Wie ist das mit dem Autofahren?

Was immer wieder gerne gefragt wird: Wie ist das eigentlich mit dem Autofahren in Chile?
Kann man in Santiago als Deutscher überhaupt autofahren?
Stop! Lieber erstmal langsam fahren...
Hierauf kann ich kurz antworten: Auch hier werden Autos benutzt und man kann eigentlich ohne Probleme durch Santiago und das ganze Land fahren.

Das Tempolimit auf der Autobahn macht das Fahren darauf sogar angenehmer als in Deutschland, die meisten halten sich daran, viele fahren sogar langsamer.
Ich fahre jedenfalls gerne Auto und es ist längst nicht so chaotisch wie andere behaupten. Da ich auch gerade erst den chilenischen Führerschein gemacht habe konnte ich bei den Theoriefragen keine gravierenden Unterschiede feststellen. Die Gesetze und Schilder sind weitgehend die selben, mit einigen Ausnahmen doch dazu später.
Es gibt allerdings einige Besonderheiten die für Deutsche eher ungewohnt sind, hauptsächlich hier in Santiago:
welcher Tag ist heute??
- Verbreitet sind Einbahnstrassen mit Richtungswechsel, je nach Tageszeit geht es stadteinwärts oder auswärts. Das ist an sich eine gute Idee, es werden aber leider nur an den größeren Kreuzungen entsprechende Hinweisschilder aufgestellt. Wer aus einer kleineren Strasse abbiegt findet sich schnell in einen Geisterfahrer verwandelt. So hat sich Ann eines Morgens nach dem Abbiegen auf die Avda. Colón mit 7 Reihen Autos konfrontiert gesehen, die ihr ausnahmslos entgegenkamen. Zum Glück konnte sie noch rückwärts fliehen bevor deren Ampel grün wurde.
Wann wieviele und in welche Richtung??
- Die "Lomo de Toro" (Stierrücken), so nennt man hier die Schwellen in der Fahrbahn, um die Autofahrer zum Langsamfahren anzuregen, sind teilweise mörderisch für Auto und Wirbelsäule.
Wenn also auf der Fahrbahn "LENTO" (langsam) steht oder dies durch ein Schild eingefordert wird kann man das durchaus als gut gemeinten Ratschlag verstehen.
Mehr als Schrittgeschwindigkeit ist oft einfach nicht drin. Dass mancher diesen Rat nicht ernst genommen hat sieht man an den vielen tiefen Kratzspuren auf den Lomos. Im Gegensatz zu Deutschland gibt es diese allerdings auch auf gut befahrenen Hauptstrassen, dann über alle 3 Spuren.

- Es gibt an vielen Ampeln für Rechtsabbieger eine Art grünen Pfeil. Es handelt sich dabei um ein Schild mit einem Pfeil, manchmal in Grün, manchmal in Rot, aber immer mit der Mahnung "con precaución!", mit Vorsicht. Ich habe den Unterschied noch nicht herausgefunden und die Kollegen konnten mir auch nicht weiterhelfen. Schade nur, daß das rote Pfeil dem "hier bloß nicht abbiegen" Schild sehr ähnlich sieht.
was auch immer - aber immer aufpassen!
- Nochmal zum Thema Abbiegen: ein roter Kreis mit einem Richtungspfeil auf weissem Grund bedeutet: bitte nur "in" diese Richtung abbiegen. Wenn der Pfeil rot durchgestrichen ist dann bitte nicht in diese Richtung abbiegen.
hier muß man und darf nicht nur...
- Generell sind wichtige Schilder, z.B. die Fahrtrichtung jeder Straße nur sehr dezent angebracht, nämlich auf dem kleinen schwarzen Schild mit dem Straßennamen, das man oft erst suchen muß. Da die meisten Straßen Einbahnstraßen sind, ist es wichtig vor dem Abbiegen diesen Pfeil zu finden. Das gleiche bei "Einfahrt verboten" oder plötzlichem Gegenverkehr. So sind größere Straßen plötzlich an einer Kreuzung nur noch in eine Richtung befahrbar, auch das nur durch ein verstecktes Schild angekündigt.

