Echt patagonisches Wetter

...und wie man das kulinarisch kompensiert.

Wolkenband über Patagonien kulinarische Höhepunkte

11.-19.07.2008

Freitag

Gegen mittag bepacken wir das Auto mit einer wie immer unerklärlich großen Menge Gepäck. Diesmal sollte es aber ganz fix gehen, denn wir haben zu unserer Dachbox ein passendes vierteiliges Taschenset erworben, das man "einfach nur noch hineinlegen" muss. Zu unserem Erstaunen passt es nicht. Wäre es eine chilenische Produktion, hätten wir dafür Verständnis, aber so versuchen wir schwitzend, die schwedischen Qualitätsprodukte in die offensichtlich zu flache und zu kurze Dachbox zu zwängen. Ich sehe mich schon der Länge nach in zwei Meter Höhe auf der Box balancieren, aber irgendwann schafft Markus es doch, den Deckel über drei der Taschen zu schließen. Die vierte zwängen wir in den Kofferraum. Sich beim Händler zu beschweren würde nichts bringen, denn es gab nur dieses eine Set. Wie wir später auf der Ruta 5 feststellen sollen, liegen wir damit in Punkto Stil immer noch vorn: wir überholen aufs nackte Dach geschnürten Reisetaschen (ohne Box oder Träger), Dachboxen, die wegen mangelnder Befestigung bei Tempo 120 im Wind "flattern" und sogar einen LKW, der sich drei Holzboote übereinander gestapelt hat, wovon eines vorne über das Fahrerhaus hängt. Wir verlassen ein smogbelagertes Santiago und tauchen bald in winterlich trüben Nebel ein. Die Fahrt ist unspektakulär und je weiter wir kommen, umso weniger Autos sind unterwegs, bis wir fast allein unterwegs sind. Über mehrere Kilometer sehen wir immer wieder tütenschwenkende Verkäufer am Straßenrand stehen, aber wir finden nicht heraus, was sich in der Tüte befindet. Wir tippen auf Fische (kurz zuvor hatten Angler am Strassenrand einen Fisch an der Angel baumeln lassen) oder vielleicht Flusskrebse.
Café del Lago in Puerto Fuy die Transbordadora Hua Hum
Als es schon lange dunkel ist, biegen wir von der Ruta 5 ostwärts nach Panguipulli ab, von dort ist es noch eine knappe Stunde über löchrige Straßen nach Puerto Fuy am Lago Pirihueico. Nach knapp 900 km und dem gesamten Henning-Mankel-Hörbuch erreichen wir unser Ziel und parken auf dem verlassenen Platz direkt vor der Rampe auf die Fähre mit dem schönen Namen "Hua Hum". Da man in der Nebensaison nicht reservieren kann, stellen wir vorsichtshalber sicher, morgen definitiv einen der rund 20 Plätze zu ergattern; die Fähre verkehrt nur einmal am Tag und Fahrzeuge der Gemeinde haben Vorrang.
hungrige Meute am Autofenster steile Seeufer unter Wolken
Durch ein kleines Wolkenloch erkennen wir die beiden verschneiten Vulkane Choshuenco und Mocho, die strahlendweiss auf der anderen Seite des Sees im Mondlicht leuchten. Wir legen uns unter die Daunendecken im Auto und der Regen trommelt aufs Dach. An das Geräusch sollten wir uns lieber gleich gewöhnen...

