Über den Paso Agua Negra nach Argentinien

...der wohl höchste Andenpass Chiles.

10.-13.04.2008

vegetationslose 4.779m über dem Meer
Der Winter naht und damit die letzte Gelegenheit, den Paso Agua Negra nach Argentinien zu erkunden. Dieser ist der höchste der vielen chilenische Andenpässe, obwohl die Höhenangaben auf Karten und in anderen Quellen sich untereinander nicht einig sind. Sobald es etwa ab Mai zu schneien beginnt wird der Agua Negra Pass für mindestens sechs Monate unpassierbar sein. Im Internet sind nur sehr spärliche Informationen zu finden, einige vereinzelte Berichte von Touristen, die ihre Wohnmobile und Geländewagen teilweise mit Mühe über die Passhöhe quälten. Wir sind also gespannt.
Donnerstag nachmittag erwarte ich mit gepacktem Auto, der obligatorischen Zusatzversicherung und einigen hundert argentinischen Peso in den Startlöchern den Anruf, der endlich um 18:30 Uhr eingeht. Ich hole Markus ab und wir starten auf der Ruta 5 in Richtung La Serena. Kurz nach Santiago finden wir uns wie immer bald allein auf der Strasse und rollen spät, erst nach 23 Uhr auf den Parkplatz des Hotels Termas de Socos. Das Restaurant ist schon geschlossen und eine Übernachtung für die wenigen Stunden lohnt sich nicht, finden wir. Daher parken wir unter einem Baum und übernachten im Auto.
Schafsbock vor Thermalhotel da kommen die Tanten
In dem nur 1 km von der Panamericana entfernten Bachtal ist es so ruhig dass wir ausgezeichnet schlafen, bis uns ein klägliches Geschrei kurz nach Sonnenaufgang weckt. Der Verursacher lässt nicht locker und aus dem Heckfenster sehen wir einen kleinen Schafsbock einsam auf dem Parkplatz nach seiner Mutter rufen. Als die endlich kommt sind wir schon angezogen und auf der Suche nach Frühstück. Zusammen mit einer Gruppe Franzosen warten wir darauf, dass um 8:30 endlich der Chef persönlich das Hotel aufschliesst und wir frühstücken können.
Anbau bis in luftige Höhen geschützte Weinberge
Da wir eine lange Fahrt vor uns haben verzichten wir auf die verlockenden Badewannen der Termas und nehmen Kurs auf La Serena, wo wir nach Osten, ins Valle del Elqui einbiegen. Trotz schönster Aussichten auf herbstlich verfärbte Weinberge halten wir nicht an, wir haben heute noch viel vor. Erst nachdem wir uns in Vicuña mit Aspirin, ausreichend Wasser und einem Picknick eingedeckt haben und uns auf "Neuland" befinden, nehmen wir uns mehr Zeit.
die letzten Weinberge bleiben zurück im Tal des Río Turbio
Die Strasse ist bis zum Posten der Aduana und Grenzpolizei gut geteert. Die Aduana ist ein nagelneuer und völlig überdimensionierter Bau mitten in der felsigen Einöde, in dem wir als einzige abgefertigt werden. Nebenan fliesst ein rostiger Fluss, der Boden ist ringsum völlig verfärbt. In der angrenzenden Polizeistation liegen einbehalten mehrere deutsche und Schweizer Pässe von Reisenden, die nur bis zum Pass und zurück wollen. Der Grenzpolizist verabschiedet sich anschliessend von uns feierlich per Handschlag und wünscht gute Fahrt, bevor er den Schlagbaum hebt.
eisenhaltiger Bach die Aduana auf 2.105m
Jetzt beginnen 148 km absolute Einsamkeit bis zum ersten Polizeiposten drüben in Argentinien, und die Frage wie unser Auto und wir wohl auf die ungewohnte Höhe reagieren.
Ziegenkarawanen haben Vorfahrt
Unterwegs treffen wir einige Motorradfahrer, wohl die Eigentümer der Pässe, die bei der Polizei hinterlegt sind. Ansonsten ist kein Reisender unterwegs, nur einige Ziegenhirten, deren einfache Hütten wir mehrfach sehen. Und da beschweren wir uns über winterliche Kälte in Santiago.
genügsame Esel Strasse in die Einsamkeit
Am Embalse La Laguna unter für Argentinien typischen, schönen Wolkenbildern, sehen wir in der Ferne einen Reiter mit Handpferd, der letzte Mensch, auf den wir bis hinüber nach Argentinien treffen. Die Berge leuchten hier in den unterschiedlichsten Farben, von schwarz, grün, braun bis zu kräftigem rot.
