Weihnachten im sonnigen Süden

Los Arrayanes, Lago Puelo und die Carretera Austral

20.12.2008-3.01.2009

Bis wenige Stunden vor Abfahrt steht die Genehmigung des diesjährigen Weihnachtsurlaubs noch nicht fest. Daher haben wir weder im Voraus gepackt noch viel geplant. Als es Freitag gegen Mittag heißt, ja, wir können fahren, bricht daher ein wenig Hektik aus und wir beschließen, lieber erst am Samstag früh loszufahren. Am nächsten Morgen werden wir mit leergefegten Straßen belohnt und kommen gut voran. Am Horizont droht ein dünner Wolkenschleier und wir gratulieren uns noch zu den in letzter Minute eingepackten Regensachen. Tatsächlich, kurz hinter Talca fallen die ersten Tropfen und verdichten sich schnell zu einem kräftigen Landregen. Zum Glück haben wir kurz vor dem Urlaub noch die sonnenzerfressenen Scheibenwischer und die überstrapazierten Reifen ausgetauscht, denn bald geraten wir in einen regelrechten Wolkenbruch, bei dem die Sicht auf wenige Meter abnimmt und der Staub endlich aus allen Ritzen des Autos gewaschen wird. Nach 8 Stunden Fahrt erreichen wir das wohlbekannte Pucón, wo wir uns mit einer Wanderkarte des Zielgebiets eindecken und kurz zum Abendessen einkehren. In der Municipalidad (Stadtverwaltung) frage ich, ob der Paso Carirriñe geöffnet ist, was mir eine Angestellte ohne es nachzuprüfen, aber mit großer Überzeugung bestätigt. Wenn die Chilenen etwas behaupten, dessen sie sich nicht sicher sind, merkt man es ihnen in der Regel an, also glauben wir ihr. Von Pucón zurück über Villarrica fahren wir bereits im Sonnenuntergang nach Osten. Die Straße wird schmaler, der Schotter löchriger und der Wald dichter. Immer wieder regnet es. Endlich nähern wir uns der Grenze. Laut unserem Turistel gibt es hier keine Policía Internacional, daher benötige man wieder einmal das ominöse Salvocoonducto, was wir nicht haben, da man es 24 Stunden vor verlassen des Landes in einer bestimmten Polizeistation beantragen muß. Wir verlassen uns darauf, dass die Reisepässe ausreichen, aber wer weiß, vielleicht hätten wir die Ausfuhrpapiere für das Auto schon vorher beantragen müssen? Kaum fahren wir an der Schranke vor, werden unsere Bedenken zerstreut, denn nicht das Salvoconducto ist unser Problem, sondern die "faulen" Argentinier, die es noch nicht geschafft haben, ihre Seite des Pasos befahrbar zu machen. Der Carabinero versichert, dass auf chilenischer Seite der Weg bereits freigeräumt wurde, aber in Argentinien wohl noch ein paar Bäume quer liegen. Hätten wir doch mal die Säge mitgenommen!
Es hilft nichts - wir müssen umkehren und erwägen kurz, nach Pucón zurückzukehren und der Dame in der Municipalidad den Hals umzudrehen. Der Carabinero empfiehlt den nächsten Paso im Süden, den Lago Hua Hum, den wir bereits aus dem Winterulaub kennen und rät, auf dem kleinen Verbindungssträßchen lieber vorsichtig und langsam zu fahren. Kein Wunder - bei dem heftigen Regen und Wind haben sich diverse dicke Äste von den Bäumen fallen lassen und wir hoffen, auf den nächsten 50 einsamen Kilometern in stockdunkler Nacht nicht vor größeren Exemplaren zu stehen. Der Weg gibt schon einen Vorgeschmack auf die Carretera Austral: vermoderte Brücken, dichter Urwald wie ein enger Tunnel über der Straße und dicke Tropfen, die aufs Autodach trommeln. Kurz vor Mitternacht erreichen wir Puerto Fuy, parken auf dem bereits erprobten Parkplatz direkt vor der Laderampe der Autofähre und schlafen bei strömenden Regen ein. Niemand ist weit und breit zu sehen.