Samstag

Wegen der dichten Wolkendecke über Puerto Fuy wird es nicht richtig hell und wir schlafen bis nach 9. Es schüttet, und zum Glück macht gegenüber gerade das kleine Café del Lago auf, in das wir uns flüchten und uns beim Frühstück um den Ofen scharen. Mit Beobachtungen des Lebens in Puerto Fuy vergeht der Vormittag, in einem 400-Seelen-Dorf das auf die Sommersaison wartet, ist nicht viel los. Erst gegen 12 Uhr rollen einige Autos mit Skiträgern auf den Parkplatz, die wohl das gleiche Ziel haben. Ein überforderter Vater mit 7 Jungs, die hoffentlich nicht alle seine eigenen sind, quellen aus einem der Geländewagen. Wie sie das platztechnisch geschafft haben, bleibt uns ein Rätsel. Dafür erzählt er uns stolz, sie seien alle deutscher Herkunft, leider spricht keiner mehr ein Wort der Sprache. Pünktlich um 13 Uhr legt die Fähre ab und wir durchfahren 90 Minuten lang den schmalen See mit steilen, dichtbewaldeten Ufern. Dies ist die einzige Verbindung nach Puerto Pirihueico am anderen Ende, wo Chile wirklich zu Ende ist. Es sind 11km bis zur Grenze und weitere 50 km durch den Nationalpark Lanín nach San Martín de los Andes.
Puerto Pirihueico, ein letzter Außenposten Chiles auf nach Argentinien!
Puerto Pirihueico erschöpft sich in wenigen, regentriefenden Holzhäusern und einem kleinen Strand. Der Regen läßt nicht nach und in der kleinen Grenzstation ist nicht geheizt, dabei ist es ziemlich kalt. In der Mitte steht die übliche Tischtennisplatte, hier am Ende der Welt haben die Grenzer nicht viel zu tun, nur einmal am Tag spuckt die Fähre ein paar Reisende aus. Wir fahren durch undurchdringlichen Wald und stellen uns so die Carretera Austral vor. Ein hölzerndes Schild weist stolz den Camino Internacional aus.
die Grenze mitten in den Anden stolz ausgeschilderter Camino Internacional
Kaum in Argentinien, ändert sich die Landschaft und wird sehr patagonisch: weiter Blick über kahle Berge und grüne, geschwungene Flusstäler. Kurz vor San Martín lockt ein Wegweiser zu einem Mirador im Mapuche-Gebiet. Wir zahlen vier zahnlosen Mapuche in nassen Ponchos ein paar Peso und dürfen den Blick auf den Lago Lácar, die typisch schachbrettartig angelegte Stadt und den Nationalpark erwandern, dabei erwischen wir sogar eine Regenpause.
Blick auf San Martín de los Andes der Lago Lácar unter patagonischen Wolken
In San Martín quartieren wir uns in der rustikalen Posta del Cazador (Jägerposten) ein und werden von sämtlichen anwesenden Familienmitgliedern begeistert und sehr argentinisch mit "¡ché, chicos, amigos!" begrüßt. Wir lassen uns ein patagonisches Restaurant empfehlen, und nur drei Stunden nach Grenzübertritt fällt uns die erste gegrillte Ziege zum Opfer. Über der Stadt liegt eine Grillduftwolke und es ist viel zu warm für Schnee. Auf dem Heimweg fallen uns die vielen brasilianischen Autos auf, die den weiten Weg von Sao Paulo oder anderen Orten auf sich genommen haben, um hier Ski zu fahren. Dagegen war unsere Anreise von knapp 1.000 km ein Katzensprung!

Sonntag

Es regnet immer noch. Der Wecker klingelt viel zu früh, aber das ist nun mal der Urlaubsfluch. Leider ist es hier dank Zeitverschiebung noch eine Stunde früher. Der Hausherr preist selbstgebackene Medialunas (eine Art Croissants), Rührei und gefüllte Pfannkuchen an. Wir platzen fast aus den Skihosen und machen uns im Sonnenaufgang auf den Weg zum Cerro Chapelco, dem Skizentrum San Martíns. Es ist noch wenig los aber der Skiverleih braucht trotzdem ewig. Eigentlich hätten wir die Ski gleich behalten können, denn man benötigt weder ein Pfand, noch meinen Ausweis. Es fällt auch niemandem auf, dass ich versehentlich mit meinem Namen Markus Kreditkartenbeleg unterschreibe.
Sonnenaufgang über San Martín erschreckend schneeloser Parkplatz
Es liegt erschreckend wenig Schnee und so gondeln wir uns erstmal zur Mittelstation. Nur drei kurze Lifte sind geöffnet und die Pisten noch ein wenig eisig. Ich erwische gleich eine rote Piste und nehme die Kurven vorsichtshalber im Sitzen, Markus rauft sich schon die Haare. Nach wenigen Stunden wird der Schnee besser, die Liftschlangen länger und der Schneeregen stärker, sodass wir uns vor dem brennenden Kamin des Pistencafés aufwärmen und trocknen.
vor dem brasilianischen Ansturm auf den Kamin besser als jeder Schneesturm
Als die zitternden Brasilianer hereinströmen und uns die Wärme vom Feuer blockieren, fahren wir noch ein bisschen, dann hat Markus keine Lust mehr, obwohl ich gerade erst in Schwung komme. Aber das Wetter ist ungemütlich und die Liftschlange total unkoordiniert, also gondeln wir zurück zum Parkplatz, der sich trotzdem immer weiter füllt.
leere Pisten... ...und bärtige Bäume
Zurück in San Martín cruisen wir ein wenig durch die Straßen. Cruisen ist die Hauptbeschäftigung jüngerer Argentinier im Besitz eines tiefergelegten und bespoilerten Fiat Uno. In einer Panadería entdecken wir die wohl besten Vigilantes Patagoniens (= Wächter: eine Art bezuckertes, argentinisches Croissant), und später am Abend kehren wir zum zweiten Mal in die Posta Criolla ein, wo diesmal ein knuspriges Lamm dran glauben muss. Patagonische Grillspieße entschädigen definitiv für entgangene Winterfreuden. Nachtrag: Es regnet immer noch.

