Wenn in Chile die Wände wackeln

Sismos, Temblores, Terremotos

18.12.2007

Zum Thema Erdbeben, obwohl in Chile zum Alltag gehörend, haben wir bisher noch nichts geschrieben um die lieben Daheimgebliebenen nicht zu beunruhigen. Da aber selbst für uns die Erdbewegungen mittlerweile "dazugehören", ist es uns jetzt auch einen Artikel wert. Nach anfänglicher Lektüre des Merkblatts der deutschen Botschaft, die Tips für den Fall eines schweren Bebens gibt, waren wir schon etwas beunruhigt. Brav haben wir also eine Tasche mit dem Nötigsten gepackt um auch mal 3 Tage auf einem Sammelplatz wohnen zu können, sowie einen Treffpunkt außerhalb der Wohnung vereinbart. Damit sind wir nach Befragen von Markus' chilenischen Kollegen schon besser vorbereitet als diese alle zusammen. Ob es im Ernstfall wirklich hilft, wollen wir aber gar nicht erst erfahren müssen.

Nach dem verheerenden Erdbeben in Peru (Mitte August 2007, Stärke etwa 7,9) und dem weitaus weniger folgenschweren im Norden Chiles (Mitte November 2007, Stärke etwa 7,8) hat sich nun auch bei uns die Wackelfrequenz erhöht. Konnte man bisher in Santiago immer damit rechnen, daß das Haus alle 4-6 Wochen einmal leicht erzittert, so schreckt uns dieser Vorgang momentan öfter aus dem Schlaf oder vom Stuhl. Während Markus meist das Beben nur am Rande wahrnimmt, fungiere ich als "Sismo-Sensor". Bisher entgingen mir einzig die Auswirkungen des großen Beben bei Antofagasta, und das auch nur, weil ich auf dem Rückweg vom Einkaufen im Auto wohl gerade durch ein Schlagloch gerumpelt bin. Markus hat es im Büro noch deutlich spüren können, und das obwohl Antofagasta etwa 1300km entfernt ist. Schließlich sitzt er in einem der höchsten Gebäude Südamerikas, das erdbebensicher auf Puffern gebaut ist. Nach jedem Beben verspüren wir imaginäre Nachbeben, einige Tage lang scheint der Stuhl oder das Bett immer mal wieder leicht zu schwanken, obwohl auf den einschlägigen Internetseiten nichts verzeichnet ist. Allerdings tritt dieses Phänomen bei Markus auch auf, wenn er eine Bootsfahrt hinter sich hat.

Am Samstag hatten Markus und ich gerade erfolgreich unseren Besuch zur Stadtbesichtigung aus der Tür geschoben, als wir uns, von den Nachwirkungen der vorabendlichen Teradata-Weihnachtsfeier erschöpft, zum wohlverdienten Mittagsschlaf hinlegten. Gegen 15:30 wachte ich auf, weil Markus irgendwas gesagt hatte und außerdem unser Bett hin und her schwankte. Sofort hatte ich Markus im Verdacht, mal wieder eine Erdbebensimulation auf meine Kosten zu verursachen. Diesmal allerdings bebte es tatsächlich, und das recht deutlich und ausgiebig. Das Haus, unser Bett und (was Markus fasziniert beobachtete) die leeren Metallringe an der Vorhangstange schwankten langsam hin und her. Es schien auch nicht aufhören zu wollen und dauerte scheinbar eine knappe Minute an. Wie wir kurz darauf im Internet nachlesen konnten, lag das Epizentrum des Bebens etwa 30km von Valparaiso entfernt im Meer und hatte eine Stärke von 6 auf der Richterskala. Allerdings schwanken die Angaben zur Stärke auf den verschiedenen Internetseiten. In der Umgebung von Valparaiso gab es leichte Schäden an Häusern und Schaufensterscheiben. Unser Besuch, zu Fuß in Santiago unterwegs, hat nichts davon bemerkt.

