Entre Ríos: Palmen und Polizeikontrollen

oder: Mit dem Auto nach Uruguay

12.-21.09.2008

Nationalpark El Palmar

Freitag

Eine ganze Woche im Zeichen des Dieciocho, des 18. September, steht bevor und wir fliehen wieder einmal aus dem nationalfeiertagsbeflaggten Chile über die argentinische Grenze. Diesmal trägt auch unser Auto Fähnchen, im Einwanderungsland Chile ist es üblich, neben den chilenischen Farben auch die des Landes zeigen, dem man sich verbunden fühlt. Kurz vor dem Paso Los Libertadores holen wir jedoch das blau-weiß-rote wieder ein, nur schwarz-rot-gold weht an der Windschutzscheibe. Ein bisschen Nationalstolz tut auch mal ganz gut. Das übliche Rennen der camioneros, der LKW Fahrer, beginnt gleich hinter dem Grenztunnel. Beim Anblick eines am Straßenrand aus der Kurve gekippten LKW, der von einem frierenden Polizisten neben einem Stapel brennender Paletten bewacht wird, werden alle kurzzeitig langsamer. Spät am Abend erreichen wir Mendoza, quartieren uns im Hotel Zamora ein und sitzen gegen 23 Uhr gegenüber in der Estancia Florencia, das wir zu unserem Stammrestaurant auf der Durchreise erklärt haben. Gegrillte Ziege, gegrilltes Ferkel und Nierchen begeistern zusammen mit einem guten Malbec jedes Mal aufs Neue.

Samstag

Am nächsten Tag ist frühes Aufstehen angesagt, denn es warten etwa 1000 Kilometer Fahrt nach Entre Ríos auf uns, der östlichen Provinz Argentiniens, oberhalb von Buenos Aires und an der Grenze zu Uruguay. Wie wir nach einiger Recherche über unser Zielgebiet herausgefunden haben, ist Entre Ríos für bestechliche Polizisten berüchtigt, die mit aus der Luft gegriffenen Anschuldigungen versuchen, ihr schmales Gehalt auf Kosten von Ausländern aufzubessern. Wir haben hinter Mendoza auf der Stadtautobahn gerade Reisegeschwindigkeit erreicht, als uns bereits die erste Polizeikontrolle dieses Urlaubs am Straßenrand auflauert. Wir haben vergessen das Licht einzuschalten, was in ganz Argentinien außerhalb der Ortschaften Pflicht ist. Der Polizist schnappt sich Markus' Führerschein, behält ihn ein und verkündet, wir könnten ihn am Nachmittag in Mendoza gegen Zahlung einer unverhältnismäßig hohen Strafe auslösen. Das sehen wir allerdings anders, denn erstens fahren ständig unbeleuchtete Argentinier vorbei, auf die ich den Polizisten aufmerksam mache (viele der antiken Gefährte besitzen gar kein Licht mehr), außerdem ist die Höhe der Strafe völlig unangemessen und drittens haben wir einfach keine Zeit. Wir diskutieren hin und her, der Polizist bleibt störrisch, aber wir ebenfalls. Ob es denn gar keine andere Möglichkeit gibt? Im genuschelten Vortrag des Gesetzeshüters taucht daraufhin das Wort Colaboración auf, das ich doch irgendwo schon mal gehört habe. Er schlägt vor, die Sache zu vergessen wenn wir ihm sein leeres Blatt unterschreiben, und eine Spende an die Polizei von Mendoza entrichten. Dabei wirft er vorsichtige Blicke hinüber zu seinem Chef, der etwas entfernt steht. Wie bitte? Spende? Wir sind doch noch gar nicht in Entre Ríos! Schnell beratschlagen wir, was wohl angemessen wäre und schließlich schieben wir ihm 20 Peso hin, knapp 5 Euro. Er reicht die Papiere wieder durchs Fenster und wir dürfen weiterfahren. Wenn das so weitergeht, wird es ein teurer Urlaub! Wir beschließen, beim nächstem Mal sparsamer zu sein und präparieren vorsichtshalber ein paar kleine Scheine zwischen den Autopapieren. Außerdem überlegen wir, für den nächsten Argentinienurlaub unsere Papiere fachmännisch zu kopieren, um keine Originale mehr abgeben zu müssen. Was die Polizei kann, können wir schon lange. Trotz allem gefällt uns der Gedanke nicht, erstens als Ausländer für die Polizisten eine fette Beute darzustellen, und sich zweitens nur mit Hilfe eines lächerlich niedrigen Betrags, wieder freikaufen zu können. Kein Wunder steht Argentinien auf Platz 109 (von 180) auf dem Korruptionsindex, Chile und Uruguay teilen sich hingegen Platz 23. Kurz vor der Provinz San Luis erwartet uns die Fruchtfliegenkontrolle, die jeden Reisenden beim Queren der Provinzgrenzen um ein paar Peso für das Desinfektionsbad und die frischen Lebensmittel erleichtert. Vorsichtshalber vertilgen wir diesseits des Schlagbaums die Vorräte für das Mittagessen, können aber unbehelligt passieren.
Abtei del Niño Dios Vorgängermodell unsere Jeeps in Victoria
Es ist bereits stockdunkel, als wir nach 900 Km durch endlos flaches Land Rosario erreichen, Provinzhauptstadt von Santa Fé, das es zu umrunden gilt, um zur Brücke über den breiten Río Paraná zu gelangen, dem zweitgrößten Flusssystem Südamerikas, der hier ein großes Delta bildet. Hinter der beeindruckenden Brücke führt ein 60 Kilometer langes Viadukt über die angrenzenden Sumpfgebiete, dessen ursprüngliche Landschaft durch übermäßige Beweidung von Rindern gezeichnet ist. Sämtliche Versuche der Natur, sich durchzusetzen werden durch regelmäßiges Abrennen durch die Bauern zunichte gemacht. Am Ende des Viaduktes wartet Victoria, eine Kleinstadt in Entre Ríos, in der wir in einem Restaurant schnell noch unseren ersten Flussfisch bestellen, die Spezialität der Region. Ein großer, modrig riechender Fisch wird einmal längs auseinandergesägt und auf der Schuppenseite gegrillt. Trotz des sumpfigen Geruchs schmeckt er sehr gut. Zum Glück ist es in Argentinien üblich, auch nach 23 Uhr erst zum Essen zu kommen. Anschließend suchen wir die große Benediktinerabtei des Ortes, auf deren Parkplatz wir die Nacht im Auto verbringen.