Am nächsten Morgen wird es nicht richtig hell und wir schlafen bis nach 9. Nichts regt sich, außer ein paar Hunden, einem Grüppchen Schweine und dem unvermeidlich krähenden Hahn. Als endlich der Fährmann aufwacht und von Bord kommt, erfahren wir, dass die Fähre ausgerechnet heute erst um 14 Uhr ablegt. Das nützt uns also auch nichts, und nach einem Blick auf die Karte bleibt uns nur noch eine Möglichkeit, endlich die Grenze nach Argentinien zu queren: der Paso Puyehue im Süden bei Osorno. Ein Umweg von locker 100 Kilometern auf schlechter Straße.
nur Schweine unterwegs Wasserfall im NP Puyehue
Aber es hilft alles nichts, wenn wir heute noch vor dem Abendessen in Argentinen sein wollen. Es regnet immer noch und außer uns ist niemand unterwegs. Die Ruta 5 südlich von Valdivia gleicht einer Geisterbahn: keine Autos, geschlossene Tankstellen und verlassene Kioske am Wegrand. Wahrscheinlich erwacht dieser Abschnitt nur in den beiden Ferienmonaten zum Leben. In Entre Lagos kehren auf den berühmten Kuchen ins Café Entre Lagos ein. Anschließend lockt Grillduft: der kleine Supermarkt nebenan hat einen Grill vor der Tür aufgebaut und verkauft den Braten tischfertig vom Spieß, da können auch wir nicht wiederstehen. Dann geht's endlich nach Argentinien. Durch den Nationalpark Puyehue mit seinem dichtem Urwald und hübschen Wasserfallen nähern wir uns dem Paso auf 1300 Metern Höhe. Es ist unsommerlich kalt und am Straßenrand liegen bereits Schneereste. Kurz vor der Passhöhe liegt der Park bereits unter einer geschlossenen Schneedecke! Wir wollten zwar ein paar kühle, feuchte Tage, aber doch nicht sowas!
Wintereinbruch im Sommer Schnee und grüne Bäume
Wie wir später erfahren hat eine antarktische Kaltfront für eine Woche mit Temperaturen knapp über Null gesorgt, die aber nun auf dem Rückzug ist. Die Grenzkontrollen sind erfreulich unkompliziert und unsere gestern abgelaufen chilenischen Carnets fallen auch nicht auf. In Villa La Angostura machen wir für heute Station und suchen uns einen Campingplatz. Als einzige bauen wir dort das Zelt auf und als Markus eine wuchernde Brombeerranke abbricht, die uns über den Tisch hängt, zieht er sich gleich einen ermahnenden Vortrag des Platzwarts zu. Abends gehen wir Lamm essen und treffen im Restaurant noch auf einen Deutschen, der uns anspricht, weil er seit Jahren keine Landsleute mehr hier gesehen und gehört hat.
Markus am Wasserfall die letzten Reste der Kaltfront


Wir schaffen es, um Punkt 12 vom Platz zu rauschen und zum Hafen am Lago Nahuel Huapi zu fahren. Hier beginnt auf einer schmalen Halbinsel der Nationalpark El Arrayan, der nur zu Fuß oder per Rad erkundet werden kann. Es sei denn, man will den überteuerten Katamaran zahlen. Also leihen wir uns für die 25km Strecke zwei Räder aus und werden in die vielen Steigungen des Wegs detailliert eingewiesen. Mir steht schon vor Abfahrt der Schweiß auf der Stirn. Es ist noch kühl, aber immerhin scheint die Sonne.
Markus und unser sportlicher Begleiter versteckte Laguna im Park
Gleich zu Anfang geht es steil nach oben, sogar mit einem Treppenstück, an dem ein Schild darauf hinweist, dass man wegen Steinschlag hier auf keinen Fall stehen bleiben soll. Das ist nicht einfach, wenn man versucht, ein Rad eine Leiter rauf zu schleppen. Der Hund, der uns von Anfang an begleitet, ist ziemlich durchtrainiert und hechelt noch nicht mal. Er läuft die Tour wahrscheinlich dreimal am Tag. Als es auf der anderen Seite bergab geht, liefert er sich mit Markus ein Rennen, bei dem klar ist, wer sich mehr anstrengen mußte. Als wir danach durch die vielen Hügel nur langsam vorankommen, langweilt er sich sichtlich und schließt sich einem Radfahrer an, der uns überholt.
