Tupfer und Schafe als weiße Punkte zu erkennen.
eine von vielen Estancias Weggefährte
Weite Flußtäler wechseln sich mit tief eingeschnittenen ab.
schmale Straße an kahlem Berg weites Flußtal
Schließlich treffen wir auf die Straße ins Skigebiet von Caviahue. Wie immer nähert sich die Straße dem Skigebiet nur leicht ansteigend und man fragt sich wo der Schnee bleibt, bis man sich hinter der letzten Kurve plötzlich in weißer Winterlandschaft findet. Caviahue liegt äußerst malerisch an einem See, drumherum großzügig mit Araukarien dekoriert. Wir finden ein großes Zimmer im Casa de Te "Tito" und bewundern nach dem Einzug noch den rosafarbenen Sonnenuntergang am See.
Casa Tito Laguna Caviahue
Abends essen wir eine halbe Ziege vom Tischgrill in einer gemütlichen Parrilla und fallen dann ins Bett. Zu erwähnen ist noch, daß es hier im Gegensatz zu Chile keine Heizprobleme zu geben scheint. Überall gibt es Gas-Zentralheizung und - oh Wunder - abgedichtete und sogar doppelverglaste Fenster.

Mittwoch

Nach einem guten Frühstück erkunden wir den Ort und die Möglichkeiten, die sich hier bieten. Der Doppelort Caviahue-Copahue teilt sich in den Wintersportort Caviahue und die Thermalbäder von Copahue. Da Copahue wenige Kilometer höher in einem alten Krater liegt, wird es Winter von Schnee und Schneewehen unter einer 5 Meter hohen Schneedecke komplett begraben und ist nicht zugänglich. Erst ab November kann man frühestens die Thermen besuchen.
Markus begeistert sich für eine Skitour mit Moto-nieve (Motorschlitten) und ich ziehe die Hundeschlittenfahrt vor. Da beides aber heute nicht mehr möglich ist, fahren wir zum Skilift und beschließen endlich einmal skizufahren.
Heißwasser-Geysir leere Piste
Im Ort und am Lift ist nicht viel los und alle grüßen freundlich. Hier gefällt es uns gleich gut. Mit dem Ausrüstungsverleiher komme ich sofort ins Gespräch, die Argentinier scheinen irgendwie neugieriger und aufgeschlossener zu sein. Es gibt zwar nur 4 Lifte und die unteren Pisten sind recht flach, aber oben kann selbst Markus ganz gut fahren, vor allem aber hat man einen tollen Blick über den See, die Araukarien und sogar bis zu den Vulkanen Llaima und Lonquimay nach Chile, die Grenze ist nur einige Kilometer entfernt.
einsamer Boarder einsames Pistencafé
Wir sind fast allein auf der Piste und können ungestört fahren, erst gegen Mittag kommen mehr Leute, aber wenn man kurz wartet hat man die Abfahrt wieder für sich allein. Markus darf ab und zu alleine flitzen, während ich vor dem Pistencafe in der Sonne sitze. Wieder mal trübt keine Wolke den Himmel und es ist ganz schön warm.
immer noch keiner da bestes Skiwetter
Hier fährt man auf dem angeblich einzigen aktiven Vulkan Argentiniens, aber nur ein einsamer Heißwassergeysir raucht in der Nähe. Nach einem letzten Tee mit Aussicht fahren wir zurück.
Tee mit Aussicht Skifahren unter Araukarien
Im Ort plündern wir den mittlerweile wieder aufgefüllten, einzigen Geldautomaten und machen es uns dann im Zimmer gemütlich. Wir trinken Malbec und futtern die Vorräte, da wir heute keine Lust auf Fleisch haben, Argentinien wäre für Vegetarier eine harte Prüfung. Im Fernseher finden wir unglaublicherweise mitten in den einsamen patagonischen Anden Deutsche Welle TV und fühlen uns wie zuhause.