Sonntag

Nach einer von vereinzelten Glockenschlägen gestörten Nacht meint der Glockenturm es um 9 Uhr ernst und an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Um uns herum parken jetzt Autos, deren Insassen neugierig auf unsere neuen Vorhänge schauen, die zum Glück rundherum Sichtschutz bieten. Nach einer Stunde Fahrt durch hügelige, toskanisch wirkende Landschaft schaffen wir es, der zweiten Polizeikontrolle an diesem Tag erfolgreich auszuweichen und biegen in den Weg zum Nationalpark Pre-Delta ein.
Faul im Park Bootsfahrt durch den Nationalpark Pre-Delta
Hier ist bereits einiges los, überall parkende Autos und rauchende Grills, und wir legen uns auf unserer Decke in die Sonne, um die lange Anreise mit einem faulen Nachmittag zu kompensieren. Schon nach drei Stunden langweilt die Faulheit und die Sonne wird zu heiß, also schließen wir uns einer Bootsfahrt auf einem Nebenarm des Río Paraná durch den kleinen Nationalpark an. Hauptsächlich wird hier ein von der Stadt Diamante gespendetes Gebiet vor dem unvermeidlichen Rinderbefall geschützt, und somit kann sich die ursprüngliche Vegetation wieder erholen.
Markus ganz sicher ehemaliges Rindertransportschiff
Außerdem wird das Delta in unregelmäßigen Abständen überflutet, nach starken Regenfällen, oder wenn die Brasilianer weiter nördlich ihre Stauseen leeren. Das flache Land zwischen den vielen kleinen Flussläufen des Deltas ist von undurchdringlichem Gebüsch überzogen, Wasservögel, allen voran der Martín Pescador (Eisvogel), Flussotter und Wasserschweine leben hier. Außerhalb des Nationalparks erkennt man nur die traurigen, abgefressen Überreste des einst saftiggrün bewachsenen Sumpfgebiets.
warten auf die nächste Überflutung Zeltplatz im Pre-Delta
Als wir zurückkommen hat sich der Platz weiter gefüllt, sodass wir einen Ausflug zu einem Aussichtspunkt am Fluss machen, an dem die Hauptattraktion ein rostiges, an Land geparktes Rindertransportschiff ist. Abends spazieren wir den Lagunenpfad des Parks ab, aber dank Kindergeschrei und Getümmel verzieht sich alles, was Flügel oder vier Beine hat ins Dickicht. Kaum wird es dunkel, verlassen die Tagesbesucher aber fluchtartig den Park und wir können endlich unser Zelt am Ufer des Flusses aufbauen.
Nebenärmchen des Río Paraná Vollmond über Argentinien
Im Licht des Vollmonds grillen wir Fleisch und unsere neu entdeckte Spezialität: saftige Morcillas, Blutwürste. Während der Nacht tönen die Geräusche munteren Urwaldlebens aus dem Dickicht hinter dem Zeltplatz, und wir erwarten fast das erste Carpincho, ein Wasserschwein, dass sich durch die Zeltwand nagt.