Markus mit Arrayanes rot leuchtende Arrayanes
Die Baumdichte der Arrayanes, Hauptattraktion des Parks, nimmt zu und überall leuchten die roten Stämme. Am Zipfel der Landzunge wartet ein reiner Arrayaneswald, der nur auf einer Art Holzsteg betreten werden darf. Wir picknicken und pausieren ein bißchen am Seeufer, bevor es zurückgeht. Mittlerweile haben sich weitere Hunde eingefunden, die eine Begleitung für den Rückweg suchen.
ein Exemplar in voller Pracht
Der Hintern tut schon weh und der Rückweg zieht sich, trotzdem schaffen wir es in kürzerer Zeit. Am Ende geben wir Hund und Räder wieder ab und ziehen im Auto weiter Richtung Bariloche, einmal um den halben See herum. Das Skigebiet über Bariloche scheint jetzt im Sommer mehr Schnee zu haben, als im August, als wir vergeblich zum Skifahren hier waren.
Lago Nahuel Huapi Blick auf Villa La Angostura
Wir steuern wieder den Campingplatz Petunia an. Diesmal sind wir bei weitem nicht die einzigen, es gibt sogar Wohnmobile aus Brasilien, der Schweiz und Holland. Als wir gerade grillen trifft ein englischer Pseudo-Abenteurer-Bus ein: ein hochgelegter LKW mit Allrad und Panoramafenstern, aber soweit geht das Abenteuer dann doch nicht, dass man zelten würde. Die Reisegruppe bevorzugt die Zimmer im Dormis. Der langhaarige Reiseleiter fackelt beim Grillanzünden mit Benzin fast die Bäume der Umgebung ab und bekommt gleich Ärger vom Platzwart. Wir stellen später noch ein paar Tische quer, um die selbsternannten Abenteurer daran zu hindern, die Abkürzung zum Klo durch unser Vorzelt zu nehmen, dann gehen wir mit Ohrstöpseln schlafen.

Am nächsten Morgen klappere ich früh mit allen Autotüren, um mich lärmtechnisch wenigstens am Reiseleiter in seiner Hängematte zu rächen. Es scheint ihn aber nicht zu stören. In Bariloche versuchen wir am Vormittag einen Parkplatz und eine Panadería zu finden, was beides aussichtslos ist. Die Stadt ist touristisch überfüllt und verkehrstechnisch total überfordert. Zum Glück finden wir kurz vor Ortsausgang doch noch die ersehnte Panadería und decken uns für die Fahrt mit facturas ein (süße und salzige kleine Croissants und anderes Gebäck).
Nationalpark Nahuel Huapi
Die Straße der Sieben Seen führt südlich durch den großen Nationalpark Nahuel Huapi. Unter heute blauem Himmel, mit sattgrünen bewaldeten Bergen und blauen Seen ist sie eher untypisch für das westliche Argentinien, das wir bisher kennen. Wir picknicken mit Aussicht und sehen sogar einige deutsche und italienische Motorräder. Touristisch ist hier deutlich mehr los als in Chile. Das einzige, was die Urlaubsfreude etwas trübt ist die Gangschaltung unseres Jeeps, die seit wir ihn vor vier Tagen aus der Inspektion geholt haben, locker sitzt und wackelt wie ein Lämmerschwanz. In El Bolsón fragen wir an einer Tankstelle nach einem entprechenden Schraubenzieher und drehen sie etwas fest. 10 Kilometer weiter ist sie schon wieder lose. Hoffentlich haben wir sie irgendwo in der Einsamkeit nicht plötzlich ganz in der Hand.