Montag

Der vor dem Fenster rauschende Regen ist schon Teil der Kulisse geworden. Noch im Bett liegend gehen wir die Optionen durch und beschließen, beim Frühstück die Wetterkarten und Skireports der umliegenden Gebiete zu studieren. In einem unaufmerksamen Moment überredet der Wirt uns zu einem Holunderpfannkuchen, während das riesige Regenband auf dem Satellitenbild sich immer noch nicht weiterbewegen will. Nur unten in Feuerland sieht es etwas besser aus, aber dahin wären wir 2 Tage unterwegs.
La Posta del Cazador riesige Wolke über dem Hafen von San Martín
Da es heute überall regnet, beschließen wir, weiter nach Bariloche zu fahren, wie ursprünglich geplant. Also schnell gepackt, von den Chicos verabschiedet und rauf auf die Ruta Siete Lagos nach Süden, die bei trockenem Wetter sicher sehr sehenswert ist. Kurz hinter der Stadt wartet mit dem "Arroyo Partido" die erste Sehenswürdigkeit: an dieser Wasserscheide teilt sich ein Bach, ein Teil fließt in Chile in den Pazifik, der andere in den argentinischen Atlantik. Wir sind angemessen beeindruckt.
Arroyo Partido Einer von vielen auf der Straße der sieben Seen
Die Argentinier machen auch bei strömendem Regen Gruppenfotos, aber ab dem dritten See genießen wir den Blick lieber durch die Fenster. Ein See reiht sich an den nächsten, eine Regenwolke löst die andere ab und bald schüttet es wie aus Kübeln. Ein kleiner Abstecher führt uns zum Lago Tráful, an dem wir einsam geräucherten Hirsch und Wildschwein picknicken. Hier lockt die ultimative Pfütze und Markus kann nicht widerstehen. Er rauscht im Jeep zweimal fotogen hindurch, während die Fotografin im Regen tapfer ihrer Arbeit nachgeht.
Wasser marsch! die Fotografin im Regen
Zurück auf der Straße erwartet uns bald eine Schlammschlacht. Die nächsten 50km bestehen aus aufgeweichtem, matschigen Schotter mit unzähligen tiefen Schlaglöchern, von denen man maximal der Hälfte ausweichen können. Ein entgegenkommender Brasilianer im Mietwagen stoppt uns und fragt leicht entnervt, ob "das noch lange so weitergeht". Die anderen Autos rutschen und hüpfen im Slalom durch den strömenden Regen. Irgendwann erreichen wir Villa La Angostura und biegen auf die geteerte Vorzeigestraße nach Bariloche ein. Hier reihen sich Nobelherbergen und Luxuscabañas für Gutbetuchte am Ufer des riesigen Sees und Motorjachten warten auf besseres Wetter. Die Seen im Park haben uns weitaus besser gefallen: da gab es keine verbauten Ufer und mannshohen Zäune. Wenig später sind wir im vielgerühmten San Carlos de Bariloche, DEM argentinischen Skiort, der im Winter hauptsächlich von sonnenverwöhnten Brasilianern heimgesucht wird, die pelzbemäntelt und daunenbejackt bei 11°C die Straßen bevölkern. Auf den ersten, verregneten Blick reißt es uns nicht vom Hocker. Die Straße am See entlang ist lückenlos von Restaurants und Unterkünften jeglicher Preisklasse gesäumt. Hier muss im Sommer die Hölle los sein! Der von uns anvisierte Campingplatz Petunia liegt weiter ausserhalb. Zelten ist so ungefähr das letzte, was wir heute brauchen und so quartieren wir uns in der Albergue ein, die sich als erster Lichtblick des Tages erweist. Ein neuer, runder Holzbau, außen liegen die Zimmer, in der Mitte eine große, vollausgestattete Küche und ein gemütlicher und sogar beheizter Aufenthaltsraum. Dazu ein eigenes Bad, Wifi, und wir sind die einzigen Gäste. Was will man mehr? Markus stellt schnell ein paar Töpfe unter die undichten Stellen im Dach (wie zuhause), während es draußen unaufhörlich vom Himmel rauscht.
endlich im Trockenen dicker Hund vor warmem Ofen
Wir schwanken bald (schon weinseelig) zwischen Spaghetti und den 500m (gefühlt 5km) im Regen (Sintflut) zum empfohlenen Restaurant. Der dicke Hund wedelt uns vom Ofen her zu, wir machen noch einen Malbec auf und entscheiden uns für Spaghetti. Und der Regen wird immer noch stärker.