Donnerstag

Nach dem Frühstück bringe ich Markus zur Moto-nieve Tour, beeilen hätten wir uns aber nicht müssen, die müde Truppe kommt nur langsam in Gang.
im Hintergrund chilenische Vulkane liegengebliebenes motonieve
Danach mache ich einen Spaziergang am See, wo sich eine riesige Bassetthündin zu mir gesellt, die offensichtlich mitlaufen möchte. Zusammen gehen wir eine gute Stunde spazieren, im Ort geht sie dann ihrer eigenen Wege. Ich reserviere die Schlittenhundetour für morgen und gehe dann zu den kleinen Thermen um mich zur Massage einzubuchen. Nachher mache ich wegen des schönen Wetters einen weiteren Spaziergang bis zu einem Aussichtsfelsen über dem See und bleibe dort mit meinem Buch sitzen bis es Zeit wird, Markus wieder abzuholen.
Laguna Caviahue von oben klare Luft und klares Wasser
Sie waren zu dritt losgezogen, der Fahrer, ein argentinischer Skifahrer und Markus, und dank eines mehrmals defekten Schlittens haben sie wohl mehr Zeit mit laufen und reparieren verbracht. Dafür waren sie aber illegalerweise in Chile und konnten trotzdem noch ein paar Abfahrten machen. Da der Fahrer kein Werkzeug dabei hatte und immer wieder auf den anderen Motorschlitten warten mußte war der Ausflug nicht wirklich so erfolgreich. Abends gehen wir zum Ausgleich noch einmal gut essen, Kanincheneintopf und Steak. Die meistens Gebäude hier sind ziemlich rustikal aus Holz gebaut und viel hübscher als in Chile. Ein bißchen mehr Gemütlichkeit ist hier auf jeden Fall zu finden.