In El Bolsón, einem kleinen touristischen Zentrum, aber viel hübscher als Bariloche, schlendern wir über den großen Artesanenmarkt und essen Himbeerwaffeln mit Himbeersaft. Es ist Beeren- und Kirschenzeit in Argentinien. Die Einwohner sehen alle aus wie aus den 70er übrig geblieben, tatsächlich war El Bolsón eine der wenigen Hippiekommunen in Argentinien. Nur ein paar Kilometer weiter südlich liegt Lago Puelo am gleichnamigen See und Nationalpark.
Zeltplatz Lago Puelo warten auf den Grill
Mittlerweile ist die Kaltfront der Antarktis verschwunden und es ist sommerlich heiß. Wir quartieren uns auf dem teureren der beiden See-Campingplätze ein, in der Hoffnung, so vor der Welle der Rucksacktouristen unsere Ruhe zu haben. Sobald wir uns installiert haben, geht es noch einmal zurück nach El Bolsón um die Vorräte aufzufüllen und eine Angellizenz für Markus zu erstehen. Dies allerdings stellt sich aufgrund unwissender Schüler, die zum Dienst in der Touristeninformation abgestellt wurden, sowie einem desinteressierten, nur telefonisch erreichbaren Chef als endlose Odyssee heraus. Nach einer knappen Stunde ist Markus schon völlig genervt.
der Lago Puelo am Nachmittag... ...und am Abend
Die Lizenz, der nur noch der Stempel vom Chef fehlt, hatte er schon in den Händen, aber obwohl man an einer Lizenz für Ausländer wirklich Geld verdienen würde, ist niemand in der Lage, so kurz vor Weihnachten eine Entscheidung zu treffen, sodass wir schließlich mit leeren Händen wieder gehen. Zum Trost grillen wir und bewundern die weihnachtlichen Lichtorgeln am gegenüberliegenden Zelt.

Gestern abend haben wir gemerkt, dass wir in der falschen Zeit leben. Anscheinend stellen die Argentinien die Sommerzeit nicht um, sodass wir in den letzten Tagen immer eine Stunde zu früh dran waren. Jetzt können wir es also ruhiger angehen lassen, außerdem haben wir ja Urlaub. Wir packen die Rucksäcke, da wir von Heiligabend auf den 1. Feiertag eine Grenzwanderung nach Chile machen wollen. Nach langer Diskussion mit der Schrankenbewacherin, ob wir das Auto solange auf dem Campingplatz parken können (auch hier ist niemand in der Lage ohne den Chef solch weitreichende Entscheidungen zu treffen, und das bei einer Platzauslastung von etwa 2%)machen wir uns endlich auf den Weg.
jetzt geht's zu Fuß nach Chile Wanderweg im NP Lago Puelo
In der Parkinfo erfahren wir, dass der Río Azul wegen Hochwassers nicht zu queren ist und befürchten schon das Ende der Wanderung, aber es gibt ein kleines Motorboot, mit dem wir über den See bis hinter die Mündung gebracht werden. Wir werden am Polizeianleger abgesetzt und ziehen los. Der Fußweg ist überraschenderweise durchgehend markiert und läuft durch den naturbelassenen Urwald des Nationalparks. Wir kommen uns vor wie auf Schmuggler's Pfaden und treffen bis zur Gendarmería Nacional auf keinen Menschen.
wackelige Brücke da warten die Gendarmen
Das muss einer der schönstgelegenen Arbeitsplätze für argentinische Grenzpolizisten sein! Blick auf den See, nur per Boot, zu Fuß oder zu Pferd erreichbar, und nur im Sommer ein bißchen zu tun. Es ist so wenig los hier, dass der Grenzer uns erstmal nach dem Datum für seinen Stempel fragt. Nach einem Picknick in Grenzer's Garten laufen wir weiter.
und noch eine Brücke fast schon an der Grenze
Es geht immer durch dichten Wald, über uns rauscht der Wind durch die Bäume, wir queren einige Flüsse auf teils abenteuerlichen Brücken, schleppen die Rucksäcke hügelauf und hügelab, und laufen immer am See entlang, bis wir mitten im tiefen Wald auf die mit zwei Schildern markierte Grenze stoßen. Ab hier sind es noch 7 km bis zum Ziel, aber der Weg zieht sich. Immerhin ist die Gesamtstrecke etwa 19,5 km lang.