Dienstag

Da es einfach nicht hell wird, schlafen wir bis 10 Uhr durch. Draußen steht das Wasser zentimeterhoch und der Regen rauscht. Wir decken uns in Panadería und Supermarkt mit Frühstück ein und studieren die Wetterkarten. Wir fühlen uns bereits als Hobbymeteorologen und analysieren Windrichtungen und Schneefallgrenzen. Weit und breit ist kein Schnee zu sehen und so fahren wir nach Bariloche, wo wir mit all den regendeprimierten Brasilianern durch die Einkaufsstraßen ziehen. Bariloche besteht hauptsächlich aus Schokoladenläden, Restaurants und Outdoorläden, in genau dieser Reihenfolge. Dazu kommen ein paar tapfere, regennasse Berhardiner mit Schnapsfass am Hals, die gegen Entgelt fotografiert werden dürfen. Bariloche ist wohl das, was sich der Argentinier unter einem schweizer Skiort vorstellt. Leider ohne Schnee.
Centro Civico von Bariloche ein regennasser General Julio Roca
Nach probieren der Schokoladenspezialitäten und durchstöbern der restlichen Läden verbringen wir eine vergebliche Stunde damit, einen Adapter für ausländische Stecker zu finden. Wie es scheint, ist dieser Artikel unbekannt, ausverkauft oder gerade nicht zur Hand. Den Argentiniern scheint es wurst zu sein, ob sich die Ausländer wegen ungefönter Haare den Tod holen. Anschließend statten wir dem Skigebiet Cerro Catedral einen Besuch ab. Der Parkplatz ist leergefegt, die Lifte geschlossen und kein Schnee in Sicht. Ein paar verzweifelte Brasilianer versuchen auf den wenigen, braunen Schneeresten im Regen Schlitten zu fahren. Zwei regenmantelumhüllte Polizisten schleichen gefolgt von drei feierlich hinterher schleichenden Hunden, durch die Straßen. Als Trost kaufen wir für Markus einen Helm und für mich eine Skibrille.
Markus vor unserer Albergue mit Wachhund patagonisches Schafs-Asado
Auf dem Rückweg machen wir noch einen Abstecher zur Räucherei Weiss und erstehen Räucherforelle und Wildschweinsalami, bevor wir abends in einem weiteren patagonischen Restaurant über ein gegrilltes Lamm herfallen. Zurück im Camping Petunia haben wir heute Zimmernachbarn und lassen uns von deren Gesang und dem Regen in den Schlaf trommeln.

