Osterausflug nach Argentinien

Oder: 1 Benzin-Engpass, 2 Bergpässe und 3 Pässe, die doch niemand sehen wollte

01.04.2010-04.04.2010


Endlich hat Clara auch den deutschen Pass. Wir haben eigentlich schon nicht mehr damit gerechnet, denn die Prozedur wurde bereits vor einem guten halben Jahr gestartet. Jetzt reisen wir mit 4 Pässen: unseren 3 deutschen, sowie Claras chilenischem Pass und den 3 Carnets, denn man weiss ja nie, was die Grenzer denn sehen wollen. Diese Tour hatten wir schon einmal mit Besuch im Auge, aber da der Paso Vergara nicht an den zentralen Polizeicomputer angeschlossen ist, benötigt man ein ominöses Salvoconducto, um das Land verlassen zu dürfen. Nach mehreren Anrufen bei der Policia Internacional werden wir auch diesmal nicht schlauer und beschliessen, die Runde lieber von unten nach oben zu fahren, denn einreisen kann man problemlos. Das Salvoconducto bezeugt anscheinend, dass keine Straftaten die Ausreise verhindern. Aber da wir noch schnell ins Zentrum fahren müssten, um es zu beantragen, wird uns die Angelegenheit schon zu kompliziert, denn so etwas kann in Chile schnell zur tagesfüllenden Aufgabe werden.
Gründonnerstag geht es also los - für 3,5 Tage nach Argentinien. Es stehen noch ein paar Andenpässe aus, die wir noch nicht kennen. Unsere anderen Pläne für Ostern scheiterten an den Folgen des Erdbeben (aus Sicherheitsgründen geschlossene Nationalparks) und an den Flugpreisen von LAN, denn sämtliche attraktiven Ziele sind natürlich entweder ausgebucht oder exorbitant teuer. Markus kann am Donnerstag von zuhause aus arbeiten, sodass immer einer Clara in Schach hält während der andere Vorbereitungen trifft. Sie findet es ziemlich spannend, dass sich überall Gepäck türmt, wo es sonst nur langweiligen Fussboden zu erkunden gibt, und beteiligt sich, indem sie gepackte Kisten wieder ausräumt. Gegen 16 Uhr kommen wir los, und es geht in etwas zähem Verkehr die Ruta 5 Sur hinunter. Es ist wider Erwarten schon viel los. An der ersten Mautstelle gibt es eine unerwartete Überraschung: heute ist die Fahrt umsonst, wahrscheinlich staut es sich deshalb, denn sowas gab es in unseren fast 4 Jahren hier noch nie!
Wir kommen nicht allzu schnell voran und kurz vor Talca erwartet uns eine endlose Schlange, als der Verkehr über nur eine Fahrtrichtung der Autobahn geführt wird: hier ist die Brücke in der Südrichtung immer noch kaputt.
Als wir endlich an unserem ersten Etappenziel ankommen, ist es schon lange dunkel. Im Refugio Tricahue, das von einem belgisch-französischen Paar geführt wird, ist jetzt um 22 Uhr 30 niemand mehr zu sehen. Wegen des Erdbebens haben sie hier immer noch kein Telefon und kein Internet, wir stehen also auf gut Glück vor der Tür. Nach mehrfachem Klopfen wird uns aber doch noch geöffnet und wir beziehen unser "altes" Zimmer mit dem Bett unter dem Sternengucker-Fenster, wo wir alle drei schlafen. Sogar die Hunde haben uns wieder erkannt und nicht gebellt, was den Belgier erstaunt, denn wir waren schon vor einem Jahr hier.
Nach dem Frühstück am nächsten Morgen fahren wir hoch zum Paso Pehuenche, der momentan geteert wird. Die Strecke bis zur Laguna de Maule kennen wir bereits, danach verengt sich die Strecke beträchtlich und das Asfaltieren wird sicher noch einige Zeit dauern. Auf der argentinischen Seite des zwar schönen, aber nicht sehr spektakulären Passes, suchen wir den Abzweig zu den Termas Cajón Grande. Ein Abstecher von 12 Kilometern führt in ein einsames, grünes Andeshochtal, in dem auf Privatbesitz einer Estancia einige Becken mit unterschiedlich heissem Wasser vulkanischen Ursprungs gefüllt sind. Dazu gibt es einfache Cabañas und sogar einige Argentinier mit Wohnmobilen auf dem Zeltplatz. Das Wasser ist sehr salzig, also muss Clara leider draussen bleiben, aber sie darf solange in ihr neues Sonnenschutzzelt und die Wiese erkunden.