Montag

Schon vor Sonnenaufgang hindert der Vogellärm jeglichen weiteren Schlafversuch. Wir stehen also auf und spazieren zu den Lagunen. Vom Hochsitz aus entdecken wir jede Menge Wasservögel und sogar eine Eule, die von ihrem Aussichtspunkt auf einem Baum das Treiben beobachtet. Nur die Wasserschweine lassen sich nicht blicken, sie scheinen anderswo ihren Geschäften nachzugehen. Als wir noch die Lagune mit dem Fernglas absuchen, raschelt es plötzlich heftig unter uns und ein übergewichtiges Reh bricht aus dem Gestrüpp und verschwindet im Wald. Wie der Guardaparque uns später erklärt, gibt es hier keine Rehe und es war wohl das ersehnte Carpincho, das weltweit größte Nagetier, das bis zu 60 Kilo schwer wird.
Sonnenaufgang im NP Pre-Delta im Land der Wolgadeutschen
Als wir anschließend beim Frühstück sitzen und mit der Rückkehr in den Schlafsack liebäugeln, biegen zwei große Reisebusse der Escuela de Cadetes (Polizeischule) auf den Parkplatz und etwa hundert angehende Polizisten strömen über die Zeltwiese. Wir werden neugierig beäugt und schließlich angesprochen. Sie sind neugierig, da sie gleich das chilenische Nummernschild erkannt haben, und überrascht, als sie hören, dass wir Deutsche sind. Vor lauter Begeisterung werden die Kollegen heran gerufen und wir ausgiebig befragt. Die Cadetes befinden sich auf einer einwöchigen Rundreise durch die Provinz. Etwas boshaft spekulieren wir anschließend, dass sicher schon im ersten Lehrjahr das erkennen ausländischer patentes aus 50 Meter Entfernung geübt wird, um bei zukünftigen Kontrollen die lukrativsten Opfer herauszufiltern.
Ortsschild der Wolgadeutschen Hauptstraße
Am späten Vormittag brechen wir auf und treffen auf einige Dörfer, in denen sich Wolgadeutsche angesiedelt haben. Im Örtchen "Aldea Spatzenkutter" bewundern wir die vielen deutschen Fähnchen, die Ortsschild und Straßenbeleuchtung schmücken. Unter erfolgreicher Vermeidung der nächsten drei Polizeikontrollen, die zum Glück immer gerade die anderen Seite der Kreuzung, des Kreisverkehrs oder der Straße am Wickel haben, landen wir zum Mittagessen in Paraná, der Provinzhauptstadt.
Kirche von Spatzenkutter Ausländer-Abzock-Tanksäule
Wir bestellen Dorado, einen hässlichen aber wohlschmeckenden, ebenfalls modrigen Flussfisch, der aufgrund seiner Kraft der Tigre del Río, Flusstiger, genannt wird. Unser Bier, das wie in Argentinien üblich nur in der Literflasche erhältlich ist, wird in einem silbernen Kühler mit Stoffserviette serviert, was sich überaus vornehm ausnimmt. Am Nachmittag queren wir die komplette Provinz Entre Ríos nach Osten, bis an den Rìo Uruguay, den Grenzfluss zu Uruguay. Noch nie im Leben haben wir so viele Polizeikontrollen gesehen und selten sind wir so vorbildlich gefahren, um nicht wieder eine Spende überreichen zu müssen. Wir entwickeln eine Technik, das chilenische Nummernschild möglichst lange zu verbergen, indem wir dem Fahrzeug vor uns dicht auffahren. Es scheint zu nützen und wir kommen glücklich davon.
eine Flasche Quilmes im Silberkühler vor längerer Zeit entgleister Zug
Kurz vor dem Nationalpark El Palmar, tanken wir an der speziellen Zapfsäule für ausländische Fahrzeuge. Hier dürfen reiche Extranjeros einen ganz legalen Aufschlag zahlen. Im Osten Argentiniens scheint man zu wissen, wie man die Einkünfte aufbessert. Auch die Mautstellen nehmen die Ausländer mit Sondertarifen aus. Unser Auffahrtrick funktioniert hier nicht, wahrscheinlich benutzen die Kassierer Ferngläser. Im Sonnenuntergang fahren wir in den Nationalpark ein, der die letzten Bestände der Yatay-Palmen schützt. Auf dem Zeltplatz erwartet uns eine Überraschung: wir sind bei weitem nicht die einzigen und es gibt einen Laden, Restaurant, Strom und Laternen, die man selber einschalten kann. Diese Art Campingkultur gibt es in Chile so gut wie nicht, wo wir immer die einzigen Besucher sind und der höchste Luxus aus einem rostigen Wasserhahn besteht.
Yatay-Palmen im NP El Palmar Vollmond über dem Río Uruguay
Wir steuern auf einen Platz mit mondbeleuchtetem Blick über den Río Uruguay. Als vorletzte Überraschung des Tages parken wir dort neben einem ausgebauten Landrover mit Rosenheimer Kennzeichen. Er gehört einem älteren Ehepaar, bei dem wir uns erfreut als neue Nachbarn vorstellen. Während Markus endlich dazu kommt den Grill zu befeuern, bin ich zum spülen verdonnert, und das schon vor dem Essen. Als ich zurückkomme, berichtet er, dass ihn ein Gürteltier besucht hat. Da die Sichtung eines Gürteltiers bereits seit zwei Jahren auf meiner Wunschliste steht, kann ich kaum fassen, dass ich dank des fettigen Geschirrs diese Chance verpasst habe. Wenig später, als ich im Dunkeln den Tisch decke, raschelt es leise im Gebüsch und das Gürteltier spaziert hervor, zielstrebig unter den Tisch, schnuppert an meinen Füßen und marschiert weiter in Richtung Grill. Auf diesen letzten Höhepunkt des Tages stoßen wir mit einem Glas Malbec an, und futtern ein saftiges Steak mit Würsten als Beilage. In der Nacht ist rund um unser Zelt nicht zu identifizierendes Klopfen, Quieken und Grunzen zu hören, was mich mehrfach weckt.