Mittwoch

Um 6 Uhr stehen wir senkrecht im Bett, als die Zimmernachbarn vor dem Fenster den Lieferwagen anlassen. Später beim Frühstück brüten wir wieder über Wetterkarten und das Wolkenband sitzt immer noch fest, draußen rauscht der Regen unablässlich. Die Pfützen im Aufenthaltsraum sind zu kleinen Seen angeschwollen, zum Glück war unsere Zimmerdecke dicht. Die Campingfrau fragt etwas unfreundlich, ob wir bleiben oder gehen, denn die Putzfrau steht schon Mop bei Fuß. Wir entscheiden abzureisen, und duschen, packen und laden in Rekordzeit. Plötzlich paßt der Fön mit ein wenig Überzeugung auch ohne Adapter in die Steckdose.
argentinische Landschaften keine Spur von Winter
Kaum sitzen wir im Auto, blinzelt die Sonne durch die Wolken, das erste Mal seit Tagen! Wir rollen zurück um den Lago Nahuel Huapi und erreichen die große Kreuzung. Links liegt Chile hinter den Anden unter schweren, grauen Wolken, geradeaus San Martín unter einem Fetzen blauen Himmel. Nach kurzer Überlegung folgen wir den Sonnenstrahlen und lassen Chile Chile sein. An einer Landpanadería kaufen wir facturas (span.: Rechnungen, in Argentinien sind das die leckeren Teilchen beim Bäcker) und die Stimmung steigt mit jedem Sonnenstrahl.
malerische Schleife Hagebuttenstrauch
Die noch geteerte Straße folgt einem typisch argentinischen Flusstal und führt an sämtlichen Fingern Gottes vorbei, wie die Felsnadeln genannt werden. Dann biegen wir wieder in den Lanín Nationalpark ein und werden gleich mit der Querung einiger über die Ufer getretener Bäche konfrontiert. In dieser Disziplin kommt Markus diesen Urlaub voll auf seine Kosten und läßt die Fontänen nur so spritzen. Der neben uns herfließende Fluss steht genauso hoch wie die Straße und wird von dieser nur noch durch einen niedrigen Erdwall getrennt. Kurz nach Querung einer Brücke, vor deren maroden Zustand beunruhigenderweise ein Schild warnt, glaubt Markus plötzlich, dass wir einen Platten haben, und das, wo sich gerade die nächste dunkle Wolke über uns entleert. Zum Glück war es aber nur die aufgeweichte Strasse, die uns so schlingern ließ.
die Finger Gottes angeschwollener Fluss
Am einsamen Lago Filo Hua Hum picknicken wir im Auto und merken uns den schönen Zeltplatz für den nächsten Sommerurlaub schon mal vor. Dann schottern wir weiter bis San Martín, die Fahrt hat mal wieder länger gedauert und wir kommen erst im Dunkeln an. Kurz überlegen wir, morgen noch einmal am Cerro Chapelco Ski zu fahren, aber das warme Regenwetter läßt auf schlechten bis gar keinen Schnee schließen. So tanken wir, kaufen ein und stocken die Weinvorräte auf, dann geht es Richtung chilenischer Grenze.
Wasserspiele Besser Türen geschlossen halten!
Der Paso Mamuil Malal ist gut beschildert aber trotzdem schaffen wir es, den Abzweig auf die erstklassige Ruta Internacional im Stockfinstern zu verpassen und fahren auf einer gottverlassenen Schotterpiste mitten ins Mapuchegebiet, was wir erst feststellen, als verschiedene Reservate statt chilenischer Orte ausgeschildert sind. Als wir den Abzweig endlich finden, wundern wir uns nicht, dass wir ihn verpaßt haben. Ein riesiges, rostiges Schild weist zu den Reservaten der Mapuche, der grüne Wegweiser nach Chile liegt platt daneben im Gras. Sauer auf die Mapuche, die uns eine Stunde Umweg beschert haben, schlängeln wir uns hoch auf 1200m und finden uns kurz vor der Grenze zurück im Nationalpark Lanín, die ersten Araukarien erkennen wir bereits im Licht des Vollmonds.
La casa del piedra gemütliches Refugio am Pass
Da es zur Abwechslung ungastlich schüttet und stürmt und die Schranke der argentinischen Grenzer seit 20 Uhr die Straße versperrt, sehen wir uns nach einem Schlafplatz um und entdecken das erleuchtete Infozentrum des Parks, das uns magisch anzieht. Wir klopfen nebenan am Haus des Guardaparque und fragen, ob wir dort vielleicht kochen dürfen. Nachdem er sich hinreichend von unserer Harmlosigkeit überzeugt hat, wird er gleich gesprächig, schließt uns auf, zündet extra die Gasheizung an und wir dürfen so lange wir wollen hier kochen, spülen und sogar die Toilette benutzen. Zum Dank schenkt Markus ihm ein chilenisches Bier, worauf er sich erfreut und per Handschlag als Pablo vorstellt, dann machen wir es uns bei einem Eintopf gemütlich. Die Nacht verbringen wir im Auto auf dem kleinen Parkplatz in völliger Stille, bewacht zwischen Guardaparque und den argentinischen Grenzern. Draußen wird es immer kälter und der Regen hört nicht auf.