Geschafft! kurz hinter der Grenze
Auf chilenischer Seite plündern wir erstmal einen einsamen Kirschbaum, dann geht es bergauf und bergab immer weiter, wir treffen immer noch keine Menschenseele. Irgendwann erkennt man die ersten Häuser am Ende des Sees, aber es dämmert schon fast, als wir endlich die chilenische Grenzstation ereichen. Markus schleppt auf den letzten Metern sogar noch meinen Rucksack, da mir die Kräfte schwinden. Ich falle im Garten auf die Bank und erkläre dem Carabinero, ich könnte keinen Schritt mehr laufen und man hätte uns gesagt, wir könnten vor seinem Haus zelten.
Bachquerung auf glitschigem Baumstamm das Ziel: die Carabinero-Station
Er hält uns einen Vortrag, wie fit er in seinem Alter immer noch sei, auch mit schwerem Gepäck, aber wir dürfen trotzdem direkt auf dem Hubschrauberlandeplatz unser Zelt aufschlagen. Als wir installiert sind, läuft noch ein Franzose ein, der ebenfalls hier übernachtet, und mit dem wir noch den Rest des Abends vor dem Zelt sitzen. Da es hier noch keine Straßen und damit keine Autos gibt verbringen wir eine selten ruhige Nacht.

Früh am Morgen zwingt mich ein akutes Verdauungsproblem aus dem Zelt und in die Büsche. Völlig unerklärlich hat es mich diesmal voll erwischt und Markus, der genau das gleiche gegessen und getrunken hat, hat keinerlei Probleme. Bis zum Vormittag habe ich mehrere Gänge hinter mir und liege nur noch schlapp im Zelt, während Markus mich zwangsernährt. So vergeht der Tag, bis wir uns am späten Nachmittag doch noch aufraffen, es hilft nichts, wir kommen ja nicht anders wieder zurück.
Rückweg immer die Seen entlang der hintere See liegt schon in Argentinien
Die Tabletten, die der wohlmeinende Carabinero uns angeboten hat, waren schon 2004 abgelaufen, und ich hätte sowieso lieber eine Toilette zur Verfügung gestellt bekommen. Markus packt alles schwere in seinen Rucksack, aber ich komme trotzdem kaum vom Fleck. Wir schaffen es bis zu einem kleinen Zeltplatz mit Bootsanleger, nur eine Stunde entfernt. In der Hoffnung auf ein Boot legen wir uns in den Schatten und schlafen sofort ein. Als wir am frühen Abend wach werden höre ich in der Ferne einen Motor: Markus rennt zum Steg und wedelt mit den Armen, und tatsächlich, das Boot hält an und der Fahrer erklärt sich bereit, uns gegen eine Gebühr zum anderen Ende des Sees zu bringen. Ich hätte auch das dreifache gezahlt, so froh bin ich, nicht mehr laufen zu müssen.
Pause im Schatten lauschiges Plätzchen an den Stromschnellen
Er setzt uns neben den Stromschnellen ab, die den argentinischen mit dem chilenischen See verbinden, und wir schlagen kurzerhand unser Zelt ganz malerisch direkt am Ufer auf. Hier findet uns jedenfalls niemand. Die Stimmung steigt und zum Glück haben wir auch noch eine Extraration Essen dabei. Als die Sonne untergeht gehen auch wir ins Bett und schlafen wie die Steine.

Am nächsten Morgen bin ich wieder einigermaßen fit. Jedenfalls schlafe ich nicht mehr ein, sobald ich mich setze oder hinlege. Wir liegen noch eine Weile faul herum um schauen den Stromschnellen zu, dann packen wir und suchen den Weg, der hier in der Nähe vorbeiführen soll. Wir haben nur ein paar Meter Luftlinie von der Grenze entfernt gezeltet, wie wir feststellen, als wir die rostigen Markierungen finden.
