Claras erster Abenteuerurlaub

4000 Kilometer durch Nord-Patagonien

24.12.2009-15.01.2010


24.12.2009

Heiligabend beginnt mit der Bescherung zum Frühstück, während sich hinter uns bereits die Gepäckberge türmen. Nachdem wir alle drei reihum unsere Geschenke ausgepackt haben, beladen wir das Auto und fragen uns ernsthaft, wie es andere Familien mit zwei oder mehr Kindern und kleineren Autos schaffen, in den Urlaub zu fahren. Das meiste Gepäck hat definitiv Clara: eine grosse Reisetasche, die Wickeltasche, zwei Pakete Huggies, das Reisebett, die Extra-Matratze, das Notmilchpaket, die Wickelunterlage, der Autositz, das Spielzeug für unterwegs. Unsere spärliche Habe stopfen wir in die verbleibenden Ritzen in Dachbox und Kofferraum.


Um halb 12 rollen wir vom Parkplatz, angesichts der morgendlichen Herausforderungen eine gute Leistung. Bis nach Chamiza, unserem ersten Urlaubsziel, haben wir 1.100km vor uns, die wir uns in 2 Etappen aufteilen. Erster Zwischenstopp ist in der Andenrose, wo wir schon einige Male waren. Die Fahrt ist trotzdem lang und wegen Clara machen wir diverse Still- und Wickelpausen, damit sie sich mal strecken kann. Sie schläft aber meist tapfer. Abends kommen wir in Curacautín an und nach der Zimmerbeziehung geht es gleich zum Essen. Heute an Heiligabend gibt es ein kleines Festmahl, sogar mit einem aus rotem Paprika geschnitzten Tannenbäumchen. Ausser uns sind noch eine deutsche Familie und ein französisches Paar da. Wir können nicht verhindern, die lautstarke Unterhaltung am Nachbartisch zu verfolgen. Der Vater, beim Sohn in Chile zu Besuch, verkündet nach der Aufregung des heutigen, ersten Urlaubstages kategorisch, dass er nun von Schotterpisten für immer genug hat und sein Sohn das weitere Programm daran anzupassen hat. Na, das wird ja ein kurzer Urlaub werden.
Später bauen wir Claras neues Reisebett auf und nach der letzten Milchung schläft sie ganz unbeeindruckt darin ein. Eine echte Viajera eben.

25.12.2009

Beim Frühstück bemerkt der Franzose ganz lobend, Clara habe ja gar nicht geschrien in der Nacht. Eine völlig neue Sicht der Dinge, denn die Chilenen ergehen sich normalerweise in Lobeshymnen über Babys im Allgemeinen und Clara im Besonderen. Lärm wird gar nicht wahrgenommen, egal ob tagsüber oder nachts. Jetzt fällt uns auf, dass auch die anderen etwas nervös geguckt haben, als wir mit Clara aufs Zimmer verschwanden.
Nachdem das Auto unter unserem Gepäck wieder in die Knie geht, besorgen wir in Curacautín noch Grillkohle und schnurren bald darauf wieder die Ruta 5 entlang, immer geradeaus nach Süden. Mitten im Nichts sehen wir plötzlich zwei Wanderer in typisch deutscher Wanderkluft einen Bollerwagen den Seitenstreifen der Autobahn entlang schieben - und tatsächlich, als wir sie überholen, sehen wir die deutsche Fahne über dem Gepäck wehen. Die beiden hatten vielleicht auch die Nase voll von den Schotterstrassen. Oder hat der Sohn seine Eltern allein auf die Weiterreise geschickt?


Endlich nähern wir uns Puerto Montt, nachdem wir nun streckenweise völlig allein unterwegs waren. Und nach all dem schönen Sonnenschein verdichten sich plötzlich die Wolken und es beginnt zu regnen. So richtig. Naja, in Puerto Montt hat es bisher bei unseren Besuchen immer geregnet, warum sollte es jetzt anders sein? Wir fahren diesmal aber nur durch und noch etwa 15km weiter bis Chamiza. Hierbei handeltes sich um ein kleines langgezogenes Kaff, über dem auf einem Hügel das Condominio liegt in dem Vreni und Fossi ihr Haus gebaut haben. Nach ankommen, einrichten und gebührendem Bewundern des Hauses (inklusive seiner typisch chilenischen Schwächen, wie Ritzen unter den doppelverglasten Fenstern) legen wir abends 4 Fische auf den Grill, selbst gefangen im Fjord, und gehen nach all der Fahrerei früh ins Bett.

26.12.2009

Wir schlafen mal so richtig aus und haben schon fast ein schlechtes Gewissen, als wir erst gegen 11 Uhr unten im Wohnzimmer auftauchen. Aber auch Clara war mit der Vormittagsgestaltung auf der Matratze einverstanden, das muss man ausnutzen. Nach langem Frühstück machen wir mit Fossi eine ausführliche Condominio Begehung - im Regen. Viele Häuser stehen hier noch nicht, und einige sind als Bauruine bereits der Krise zum Opfer gefallen. Clara bekommt die ersten dicken Tropfen ihres Lebens ins Gesicht und weiss nicht, was sie davon halten soll. Wir bewundern noch die riesigen Alerce-Stümpfe (Zypressenart), die überall als traurige Reste herumstehen. Das müssen einmal richtige Baumriesen gewesen sein, bevor sie alle abgeholzt wurden.

 
Nachmittags fahren wir nach Puerto Varas am Lago Llanquihue, dem zweitgrössten See Chiles, und gehen fürstlich im Restaurant "La Olla" Meeresgetier futtern. Nach Muscheltopf und Centolla (Seespinne) satt, nehmen wir vorsichtshalber noch 4 riesige Kuchenstücke für den Abend mit. Eins davon zählt eigentlich schon als Hauptgang.



Nach dem Essen bummeln wir in einer Regenpause am Seeufer entlang, bis die beiden Kleinen Hunger bekommen. Nach einer Stillrunde im Auto, wonach Clara die halbe Milch auf den Rücksitz spuckt, fahren Markus und ich noch im Jumbo in Puerto Montt vorbei und stocken die Vorräte auf. Als wir endlich alle wieder zu Hause sind, ist es schon fast wieder Bettzeit. Es reicht gerade noch für eins der Riesenstücke Kuchen. Wo bleibt nur die Zeit??

27.12.2009

Auch heute schaffen wir es nicht früher aus dem Bett. Das muss der Regen sein und das ganze Grün draussen, das nach den vorherrschenden Sandtönen in Santiago fast schon in den Augen weh tut. Clara meint auch, dass sie Urlaub hat, sie genehmigt sich jetzt jede Nacht 3 Milchungen. Tagsüber ist es aber auch zu aufregend zum trinken.


Heute steht der Lago Chapo auf dem Programm, auch bei Regen. Wir fahren in zwei Autos und als wir eine Stunde später ankommen, sind wir etwas enttäuscht: alles, was in Chile nicht Nationalpark ist, ist immer leicht vermüllt und unattraktiv. Hier im Süden finden sich auch immer eine hässliche Lachszucht im See und Angler mit Bierdosen. Wir hängen etwas herum, Markus wirft unmotiviert die Angel aus, Vreni stillt auf einem Baumstamm und ich im Auto, dann geht es zurück. Unterwegs zweigen wir zur Reserva Nacional Llanquihue ab.



Auch hier eine Lachsaufzucht, aber immerhin hat die Firma dafür einen tollen Regenwaldlehrpfad gespendet. Wir laufen tapfer bei Regen los, Clara und ich unter dem Schirm, wir wollen sie nicht gleich regenscheu machen. Fossi und Fabian verlieren wir unterwegs und gelangen nach einer halben Stunde an einen beeindruckenden Salto, bei dem nassen Wetter führt er entsprechend viel Wasser.

Dann steigen wir noch hinauf bis zum Conaf-Häuschen (der Conaf-Mann kam uns schon weiter unten entgegen, humpelte, murmelte etwas von Bandscheibe und nicht arbeiten können, dann zog er mitsamt seiner unüberriechbaren Alkoholfahne von dannen). Im Regen geht´s zurück zum Auto und ab nach Hause.
Als wir vorfahren sehen wir, dass die beiden Hunde in der Zwischenzeit den vollen Windeleimer, der auf dem eigens dafür angelegten Kompostierer stand, zerbissen und den Inhalt auf dem Grundstück verteilt haben. Bei näherer Betrachtung stellen wir fest, dass Claras Windeln unter Hunden wohl als "gourmet" durchgehen, denn sie wurden alle säuberlich leer gefressen. Fionas und Fabians Windeln konnten da offensichtlich nicht mithalten. In Sachen Füllmenge liegt Clara allerdings nur an 2. Stelle.