Dienstag

das andere Ufer ist schon Uruguay
Auf dem Weg zu den Duschen findet Markus eine knapp meterlange Echse, die sich in der Sonne wärmt. Dann entdecken wir die umzäunten Bäume, in deren Wurzelwerk die Eingänge zu den Höhlensystemen der Vizcachas liegen, einem großen hasenähnlichen Nagetier mit langem Schwanz. Sie leben in Wohngemeinschaft mit den Echsen, die den Tag draußen verbringen, während die Vizcachas nachtaktiv sind und die Urheber der nächtlichen Ruhestörung waren.
Frühstück in der Sonne sich in der Sonne wärmende Echse
Mit dem Auto machen wir uns auf zu den kurzen Wanderwegen und besichtigen die Reste einer alten Estancia, zu der dieses Gelände gehörte. Unten am Fluss entdecken wir einen Lobito del Río, einen Flussotter, und überall zwischen den Ruinen der Gebäude die großen Echsen. Den Rest des Vormittags verbringen wir mit der erfolglosen Suche nach den Carpinchos, die hier irgendwo Siesta halten müssen. Statt dessen finden wir nur ihre unübersehbaren Hinterlassenschaften.
drei Echsen am Flussstrand
Geplättet von der ungewohnten Wärme nach dem chilenischen Winter kehren wir mittags auf den Campingplatz zurück und liegen faul im Schatten. Am Nachmittag raffen wir uns zum zweiten Teil der Carpincho-Jagd auf und durchsuchen ein struppiges Wäldchen neben einem Flüsschen. Nach langer Suche im Unterholz entdecke ich schließlich auf einer kleinen Lichtung ein Stück Fell, das in der Sonne schimmert und ein durchdringender Geruch drängt sich auf.
eine Echse als Wächter über die Ruinen
Tatsächlich - es ist das Hinterteil eines friedlich grasenden Carpinchos. Wir kreisen es langsam bis auf wenige Meter ein, aber es lässt sich gar nicht stören, sondern dreht uns den Hintern zu und widmet sich dem Gras. Allerdings ist der Geruch, der ihm entströmt der beste Schutzmechanismus. Am Campingplatz ist mittlerweile ein zweiter, zum Wohnmobil umgebauter Geländewagen mit deutschem Kennzeichen aufgetaucht, der sich zu unserer Kolonie gesellt hat. Wir erfahren, dass die beiden Hamburger schon auf der Fahrt durch den Park eine Gruppe Wasserschweine am Straßenrand entdeckt hat. Trotzdem, unseres haben wir uns hart erarbeitet.
unser erstes Carpincho! es müffelt und läßt sich nicht ablenken
Am frühen Abend geht der Vollmond leuchtendorange über Uruguay auf und spiegelt sich malerisch im Fluss. Dann tauchen die Vizcachas aus ihren Höhlen auf. Im hellen Mondlicht sind sie gut zu erkennen, wenn sie auch eher scheu sind.
Ñandú unter Palmen Palmen im Nachmittagslicht
Sie haben einen riesigen Kopf und können mit der Größe eines Cockerspaniels mithalten. Der schwarze Streifen um den Kopf, wie eine Art Backenbart, läßt sie wie ein Panzerknacker aussehen. Bei soviel Brehm's Tierleben und dem Austausch von Reiseerfahrungen mit den Landsleuten schaffen wir es erst spät, ins Bett zu gehen.
Campingimpressionen orangeleuchtender Vollmond über Uruguay