Freitag

Nach dem Frühstück packen wir und beladen das Auto, damit wir nach der Hundeschlittenfahrt gleich abreisen können. Als wir um kurz nach 10 dort auftauchen werden die Hunde schon sortiert und ins Geschirr gesteckt. Alles bellt und wedelt begeistert durcheinander.
Schlittenhund fast fertiges Gespann
Jeder der beiden Schlitten wird von 7 Hunden gezogen, wir sitzen und die beiden Hundeführer stehen jeweils hinten auf den Kufen, rufen Kommandos, sortieren die Hunde neu und laufen bergauf nebenher, da der Schlitten sonst wohl zu schwer ist. Auf dem ersten Kilometer müssen wir immer wieder anhalten, bis jeder der aufgeregten Hunde sein Morgengeschäft erledigt hat. Außerdem bemerkt man im Wind immer wieder eine Geruchsmischung von Hundefutter und Schafstall.
Pause für die Schlittenhunde Herr der Hunde
Markus hatte also Recht mit seinem Märchen von den furzenden Hunden. Auf den schneebedeckten Feldern geben sie manchmal ganz schön Gas (im wahrsten Sinne des Wortes), besonders wenn sie ein Kaninchen oder ähnliches entdeckt haben. Nach einer knappen halben Stunde erreichen wir einen kleinen von Araukarien eingerahmten Wasserfall, wo die Hunde kurz verschnaufen.
Wasserfall mit Araukarien eingeschneit
Auf dem Rückweg sind sie wie immer schneller weil der Futternapf ruft. Nach dem Ausflug kenne ich die Kommandos fast schon besser als die Hunde, die alle einen ziemlich eigenen Kopf haben. Zurück am Haus werden sie der Reihe und Rangfolge nach gefüttert und wir machen uns auf den Weg nach Süden.
die roten Bäume, auch ohne Blätter schön und noch ein Flußtal
Nachdem wir das verschneite Tal hinter uns gelassen haben, erwartet uns wieder die sonnige Ebene. Am Abzweig zum Pass nach Chile picknicken wir ausgiebig, damit nichts Essbares noch im Auto liegt und aus Versehen eingeführt wird.
ungemütlicher Weggefährte Picknick mit Fernsicht
Die Straße steigt nun wieder unmerklich an und irgendwann begrüßen uns die Araukarien. Dann tauchen Schneereste auf, der Paso Pino Hachado liegt auf 1884m Höhe. An der argentinischen Kontrolle erhalten wir wieder einen Laufzettel, damit gehen wir ins Gebäude, reisen aus, dann führen wir das Auto am Nachbarschalter wieder aus. Hier ist nichts los, zwei Angestellte spielen Tischtennis mitten im Raum. Der Zöllner taut merklich auf, als wir erzählen wo wir herkommen und gleich geht alles einfacher. Dann fragen wir nach einem Mülleimer und entsorgen die essbaren Reste.
araukarienbestandener Pass zum Glück ist hier geräumt
Wir passieren die Schranke und finden uns bald zwischen Schneewänden auf der Höhe des Passes. Die chilenische Grenze liegt einige Kilometer hinter dem Pass im nächsten Ort. Wir reisen problemlos ein, nur mein mitgebrachter Honig muß leider in der großen Tonne verschwinden. Wie ungerecht, Markus' abgepackter Käse darf einreisen. Die Einreise nimmt deutlich mehr Zeit in Anspruch, als der Zöllner fragt, wieviele Taschen wir haben, und wir nur sagen können "viele", und hoffen, nicht alles Gepäck einzeln in den Scanner legen zu müssen. Er kommt mit hinaus und durchsucht eigenhändig aber eher oberflächlich das Auto samt Kofferraum. Das wir eine vollbepackte Dachbox haben, entgeht ihm allerdings.
Wir fahren durch dick verschneite Landschaft bis zum Tunnel Las Raices, ursprünglich als Eisenbahntunnel geplant, die Strecke wurde jedoch nie fertiggestellt. Also hat man ihn kurzerhand zum einspurigen Autotunnel umgebaut, mit Ampeln an denen man wartet bis die Gegenseite durchgefahren ist. Es ist der längste Tunnel Südamerikas, ein eher zweifelhafter Ruf. Drinnen ist es stockdunkel und da wir die ersten sind, bekommen wir einen Schreck als wir am anderen Ende Licht sehen - es ist aber nur das Tageslicht am Ausgang, nach 4 Kilometern. Weiter geht es durch altbekannte Gefilde bis Curacautín, wo wir einkaufen. Ich frage zwei Polizisten ob die Straße zum Skigebiet am Vulkan Llaima offen ist. Erst wissen sie gar nicht welches Skigebiet ich meine und müssen die Zentrale anrufen. Nach längerer Diskussion einigt man sich darafu, daß die Straße wohl nicht befahrbar ist, weil nicht geräumt. Da wir hier keine Flocke Schnee sehen, beschließen wir dieser Auskunft nicht zu trauen und uns den Umweg von 150km zu sparen. Die Abkürzung über die Ruta Interlagos kostet uns nur 46km. Die Schotterpiste scheint in gutem Zustand und wir machen uns noch über die unwissenden Polizisten lustig, da tauchen rechts und links schon wieder weiße Felder auf. Aber es ist geräumt und wir kommen gut voran. Selbst nach dem Anzweig zum Nationalpark Conguillío ist alles schneefrei. Wir machen in aller Ruhe Fotos vom Llaima im Sonnenuntergang.
Vulkan Llaima Abendstimmung mit Araukarien
Dann verengt sich die Piste, wir fahren in den beiden Spurrinnen und hoffen, daß die restlichen 15km auch so bleiben. Die Schneewehen türmen sich höher, die Spur wird immer enger und irgendwann schleifen wir mit dem Boden schon über den gefrorenen Schnee. Kurz darauf biegt die Spur zu einem Hof ab und wir stehen vor einem ungeräumten Weg, der völlig unpassierbar ist. Hätten wir mal nicht so laut gelacht! Es hilft nichts, wir drehen um, fahren zurück und nehmen dann die Hauptstraße. Jetzt haben wir noch mindestens 2 Stunden vor uns. Als wir endlich von der anderen Seite kommend wieder in den Park einbiegen und die letzten 15 Kilometer zum Skigebiet in Angriff nehmen, ist es schon stockdunkel. Wir fahren durch den tief verschneiten Wald und rutschen über den einspurig geräumten Weg. Es geht stetig bergauf und wir hoffen den richtigen Weg zu finden, oben am Refugio sind wir mit Freunden verabredet. Als wir zum Abzweig der Ruta Interlagos kommen ist klar, daß hier schon lange keiner mehr gefahren ist: eine meterhohe Schneewehe türmt sich wo sonst die Straße abbiegt. Weiter geht es bergauf und der Weg wird immer schmaler, die Schneewände links und rechts erreichen schon 4 Meter. An einem Abzweig sind wir unsicher aber merken bald daß es hier nicht weitergeht: wir können zum Glück wenden und rutschen den Berg wieder hinunter. Eine einzelne Spur ist erkennbar, ein Auto hat sich anscheinend vor kurzem hier hinauf gewagt, und wir hoffen, daß das unsere Bekannten sind. Telefonnetz gibt es natürlich längst nicht mehr und so müssen wir es probieren.
Schneefräse bei der Arbeit Jeep im Schneekanal
Man muß an sich nur Gas geben, denn das Auto bleibt von sich aus in der tief ausgefahrenen Spur, auch wenn es dabei rutscht und hüpft und ich genauso am Griff hänge wie Markus am Lenkrad. Irgendwann als wir es schon nicht mehr glauben können sehe ich einen Lichtschein, wir sind wohl richtig! Doch jetzt drehen an einer ausgefahrenen Stelle die Reifen durch. Es ist so eng in diesem Schneekanal, daß man nicht aussteigen kann um die Ketten anzulegen, also zurück und an einer etwas breiteren Stelle kurz die Ketten aufgezogen. Jetzt kommt uns auch jemand zu Fuß entgegen, der Schneefräsenfahrer, der immer noch die Straße versucht befahrbar zu machen. Von ihm hören wir, daß die beiden anderen tatsächlich vor 5 Minuten eingetroffen sind. Trotz Ketten schaffen wir es erst beim 4. Anlauf mit Schwung über den Schneehügel, das Auto prallt seitlich an die Schneewände, die Spiegel kratzen am Eis entlang und unser Blinker springt aus der Verankerung - aber wir sind durch und wenige Minuten später am Refugio, wo wir vier heute die einzigen Gäste sind. Wen wundert's! Wir bekommen zwei Apartments statt des einen und feiern die erfolgreiche Anfahrt erstmal mit einem Mitternachtsimbiß.