Am Abend probieren wir den neuen Whirlpool aus, Clara ist sowieso mal wieder fällig. Wir passen luxuriöserweise zu dritt in die Wanne und Markus spielt an allen Knöpfen. Clara gefällt die wechselnde Unterwasserbeleuchtung gut, aber das lautstarke Blubbern ist ihr etwas suspekt. Kaum bin ich mit ihr draussen und trockne uns ab, hat Markus unvorsichtigerweise auf einen falschen Knopf gedrückt. Jedenfalls ist der Wasserstand für die Jetdüsen zu niedrig und so schiesst ihm der volle Strahl direkt ins Auge. Da er nichts mehr sieht, aber mit dem grossen Zeh versucht, die Düse zu verstopfen, bevor das Bad komplett unter Wasser steht, findet er den Aus-Knopf nicht mehr. Ich kann nichts tun, da Clara noch halbangezogen ist und bekomme einen Lachkrampf. Endlich hat Markus per Zufall den richtigen Knopf gefunden und Clara und ich fliehen aus der Sintflut ins Trockene.

28.12.2009

Keine Änderung beim Aufstehen, es regnet sowieso. Aber irgendwie stört uns das gar nicht. Das Haus ist trocken, relativ winddicht und gut geheizt dank Holzofen (alles Dinge, die bei uns zuhause nicht selbstverständlich sind). Aus dem Fenster schaut man aufs Meer und (ohne Wolken) auf die Vulkane Calbuco und Osorno, ansonsten viel grün, bewaldete Berge und weiter Blick. Allein das ist schon Urlaub. Trotzdem wollen wir heute raus und fahren nach Frutillar am Lago Llanquihue, auch ohne Vulkanblick. Als wir ankommen, suchen wir uns erst einmal ein Café, um den berühmten deutschen Kuchen zu probieren. Hier war schliesslich das El Dorado der ersten deutschen Siedler. Auf zwei langen Strassen verteilen sich hübsche Holzhäuser mit Gartenzäunen und alles sieht ungewohnt gepflegt aus.
 


Im Anschluss schauen wir uns das Freilichtmuseum der ersten Einwanderer an, in dem fünf verschiedene Gebäude erhalten sind. Hier wird auch die Geschichte des ersten Siedlertrupps erzählt, die den mit Macheten in den unvorstellbar dichten Urwald gehauenen Pfad von Puerto Montt ins heutige Puerto Varas liefen. Es war anscheinend vor lauter Wald stockfinster und das Unterholz so dicht, dass zwei der Männer auf ewig verloren gingen, als sie irrtümlich vom Pfad abkamen. Heute ist vom Alercewald keine Spur mehr zu sehen, die Alerces sind nur noch als Schindeln und Bauholz in den Höfen und Häusern rundum zu bewundern.


In der Schmiede lassen wir uns von einem deutschsprachigen Chilenen ein Hufeisen in akkurater deutscher Handwerkstradition gravieren. Er ist sehr stolz auf seine Herkunft und hat für seine ehemaligen Kumpels von der deutschen Schule nicht mehr viel übrig, da diese sich weigern, mit ihm deutsch zu sprechen und schon viel zu chilenisch geworden seien für seinen Geschmack.
Weiter geht es nach Puerto Octay, das damals von einem Deutschen namens "Ochs" gegründet wurde, daher der Name "donde Ochs hay - wo der Ochs ist". Im Turistel als Relikt pittoresker deutscher Einwanderertradition gepriesen, ist es doch nur eine Ansammlung der üblichen windschief vernagelten Blech-Holz-Hütten mit wenigen noch erhaltenen Holzgebäuden.
Auf dem Rückweg kehren wir auf einen Wildschweinbraten im Rancho Espantapajaros (Vogelscheuche) ein, wo die deutschen Wurzeln uns einmal mehr einholen, die drei Generationen der Besitzerfamilie sitzt gerade beim Abendbrot und unterhält sich deutsch. Zurück in Chamiza gibt es noch eine Runde Bratäpfel aus dem Holzofen, dann sind wir für heute abgefüllt.

29.12.2009

Es läuft mal wieder darauf hinaus, dass wir um 12 loskommen. Clara hat einfach zu lange geschlafen! Aber es sei ihr gegönnt, kommt sie doch momentan nicht vor Mitternacht ins Bett, weil alles so aufregend ist. Trotz drohender Regenwolken fahren wir in den Nationalpark Alerce Andino, um endlich eine lebende Alerce vor die Kamera zu bekommen. Auf dem Weg überholen wir eine beeindruckend überladene Camioneta (Pickup) mit 12 Insassen, die wohl das gleiche Ziel haben.


Ein gut ausgebauter Weg führt immer am Fluss entlang tiefer in den Park. Wir haben eine Regenlücke erwischt und beeilen uns, um sie bestmöglich auszunutzen. Clara sitzt bei Markus vor dem Bauch und kann gar nicht fassen, wieviel nasses Grün da vorbeiflitzt.

Nach einer guten Stunde durch Sekundärwald (die Strasse diente wohl der Abholzung der teuren Alerces, da kann der Guardaparque viel von "für Touristen gebaut" erzählen) erreichen wir endlich einen schönen, urigen Regenwald und mittendrin einen Campingplatz. Hier kehren wir gleich zum Picknick ein, Clara wird solange schlafend auf dem Tisch abgelegt. Gerade als wir fertig sind und ich sie angelegt habe, fängt es an zu schütten. Also weiterstillen unter dem Regenschirm, wir nehmen es gelassen. Dann beeilen wir uns und ziehen in Regenkleidung weiter.
  

Bald erreichen wir einen tosenden Wasserfall, der gerade extra viel Wasser führt.Clara ist von dem Gerausche genauso beeindruckt wie vom Grün, da wir ihr beides in Santiago noch nicht bieten konnten. Nach einer etwas abenteuerlichen, weil vom Regen glitschigen Treppe, stehen wir endlich vor der Millenium-Alerce: 3500 Jahre soll sie alt sein.

Aufs Foto passt leider nur der Stamm, der Rest verschwindet in schwindelnder Höhe. Wie die Holzfäller dieses Exemplar damals übersehen haben, ist uns ein Rätsel. Alerces waren ein Vermögen wert, da ein Baum soviel Holz lieferte wie anderswo ein halber Wald, und das Holz besonders hart und nässeresistent ist. Heute ist der Handel mit lebenden Alerces streng verboten, aber allein die noch vorhandenen toten reichen noch für den Holzbedarf mehrere Jahre. Wie man allerdings im Nachhinein sicher überprüft ob die gefällte Alerce schon tot war, wissen wir nicht.

Auf dem Rückweg treffen wir die Jugendlichen aus der Camioneta beim kalten Bad im Bach. Uns reicht schon das Wasser von oben! Auf dem Rückweg wechseln wir noch eine übervolle Windel des Grauens, irgendwie löst sich der Inhalt am besten, wenn Clara in der Trage sitzt. Abends gibt es Kässpätzle und Bratäpfel, dazu alkoholfreies Radler für alle. Jumbo sei Dank trinken wir auch hier am anderen Ende von Chile das gute Löwenbräu 0%!

30.12.2009

Beim stillen schaue ich um 6 Uhr 30 aus dem Fenster und sehe plötzlich zwei Vulkane vor blauem Himmel, wo vorher nur graue Wolkenwände waren. Markus murmelt etwas von "hab ich auch schon gesehen" und versteckt sich im Kissen. Er weiss aber schon was kommt, und lässt sich einigermassen schnell zum Aufstehen überreden.

Wir packen in Windeseile die verschlafene Clara und uns ins Auto und wollen uns gerade vom Hof schleichen, als Vreni und Fossi uns vom Balkon zurückpfeifen und leicht pikiert fragen, ob wir ohne sie fahren wollten. Wir dachten, die hätten den Osorno schon diverse Male besucht und wollten sie daher nicht wecken. Nun verabreden wir uns am Parkplatz vom Skizentrum, wo wir auf sie warten wollen.

Wir hetzen durch das verschlafene Puerto Montt und einmal um den halben Lago Llanquihue nach Ensenada am Ostufer. Endlich blauer Himmel und schneebedeckte Berge! Doch eine Wolke nähert sich dem Osorno von hinten und wir beeilen uns lieber. Am Abzweig sammeln sich schon die Reisebusse und wir lassen noch den Guardaparque stehen, der den Daumen hoch hält, der hätte früher aufstehen sollen, wenn er Eintritt von uns kassieren wollte. Nach 17 km Serpentinen im Rekordtempo durch den Nationalpark am Vulkan, inklusive zweier Fotostops, kommen wir am Parkplatz an. Wir schnallen Clara auf, die mal wieder gerade so schön geschlafen hat, und stiefeln den Lavahang hinauf.