- Eine weitere Besonderheit sind die Straßennamen, die zwar pro Comuna (Stadtteil) nur einmal vorkommen, aber im Stadtgebiet eben mehrfach, was oft schon zu Verwirrung geführt hat.
rechts? links?
- Die nächste Schikane sind Hausnummern. Was ist der Unterschied zwischen 752 und 0752? Sie liegen 14 Cuadras (Blocks) voneinander entfernt! Das ergibt schon einen sportlichen Fußmarsch.

- Wenn die Ampel auf grün springt kommt der Verkehr nur schleppend in Fahrt. Das mag daran liegen das die meisten Autofahrer lieber auf Nummer sicher gehen und erstmal abwarten ob nicht noch ein Nachzügler über die Kreuzung rauscht, was gängige Praxis ist. Auch sollte man auf den verirrten Fußgänger aufpassen, der von der roten Ampel völlig überrascht noch mitten in der Strasse steht.

- Innerorts sind oft 60 oder 70 km/h erlaubt die entsprechend auf 70 oder 80 erweitert werden. Beim Einbiegen in eine Hauptstrasse ist deshalb ein zweiter Blick durchaus angebracht, den kann ich Fussgängern am Zebrastreifen auch nur ans Herz legen, hier wird nur selten angehalten.
Autobahn und keine Startbahn!
- Das ICHICHICH Syndrom ist ziemlich ausgeprägt. Erstmal ganz vor fahren, Hauptsache ich komme (vermeintlich) schnell weiter. Beispiele hierzu: morgens sind die Bereiche um die Schulen zu meiden. Da die Schüler oft mit dem Auto in die Schule gebracht werden und keinesfalls einen Schritt laufen können, müssen sie direkt vor der Schule rausgelassen werden. Hier kommt es natürlich zum Stau. Pech wer sich nicht auskennt. Wartezeiten bis zu 20 Minuten für 500 m sind durchaus drin. Auch wird an kleineren Kreuzungen, die mit einem schreiend gelben Muster und "no bloquear cruce" (Kreuzung nicht blockieren) gekennzeichnet sind, oft trotzdem blockiert, bloß nicht den von links kommenden queren lassen.

- Das doppelte Abbiegen: viele fahren bei Stau auf der Abbiegespur erstmal locker daran vorbei um sich ganz selbstverständlich vorne reinzudrücken oder auch auf der 2. (der Geradeaus-) Spur abzubiegen. Daran ist an sich nichts auszusetzen, manche haben es eben eiliger als andere oder sind wichtiger. Allerdings funktioniert es nicht wenn es mehr als einer pro Schlange ist, dann ist an der Ampel vorne kein Platz mehr und die gesamte Kreuzung blockiert.
hier keine Pferde- oder Handwagen!
- Wenn die Abbiegespur keine reine Abbiegespur ist, sondern auch zum Geradeausfahren berechtigt, dann steht schon mal ein Auto auf der mittleren Spur und versucht "durch" ein anderes Auto abzubiegen, das geradeaus fahren will. Mit viel Glück gibt es nur ein Hubkonzert, mit weniger eine Beule!

- Auch hin und wieder fatal ist hierbei, daß der Fussgänger der die Nebenstrasse überqueren will denkt, das Auto hält an und losmarschiert, um dann vom "doppelten Abbieger" wenigstens mit einem Hupkonzert eingedeckt zu werden.

- Das Reissverschlusssystem hat übrigens gegen das ICHICHICH-Syndrom keine Chance und ist daher unbekannt.
öfter mal die Bremse nutzen!
- Die Fahrradfahrer, hier schon fast Extremsportler, fahren nicht ganz rechts sondern bei mehreren Spuren ganz links. Das hat einen einfachen Grund: Da sind sie normalerweise vor den Bussen sicher, die auf Störenfriede auf der Fahrbahn nicht viel Rücksicht nehmen. Allerdings fahren die meisten Radler auf den Fußwegen, da sind sie nämlich auch vor den Autofahrern sicher.