Samstag

Willkommen im Skigebiet
Nach einem späten Frühstück erkunden wir die Lage draußen. Hier liegt einfach unglaublich viel Schnee und das wohl schon seit Wochen. Erst seit knapp 3 Wochen ist es überhaupt erst möglich die Straße zu benutzen, anfangs nur mit der Fräse oder der Pistenraupe. Unsere Aussicht aus dem Zimmer ist eher begrenzt: vom Fenster im 2. Stock sehen wir eine weiße Wand und dicke Eiszapfen hängen vom Dach. Nur die beiden Refugioverwalter und ein paar Skilehrer sowie Cafebetreiber wohnen hier den ganzen Winter über. Ab 11 Uhr tauchen die ersten Autos auf, aber es werden nicht mehr als 10 oder 15, die es hier hinauf schaffen, obwohl die Schneefräse die halbe Nacht gearbeitet hat. Der Sessellift läuft noch immer nicht, da er erst mühsam per Schaufel aus dem meterhohen Schnee gegraben werden muß. Daher ist auf der Piste auch nicht viel los und wir haben Platz zum üben.
auf dem Weg zur Snowboardstunde kurzfristig elegante Versuche
Wir leihen uns ein Snowboard aus und lassen uns abwechselnd von Markus beibringen wie das funktioniert, da keiner von uns vorher auf einem solchen gestanden ist. Nach mehr oder weniger erfolgreichen Versuchen kochen wir uns zur Belohnung erstmal ein ausgiebiges Mittagessen. Nach weiteren Versuchen am Nachmittag weiß ich zumindest, daß ich in Zukunft lieber bei den Skiern bleibe. Vor dem Abendessen halten wir noch eine ausgiebige Siesta. Abends wird noch ein Zimmer belegt, ansonsten ist es ruhig.
eingeschneiter Sessellift menschenleere Piste

Sonntag

Heute wollen wir die von unseren Bekannten mitgebrachten Tourenski ausprobieren, Markus und ich haben das noch nie versucht. Da wir nur zwei Paar zur Verfügung haben laufen wir jeweils zu zweit los, das ist aber nicht weiter tragisch da einer der beiden immer auf das Kind aufpaßt. Es fühlt sich ungewohnt an, aber man kommt trotz der Ski an den Füßen dank der Felle bergauf gut voran und es ist weniger anstrengend als ich dachte. Wir laufen zwei Skilifte antlang und sehen schließlich am Ende des zweiten den Gipfel des Vulkan Llaima. Es ist heute etwas trüb und hier oben pfeift ein eisiger Wind, sodaß wir uns nach Abnehmen der Felle und feststellen der Bindungen schnell auf den Rückweg die etwas vereiste Piste hinunter machen. Danach ist Markus an der Reihe, der die malerische Route durch ein Stück Araukarienwald nimmt. Ich habe in der Zeit schon das Auto gepackt und als alle wieder unten sind essen wir noch zusammen, dann machen Markus und ich uns auf den Heimweg. Wir haben noch über 700km langweilige Panamericana Kilometer vor uns und das meiste davon in der Dunkelheit. Auf dem Rückweg durch den Schneekanal, der heute tatsächlich besser befahrbar ist, sehen wir an jeder etwas breiteren Stelle geparkte Autos von Chilenen, die sich mit der Thermoskanne in der Hand oder sogar bei einem Schneewehenasado (Grillstation) das Schneespektakel ansehen. Unten im Tal ist schließlich nichts mehr von den weißen Massen zu sehen.
Endzeitstimmung hier wäre unser Abzweig gewesen
Wir gönnen uns auf halber Strecke noch ein Abendessen im Restaurant des Hotels Salto del Laja und kommen nach Mitternacht zuhause an. Insgesamt haben wir diese Woche über 2500km zurückgelegt und freuen uns besonders auf unser weiches Bett.


Zurück zur Startseite