Man hat eine tolle Aussicht über den kompletten See bis ans andere Ufer und die schneebedeckten Berge ringsum. Aber es zieht sich bereits wieder zu. Wir laufen zum Skizentrum hinüber und kommen dort an, als Vreni und Fossi gerade auf den Parkplatz rollen. Perfektes Timing. Da es kühl wird und wir genug Bilder gemacht haben, gehen wir auf eine heisse Schokolade ins Café. Jetzt kommen auch die Touristengruppen, die per Skilift Richtung Gipfel gebracht werden. Das wäre uns bei dem Wetter zu ungemütlich, kaum ist die Sonne weg, wird es ziemlich kalt.

Wir fahren wieder runter und der nächste Halt sind die Saltos del Petrohué. Hier ist es so richtig touristisch, das sind wir gar nicht mehr gewohnt. Auch hier rauscht es beeindruckend, nur der Vulkanblick hat sich mittlerweile wieder erledigt. Eine dicke weisse Wolke hängt vor dem Osorno. Anschliessend geht es zum picknicken an den Lago Petrohué, wo wir ein nettes Plätzchen auf dem Conaf Campingplatz finden.

Während wir futtern, fällt dem Familienvater neben uns auf, dass er wohl doch zu lange den gesamten Platz mit seinem Autoradio beglückt hat - jetzt ist die Batterie leer. Wir können vor lauter Schadenfreude kaum an uns halten, das ist die Rache für sämtliche Musikberieselungen auf Campingplätzen in den letzten drei Jahren! Die Chilenen kennen ja auch nur eine Lautstärke, nämlich Maximal. Also bereiten wir uns gemütlich auf das nun folgende Schauspiel vor. Es haben sich ein paar willige Arbeiter gefunden, die nun das Auto den Strand rauf und runter schieben helfen, vorwärts, rückwärts, abgeschleppt oder nur von Muskelkraft geschoben. Und währenddessen dudelt das Radio sanft in den letzten Zügen weiter. Komischerweise fragt uns niemand um Hilfe, dabei hätte der überdimensionale Camper doch den Wagen mit Leichtigkeit einmal um den See gezogen...

Auf dem Heimweg kaufen Markus und ich noch die Zutaten für das morgige Käsefondue und Vreni und Fossi holen den Fonduetopf und den Weihnachtsstollen am Busbahnhof ab.

31.12.2009

Heute haben wir uns das späte Aufstehen redlich verdient. Ausserdem regnet es mal wieder und keine Besserung ist in Sicht. Wir fahren nach Puerto Montt zum Fischmarkt, der aber um diese Uhrzeit nur noch spärlich bestückt ist. Nach ausgiebigem Sichten des Angebots kaufen wir für heute abend ganz dekadent 1kg Pinzas de Jaiba (Riesen-Krebsscheren) und 1/2kg Centolla (Seespinne) für das Käsefondue. In einer Regenpause schlendern wir noch die Artesania-Stände ab und erstehen eine grosse Salatschüssel aus Holz, die wir allerdings nicht nach Argentinien mitnehmen können, sonst dürfen wir sie auf der Rückfahrt nicht mehr einführen.

Anschliessend suchen wir die kleine Reserva Nacional Lahuen-Ñadi, in der einige jüngere Alercenbestände geschützt werden. Nach mehreren Anläufen finden wir endlich die Zufahrt, aber ein grosses Tor eines Condominios versperrt uns den Weg. Wir fluchen schon auf die chilenische Bau- und Einzäunwut, als wir eine 2. Einfahrt finden, die das verschlossene Tor nebenan völlig überflüssig machen. Am anderen Ende verlassen wir das Condominio durch ein weiteres offenes Tor und finden tatsächlich die Reserva. Heute an Silvester arbeitet niemand, und so werfen wir brav unseren Eintritt in die Kassenbox. Ein kleiner Pfad ist durch den Regenwald angelegt, denn der Boden ist recht sumpfig. Alerces wachsen gern im Wasser oder gleich an unzugänglichen Felswänden. Überall tropft es Clara auf die Kapuze und auch wenn der Wald nicht allzu alt ist, kann man sich nun eher vorstellen, wie sich damals die Siedler im dichten Urwald verirren konnten. Die grössten Alerces hier sind bis zu 1000 Jahre alt, aber die Stämme sind trotzdem viel dünner als die Stümpfe, die wir unterwegs abgeholzt gesehen haben.
Zurück fahren wir eine andere Strecke, winden uns eine halbe Stunde über Feldwege und durch Höfe, bis wir endlich wieder an der Ruta 5 stehen. In Chamiza gönnen wir uns eine Siesta, dann schreit Vreni nach einer neuen Runde "Siedler", eigentlich genau das richtige Spiel für diese Gegend.


Alle 3 Kinder sind heute unleidig und irgendwann fängt Markus an, das Fondue vorzubereiten, während die anderen sich um je ein Kind kümmern, sonst wird es dieses Jahr nichts mehr damit. Clara ist erst im dunklen, kalten Wintergarten zum einschlafen zu überreden, wir sind ihr wohl zu laut.
Das Käsefondue ist ein voller Erfolg, und wir sind trotz diverser Kindertröstepausen ziemlich geplättet. Als es plötzlich Mitternacht ist, hätten wir das fast verpasst. Wie immer gibt es kein Geböller, das ist in Chile verboten, aber ein paar Schiffe draussen auf dem Meer feuern Leuchtraketen ab.
Auf uns wartet noch das Schokoladenfondue aus 6 Tafeln Ritter Sport und 2kg Kirschen, Erdbeeren, Heidelbeeren und Bananen. Danach sind wir so richtig bettschwer, sammeln die runtergekühlte Clara im Wintergarten ein und gehen schlafen. Prost Neujahr!

01.01.2010

Wie zu erwarten kommen wir nur schwer aus den Federn, wobei das "schwer" wörtlich zu nehmen ist. Der arme Fossi musste schon ab 7 Uhr Fabian bespassen und schläft jetzt im Kinderzimmmer auf dem Fussboden weiter. Wir frühstücken spärlich, skypen die Verwandtschaft an und packen dann ewig unsere 1001 Sachen. Endlich ist der Jeep beladen und wir rollen durch das Tor.
Im gewohnten Regen fahren wir bis Entre Lagos, hier finden wir zum Glück mit dem allerletzten Tropfen Sprit eine Tankstelle, sonst wäre die Reise schnell zu Ende gewesen. Nach einer Kuchenpause im Café, das wir schon vom letzten mal kennen, geht es Richtung Grenze. Uns kommen etwa 15 Riesen-Wohnmobile in Kolonne, mit deutschen Rentnern besetzt, entgegen. Auf welchem Campingplatz die wohl ihre Gefährte nachts unterkriegen?

Bei der Ausreise flirtet Clara mit den Grenzern und wir fallen mal wieder mit abgelaufenem Visum auf. Die Geburtsurkunde wird gar nicht kontrolliert, die vielen Kopien hätten wir uns sparen können. Die Einreise nach Argentinien geht schnell und Clara bekommt ihren ersten Stempel in den Pass. Wir biegen auf die Schotterpiste nach San Martín ein und haben noch drei Stunden Fahrt vor uns. Kurz vor San Martín verlässt Clara aber endgültig die Geduld und wir laufen lautstark im Ort ein. Dummerweise habe ich die Adresse unserer Unterkunft vergessen, weiss nur ungefähr wo sie liegt. Wir kreuzen durch den Ort und finden sie nicht, allmählich wird es schon dunkel und Clara schreit immer lauter. Wir suchen vergeblich ein ungesichertes Internet in den Strassen, dann erinnert sich Markus zum Glück, dass er das Passwort für das Wifi in unserem ehemaligen Hotel noch gespeichert hat. Wir parken vor der Tür und sind schon online, der Technik sei Dank. Die Adresse ist aber auch mit Google Maps nicht einfach zu finden, da viele Strassen vergessen wurden. Wir müssen noch zweimal fragen, bis wir fündig werden. Zum Glück hat wenigstens einer der Anwohner schon von den beiden gehört. Wir wohnen bei einer deutschen Familie, die wir zufällig einmal im Fernsehen gesehen haben, als ihre Auswanderung dokumentiert wurde. Ingo wartet im Haus auf uns, der Rest sitzt schon im Restaurant. Wir stillen kurz und fahren dann mit ihm hinunter, unsere erste Ziege des Jahres wartet in der Posta Criolla.
Es wird ein netter Abend, dann fallen wir spät in unserem Zimmerchen ins Bett. Der Container ist noch unterwegs, von Buenos Aires hierher, und unser Zimmer ist eins der wenigen möblierten.

02.01.2010

Clara und Markus haben rechts und links von mir um die Wette geschnarcht. Als erstes werden heute beide gebadet, zumindest letztere hat es schwer nötig. Nach einem fürstlichen Frühstück, das uns im Zeitplan mal wieder schwer nach hinten wirft,  wandern wir bei bestem Wetter auf den Ausflugsberg der Stadt. Vorher haben wir uns im Supermarkt noch mit den lokalen Leckereien eingedeckt und beim parken bettelt uns ein Gaucho hoch zu Ross an. Clara pennt in der Trage und mir kommt sie extraschwer vor.