In der Nacht von Sonntag auf Montag wurden wir wiederum geweckt, diesmal gegen 03:30 und schwankten eine Weile wie bei leichtem Seegang im Bett vor uns hin. Allerdings schliefen wir dank einer Stärke von 4,7 auch gleich wieder ein. Erst gegen 6:30 weckte uns mit einem Schlag ein erneutes Beben, das diesmal das Haus ganz anders als sonst zum Schwingen brachte. Da es nicht aufhörte, sondern noch zuzunehmen schien, sprang ich aus dem Bett während beim Nachbarn über uns lautes Poltern zu hören war, da war wohl etwas Schweres umgefallen. Als es immer noch nicht besser wurde beorderte ich Markus unter den Türrahmen, den wir uns für solche Fälle schon ausgeguckt haben. Kaum dort angekommen (sogar ohne Murren), hörte es auch schon auf. Den kurzen Rest der Nacht habe ich natürlich immer wieder meine "Phantomschwingungen" gespürt. Vor dem Frühstück schauten wir gleich im Internet nach und fanden ein Beben von 5,4, auch wieder bei Valparaiso. Da das Epizentrum diesmal näher lag fühlte es sich hier um einiges stärker an.
Beben 1 Beben 2 Beben 3
Bilder: SERVICIO SISMOLOGICO UNIVERSIDAD DE CHILE http://ssn.dgf.uchile.cl/
Die Stärke eines Bebens wird hier weniger mit Hilfe der Richterskala angegeben, die sich auf das Epizentrum bezieht, sondern mit der Mercalliskala, welche die an bestimmten Orten fühlbaren Auswirkungen in 12 Stufen mißt. Es kann also durchaus sein, daß ein Beben in einem weiter entfernten Ort kräftiger wahrgenommen wird als an einem Ort, der dem Epizentrum etwas näher liegt.

In Chile gibt es gleich mehrere Ausdrücke für die Beben: Ein Sismo ist eher schwach, ein Temblor schon etwas stärker, ein Terremoto ein starkes Erdbeben wie in Peru und Tocopilla, und ein Maremoto bezeichnet ein Seebeben.
Bei den verschiedenen Sismos, die wir in unserer Wohnung erlebt haben, konnte man auch unterschiedliche Bewegungen feststellen. Es gibt Wellenbewegungen, mehr oder weniger starkes hin- und herschütteln oder -zerren, manchmal einen einzelnen starken Ruck, und Markus erlebt im Telefonica-Turm langsame, relativ weit ausholende Pendelbewegungen, was man an den Jalousien gut verfolgen kann. Manchmal heben sich die Wellenbewegungen des Gebäudes gegenseitig auf, sodaß in einigen Etagen nichts zu spüren ist, in anderen dafür umso mehr. Ein untrügbares Zeichen in seinem Großraumbüro (über die ganze Etage) ist auch die eintretende Stille in einem solchen Fall.

Die andere Hälfte unseres Besuchs war übrigens an diesem Wochenende mit dem Mietwagen im Norden Chiles unterwegs. Montags wurde ich von den beiden angerufen. Sie wollten nur sagen, daß alles in Ordnung sei. Bei unserer Erdbebenserie hatte ich schon ganz vergessen, daß am Sonntag früh auch in Tocopilla die Erde gebebt hatte, und das bei Stärke 6,1 auf der Richterskala. Und genau dort hatten die beiden übernachtet und waren ziemlich unsanft geweckt worden. Die Gegend zwischen Antofagasta und Tocopilla kommt seit dem Beben von Mitte November nicht zur Ruhe. Fast täglich werden die Bewohner wieder durchgerüttelt, und das alles zwischen Stärke 4 und 6.

In der Zeitung La Segunda fand sich gestern ein Artikel zum Thema der aktuellen Erdbeben bei Valparaiso. Die Serie von Beben könne sich noch etwa ein bis zwei Monate fortsetzen, genau wie momentan bei Tocopilla. In der Regel seien die Nachbeben nie stärker als das "auslösende" Beben. Vorhersagen könne man natürlich nichts, aber ungewöhnlich sei es schon.
Das kann natürlich alles heißen, wir sind auf jeden Fall erst einmal froh, ab Freitag fast zwei Wochen im weitgehend erdbebenfreien Süden zu verbringen.



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