Mittwoch

Um 6 Uhr schleiche ich mit der Kamera aus dem Zelt und suche nach den Vizcachas, die am Vorabend nicht vor die Linse zu bekommen waren. Ich pirsche mich ungestört an und habe das mir am nächsten sitzende offensichtlich hypnotisiert. Es starrt mich reglos an, die Unterlippe hängt herunter. Erst als Markus hinter mir auftaucht, verschwindet es blitzschnell im Bau.
vor Sonnenaufgang... ...auf Vizcachajagd
Im orangeroten Sonnenaufgang laufen wir die beiden verbleibenden Wanderwege am Campingplatz ab, frühstücken und reißen uns am späten Vormittag endlich los - Uruguay wartet!
wie hypnotisiert ein hoppelnder Panzerknacker
Wir nehmen die Straße nach Concordia, das dem Grenzübergang nach Salto in Uruguay am nächsten liegt. Wir tanken wieder zum Ausländerpreis und lassen uns vom Tankwart erklären, dass auf diese Weise verhindert werden soll, dass die vielen aus Brasilien und Uruguay kommen LKW den Argentiniern den rationalisierten Diesel wegtanken, der hier billiger ist.
und noch ein Sonnenaufgang
Zurück auf der Landstraße beherzigt außer uns kein Argentinier die endlose Geschwindigkeitsbegrenzung von 40 km/h, auf diese Weise rollen wir nicht vor Sonnenuntergang über die Grenze. Markus schnappt sich das Fernglas und prüft die Straße auf versteckte Polizeikontrollen. Die Colaboración für doppelte Geschwindigkeit ist sicher teurer als für nicht eingeschaltetes Licht.
frühmorgens am Río Uruguay
So erreichen wir sicher den Abzweig zur Brücke und die Abfertigungshallen. Da auch Uruguay die Einfuhr von Milchprodukten, Gemüse und Brot verbietet, picknicken wir notgedrungen auf dem Parkplatz der Grenzpolizei. Wie an der chilenisch-argentinischen Grenze durchläuft man hier fünf Stationen: Ausreise Personen, Ausfuhr des Autos, Einreise Personen, Einfuhr des Autos und schließlich die Hygienekontrolle.
Palmen über Palmen Markus auf Flussotterwacht
An diesem kleinen Übergang sind deutsche Pässe in Kombination mit chilenischem Auto ein Ereignis und bedürfen langwieriger Prozeduren. Als eine Kopie der Einfuhrbestätigung des Jeeps fehlt, rutscht uns das Herz in die Hose, aber es ist alles kein Problem, die Zöllner verhandeln untereinander und wir dürfen einreisen. Wir überqueren die lange Brücke und sind endlich in Uruguay. Adlerauge Markus entdeckt eine kleine Herde Carpinchos abseits der Straße. Drei trauen uns nicht über den Weg und verschwinden im Wald. Das vierte ist nicht allzu beunruhigt und lässt sich nicht weiter stören.
ein letztes Palmenfoto Grenz-Picknick
In Salto, der uruguayanischen Grenzstadt holen wir Geld und tanken, leider ist dass das Benzin fast so teuer wie in Deutschland. Dafür zählt uns der Tankwart sämtliche verwandtschaftlichen Beziehungen nach Hamburg auf. Als wir beim Supermarkt auf den Eingang zu gehen, schrecken uns die Worte "Bitte, ihr müsst mir helfen!!!" auf. Eine deutsche Touristin steht verzweifelt neben dem Geldautomaten und einem wild gestikulierenden Uruguayo, da ihre Bankkarte nicht mehr ausgespuckt wird. Mit ihrem Spanisch ist es nicht so weit her, so vermitteln wir zwischen ihr und dem Uruguayer, der sie zur Klärung mit auf die Bank nehmen will. Erleichtert zieht sie von dannen und wir in den Supermarkt, wo wir schnell feststellen, warum Uruguay auch die Schweiz Südamerikas genannt wird, Lebensmittel sind mindestens so teuer wie in Chile.
ein uruguayanisches Carpincho und nochmal, weil's so schön ist!
Ein Anwohner, den ich nach dem Weg frage, erklärt Markus, ohne mich als Frau und unwissende Beifahrerin eines weiteren Blickes zu würdigen, etwa sieben Mal den Weg und rät, sich an der Polizeikontrolle noch einmal zu vergewissern, was sich nach einer ziemlich Expedition anhört. Eine Viertelstunde später biegen wir auch ohne fremde Hilfe zu den vorbildlich ausgeschilderten Termas de San Nicanor ab. Die Estancia liegt malerisch an einem See, rundherum viel flaches Land, soweit das Auge blickt.
nach Montevideo nur ein Katzensprung Grillen mit Seeblick
Wir fragen nach dem Zeltplatz, werden eingewiesen und bauen auf, bevor wir uns wohlverdient in dem großen Thermalbecken niederlassen. Wir sind die einigen Gäste und fühlen uns wie Großgrundbesitzer, als wir ganz allein im Sonnenuntergang im Wasser liegen. Mit der Dämmerung wird es kalt, sodass wir in die warmen Sachen flüchten und den Grill anzünden. Wir haben Gesellschaft von zwei Hunden, einer lärmenden Papageientruppe in den Bäumen über uns, und einem Angestellten im Haupthaus. Zum Dank für die Reste des Grillfleischs verbringen die Hunde die Nacht vor unserem Zelt.