Hütte eines Ziegenhirten und ausgetrocknete Laguna die ersten bunten Berge
Nach dem Stausee verengt sich die Strasse noch einmal und steigt jetzt kräftig an. Kein Wunder, uns fehlen ja auch noch 1.629 Höhenmeter. Auf den nächsten Kilometern fahren wir durch ein endlos breites Bachtal, links oben tauchen die ersten Gletscher an den Berghängen auf. Die Berge sind völlig kahl und graubraun, noch nicht einmal Vögel sind zu sehen. Unten im Tal ein schwarzer Bach - ob nach ihm der Pass benannt ist?
Lagunenpanorama
Unser Auto brummt tapfer bergauf und lässt sich nicht beeindrucken. Auch die abwechselnd weissen und schwarzen Abgaswolken wie bei unserem Mietwagen damals auf ähnlicher Höhe in der Atacama bleiben völlig aus.
kurze Akklimatisierung auf 3.150m einsamer Reiter
Noch ein paar langgezogene Serpentinen, hier jetzt lieber nicht von der Strasse abkommen, dann begrüsst uns endlich die Passhöhe. 4.779 Meter über dem Meer! Da können wir uns das Bergwandern in Zukunft eigentlich sparen.
Berge in allen Farben und auch hier oben noch Wasser
Argentinien und Chile haben hier verschiedene Schilder und kleine Monumente aufgestellt, über allem thront eine Art Torbogen. Als wir aussteigen bemerken sofort wir den eisigen Wind und die gefühlte Temperatur liegt weit unter Null, leider ist uns unser Thermometer abhanden gekommen.
kahles Hochtal auf etwa 4.000m der schwarze Bach unten im Tal
Die Finger schmerzen innerhalb kürzester Zeit vor Kälte, daher beschränken wir uns auf wenige schnelle Fotos und wollen nur noch zurück ins Auto.
Büssereisfeld mannshohe Eiszapfen
Auch am nachfolgenden Büssereisfeld, dessen eisige schneeweisse Zacken beeindruckend spitz aufragen, verlässt uns schnell die Luft und die Lust am Fotografieren. Es ist einfach zu kalt und die Höhe macht zwar nicht kurzatmig aber willensschwach, und das warme Auto ruft!
Büssereisfeld fast 4m hohe Zapfen
Allmählich beginnt es zu dämmern und wir beeilen uns auf der restlichen Strecke. Kurz vor dem Dunkelwerden erreichen wir den argentinischen Vorposten, der unser Nummernschild notiert und einen Blick auf die Autopapiere wirft. Während wir uns noch wundern, wer uns jetzt die Stempel in den Pass drückt, sehen wir in der Ferne die ersten Lichter und die immerhin noch einmal 34 km entfernte argentinische Aduana. Der Grenzer untersucht unsere Pässe genauestens mit Hilfe einer Lupe, wer weiss ob er nur schlechte Augen hat oder verdächtige Dinge sucht. Im Hintergrund brüllt das Radio und wir sind für heute wohl die letzten Einreisenden. Um 17 Uhr haben die chilenischen Kollegen drüben den Pass für die Nacht gesperrt.
bonbonfarbener Sonnenuntergang
Nach einem grandiosen Sonnenuntergang, sozusagen einem letzten Gruss aus Chile, erreichen wir kurz darauf das Hotel Termas de Pismanta, wo es noch ein Zimmer für uns gibt. Nach einem Thermalbad in 42º heissem Wasser, nachdem wir aussehen wie abgeschreckte Langusten, gehen wir im Restaurant essen. So abgelegen wie das Hotel liegt, kann man leider nicht mit allzu kulinarischen Genüssen aufwarten, und der einzige Malbec den der Weinkeller hergibt (trotz ausführlicher Weinkarte) hat etwa mittlere Badetemperatur, der Keller liegt wohl gleich neben den heissen Quellen. Auf unsere Frage nach einem Eiskübel um ihn etwas herunterzukühlen, bringt der Kellner Eiswürfel für die Gläser. Wir fügen uns in unser Schicksal und er schmeckt auch warm.
herbstlich gelbe Pappelpracht
Samstag morgen reisen wir nach einem Bad und dem typisch spärlichen Frühstück ab. Welcher Argentinier braucht morgens auch mehr als einen Kaffee, wenn er erst um Mitternacht die Kuh vom Grill geholt hat?