Donnerstag

Als wir mitten in der Nacht aufwachen, ist es eisig kalt, verdächtig still und trotz hellem Vollmond können wir nicht durch die Fenster sehen. Ich öffne vorsichtig die Tür und sofort fällt mir eine Ladung Schnee auf den Schlafsack: draußen ist alles dick verschneit! Markus muß einem dringenden Bedürfnis nachgehen, findet seine Schuhe nicht und steht barfuß im 15 cm tiefen Schnee. Auf dieses Wetter warten wir seit einer Woche!
Unser Schlafplatz Überraschung am Morgen
In unseren dicken Daunensäcken ist es so warm, dass wir morgens verschlafen, aber außer uns ist sowieso niemand zu sehen. Nach dem Frühstück im warmen Infozentrum schenken wir Pablo die restlichen Lebensmittel, die nicht nach Chile reisen dürfen und brechen auf zum Schneespaziergang. Pablo empfiehlt den Fahrweg zum See, der sei nicht zu verfehlen. Bald stehen wir vor der ersten Herausforderung: ein Bach ist angeschwollen und rauscht kräftig über die Straße. Selbst mit dem Jeep hätten wir hier Zweifel, ob wir hinüber kämen. Ein Schild weist zu einer kleinen Fußgängerbrücke. Beim Näherkommen sehen wir, dass das Wort Brücke völlig überdimensioniert ist. Ein Baumstamm ist quer über das Wasser gelegt und ein weiterer Stamm dient als wackliges Geländer. Leider liegt der untere Baum mittlerweile unter Wasser und der Bach rauscht gute 20cm darüber hinweg. Das wäre jetzt eine sehr kurze Wanderung gewesen.
Frühstück im Refugio dick verschneiter Wald
Markus versucht sich also an der Querung und hangelt am Geländer, während die Schuhe überflutet werden. Mutig stürze ich mich hinterher und schaffe es, trotzdem ich sozusagen bis zur Schleife vom Wanderschuh im rauschenden Wasser stehe, mit trockenen Füßen hinüber. Wir beglückwünschen uns zur Wahl unserer Schuhe, dann wandern wir durch jungfräulichen Schnee und dichten Wald, bis sich der Weg absenkt und wir vor Hindernis Nummer 2 stehen: auch hier rauscht das Wasser, sammelt sich zu kleinen Bächen, die den kürzesten Weg nehmen, nämlich die Straße. Markus stochert und bohrt in der Böschung und schafft ein paar Abflüsse, so dass der Pegel sinkt. Irgendwann jedoch stehen wir vor einer Pfütze, die zu einem knietiefen See angeschwollen ist und seitlich von undurchdringlichem Bambus begrenzt ist. Trotz tapferen Versuchen, die den Bau eines Staudamms und mehrere Abflüsse einschließen, kommen wir hier nicht durch und müssen umkehren, ohne das Ziel erreicht zu haben. Auf dem Rückweg, als die Sonne kurz durch die Wolken scheint, sehen wir jedoch, dass die nächste Pfütze wohl schon der See gewesen wäre, denn auch sein Wasserspiegel ist um einiges angestiegen.
Bachquerung Ende des Schneespaziergangs
Zurück am Parkplatz befreien wir das Auto von seiner Schneelast und starten nach Chile. Die argentinische Seite ist wie immer schnell erledigt, der chilenische Zöllner scheint jedoch heute schlechte Laune zu haben, da seine Kollegen oben im ersten Stock hörbar Billard spielen und er sich um die lästigen Touristen kümmern muss. Anstatt seinen Allerwertesten also hinaus zu bewegen, um unser Auto auf verbotene Substanzen wie Obst oder ein halbes Schaf zu durchsuchen, müssen wir ALLE Gepäckstücke einzeln ausladen und durch den Scanner fahren lassen. Wir können es nicht glauben, aber er meint es ernst. Zusammen mit zwei anderen chilenischen Familien tragen wir unsere gesammelten Tüten, Taschen, Kisten, Säcke und Kartons genervt durch die Kälte. Als Rache des kleinen Reisenden lasse ich sämtliche Türen auf eisigen Durchzug stehen, und knalle dem Zöllner draußen mißtrauisch die Kofferraumtür vor der Nase zu, als er sich doch noch rausbequemt um einen Blick zu werfen. Trotz der ganzen Scanneraktion beanstanden sie weder die Schafspaté, noch den patagonischen Früchtetee, die an sich in die verbotene Kategorie "Fleisch und pflanzliche Produkte" fallen, noch müssen wir die Marmeladengläser auspacken, um zu zeigen dass es sich nicht um Honig handelt, wie es am Flughafen der Fall ist. Wie immer scheinen die Richtlinien je nach Grenzstation und Laune unterschiedlich ausgelegt zu werden, daher ärgert uns der Aufwand besonders. Als die anderen Autos schon den Pass hinunter verschwunden sind, versuchen wir noch mit vereinten Kräften die Dachbox zu schließen, während der Zöllner wahrscheinlich schon am Billardtisch steht und sich ins Fäustchen lacht.
Schneesturm am Paso Achtung Araukarie!
Kaum sind wir unten, ist der Schnee weg und der Regen plätschert wieder. Zum Trost gehen wir in Pucón ausgiebig Hirschvariationen essen, dann kaufe ich mir einen Badeanzug für die Thermen und wir machen einen Abstecher zum Skigebiet am Vulkan Villarrica, das schneetechnisch ganz vielversprechend aussieht. Mit Schrecken stellen wir fest, dass die anvisierten Thermen bereits um 20 Uhr schließen und wir noch 100km entfernt sind. Die letzten 17km fliegen wir im Dunkeln über die Schlaglöcher und erreichen den Parkplatz 22 Minuten vor Schließung. Auch die Nachbarthermen haben zu und der Nachtwächter weist uns einen Platz am Straßenrand neben einer halbfertigen Brücke, wo wir die Nacht verbringen können.