Kein Wunder, sie hat heute Nacht ja auch 4x getrunken. Oben machen wir es uns gerade auf einigen Felsen zum Picknick gemütlich, als uns mehrere hungrige Ziegen in die Enge treiben. Ich klemme mir Clara unter den Arm und suche das Weite, und überlasse Markus die Verteidigung unserer Habe und der Brote. Die Ziegen sind ziemlich gross und penetrant, geruchlich wie in ihrem Vorhaben. Wenn die nicht aufpassen, essen wir heute abend wieder einen ihrer gegrillten Kumpel.


Wieder unten im Ort, gehen wir noch etwas bummeln, Kaffee trinken, und kaufen uns leckere Facturas, die Argentinier haben das Bäckereihandwerk einfach besser drauf als die Chilenen.
Nach einer verdienten Siesta in unserer Herberge wandern wir wieder runter in den Ort und ziehen durch die Läden, die hier erst um 18 oder 19 Uhr wieder öffnen. Danach wählen wir ein Restaurant und bestellen diesmal Lamm, aber es kommt gegrilltes Rind statt dessen. Nachdem die Platte schon halb leer ist und wir uns weiterhin wundern, kommt unter vielen Entschuldigungen noch einmal ein Tischgrill voller Lamm, sodass wir heute die doppelte Portion erhalten. Wir sind ganz froh, dass wir zu Fuss und bergauf nach Hause laufen müssen.

03.01.2010

Seit wir in San Martin sind, reissen wir uns zusammen, um spätestens um halb 10 am Frühstückstisch, dem einzigen Mobiliar im Erdgeschoss, zu sitzen, um mit den anderen zusammen zu frühstücken. Danach geht es heute ein Stück den Lago Lacár hinauf, es ist schon jetzt ziemlich heiss. Unser Wanderweg führt aber durch schönen Wald zu zwei Lagunen. Da ich heute Nacht wieder diverse Male Clara aus dem Reisebett heben musste um den Hunger zu stillen (und diese Betten sind keineswegs rückenschonend), bin ich müde und komme kaum bergauf. Als wir zur ersten Lagune kommen, die zweite finden wir erst gar nicht, ist die zwar ganz hübsch, aber das Ufer unzugänglich und wir suchen lange bis wir ein Plätzchen am Wasser finden. Hier herrscht auch sofort Bremsenalaram, ich stille und Markus macht Brote und verscheucht die Bremsen. Etwas ungemütlich also. Die argentinischen Tábanos sind auch schneller als die chilenischen und daher hat man mehr Arbeit, sie abzuwehren.


Zurück in San Martin gehen wir erst ein Eis essen und dann noch in das Café "Mein Traum", wo wir über die Facturas herfallen. Noch nirgends haben wir so "schmutzige Gesichter" Gesichter bekommen, ein Hefegebäck mit einer fingerdicken Lage schwarzgebrannten Zucker obendrauf und auch die "Wächter" sind die leckersten weit und breit bisher. Als wir zahlen wollen, stellen wir fest, dass das Geld nicht mehr reicht und Markus rennt mit der Karte zum Automaten. Er ist ewig weg, und die Kellnerin guckt schon irritiert. Er musste aber auch alle 3 Geldautomaten des Ortes abklappern und hatte dann die Geheimzahl vergessen. Geld ziehen in Argentinien ist sowieso immer Glückssache.
 

Im Hostal halten wir wie immer Siesta und ziehen abends dann wieder zu Fuss los zum Essen. Wir fragen Ingo nach einem Restaurant, in dem man gut Salat essen kann, aber das gibt es hier im El Dorado des Grills natürlich nicht. Es gibt nur Rinder, Schafe und Ziegen. Also kehren wir noch einmal in der Posta Criolla ein. Clara ist heute nicht sehr geduldig und kurz vor Ende des Mahls mag sie überhaupt nicht mehr. Zum Glück fühlt sich auch in Argentinien niemand durch schreiende Kinder gestört. Im Gegenteil, alle strahlen herüber und der Kellner ist ganz hin und weg. Aber um allseits die Nerven zu schonen, lasse ich Markus doch lieber allein die letzten Knochen abnagen und laufe mit ihr draussen so lange auf und ab. Auf dem Heimweg schläft sie sofort ein und wir verlieren im Dunkeln noch ihr Spucktuch.
 

04.01.2010

Heute kam der Container aus Buenos Aires mit einem prähistorischen LKW, der die 1.600km mit maximal 70km/h geschafft hat (bei Gegenwind und bergauf nur 10km/h wie einer der Arbeiter erzählt). Dass der es allerdings mit einem fehlenden Scheinwerfer über die lange Strecke durch alle Polizeikontrollen geschafft hat, beweist mal wieder, dass die bestechlichen argentinischen Policias es nur auf vermeintlich reiche Ausländer abgesehen haben.
 

Wir haben beim Frühstück noch keinen Plan und Ingo schlägt vor, wir sollen doch die ganztägige Bootstour machen. Die Zeit reicht gerade noch, zu packen, die Tickets und etwas zu essen zu kaufen, dann wird auch schon das Boot beladen. Markus parkt noch das Auto und ich bin überzeugt, die Abfahrt zu verpassen, aber dann klappt wie immer alles. Clara ist mit Hut und Schwimmweste, Trage und Autositz für alle Fälle gerüstet und darf den Sitz zwischen uns beziehen.
So richtig touristisch organisiert, wie es in Chile selten der Fall ist, mit Ansagerin und Fotograf, geht es los und schon nach 20 Minuten ist der erste Halt erreicht, der Strand einer Indígena-Comuna. Der Grossteil der Passagiere schafft es nur ins Restaurant am Ende des Stegs, wir pilgern den Strand entlang bis zu einem schönen Platz im Schatten und picknicken.


Kaum haben wir uns im Boot wieder zur Weiterfahrt installiert und auf eine Siesta gefreut, ist der nächste Halt in Sicht und ein Spaziergang zu einem Wasserfall steht an. Es wird noch gesagt, die Rucksäcke an Bord zu lassen, da es steil bergauf geht, aber leider lassen sich unser Bauchsack und der zugehörige Assesoire-Rucksack nicht zurücklassen und wir schleppen beides tapfer bergauf.


Danach legen wir uns gemütlich zum Mittagsschlaf in die Sitze, als prompt der nächste Halt angekündigt wird: die Hostería Hua Hum, kurz vor der Grenze zu Chile, hier kann man Kaffee trinken oder sich wie wir auf die Wiese im Schatten legen. Markus und Clara schlafen sofort ein.


Wir haben uns schon mit dem "stressigen" Tageablauf abgefunden, als der 4. und letzte Halt ansteht und die kleine Insel Santa Teresita bis zu der kleinen Kapelle, die noch aus der Zeit einer riesigen Estancia stammt, der das Gelände gehörte, bevor es Nationalpark wurde.


Danach sind wir auch schon fast wieder in San Martín, die 8 Stunden kamen uns gar nicht so lang vor, und wir haben den gesamten Lago Lacár bis zu einem Ende abgefahren. 
Heute haben wir keine Lust auf Essen gehen und decken uns mit Brot, Räucherforelle, Räucherhirsch und Räucherwildschwein ein, was wir dann gemütlich auf unserem Zimmer futtern, da der Container inzwischen zwar ausgeladen wurde, aber nun alles überall herumsteht und die beiden doch etwas gestresst scheinen.

05.01.2010

Wir frühstücken, packen und schaffen es endlich um halb 2 auf die Strasse. Unser Plan, noch einmal einzukaufen wird durch die allgemeine Mittagspause zunichte gemacht, und wir finden gerade noch ein paar Facturas für die Fahrt. Dann fahren wir auf Schotter den ganzen See wieder entlang, eigentlich die gleiche Fahrt wie gestern auf dem Schiff, um dann kurz vor Chile links in eine nur für 4x4 freigegebene Piste einzubiegen. Bald sehen wir auch, warum: einige kräftige Steigungen mit viel Schlamm und diverse Bachquerungen später stehen wir vor der letzten Herausforderung vor unserem Ziel: ein kleiner Fluss mit grossen Steinen drin will gequert werden, er ist bestimmt 50m breit. Hier hilft nur, Luft anhalten und durch! Wir hören die Steine unten am Auto entlang schaben und es hilft nur Vollgas in der Untersetzung, jetzt lieber nicht stecken bleiben.
 

Auf der anderen Seite liegt der gratis-Campingplatz des Parks und oh Wunder: ein Argentinier hat es sogar geschafft, seinen Wohnwagen durch den Fluss zu schleppen. Da stelle ich mir meine Eltern vor! Wir installieren uns, während es kräftig nieselt, und überlegen was wir machen. Eigentlich waren wir schon aktiv genug und faulenzen den Rest des Tages im Zelt und warten auf besseres Wetter. Clara findet alles aufregend und liegt schon mal ihre Matte probe, während Markus uns einen Not-Eintopf kocht. Dazu gibt es den Rest Malbec von gestern. Heutzutage halten Weinflaschen ja immer zwei Tage.