Donnerstag

Die Papageien können ihre Schnäbel nicht halten und so pilgern wir wieder einmal vor Sonnenaufgang zum 40° heißen Pool. Selbst die Duschen werden hier mit Thermalwasser betrieben, welch ein Luxus.
Thermalbad am Morgen Frühstück auf unserer Estancia
Wir frühstücken, packen und brechen dann zu einem Spaziergang zum See auf, wo wir ein dort liegendes Kanu entern und eine Runde paddeln. Auf den Wiesen neben dem See entdecken wir ein langes und weit verzweigtes System von ins Gras eingegrabenen Ameisenstraßen, auf denen Blattschneiderameisen ihre Beute emsig transportieren. Es herrscht ziemlich viel Verkehr und die betroffenen Bäume haben schon reichlich Federn gelassen. Mittags geht es weiter in Richtung Paysandú, wo eine weitere Brücke hinüber ins argentinische Colón führt.
wir starten zur Kanutour über den See Enten in Formation
Wir reihen uns in den Stau vor dem Abfertigungsgebäude ein und Markus schiebt den Jeep benzinsparend alle paar Minuten drei Meter vor. Es ist eine "Drive-through" Grenze, in dem alle Formalitäten vom Autofenster aus erledigt werden. Unsere Prozedur dauert wie üblich um einiges länger und so dehnt sich der Rückstau immer weiter aus.
Estancia San Nicanor Blick über Uruguay
Endlich rollen wir über die Brücke und weiter südwärts nach Gualeguaychú. Die zahlreichen Polizeikontrollen können wir glücklich umfahren und erreichen auf einem kleinen Umweg den Campingplatz am Fluss. Unser Platz hat schon bessere Zeiten gesehen, aber wir finden am schönes Plätzchen mit Blick auf das Wasser und in Sichtweite einer großen Jugendzeltgruppe.
Pool und See Ñandúes
Als das Fleisch schon auf dem Grill liegt, entdeckt uns ein Guardia, der uns misstrauisch befragt, warum wir uns nicht am Tor gemeldet haben. Wir versichern ihm, dass zu unserer Ankunft niemand mehr zu sehen war und wir natürlich morgen bezahlen werden. Als er nicht ganz zufrieden wieder ins Auto steigt, sehen wir, dass er bewaffnet ist, obwohl ein großes Schild den Besuchern das mitbringen jeglicher Waffen verbietet.
alter Kühlschrank in Landkiosk Sonnenuntergang am Río Uruguay
Als es dunkel ist erkennen wir einen hellen Lichtschein in südlicher Richtung am Himmel. Es kann sich eigentlich nur um die Lichter von Buenos Aires handeln, das Luftlinie keine zweihundert Kilometer entfernt liegt, nur getrennt von uns durch das dunkle Delta des Río Paraná. Den Kontinent haben wir also schon fast komplett durchquert.