Nach dem Bad geht es weiter nach Malargüe, zwischendurch reisen wir noch offiziell nach Argentinien ein. Da uns auf chilenischer Seite zum ersten Mal keine Stempel im Pass gewährt wurden, da wir alle mit Carnet als Chilenen reisen sollten, gibt es hier auch keinen. Malargüe, das wir aus unserem Skiurlaub 2007 schon kennen, erreichen wir am Abend und suchen uns zunächst ein Hotel. In der Osterwoche kein leichtes Unterfangen, wie wir in der Touristeninfo schnell merken. Es gibt an sich nur noch ein Zimmer, zwar nicht das schönste, aber für heute muss es reichen. Abends gehen wir dafür wie immer auf eine Ziege ins Restaurant. Anzumerken ist noch, dass die beiden Tankstellen des Ortes wie üblich kein Benzin führten, was bei Markus schon leichte Nervosität auslöste.
Am nächsten Tag suchen wir als erstes Benzin. An der ersten Tankstelle stehen die Tankwarte immer noch vor leeren Zapfsäulen. Die haben wohl auch nur einmal in der Woche zu tun. An der zweiten haben wir Glück, denn eine lange Autoschlange kündet von Benzin. Wir reihen uns ein und bewundern die vorbildliche Ordnung mit der das ganze abläuft. Hinter uns stehen zwei Radfahrer mit 5-Liter-Kanistern in der Hand und niemand drängelt oder hupt. Man scheint das gewöhnt zu sein. Ich mache ein paar Fotos, dann lesen wir uns gegenseitig noch ein paar Seiten aus dem Eifelkrimi vor, und dann dürfen wir sogar volltanken. Wir hatten schon befürchtet, mit 20 Litern abgespeist zu werden, damit wären wir nicht bis nach Chile gekommen.
Anschliessen besuchen wie den winzigen Artesanenmarkt, der genau aus einem Laden besteht und fahren zum Mittagessen zur Forellenzucht, die wir schon aus dem Urlaub vor fast 3 Jahren kennen. Damals waren wir die einzigen, heute reihen wir uns wiederum in die Schlange und warten eine dreiviertel Stunde auf einen Tisch. Dann gibt es das gleiche Menü wie damals, was genauso gut schmeckt. Nur Clara ist jetzt müde und wir pilgern abwechselnd mit ihr durch das Restaurant.
Nachmittags machen wir uns auf zu den Castillos de Pincheira, einer markanten Felsformation in einem abgelegenen Tal westlich des Orts. Hier ist auch viel los, auf der Wiese am Bach picknicken und grillen zahlreiche Argentinier. Wir bauen auf dem Campingplatz unser Zelt auf und bestellen dann Tortas Fritas, die haben wir schon oft am Strassenrand angeboten gesehen und wussten nie was es war. Jetzt werden sie über offenem Feuer frisch frittiert, was aber aufgrund der vielen Bestellungen ewig dauert und wir stehen zum dritten Mal an diesem Tag in einer langen Schlange. Dann erhalten wir 6 grosse Donut-ähnliche Teilchen und wandern damit wohlverdient über die Hängebrücke und zu den Felsen am anderen Flussufer. 
Als wir zurück kommen, geht bald die Sonne unter und der Platz leert sich zusehends. Die letzten Zelte werden abgebaut und wir sind die einzigen, bis auf ein scheinbar unbewohntes. Schon bei der Ankunft hatten wir Abendessen bestellt, hier gibt es heute nur Ziege und auch nur "ans Zelt", denn das Restaurant wird abends geschlossen. Es gab nur die Auswahl zwischen einer ganzen, einer halben und einer viertel Ziege. Um 21 Uhr dürfen wir unsere Portion abholen und bekommen eine riesige Platte mit bestimmt 2 Kilo knusprig ofen-gegrillter Ziege, die wir im Zelt futtern.