Die wenigen Leute, die bei den Thermen waren, verlassen den Platz und bald sind wir neben dem Wohnwagen die einzigen. Es wird ziemlich kalt und wir verschliessen alle Ritzen, wickeln Clara in mehrere Schichten Schlafanzüge und Schlafsäcke und setzen ihr noch die Mütze auf. Trotzdem wache ich nachts ausser zum stillen noch mehrfach auf und prüfe, ob sie noch warm genug ist. Markus schnarcht selig und kann sich ganz allein in seinen Schlafsack kuscheln, während ich 4x die Brust in die Kälte halten darf.


Zu guter Letzt hole ich Clara mit in meinen Schlafsack, das erhöht zwar nicht meinen Schlafkomfort, aber wenigstens ihre Temperatur. Irgendwie frieren wir in dieser Nacht alle etwas, nur Clara scheint es nicht zu stören.

06.01.2010

Morgens ist Clara von den Fingerspitzen bis zur Schulter eisekalt, aber der Rest ganz kuschelig warm. So schlimm kann es also nicht gewesen sein. Während ich noch dösen darf, macht Markus Frühstück. Heute scheint wieder die Sonne und wir packen schnell den Rucksack. Immer oberhalb am Lago Queñi entlang wandern wir, als die einzigen weit und breit, anderthalb Stunden bis zu einem warmen Bach mitten im Wald, in dem einige flache Becken aufgestaut wurden. Wir suchen uns eins, das schattig aber auch schön warm ist und lassen die Hüllen fallen. Clara bekommt ihre Schwimmweste an und treibt fröhlich vor sich hin, ihr gefällt es ganz offensichtlich. Es ist schön badewannenwarm, genau das richtige nach der Nacht.


Wir machen uns auf den Rückweg, da wir heute ja noch weiter wollen. Es wird ziemlich warm und irgendwie hat der Rückweg auch mehr Steigungen. Am Campingplatz hat es sich gefüllt. Ein Jeep mit 4 übergewichtigen Insassen parkt am Wasser, wir fragen uns, wie der den Fluss geschafft hat, mit der Zuladung verliert er doch gleich ein paar Zentimeter Bodenfreiheit.


Wir packen ganz gemütlich und stellen mit Schrecken fest, dass es schon halb 5 ist! Mit Schwung preschen wir durch die Fluten, der heute etwas niedriger ist. Am anderen Ufer stehen kreuz und quer geparkt die Autos, die es nicht hindurch geschafft haben. Dafür picknicken sie am Ufer und eine Familie kann gerade noch die Klappstühle und die Schuhe vor der Bugwelle unseres Jeeps retten. Heute ist viel mehr los, da hatten wir richtig Glück, ganze Familien machen die gesamte Strecke durch den Schlamm zu Fuss, Respekt!


Wir fahren zurück bis zum Kreisel bei San Martin und kaufen noch etwas Essen ein, dann geht es aber wirklich los. Wir kommen bis Aluminé, durch typische, schöne argentinische Flusslandschaften mit endlosen Blick bis zum Horizont. Kurz vor Aluminé verlässt Clara die Geduld und wir fragen spontan nach einem Zimmer. Leider ist das Bed & Breakfast schon voll, aber der Wirt telefoniert sogar noch mit der Touristeninformation, ob die noch offen haben und schickt uns dorthin.


Leider gibt es nicht viel Auswahl, das teuerste und beste Hotel ist voll, es gibt noch eine billige und eine ganz billige Variante. Wir nehmen die mittlere und der Parkplatz im Hinterhof wirkt zunächst schlimmer, als das Zimmer dann ist. Trotzdem gehört es in die Kategorie "bloss nicht barfuss laufen" und "im Bad schon gar nicht". Das Bett ist zu kurz und hängt durch, Typ Hängematte, aber Clara hat dafür ihr eigenes neben uns.
Zum Essen gehen wir dann doch lieber in das teure Hotel und bekommen ganz passable Pasta und die halben Malbec-Fläschchen im Angebot versöhnen uns auch. Es ist rappelvoll und wir fragen uns, was wohl die Attraktion des Ortes ist.

07.01.2010

Das Frühstück für 10 Peso pro Nase sparen wir uns, da die gute Stube nicht sehr einladend aussieht und mir das Badezimmer schon gereicht hat. Statt dessen kaufen wir Facturas und Brot beim lokalen Panadero und steuern die einzige Tankstelle des Ortes an. Benzin gibt es zwar nicht, das wird erst gegen Nachmittag wieder geliefert - bienvenido en Argentina! - aber dafür gibt es eine echte Saeco-Kaffeemaschine (fast wie zuhause!) mit richtigem Café con Leche für sage und schreibe 1 Peso (etwa 0,20€)! Das tröstet uns über den halbleeren Tank hinweg. Nach einem Geldautomaten suchen wir unvorsichtigerweise erst gar nicht. Die Strecke nach Villa Pehuenia kurz vor der Grenze zu Chile ist erfreulich kurz und die übliche Kulisse aus wilden Flusstälern, Ziegenherden und der schneebedeckten Cordillera zieht an den Fenstern vorbei. Die grüne Landschaft wird allmählich trockener und die ersten Araukarien tauchen auf.
 

Mitten im Nichts kommt uns ein Chilene entgegen (wir erkennen uns immer gegenseitig an den Dachboxen, die es in Argentinien anscheinend nicht gibt) und wir winken uns begeistert zu. Im Ausland muss man auch mal fremdpatriotisch sein.
Pehuenia ist ein winziges, langgezogenes Dorf und am Ortsausgang stellen wir fest, dass wir es schon verpasst haben. Nach kurzer Überlegung steuern wir einen grossen Campingplatz an und ich drehe eine Runde zu Fuss, um die Lage zu peilen. Es heisst zwar, die Nächte seien noch recht kalt (bis 8 Grad), aber wir wollen es trotzdem probieren.


So kalt wie am Lago Queñi kann es ja nicht werden. Wir finden ein nettes Plätzchen unter Pappeln und bauen auf. Ich bin schon begeistert, denn das ist endlich mal Camping nach meinem Geschmack: nicht zu voll aber trotzdem viel zu gucken (die Argentinier reisen immer in abenteuerlichen Gefährten und Konstruktionen) und es gibt sogar Strom und Wasser und Laternen - welch ungewohnter Luxus!


Die Argentinier campen auch in allen Altersstufen, nicht nur im Rudel und unter 20, das verspricht eine ruhige Nacht zu werden. Heute hat keiner mehr Lust, etwas zu unternehmen und so faulenzen wir im Zelt und Clara darf auf ihrer Matte zappeln, das kam bisher ein bisschen zu kurz. Gegen Abend erkunden wir den Supermarkt um die Ecke und kaufen Zutaten für einen vegetarischen Eintopf (in Argentinien bestimmt bei Strafe verboten). Die restlichen Geschäfte geben nicht viel her und der einzige Geldautomat ist uns heute zu weit entfernt zum laufen. Fataler Fehler, wie wir noch merken sollen!
Der Eintopf ist dem Wetter angemessen, denn wir stellen fest, es wird sogar noch kälter als in Queñi! Wir packen Clara in alle verfügbaren Schlafsäcke und Decken und stülpen ihr noch meine Socken über die Arme. Sie nimmt es gelassen und schläft sofort ein, und alle 2-3 Stunden taue ich sie mit einer Runde Milch wieder auf.

08.01.2010

Morgens ist der Wind weg und die Sonne wieder da. Clara und ich wärmen uns in Markus dickem Schlafsack auf und warten auf das Frühstück. Komischerweise ist sein Schlafsack gar nicht dicker, besteht sogar obendrauf nur noch aus vereinzelten Daunen, die sich immer weiter dezimieren. Aber wahrscheinlich wärmt er auch noch mit der letzten Daune.


Heute geht es auf zu Claras 2. Vulkanbesteigung. Mit dem Auto fahren wir in das Mapuchereservat im chilenisch-argentinischen Grenzgebiet ein, zahlen an der Schranke recht fürstlichen Eintritt und erhalten dafür eine schöne handgezeichnete Karte. Auf dem Weg sehen wir drüben in Chile den Vulkan Llaima mit der schwarzen Aschespur am Kegel. Wir parken am Kratersee und laufen los. Hier oben fegt der Wind und nach einer halben Stunde Kraterrandbegehung kehren wir um, da es für Clara doch zu kalt ist, wir haben ja noch keine Windjacke für sie.