Die leuchtendgelben Pappelalleen hinter dem Hotel wollen noch fotografiert werden. Pappeln sind eigentlich das Wahrzeichen Argentiniens, finden wir. Sieht man irgendwo am Horizont Pappelwäldchen, weiss man, dort liegt der nächste Ort.
argentinische Landstrasse ausgewaschenes Flussbett
Wir fahren nach San Juan, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, und treffen unterwegs mitten in den einsamen Weiten Argentiniens auf einen verlassenen Geisterbahnhof. Ob hier einst blühendes Leben herrschte? Die verfallenen Häuser scheinen sogar einmal ganz hübsch gewesen zu sein.
der Geisterbahnhof bestimmt einmal ein hübsches Haus
Die Strasse führt mal durch endlos flaches Land, dann unerwartet durch riesige trockene Flusstäler. Wenn es hier einmal regnet, dann wahrscheinlich richtig. Wir sind uns einig, dass man sich in ganz Chile niemals so einsam fühlen könnte wie fast überall in Argentinien.
Hier kommt heute wohl niemand mehr! Schon wieder hat der Zug Verspätung!
In San Juan herrscht samstagnachmittägliche Ruhe. Wir finden das empfohlenen Restaurant und überlassen das Auto einem kombinierten Autowäscher und "Cuidador" (Aufpasser). Solange er wäscht, wird es jedenfalls niemand aufbrechen wollen. Erstmals finden wir ein Stück gegrillten Euter auf dem Tischgrill, den Markus nach kurzem probieren aber liegenlässt. In Argentinien wird gegrillter Euter genauso gegessen wie Nieren, Lunge oder Herz und andere Dinge, die wir mangels Lexikon noch nicht näher bestimmen konnten.
Wir tanken Benzin und Geld und fahren weiter Richtung Mendoza. Auf halbem Weg liegt die Reserva Telteca, unser heutiges Ziel. Nachdem wir endlich das Häuschen des Guardaparque gefunden haben, dürfen wir gleich nebenan nächtigen. In zwei Bäumen über uns kreischen mindestens 50 giftgrüne Papageien (Mönchssittiche) um ihre grossen Nester, dem Lärm nach könnten es gut doppelt so viele sein und Markus sieht schon die Nachtruhe schwinden.
Mönchssittiche in der Abendsonne Mönchssittich auf seiner Terrasse
letzte Reparturarbeiten am Nest Aufruhr vor dem Schlafengehen
Bei Einbruch der Dunkelheit verziehen sich aber alle in ihre Nester und kein Mucks ist mehr zu hören. Dafür essen wir in der Gesellschaft einer rundlichen Hundedame, einer anhänglichen Katze und etwa einer Million Stechmücken. Die Hundedame hat wohl zu lange mit der Katze zusammen gelebt, denn als wir ihr ein Stück Brot abgeben, spielt sie damit wie mit einer noch lebenden Maus. Sie wirft es hoch in die Luft, springt wieder drauf und zerrt es hin und her. Allerdings ist der Hunger grösser als die Geduld und bald ist es vertilgt. Die Katze spart sich die Spielerei und frisst ihr Stück sofort auf. Nach dem mückengeplagten Mahl verschwinden wir Stiche zählend im Auto.
unser neuer Freund, der Campinghund
Die halbe Nacht hindurch hat es stark gewindet und die Papageien sind sicher alle seekrank, jedenfalls rührt sich keiner als wir morgens aufstehen. Kaum öffne ich die Autotür ist auch der Hund schon da und lässt mich vor Wiedersehensfreude kaum aussteigen. Sie hat lange genug auf Unterhaltung gewartet denn auch auf dem Gang hinter die Büsche will sie nicht von meiner Seite weichen, was sich dementsprechend schwierig gestaltet. Wir frühstücken kurz, packen und schenken die restlichen Lebensmittel dem Guardaparque, der uns anschliessend durch einen kleinen angelegten Park führt, in dem die Lebensweise der Huarpes dargestellt wird, einem indigenen Volk. Früher gab es hier soviel Wasser, dass sie sogar vom Fischfang lebten, heute erinnert die Gegend eher an eine Halbwüste. Wasser findet man jedoch noch in bis zu 14m Tiefe, von diesen Brunnen können die Menschen und ihr Vieh in den "Puestos" (Siedlung einer Familie) leben.