Freitag

Der Jefe hat uns heute morgen schon besucht und gefragt, wann wir abzureisen gedenken, damit er rechtzeitig im Kassenhäuschen sitzen kann. Viel Umsatz scheint man zu dieser Jahreszeit nicht zu machen. Nach einem Abstecher in den örtlichen Carrefour Supermarkt um die heimischen Weinvorräte aufzufüllen, nehmen wir Kurs auf den Palacio San José, ein weiteres Beispiel für die Prunksucht der herrschenden Klasse südamerikanischer Länder, die mehr darauf bedacht schienen, ihren Reichtum zu pflegen als die Politik des Landes zu betreiben.
Markus am Grenzfluss Zeltplatz in Gualeguaychú
Der Palacio und die Gartenanlagen sind sehenswert, auch wenn sämtliches Mobiliar aus Europa herangeschafft wurde, was die argentinischen Schulklassen mehr beeindruckt als jemanden, der schon ein paar französische Loireschlösser besichtigt hat. Für den Rest des Tages ist ausschließlich fahren angesagt, wir wollen soviel wie möglich schaffen und kommen gut voran, und überqueren diesmal im Hellen das Viadukt und das Flussdelta.
Palacio San José Innenhof mit Araukarien
Mit der Dunkelheit kommen die LKW wie lästige Moskitos und wir suchen schnellstmöglich die nächste ACA Tankstelle auf. Der argentinische Automobilclub ACA unterhält in regelmäßigen Abständen an Landstraßen-Tankstellen einen kleinen Grill- und Campingplatz mit notdürftigen Waschräumen, wo man umsonst die Nacht verbringen kann. Im heftigen Wind kochen wir eine Notration Pasta mit Tomatensauce und verziehen uns schnellstmöglich ins Auto. Die endlose Reihe vorbeilärmender LKW stört uns nicht, wir schlafen tief und fest sobald der Schlafsack zu ist.

Samstag

Wir schlafen trotz LKW Lärm aus und müssen dann hinter dem Auto als Windschutz frühstücken. Die Provinz Santa Fé ist eintönig flach und wir rollen gemütlich zum Hörkrimi dahin, ohne den sich jeder Kilometer gefühlt verdoppeln würde. Ab der Provinzgrenze zu Córdoba müssen wir auch keine Angst mehr vor Polizeikontrollen haben, komisch, es gibt auch so gut wie keine mehr. In San Luis kaufen wir das letzte Grillfleisch für diesen Urlaub und suchen nach einem Nachtquartier. Die anvisierte ACA Tankstelle finden wir nicht und machen uns schon Sorgen, noch eine Grillmöglichkeit zu finden, als ich aus dem Augenwinkel ein Schild Camping/ Termas entdecke. Wir schaffen gerade noch den Abzweig und landen in Balde, einem kleinen, verlassenen Örtchen, dessen größte Attraktion die Thermalquellen sind. Ein kleiner Campingplatz mit den obligatorischen Parrillas (betonierte Grillstellen mit Grillrost) erweist sich als wahrer Glücksgriff.
unser Schatten mit Dachbox Campingplatz von Balde
Wir haben Licht, argentinische Nachbarn in einem blechernen, altmodischen Wohnwägelchen und nach dem Essen bekommen wir im Thermalgebäude ein eigenes Badezimmer mit einem Doppelbett zum ausruhen zugewiesen. Wir erholen uns bei Tangomusik im heißen Wasser, ziehen aber nachher unsere Schlafsäcke dem feucht riechenden Bett vor.
die Blechkabine der Nachbarn unverzichtbare Parrillas auf dem Campingplatz
Am Kiosk erstehen wir noch eine Flasche Isenbeck, deutsches Reinheitsgebot inklusive, und beschließen den Abend im flackernden Licht der Straßenlaterne.