Also nehmen wir die 4x4 Strecke hoch zum Gipfel des Volcán Batea Mahuida. Erst fragen wir uns, wieso nur 4x4, denn die Strecke ist gut befahrbar, eine glatte Aschepiste. Doch kurz darauf liegt ein abgerissener Auspuff malerisch mitten auf dem Weg. Wie kann man bloss nicht bemerken, dass der fehlt???


Dann erwarten uns aber gefühlte 45% Steigung auf den letzten Kilometern. Da ich gerade bei Clara hinten sitze, sehe ich die Landschaft im beeindruckenden Winkel zum Horizont vorbeiziehen und vor uns zieht sich die Strasse schnurgerade die Wand hoch. Oben bläst der Wind noch kräftiger und so spazieren wir einzeln zum Kraterrand und geniessen die Aussicht. Sogar ein Kondor gleitet knapp über mir im Wind. Auf dem Rückweg versucht Markus mich zu überzeugen, runter zu fahren, aber von oben sieht die Steigung noch schlimmer aus. Als ich ein Stück laufe um Bilder zu machen, komme ich schon zu Fuss ins rutschen!


Nach einem Abstecher zum Mirador und einem Picknick unter Araukarien fahren wir zurück in den Ort und zum Geldautomaten. Die vertraute Meldung "fuera de servicio" lässt unser Bemühen aber scheitern, und wir zählen unsere spärlichen Peso. Man kann ja auch nirgends mit Kreditkarte zahlen in diesen kleinen Orten, so touristisch sie auch sind. Die Peso reichen noch für genau eine Nacht im Zelt, einmal Essen gehen oder einen Vierteltank, falls es denn eine Tankstelle gäbe, das ist ja das nächste Problem.


Am Campingplatz schildern wir unser Dilemma und zum Glück kann der Bruder vom Platzwart unsere restlichen chilenischen Peso tauschen, wobei er eindeutig das bessere Geschäft macht. Aber immerhin können wir heute abend essen gehen und auch noch übernachten. Nach einer Siesta im Zelt (es ist schon wieder kalt und windig) gehen wir abends auf eine leckere Ziege ins Restaurant und schaffen es zu essen, bevor eine lokale Provinzgrösse die ersten Töne ins Mikro schmettert. Trotzdem wacht Clara vom Soundcheck auf, als ich gerade mit ihr am Lautsprecher vorbei nach draussen flüchte, und ist sehr ungnädig.
 

Obwohl wir Clara noch dicker einpacken als gestern, wird die Nacht gar nicht so kalt und sie schläft selig in bevorzugter Lage: mit im rechten Winkel ausgestreckten Armen, sodass uns beiden wie immer noch ca. 45cm unserer Isomatten bleiben, was nur noch in Seitenlage gut funktioniert. 

09.01.2010

Ich lungere eine halbe Stunde an den Duschen herum, bis endlich der Boiler eingeschaltet wird, währenddessen hat Markus mit Clara schon den Bäcker aufgesucht. Endlich ist der Wind weg und man kann draussen in der Sonne frühstücken. Während Markus anschliessend das Zelt abbaut, befrage ich den Nachbarn, der gerade eine Ziegenparilla für den Nachmittag aufbaut, nach seinem Rezept. Es geht ganz einfach: für 180 Peso (34 Euro) eine Ziege beim Bauern nebenan kaufen, fertig gehäutet und entkernt. Dann aus einer Handvoll Kohlen oder Zweigen ein kleines Feuerchen bauen, ein paar Steine als Windschutz, die Ziege auf das Gerüst spannen (vorher auf der Ladefläche des Pickup salzen), und dann 2-3 Stunden warten, ab und zu mit Salzwasser begiessen. Fertig! Wie er erzählt, hat er damals ein ganzes spanisches Dorf damit beeindruckt, die nicht glauben konnten, dass der Gaucho weiss, wovon er redet.



Wir verlassen den Campingplatz und notgedrungen auch Argentinien, um ins chilenische Nachbardorf Icalma einzureisen, in der Hoffnung auf Geldautomaten und Tankstellen. Die Aus- und Einreiseprozedur ist wie immer langwierig, auch weil ich mich plötzlich nicht mehr erinnern kann, wo ich das wichtige Zollpapier für den Jeep hingetan habe. Die Stilldemenz lässt grüssen, auch Markus kann sich nicht erinnern, obwohl ich es ihm extra noch gesagt hatte. Aber auch das findet sich, und der Grenzer im blauen Adidas-Jogginganzug, der aussieht, als sei er eben erst aufgestanden, schafft es nach einer Ewigkeit auch, all seine Papiere auszufüllen.
Auf chilenischer Seite fehlt als erstes pünktlich zur Grenzmarkierung der Teer auf der Strasse und bei der Einreise die argentinische Freundlichkeit. Nach unnötiger Warterei kommt der SAGler und untersucht das Auto auf verbotene Substanzen. Markus wedelt mit der Marmelade (erlaubt) und ich stehe "frierend" mit Clara in der Fahrertür vor dem Hirschschinken (verboten). Den essen wir aber gleich zu mittag, bevor er Schaden anrichten kann.



Icalma erinnert an einen verblichenen Badeort á la Termas del Flaco, nur mit jüngerem Publikum. Tanken und Geld sind aber leider Fehlanzeige! Reisen immer alle Leute mit Bargeld und Ersatzkanister? Also nehmen wir wohl oder übel den 100km Umweg nach Lonquimay in Kauf, zum Glück haben wir das Hörbuch. Clara schläft und ist wohl froh, dazu einmal ausreichend Zeit zu haben. In Lonquimay finden wir nach einigen Schreckminuten doch noch das Gesuchte und sogar einen offenen Tante-Emma-Laden. Also frisch getankt wieder über den nächsten Pass zurück nach Argentinien. Diesen kennen wir sogar schon aus dem Winter vor zwei Jahren. Am chilenischen Grenzposten streikt der Zollcomputer und nach ewigem Gefummel werden doch die Formulare wieder von Hand ausgefüllt. Auf argentinischer Seite wird Claras Einreisestempel vergessen, was wir aber erst bei der nächsten Ausreise merken. Bei diesem Pass hört der chilenische Teer diesmal abrupt auf argentinischer Seite auf. Es ist, als hätten sich die ungeliebten Nachbarn geschworen, die Grenze noch spürbarer zu machen. Auch der patagonische Wind ist plötzlich wieder da: gegen die heftigen staubgesättigten Böen kann man kaum anlaufen. Mit Hilfe unserer Karte fragt Markus noch die Grenzer, ob der Pass an der Laguna del Laja offen ist, aber von dem hat man hier noch nie gehört, dabei liegt er nur 200km weiter nördlich.
Wir kommen bis Loncopué, wo der eine Geldautomat "fuera de servicio" ist und der andere wegen Malerarbeiten geschlossen. Frustriert fahren wir weiter, jetzt brauchen wir definitiv ein Hotel, dass Visa akzeptiert und ein Restaurant hat, und auch der Tank ist nicht mehr allzu voll. Kein Wunder, dass Argentinien wirtschaftlich einfach nicht auf die Beine kommt: leere Tankstellen, leere Geldautomaten und nie hat jemand Wechselgeld. Auf den 50km bis Caviahue sinkt die Stimmung, vor allem, weil wir wissen, dass auch dort nur ein Automat existiert, der damals im Winter schon dauernd leer war. Auch Clara hat für heute genug vom fahren und verleiht der allgemeinen Stimmung lautstark Ausdruck.


In Caviahue klappern wir zunächst die Hotels ab, und finden tatsächlich eins, das gemütlich aussieht und Kreditkarten nimmt. Jetzt brauchen wir nur noch Bargeld. Der einzige Automat verweigert meiner deutschen Karte den Dienst, rückt aber räderknirschend der chilenischen Karte etwas heraus. Wir versuchen auch mit der zweiten chilenischen Karte den Maximalbetrag zu erhalten, aber es reicht nur noch für knapp die Hälfte. Immerhin können wir jetzt wieder essen und die Stimmung steigt. Mittlerweile ist es schon 21 Uhr und wir beziehen unser Zimmer mit einem riesigen Bett für uns alle drei. Dann gehen wir ins hoteleigene Restaurant, was erfreulich voll und gut ist. Wir essen Ziegengoulasch und Senfhasen, danach fallen wir müde ins Bett.

10.01.2010

Clara und Markus besetzen schon vor dem Frühstück die Badewanne. Die Nacht war ziemlich warm, denn die Fussbodenheizung heizte wie im tiefsten Winter. Wenigstens etwas, was in Argentinien immer funktioniert. Nach dem Frühstück fahren wir in den Nachbarort Copahue, ein winziges Thermalbad, das im Winter unter einer meterdicken Schneedecke verschwindet und unzugänglich ist.


Dabei hatte man vor Jahren sogar Strassen- und Bürgersteigheizungen angelegt. In unterirdischen Rohren wurde das fast kochend heisse Thermalwasser durch die Strasse geleitet, leider funktioniert das System aber nicht mehr. Der Ort liegt schon auf 2000 Metern und wird von mehreren dampfenden Thermalbecken dominiert.