Ann in Chile Markus schon in Argentinien
Nach gut zwei Stunden, vorgestern waren wir deutlich schneller, erreichen wir endlich wieder die Gendarmería Nacional und reisen nach Argentinien ein. Angesichts der Menge der Stempel in unseren Pässen erwarten wir fast schon ein "also entscheidet euch mal: rein oder raus!", aber wie immer geht die Einreise problemlos. Die Gendarmen rufen uns per Funk ein weiteres Boot, das uns die letzten beiden Stunden Wegstrecke erspart, und bald schaukeln wir schon auf dem See zurück zum Campingplatz.
NP Lago Puelo Picknick am Grenzfluss
Unser Auto ist noch da, und da uns als "Tagescamper" die Duschen verwehrt sind (hier unten sind die Argentinier wirklich ein bißchen unflexibel) steigen wir eben durchgeschwitzt wie die Waldschrate ins Auto und machen uns auf den Weg nach Chile. Die Straße ist aber deutlich länger als unser Fußweg, da sie sich im Süden um zwei Nationalparks herumschlängelt und wir erst am frühen Abend Trevelín erreichen, dem letzten Ort vor der Grenze.
mitten im Wald
Zwei Polizisten, die wir nach dem Abzweig fragen, erklären, die Grenze mache um 20 Uhr zu und wir würden das sowieso nicht mehr schaffen. Das sehen wir anders. Nur der Schalthebel kann uns noch einen Strich durch die Rechnung machen! Wir rauschen den Schotter entlang, überholen einige andere, die das gleiche Ziel haben und bremsen in einer Staubwolke 10 Minuten vor Toresschluß am Schlagbaum. Hier wartet allerdings eine 50m lange Schlange von Leuten, die ebenfalls heute noch ausreisen wollen. Der vom verpaßten Feierabend leicht genervte Grenzer winkt Markus im Auto durch die Schranke, dann rasselt sie endgültig herunter.
aussagekräftiges, patagonisches Verkehrsschild wieder auf der Ruta 40
Nach einer ganzen Weile, wegen einer israelischen Trampergruppe, deren Namen ziemlich kompliziert zu buchstabieren waren, haben wir die Ausreise geschafft und hoffen, dass auch die Chilenen noch geöffnet haben, sonst bleibt uns nur eine Nacht im Niemandsland. Die Chilenen sind deutlich genervter und unorganisierter, aber auch das schaffen wir irgendwann. Markus leiert draußen dem SAG Mann die Liste der Stoffe herunter, die wir alle nicht im Auto haben und der begnügt sich mit einem kurzen Blick in den Kofferraum. Dann fahren wir nach Futaleufú - Carretera Austral, wir kommen! Futaleufú ist ein kleines Örtchen, das noch etwas vulkanaschegeschädigt ist, vom Ausbruch des Vulkans Chaitén im Mai 2008. Überall liegt noch Asche am Straßenrand. Wir folgen der Turistel Empfehlung für das beste Essen und landen im teuersten Hotel am Platz. Dafür haben wir das sicher luxuriöseste Bad Südchiles für uns, und ein gemütliches Zimmer mit soviel Holz wie in einem eigenen Wald.
Futaleufú Futaleufú 2
Nach drei Tagen durchgeschwitzen Wanderklamotten und -hygiene, lassen wir uns aber vom Preis nicht schrecken. Im Restaurant sind wir außer einem australischen Radwanderer (der sich wohl auch mal eine Abwechslung zum Zelt gönnte) und einer zwölfköpfigen brasilianischen "Toyotero"-Gruppe (sechs Erwachsene und sechs Kinder auf Patagonienrundfahrt in drei alten Toyota Geländewagen) die einzigen Gäste und bekommen Rinderschnitzel mit den besten Pommes in ganz Patagonien, Himbeersaft und Salat aus dem eigenen Garten, dessen Blätter so groß sind, dass wir von 4 Blatt schon satt sind. Da heute immer noch Weihnachten ist, haben wir uns das verdient. Als Markus abends im Bett sogar drahtlos im Internet surfen kann (und das mitten im patagonischen Nichts) hat er den Zimmerpreis schon fast vergessen.