Sonntag

Auch heute schaffen wir es nicht, früh vom Hof zu rollen, was sich noch rächen soll. Auf der Suche nach Brot schicken mich die drei Platzwarte, die vor dem Tor in der Sonne sitzen, das halbe Dorf entlang zu einem verlassenen Haus, an einer Meute wild kläffender Hunde vorbei.
Markus an der Mate-Tankstelle
Als ich eine halbe Stunde später erfolglos zurückkehre, überholte mich am Eingang zum Campingplatz gerade der Bäcker auf dem Fahrrad, mit einem großen Korb voll ofenwarmem Brot. Die Fahrt nach Mendoza verläuft zunächst ereignislos. An einer Tankstelle ziehen wir am heißes Wasser, eigentlich für den unverzichtbaren Mate gedacht (kein Argentinier geht ohne Thermoskanne einen Schritt vor die Tür) aber auch für unseren Tee brauchbar. An den meisten Tankstellen stehen Automaten und in jedem Imbiss erhält man heißes Wasser.
Es ist relativ früh, die meisten Chilenen, denen wir unterwegs begegnen, sitzen beim Mittagessen und so wähnen wir uns sicher in der Annahme, an der Grenze keinen größeren Stau zu erwarten. Hinter dem Grenztunnel, auf chilenischer Seite, bemerken wir eine lange Reihe wartender LKW.
17 Uhr
Ich zähle bis über sechzig, als wir uns plötzlich am Ende der Autoschlange wiederfinden. Vom Abfertigungsgebäude ist weit und breit nichts zu sehen und wir stehen regungslos in einer endlosen Blechkolonne. Nichts tut sich. Während der nächsten zwei Stunden schwanken wir zwischen Unglauben, Ärger und "wären wir doch früher aufgestanden". Bei dem kläglichen Fortschritt den wir machen, werden wir sicher noch die Nacht hier oben verbringen müssen. Solange die Sonne scheint ist alles in Ordnung. Die Autoschlange bewegt sich alle Viertelstunde um fünf Autolängen vor. Wir versuchen uns mit Kartenspielen zu beruhigen und den Blutdruck in Schach zu halten, wenn ab und zu ein Autofahrer warnblinkend die gesamte Schlange überholt.
18 Uhr
Irgendwann droht die Sonne mit baldigem Untergang und die Temperatur sinkt entsprechend hier oben auf über 3000 Metern. Die Nerven aller Beteiligten liegen mit jeder Stunde blanker, der Puls steigt an und jeder vorbeifahrende Autofahrer wird von einem empörten Hupkonzert begleitet. Kurz bevor die Menge der Wartenden zur Selbstjustiz übergeht, spricht sich die nahende Anarchie bis hinunter zur Grenzstation durch und ein Gesetzeshüter macht sich auf den Weg, nach dem Rechten zu sehen. Zwei weitere Überholer lösen ein wildes Hupkonzert aus, was sich die gesamte Schlange hindurch fortsetzt und den Carabinero auf die Situation aufmerksam macht. Wir können aus mehreren hundert Metern angestrengt beobachten, wie er die beiden Wagen stoppt und minutenlang diskutiert. Schließlich fahren die beiden links ran, und unter triumphierendem Applaus treten sie den Rückweg in Richtung Tunnel an. Wir bezweifeln, dass sie von irgendjemandem wieder reingelassen werden.
21 Uhr und noch lange nicht an der Grenze
Endlich, gegen Mitternacht, erreichen wir das Tor zu den Abfertigungshallen. Als wir schließlich an der Reihe sind, stellt sich heraus, dass das Problem nicht durch die pingelige SAG Kontrollen verursacht wird, sondern an den Computern der Argentinier zu liegen scheint, die viel zu langsam arbeiten. Danach flutschen wir durch die chilenische Einreisekontrolle und ein trotz des Andrangs noch freundlicher SAG Mann (Hygienekontrolle) leuchtet kurz mit der Taschenlampe in Kofferraum und Handschuhfach. Die Apfelsuchhunde schlafen schon lange in ihren Zwingern und die Kontrolle ist heute eher oberflächlich. Danach geht alles ganz schnell, Verkehr herrscht sowieso keiner mehr und um zwei Uhr morgens landen wir endlich im Bett.


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