Neben dem kleinen Campingplatz, dessen einzige sichtbare Ausstattung aus Windschutznetzen besteht, liegt der Einstieg zu unserer diesjährigen Andenüberquerung: gleich am Fusse des Vulkan Copahue vorbei, kann man zur arg./chil. Grenzmarkierung wandern. Hier oben liegt noch ziemlich viel Restschnee auf den Aschefeldern, aber die Sonne brennt. Durch ein langgestrecktes Tal laufen wir bis zum Grenzstein und der Vollständigkeit halber einmal drum herum, dann lassen wir uns zum Mittagessen nieder und sehen der Raupenprozession um uns herum zu.


Zurück im Ort inspizieren wir das grosse Thermalzentrum, angeblich eines von drei weltberühmten Zentren dieser Art. Es dominieren auch deutlich die Senioren, also hauptsächlich Kurbetrieb, und es hat ein bisschen was von den Thermen des Grauens bei Las Leñas. Auf dem Rückweg besichtigen wir Las Maquinitas, wo heisser Dampf und Schlamm aus der Erde brodeln und ein Fangobecken gespeist wird. Sogar eine unterirdische Sauna gibt es, aber die ist uns schon von aussen zu heiss. Ein Aufpasser achtet darauf, dass hier keiner zu lang im Schlamm steckt, verbrennt oder umkippt. Wir überlegen, morgen früh ein Fangobad zu nehmen, wenn die Sonne noch nicht so hoch steht.


Am Nachmittag bummeln wir durch das etwas grossspurige Centro Comercial von Caviahue, das aus zwei geöffneten und fünf geschlossenen Läden besteht. Dafür gibt es einen netten Popcornverkäufer, der uns das beste Popcorn im Umkreis von 300km verkauft. Mindestens!
Zurück im Hotel gehen wir essen, leider sind heute die Ziegen aus, aber dafür dürfen wir dank quengelnder Clara den Nachtisch mit aufs Zimmer nehmen und im Bett essen. Der Wind hat nochmal richtig aufgedreht, ganz patagonische Böen, sodass wir sogar lieber das Fenster schliessen, da das Planengeflatter an der gegenüberliegenden Bauruine nervt. Wie wir hörten, kommen die Bauarbeiter erst nächste Woche in den Ort zurück, weshalb hier momentan alles ziemlich aufgegeben aussieht. Aber die richtige Saison beginnt ja auch erst im Winter.

11.01.2010

Für heute wurde uns Regen versprochen, doch beim aufstehen sieht es nicht danach aus. Nur der Wind zerrt mit staubigen Böen an den Nerven. Heute ist das Frühstück reichhaltiger, vielleicht weil nicht vom brummeligen Vater, sondern von der Tochter serviert. Wir bekommen sogar selbstgemachten "Schogúr" (Jogurt, der wird in Chile "Jogúr" ausgesprochen und beim argentinischen Schogúr mussten wir erst mal eine Weile überlegen).


Vormittags wollen wir die Laguna Escondida erwandern, die versteckte Lagune, die ist aber erstens so gut versteckt, dass wir den Einstieg nicht finden, und zweitens wirbeln die Böen so viel Sand und Staub auf, dass Clara gleich eine Ladung ins Auge bekommt und keine Lust mehr hat. Also auf zur Cascada Escondida, die ist wenigstens ausgeschildert und liegt geschützter im Araukarienwald.


Zum Picknicken ist es aber auch hier zu ungemütlich und so fahren wir im Auto zum Salto del Río Agrio, der im Nachbartal liegt. Kaum sind wir oberhalb des Ortes und haben Blick zurück, sehen wir riesige braune Sandwolken über Ort und See fegen. Dazu versteckt sich der Vulkan Copahue allmählich in stahlgrauen Wolken. Ob es doch noch regnen wird? Auf dem Weg zum Salto wird es immer bedrohlicher, selbst die Schafe und Kühe kauern schon flach im Gras. Der Salto ist ziemlich beeindruckend mit seinem eisenverfärbten Flussbett mitten im windgepflügten Patagonien, wobei der Wind mich fast von den Beinen holt. Wir picknicken gemütlich mit Hörbuch im Auto und Clara holt Schlaf nach. Auf dem Rückweg beginnt es plötzlich zu regnen und je näher wir dem Ort kommen, geht der Regen allmählich in Schneeregen über! Zur Erinnerung: wir befinden uns im deutschen August und auf nur 1.600m Höhe.


Am Hotel giesst es kräftig los, und wir betrachten uns das weitere Schauspiel aus dem Fenster. Dann sackt die Temperatur und es schneit kräftig, der Schnee bleibt sogar liegen. Markus rennt mutig raus und macht Bilder, dann  packen wir Clara in Decke und Hut und eilen durch den Schneesturm in das nächste Casa de Té. Die Tischnachbarn starren ungläubig durch die Fenster. Auf dem Rückweg mache ich mit frostkalten Fingern noch ein paar Fotos, während Markus Clara zum auftauen ins Zimmer bringt. Es ist unglaublich, wie schnell sich das Wetter geändert hat!


Auch abends taut es nicht. Wir gehen also durch verschneite Strassen zum Restaurant. Heute ist Clara missgelaunt und lässt sich vom Papa nicht beruhigen oder einschläfern. Also muss ich ran, oder besser der Brustjoker, und setze mich mit ihr nach oben in einen dunklen Lagerraum. Plötzlich fällt im ganzen Ort dank einer besonders heftigen Böe der Strom aus und alles ist rabenschwarz. Während unten alle Gäste mit den Handys leuchten und die Kellner nach Kerzen suchen, warten Clara und ich geduldig auf Erleuchtung. Wenig später holt Markus uns mit der Kerze, Clara schläft endlich ein und wir können uns im Kerzenlicht der Ziege widmen, während der Sturm draussen um die Häuserecken heult. Auf em Rückweg ins Hotel nehmen wir die schlafende Clara im Maxicosi in die Mitte und rennen zwischen den Böen heim.

12.01.2010

Morgens ist der Sturm weg und der blaue Himmel da. Trotzdem fahren wir heute weiter. Wir brauchen schliesslich mal wieder Benzin. Die einzige Tankstelle im Ort, oder besser: der winzige Benzinausschank, ist verwaist, ein Zettel klebt an der Zapfsäule: "Cerrado por falta de combustible" (geschlossen wegen Benzinmangel), anscheinend schon seit langem.



Gestern hat unsere Wirtin extra noch dem Vater aufgetragen, nach Sprit in Loncopué zu fragen. Antwort: morgen sollte etwas mehr da sein. Ob das heisst: gestern gab es keins, aber heute vielleicht, oder: gestern gab es auch schon, aber der nächste Tanklastzug ist auf dem Weg? In Argentinien bilden sich auch oft endlose Schlangen vor den Zapfsäulen.
Wir kaufen vor Abfahrt noch einige Alfajores aus Araukariensamenmehl, die es nur hier gibt. Der Geldautomat ist zu, der Artesanenmarkt auch und wir sagen uns zum 100sten Mal, dass man immer sofort kaufen muss in Südamerika, weil es "später" nichts mehr gibt. Auf dem Weg hinunter fragen wir bei den Gendarmen, ob der Pass offen ist, den wir fahren wollen. Die Antwort kommt aber so schnell, dass wir ihm das nicht abnehmen und lieber unterwegs nochmal fragen. Mittlerweiler kennen wir ja unsere Pappenheimer.
 

In Loncopué gibt es heute tatsächlich Geld, Benzin und an der Tankstelle steht wieder eine Saeco-Kaffeemaschine. Wer den üblichen Nescaféwahn Südamerikas kennt, wird uns verstehen. Allerdings gibt es nur noch einen einzigen Plastikbecher, also auch nur noch einen Kaffee. Das ist aber das kleinste Problem, denn ich hole schnell einen Becher aus dem Auto zum befüllen. Wenn sich nur alle Engpässe in Argentinien so einfach beheben liessen.


Unterwegs durch einsame Weiten kommen wir durch ein paar Ortschaften, in denen man nicht begraben sein möchte. Wir fragen uns immer wieder, was die Leute bewegt, hier zu leben. Mitten im Nichts geniessen wir später beim Picknick am Strassenrand gerade die Aussicht, als am Horizont ein Staubwölkchen grösser wird. Es ist der Estanciero in einem uralten bullernden Ford, der aus seinem Tor fährt, uns sieht und gleich anhält. Markus beruhigt ihn, dass wir nur picknicken, aber er steigt aus und wir unterhalten uns eine Weile, während sein Diesel mindestens 7 Liter im Leerlauf verbraucht. Er erzählt, dass er nirgends anders wohnen wollte, hier hätte man seine Ruhe, der nächste Nachbar ist 14km entfernt. Er hat ein paar Ziegen und Rinder und Pferde und will demnächst "in Cabañas" machen. Er lädt uns gleich ein, beim nächsten Mal auf seinem Grund zu zelten und zeigt, wo die Grenze seiner 7000 Hektar verläuft. Die sind hier noch recht günstig, ab 60 USD der Hektar.