- Die Blinker sind in Chile etwas für Technikfreaks. Die Benutzung ist eher spärlich zu nennen. Allerdings habe ich auch schon einen Fahrer 5 Minuten nicht überholt weil der Blinker in den Dauerzustand übergegangen war und man kann ja nie wissen.

- Andererseits machen die Taxen und Autofahrer, die Passagiere aussteigen lassen, IMMER den Warnblinker an. Leider vergessen sie diesen meistens auch wieder auszumachen.
und immer auf die Fußgänger achten!
- Anschnallen?? Trotz entsprechender Gesetze lieber nicht. Kinder auch nicht, die hält man sicherer auf dem Schoß fest. Eine nicht representative Zählung von Ann und mir ergab eine Quote von ca 60% angeschnallter Fahrer. Wenn sich jeder anschnallen würde, dann passen schließlich auch keine Großfamilien mehr ins Auto, bei denen man sich beim Aussteigen wundert, wie sie die Fahrt ohne Quetschungen überstanden haben. Dafür sind die Zeitungen jede Woche voll mit Artikeln über Verkehrstote, die gibt es hier noch ziemlich oft. Die meisten davon nicht angeschnallt (hier einen Gruss an Tom).

- Es gibt eine "revision tecnica", ähnlich dem deutschen TÜV. Diese leistet gute Arbeit, deckt die gröbsten Sicherheitsrisiken auf und zieht die Fahrzeuge entsprechend aus dem Verkehr. Allerdings gibt es auch Chilenen die nicht hingehen. So haben wir erst neulich von einem Busfahrer gelesen, der auf die Frage warum die Frist schon 6 Monate abgelaufen war, doch sagte: "Ich wäre doch mit den nicht gut funktionierenden Bremsen durchgefallen, deshalb bin ich lieber gar nicht erst hin." Er hatte seinen Bus an einem Gefälle an eine Palme gesetzt. Das ist aber die Ausnahme.
kreisch - ich hab meine Uhr vergessen!
- Die Hupe ist zum Benutzen da und davon wird rege Gebrauch gemacht! Einer fängt an, alle ziehen nach. Der Effekt ist ähnlich der Alarmanlage: sie jaulen ständig und keiner schaut mehr hin.

- Bahnübergänge (haben wir hauptsächlich im Norden gesehen) sind automatisch Stopstellen. JEDER hält an uns schaut erstmal! Ich hatte schon einige Fälle, da bemerkte ich beim Prüfen ob ein Zug kommt direkt am Strassenrand das Ende der Schienen. Hier würde man vergeblich warten. Aber alle haben angehalten, man kann ja nie wissen.

- Vorsicht am Samstag und Sonntag morgen! Alkohol am Steuer ist gegen das Gesetz, das stört aber kaum einen. Es wird gerne getrunken und danach gefahren. Gibts in Deutschland auch, hier ist es aber weitaus mehr verbreitet und man wird schon fast schief angesehen wenn man sagt "nein danke, ich muß fahren!". Beispiele hierzu: Wir frühstücken Sonntag um 10:00 als der Nachbar erstmal mit Schwung gegen den hohen Bordstein fährt (die Kurve war gestern noch nicht so scharf?!) und danach 5 Minuten versucht einzuparken. Als er die Autotür aufmacht fällt er fast raus. Um 12, also 2 Stunden später und schon wieder vollkommen nüchtern (!), ist er dann weiter gefahren. Als wir samstags zu einem Ausflug aufbrechen und noch tanken müssen, steht auf dem Parkplatz ein verbeultes Auto mit halb offener Scheibe. Der junge Fahrer schläft in eindeutig "volltrunkener" Stellung, anders wäre die Verrenkung nicht auszuhalten. Er hatte nach einem Unfall sein Auto noch bis zur Tankstelle geschafft und dabei 2 Reifen bis auf die Felge runtergefahren, da war kein Stück Gummi mehr dran! Hoffentlich war's nicht der von Papa und er hat keinen anderen angefahren.

- Unser Fazit: Man denkt einfach für alle anderen im Umkreis von 10 Metern mit und hat damit fast alle Probleme beseitigt oder zumindest ist man vorbereitet.

Dos Puntos
was ist wohl das Gerät in der Mitte??


Zurück zur Startseite