Los Altos Limpios riesige Sandflächen
Ein Stück weiter liegen die Altos Limpios, einige mehr oder weniger unbewachsene Sanddünen, deren Entstehung noch nicht ganz geklärt ist. Der Guardaparque erklärt uns den Weg und schickt uns auf eigene Faust los. Was gestern abend völlig flach und nur mit struppigen Büschen bestanden aussah, ist von den Dünen aus gesehen eine hügelige, grüne Landschaft mit vielen bis zu 20m hohen Sanddünen. Vereinzelt und sehr verstreut liegen hier die Puestos der Einheimischen, die auch heute noch in einfachen, offenen Hütten aus Algarroboholz leben.
sind wir hier in Argentinien?? Dünen vor Algarrobo-Wald
Zurück in Mendoza kehren wir nach längerer Suche in dem Restaurant ein, das wir noch von unserem letzten Besuch kennen. Nach einer leckeren gegrillten Ziege und einem saftigen Filet überredet der Kellner uns noch zum Postre (Nachtisch). Später verabschiedet auch er uns mit einem feierlichen Händedruck. Das passiert uns nun schon zum zweiten Mal auf dieser Fahrt.
Von Mendoza aus sind es noch rund 6 Stunden bis Santiago. Allerdings sehen wir von weitem schon die frisch beschneiten Anden. Und wir haben die Schneeketten vergessen! Wir schleichen hinter den üblichen, völlig untermotorisierten LKW die lange Steigung hinauf, als Markus entnervt eine doppelte gelbe Linie überquert um ein besonders langsames Exemplar zu überholen. Der LKW Fahrer winkt uns noch zurück, aber zu spät, ich habe schon den Polizeiwagen entdeckt, der sich heimtückisch hinter der Kurve versteckt hat, um den Chilenen vor der Ausreise noch ein paar Peso abzunehmen. Komisch, eine Flasche Rotwein zum Mittagessen zu trinken gilt selbstverständlich als unterstützen der heimischen Wirtschaft (natürlich trinkt niemand ausländische Weine) aber bei der gelben Linie werden sie penibel. Ich verkneife mir zunächst jeglichen Kommentar. Wir halten an und der Polizist grüsst freundlich, dann setzt er zur Rede an. Señor! Usted ha traspasado la línea doble contínua .... Eso no puede ser! (Das darf nicht sein!) Markus nickt eingeschüchert zu allem und reicht brav die Papiere rüber. Ich schiebe den deutschen Pass in Sichtweite, man weiss ja nie, das kann sich bei einem chilenischen Auto nur zum Vorteil auswirken. Der Polizist redet etwas von "Führerschein einbehalten" und stiefelt damit zu seinem Auto. Wir haben von seiner Rede nicht alles verstanden und rätseln noch über die Konsequenzen. Einige Minuten später kehrt er mit dem Führerschein in der Hand zurück und erklärt uns, dass normalerweise der Schein für 30 Tage eingezogen würde ... ich sehe uns schon bei dichtverschneitem Pass nach Mendoza fahren um ihn abzuholen ... aber da dieser bürokratische Aufwand aus dem Ausland ja sehr gross sei, würde er uns das in diesem Fall erlassen. Ob wir das erste Mal hier seien??? Markus bejaht und mir bleibt fast das Herz stehen.... belügen eines Polizisten, das ist bestimmt noch schlimmer! Er betont nochmals, dass wir uns nun 30 Tage nichts mehr zu schulden kommen lassen dürfen. Markus nickt ergeben, dann lässt er uns ziehen. Womit wir die unerwartete Milde verdient haben wissen wir nicht, wollten aber auch nicht lange nachfragen.
Bis hinter die Grenze fahren wir keinen Millimeter mehr über durchgezogene Linien und verbringen viel Zeit hinter langsamen, stinkenden LKWs .
die Anden auf dem Weg zum Pass riesiges Flusstal mit 60m hoher Steilwand
Hinter dem Tunnel Los Libertadores erwartet uns die sonntäglich überfüllte Aduana in Chile. Es herrscht viel Verkehr und wir werden in die Bushalle gewunken, wo wir insgesamt 5 durchnummerierte Schalter ablaufen und auf unserem Laufzettel nachher auch 5 Stempel vorzeigen können müssen. Endlich sind wir fertig und dürfen passieren, schon im Dunkeln schlängeln wir uns die Serpentinen hinunter und haben dann den langweiligen Teil vor uns. Die LKW rollen in Zeitlupe das Gefälle hinunter, aber das ist auch besser so, einige bolivianische Exemplare sehen schon recht mitgenommen aus. Alle paar Kilometer finden sich neben der Strasse Kiesbetten für versagende Bremsen. Nach insgesamt 1.600 km treffen wir Sonntagabend wieder zuhause ein.

Zurück zur Startseite