Clara schläft heute zwischen uns, in drei Schlafsäcke eingepackt, denn es ist ganz schön frisch hier oben. Leider hat sie damit eingeschränkte Bewegungsfreiheit und weckt uns mehrfach lautstark, wenn sie sich umdrehen will und nicht kann. Auch ist das Zelt eindeutig zu schmal, sodass wir beide rechts und links auf einer Hüfte balancieren, damit sie in bevorzugter Stellung mit ausgestreckten Armen liegen kann. Damals an Weihnachten war sie wohl noch kleiner... wir brauchen also ein neues.
Am nächsten Morgen beeilen wir uns mit Frühstücken und Packen, denn uns erwarten 200km bis zur Grenze und weitere 300km nach Santiago. Wir schaffen es um kurz nach 10 loszukommen, neuer Rekord, und beobachten dabei den "Alm"abtrieb von etwa 600 Rindern, Pferden und Maultieren, die von zünftig aussehenden Gauchos auf niedriger gelegene Weiden getrieben werden. Markus hatte einen von ihnen befragt, als er sein Pferd am Laden während des Einkaufs parkte.
Ab dem Abzweig zum Paso Vergara erwarten uns 100km Einsamkeit bis zur Grenze. Ich hatte extra aus Google Earth Wegpunkte im GPS gesetzt, da laut Internet die Strasse schlecht und kaum befahren sein soll. Der Paso Vergara ist nur im Sommer für wenige Monate geöffnet. Die Strasse windet sich durch ein einziges langes Flusstal, das mit immer neuen beeindruckenden Aussichten auf wilde Felsformationen und den Flusslauf, sowie einsame Höfe von Viehhirten überrascht. Auch sieht man noch deutliche Reste des Vulkanausbruchs in den 20er Jahren, es gibt grosse weisse Aschefelder, die erst langsam wieder bewachsen werden und farblich ziemlich schräg an hellen Sandstrand erinnern.
Kurz vor dem Vulkan Peteroa passieren wir die letzte grosse Rinderherde, die noch auf den Abtrieb wartet und machen auf der Aschefläche Mittagspause, Clara in ihrem Zelt ist ganz fasziniert von den vielen Steinchen. Ein Stück weiter, unterhalb des Vulkans liegen die Termas de Azufre, heisse Schwefelquellen, sogar "bewirtschaftet", an denen nur chilenische Autos stehen. Wir verzichten aber auf ein Bad, denn wir wollen nicht den Rest der Fahrt nach faulen Eiern müffeln.
Kurz darauf erwartet uns der argentinische Grenzposten, der einzig unfreundliche überhaupt bisher, wahrscheinlich weil er nur Chilenen abfertigen muss. Er nuschelt unverständliches und auch hier bekommen wir keinen Stempel. Er meint wir seien Chilenen obwohl wir mehrfach auf das "aleman" im Ausweis hinweisen.
Bis zur Grenze sind es noch einige Kilometer, dann ändert sich abrupt das Landschaftsbild: aus den weiten sanften Tälern Argentiniens werden die typischen schmalen, steilen Andentäler Chiles.
Wir passieren die Baños San Pedro und gönnen uns auch hier kein Bad, sondern reisen kurz darauf am Polizeiposten ein. Bis zur Ruta 5 sind es noch einige Kilometer und Clara braucht mal wieder eine Zappelpause. Kaum auf der Ruta 5 geht es im Osterverkehr zäh voran und kurz vor Rancagua stehen wir im Stau und es geht über Kilometer im Schritttempo voran.
Ohne wirklichen Grund, nur wegen der üblichen "Gaffer" verbringen wir hier endlose Zeit. Dann ist kurz vor Santiago auch noch eine Zwangsumleitung eingerichtet, wegen Brückenbauarbeiten, und wir kommen ziemlich müde erst nach 22 Uhr zuhause an. Clara wird ins Bett verfrachtet und wir gönnen uns noch ein Bier.  




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