Freitag

Es schneeregnet zur Abwechslung. Wir frühstücken am Brückenpfeiler und tatsächlich zeigt sich bald sogar die Sonne. Da die Termas erst um 11 Uhr öffnen, beschließen wir, zum wenige Kilometer dahinter gelegenen Eingang des Nationalparks Villarrica (um den gleichnamigen Vulkan) zu fahren und uns ein wenig umzusehen. Die Strecke kennen wir bereits aus der anderen Richtung, jetzt im Winter ist der Park allerdings ziemlich zugewuchert und wir müssen ein paar Steine und dicke Äste aus dem Weg räumen, sowie einige Schlammlöcher und Bäche queren. Es fängt gerade an, abenteuerlich zu werden, als uns ein weiterer angeschwollener Bach am Weiterkommen hindert. Wasser von oben wie von unten scheint diesen Urlaub unser Fluch zu sein.
verschneiter immergrüner Wald
Markus stapft tapfer mit Gummischlappen in den eisigen Tümpel und stochert am Abfluss, aber der Pegel sinkt nur um wenige Zentimeter, zudem ist der Untergrund aufgeweicht. Ich gebe zu bedenken, dass der Bach auf dem Rückweg vielleicht aufs Neue gestiegen sein könnte, da hier das Wasser vom Berg runterkommt. Dann müßten wir erst einmal jemanden finden, der uns aus dem Matsch zieht. Auch Markus hat wenig Lust auf solche Aktionen und wir wenden uns den mittlerweile geöffneten Termas zu.
Termas Geometricas endlich einweichen
Trotz unseres waldschratigen Aussehens werden wir eingelassen und versinken in den heißen Becken. Mittags kehren wir in den Quincho auf Suppe und Kuchen ein und scharen uns um das offene Feuer. Es ist nicht geheizt, draußen herrschen laut Thermometer 5° Kälte und ständig reißt jemand die Tür auf. Wir bibbern in Badeanzug und Handtuch und flüchten dann zum aufwärmen in die Becken. Zum Abschluss tauchen wir unter den ungläubigen Blicken der Chilenen kurz ins eiskalte Wasser und fahren zurück nach Pucón, wo wir uns in der vom letzten Aufenthalt bekannten La Tetera (Teekanne) einmieten.
eiskalte Dusche Kühlwasser für die heißen Quellen
Ich werde gleich wiedererkannt und wir daher von der paraguayanischen Besitzerin auf einen Tee eingeladen. Danach versuchen wir in einer Agentur eine Vulkanbesteigung mit Snowboardabfahrt für Markus zu buchen, es gibt aber noch nicht genügend Teilnehmer. Auch hier werde ich vom letzten Besuch wiedererkannt, dabei ist das 4 Monate her. Vorsichtshalber gehen wir gehaltvoll essen, diesmal vegetarisch, Lämmer und Ziegen haben jetzt Schonzeit.
Vulkan Villarrica
Sonnenuntergang über Pucón
Villarrica mit Rauchfähnchen
Abends hören wir, dass aus der Vulkantour mangels eigenem Guía für Markus nichts wird und leihen stattdessen für mich Ski aus. Vom Balkon unseres Zimmers bewundern wir noch ein bisschen den Vulkan im Abendlicht und haben Logenplätze für den Sonnenuntergang.