Im nächsten Ort will ich an der Gendarmeria nach dem Pass fragen, aber ein knurrender Schäferhund steht vor der Tür, da muss Markus ran, wir wollen ja nicht die Milchquelle in Gefahr bringen. Gleich kommt Herrchen aus der Tür und pfeift, aber der Hund hat schon das Interesse verloren und trollt sich. Ja, der Pass sei offen, gar kein Problem.
Wenig später kommen wir an den argentinischen Grenzposten. Als wir halten, werden erst einmal die Kinder aus dem Büro gescheucht, die gerade Ferien haben. Mit Clara als Star bemühen sich gleich zwei Grenzer um uns, und dass die Kollegen bei der Einreise ihren Stempel vergessen haben, ist gar kein Problem. Danach scharen sich sämtliche Ehefrauen und Kinder um das Auto, um Clara beim wickeln zuzugucken. Dafür schenken wir ihnen die restlichen Alfajores, die wir nicht nach Chile mitnehmen dürfen. Unter guten Wünschen und Ermahnungen (heute morgen sei ein Señor aus Chile gekommen, der hatte ziemliche Probleme mit dem Schnee) für den gefährlichen Pass, werden wir verabschiedet. Jetzt schraubt sich die Strasse immer höher und bald hat man Blick über drei grandiose, einsame Hochtäler, kein Mensch weit und breit, nur Natur pur. Vor lauter gucken halten wir lieber an, bevor wir die Abkürzung über die Kante nehmen. Oben liegt tatsächlich noch Schnee und wir sehen die Schlingerspuren des Chilenen. Jetzt ist es aber kein Problem, die Strasse windet sich wieder hinunter und ein fast genauso schöner Blick auf eine Lavalandschaft begeistert uns. Dies ist wirklich einer der schönsten Pässe zwischen Argentinien und Chile.
 

Wir meistern zwei Bachquerungen, vor denen wir gewarnt wurden und die der Grund für die häufige Unbefahrbarkeit des Passes sind, aber da haben wir schon tiefere Wasser durchschwommen. Die letzte will ich auch mal fahren und Markus dreht noch einmal um, damit auch ich die Fluten durchqueren kann.
Die Grenzkontrolle in Chile geht einigermassen schnell vonstatten. Kurz bevor die Schranke hoch gehoben wird, kommt noch ein Carabinero, der sich unsere Namen und Berufe auf einem abgegriffenen Block notiert. Wofür, das weiss niemand, vielleicht nicht einmal er selber. Arbeitsbeschaffungsmassnahme?
 

Nun fahren wir noch die altbekannte Aschestrasse um den schneebedeckten Vulkan Antuco herum bis zum Campingplatz, den wir noch von vor 3 Jahren kennen. Wir zählen unsere letzten Peso und es reicht gerade für eine Cabaña. Der nette Wirt (mittlerweile gibt es hier ein "Outdoorzentrum") tauscht uns ein paar argentinische Peso "blind", nur nach unserer Umrechnungstabelle mit dem Kurs von vor 3 Wochen, sodass es noch für ein paar kalte Getränke reicht.
Als wir die Cabaña schliesslich beziehen, brennt schon ein Feuer im Ofen und es ist ziemlich gemütlich. Wir legen Clara ins Reisebett, wo sie innerhalb 3 Sekunden einschläft und machen uns eine Notration Chile con Carne. Dann schauen wir noch einen Film auf dem Laptop und fallen ins Bett. Nachts wird es hier empfindlich kalt und wir waren zu faul, die Schlafsäcke aus der Dachbox zu holen. Unter der typisch chilenischen Kombi Wolldecke +Laken, die wie immer kurz und kratzig ist, frieren wir schon. Zelten wäre genauso kalt, aber billiger gewesen. Ich hole Clara zu mir unter die Decke und friere noch im Pulli, vor allem beim stillen.

13.01.2010

Als die Sonne aufgeht wird es gleich wieder warm. Wir frühstücken im Restaurant und hängen danach eine Weile in der Sonne vor der Cabaña ab. Clara schläft draussen im Reisebett und wir geniessen den Blick über das gigantische, ascheschwarze Flusstal.


Am späten Vormittag machen wir uns auf zum Wanderweg an dessen Einstieg wir einen waschechten Bayern finden, mit dem wir eine Runde quatschen. Dann laufen wir den kleinen Rundweg, verpassen aber die Runde und laufen den Sendero de Chile Richtung Laguna del Laja. Es ist heiss, wie immer brennt uns die Mittagssonne auf den Kopf und nur Clara sitzt schön schattig in der Trage. Am Aussichtspunkt angekommen erwartet uns eine übergequollene Windel und wir müssen warten bis die Hose in der Sonne getrocknet ist.


Die senfgelben Flecken auf meinem weissen Wandershirt leuchten in der Sonne. Auf dem Rückweg die Strasse entlang treffen wir die Bayern wieder, die in 3 Wochen Chile von Nord nach Süd und zurück machen wollen. Zurück am Platz packen wir und machen uns auf die Weiterreise, wie immer ist es schon recht spät. VOn unterwegs rufen wir in der Villa Baviera, Ex-Colonia Dignidad an, und fragen nach einem ZImmer. Wir bekommen das letzte und uns wird noch ein Abendbrot auf dem Zimmer versprochen. Also geben wir Gas, brauchen aber trotzdem noch 3 Stunden und kommen in der Dunkelheit an. DIe Strasse zur Ex-Colonia ist auf unserer aktuellen Karte gar nicht verzeichnet.


Nach endlosem Schotter halten wir im Dunkeln an einem Tor, nachdem uns vorher schon akkurat gezogene Stacheldrahtzäune begleitet haben. Aus dem Wachhäuschen kommt ein älteres Ehepaar, das uns begeistert begrüsst (oh, seid ihr aus Deutschland?) und diverse Baumalleen entlang weist. Nach der Eichen- und der Pappelallee fahren wir am Hotel vor. Auch hier kommt uns gleich die Chefin entgegen und führt uns aufs Zimmer. Dort wartet ein reich gedeckter Tisch mit Aufschnittplatte und Kuchenauswahl auf uns, frischgepresster Apfelsaft und ein Paulaner für Markus fehlen auch nicht.



Das Gebäude ist zwar alt aber wird gerade als Hotel ausgebaut. Ein bisschen fühlt man sich wie damals in Omas guter Stube, aber aus der Zeit stammen ja auch die meisten Einrichtungsgegenstände.

14.01.2010

Heute schlafen wir so richtig aus und frühstücken dann im Restaurant. Es ist schon komisch, überall um uns herum deutsch zu hören. Das Restaurant beherbergt auch noch einige interessante Möbelstücke: mit Hirschleder bespannte Sessel, alte Wohnzimmerschränke mit einer Anzahl verschiedener altdeutscher Bierhumpen, an der Bar die ganze Kollektion deutscher Flaschenbiere und einige typisch deutsche Kücheneckbänke.


Da es hier fernab von Strassen und jeglichen Lärmquellen so ruhig und erholsam ist, verlängern wir unser Zimmer für eine Nacht. Weil es draussen schon um diese Uhrzeit unerträglich heiss ist, verziehen wir uns wieder aufs Zimmer, wo wir den Tag in ungewohnter Faulheit mit den Büchern verbringen. Auch Clara ist völlig damit zufrieden, auf dem Bett herumzu liegen und ab und zu ein Nickerchen einzulegen. Als wir endlich ein schlechtes Gewissen bekommen, ist es schon wieder Zeit für ein spätes Mittagessen.


Abends schaffen wir es immerhin, einen kleinen Spaziergang zu unternehmen, bevor wir uns in der Abendsonne im schattigen Biergärtchen nieder lassen. Für einen längeren Ausflug über die Feldwege sind auch einfach zu viele Pferdebremsen unterwegs, die sich auf alles stürzen, was sich bewegt.


Clara hat auch überhaupt nichts gegen faulenzen und so trödeln wir danach aufs Zimmer und üben uns im Nichtstun.

15.01.2010

Heute müssen wir aber doch mal weiter. Uns trennen noch etwa 500 km von Santiago, und die ziehen sich auf der Heimfahrt immer.
Nach einigen Wickel-, Still- und Eispausen an der Ruta 5 erreichen wir am frühen Abend endlich Las Dalias, und freuen uns, jetzt noch zwei faule Tage übrig zu haben. Clara ist recht unbeeindruckt und lässt sich nicht anmerken, ob sie die Wohnung wieder erkennt, solange der Milchpegel stimmt.
 
     



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