Samstag

Blauer Himmel grüßt! Der erste in einer Woche! Das weiße Rauchfähnchen am Vulkan weht steil nach oben, also sind die Lifte geöffnet. Wir packen und frühstücken, dann sausen wir hoch zum Vulkan. Es ist nichts los und wir sitzen schnell im ersten Lift zu den Pisten. Hier hat es deutlich geschneit, aber die Pisten sind auch erst seit Montag geöffnet und nur 4 Lifte in Betrieb.
Nationalpark Villarrica
Die Pisten sind zwar für Markus nicht sehr anspruchsvoll, aber dafür herrscht gähnende Leere. Ganz oben, neben dem letzten Lift, kämpfen sich die Vulkanbesteigergruppen nach oben. Der Weg ist noch ewig lang und Markus freut sich schon fast, dass er nicht dabei ist. Während wir gemütlich vor uns hin fahren und ab und zu auf der Seeblickterrasse pausieren, beobachten wir den mühsamen Aufstieg der kleinen schwarzen Punkte zum Krater. Ab dem Skigebiet sind noch 1000 Höhenmeter frischer Schnee zu überwinden, zum Schluss winken 45° Steigung.
kurz vor dem Skigebiet
Von der Caféterrasse hat man einen Blick über die drei Seen, den Huerquehue Nationalpark, und dahinter den Vulkan Llaima. Wäre es etwas klarer, könnte man sicher auch bis zur Küste sehen. Während ich unter Markus' strenger Aufsicht endlose Kurven übe, bemerke ich auf einmal, dass der Llaima eine kleine schwarze Aschewolke aushustet. Wir sehen den Rauchfahnen zu und erkennen sogar, wie weiter östlich der Ascheregen fällt. Der Llaima ist seit einiger Zeit wieder aktiv und hustet immer mal wieder, sogar Lava spuckt er zwischendurch, was wir aber leider nicht sehen.
Lago Villarrica und leere Pisten Markus in Fahrt
Nachdem Markus mich genug gescheucht hat, fahren wir ab bis zum Parkplatz, wobei wir um chilenische Großfamilien mit Kindern, Hunden und Schlitten Slalom fahren, und kehren dann zurück nach Pucón, um die Ski abzugeben und das restliche Gepäck zu holen. Dann treten wir den Heimweg an, hören einen Eifelkrimi und kehren auf einen Churrasco ein (Avocado-Tomate-Rindfleischscheibenburger). Kurz vor Temuco fürchten wir schon einen riesigen Flächenbrand, eine dichte graue Rauchwolke hängt tief über der Stadt und dem Umland.
auch langsam kommt man unten an der Nachbarvulkan hustet
Es ist aber nur die Auswirkung der unzähligen Holzheizungen der Bewohner. Wir hatten schon davon gehört, aber dass es so schlimm ist, haben wir nicht erwartet. Die Einwohner sind sicher nach jedem Winter ein bisschen lungenkranker. Und kratzt es jetzt schon im Hals. Wir schließen sämtliche Lüftungsschlitze und rauschen weiter nach Norden. Da es auf der Ruta 5 noch leerer ist als auf der Skipiste, kommen wir so gut voran, dass wir gleich bis Santiago durchfahren und erreichen um 1:55 Uhr morgens das Tor zu unserem Parkplatz. Nach 2.745 Kilometern hat uns Santiago wieder.

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