Per Skype telefonieren wir die etwas verspäteten Weihnachtsgrüße über den Atlantik und gehen dann zum Frühstück. Draußen verabschieden sich die Brasilianer unter viel Lärm und Gruppenfotos mit den Toyotas und dem Hotelbesitzer. Der Australier ist sichtlich überfordert mit dem Lärm und den Abgasen und schließt mehrfach die Tür. Als Brasilianer ist man aber auch nicht gewohnt, Benzin zu sparen. Nach dem Frühstück befragen wir den Hausherrn zum Thema Vulkanausbruch und er zeigt uns Fotos, wie die Asche draußen vor der Tür einen halben Meter hoch lag, bis es schließlich auch noch schneite und im Anschluss daran ewig dauerte, die Straßen und Wege befahrbar zu machen.
tote Bäume im Ascheschlamm Kinderspielplatz in Chaitén
Zum Glück hat der Regen, der hier Dauergast ist, nach über einem halben Jahr das meiste weggespült. Wir machen uns also auf den Weg nach Chaitén, denn Markus kann sich nicht entgehen lassen, diese Geisterstadt zu besichtigen. Vorher versuchen wir in Futaleufú noch Lebensmittel zu kaufen, aber das Dosensortiment der Läden ist äußerst überschaubar. Im einzigen Gemüseladen ist das komplette Angebot vom Schimmel befallen, wird aber trotzdem zum vollen Preis verkauft. Mit ein paar Rationen Spaghetti mit Tomatensauce, Bargeld aus dem einzigen Geldautomaten der nördlichen Carretera Austral und einigermaßen vollem Tank geht es los. Kurz vor Chaitén beginnt eine geteerte Straße, die sich durchaus mit einer kleineren Flughafenlandebahn messen kann.
halbverschüttete Häuser Schlamm und Asche bis über den Gartenzaun
Wir passieren die Polizeistation und dürfen tatsächlich nach Chaitén hinein. Die Regierung wollte die Stadt komplett sperren, aber viele Leute wußten nicht, wohin und sind trotzdem zurückgekehrt. Bis kurz vor Chaitén sieht man nur die dicken Ascheschichten am Ufer der Flüsse und seltsam graue Bäume an den Berghängen. Als wir um die letzte Kurve biegen und den Fluß queren, erkennt man aber gleich, warem Chaitén eigentlich unbewohnbar ist: überall dicke Ascheschichten, halb im Schlamm vergrabene Häuser, einige von den Schlammmassen des Flusses unterspülte und weggerissene Häuser und allgemeiner Verfall.
ein trostloses Bild verlassen seit Mai 2008
Einige Autos sind bis zu dem Fenstern in der Asche vergraben, am Kinderspielplatz ragen nur noch die Spitzen der Geräte heraus und beim rangieren bleiben wir mit der Dachbox fast in der Stromleitung hängen, da die feste Ascheschicht auf der wir fahren, so hoch ist. Es ist ziemlich gespenstisch. Als Markus aussteigen will, bleibe ich lieber im Auto und lasse den Motor laufen. Der Hotelbesitzer sagte, sobald der Chaitén wieder spuckt, werden die Pyroklasten innerhalb von wenigen Minuten bis in den Ort geschleudert und der Chaitén hat seit seinem Ausbruch vor einem dreiviertel Jahr immer noch Alarmstufe Rot.
unterspülte Häuser begrabener Friedhof
Es passiert aber nichts, leider sehen wir aufgrund von tiefhängenden Wolken den Vulkan auch gar nicht. Also kehren wir um und fahren die Carretera Austral ein Stück nach Süden bis zum Abzweig der Termas Amarillas. Hier gibt es mehrere Becken mit heißen Thermalwasser (dank des Vulkans) in denen man sich unter freiem Himmel einweichen kann. Nach dem Bad treffen wir auf dem Parkplatz ein deutsches Rentnerpaar im zum Wohnmobil umgebauten Toyota, und unterhalten uns noch eine ganze Weile.
Carretera Austral Camping mit Windschutz und Kamin
Die Nacht verbringen wir auf einem windgeplagten Campingplatz am See, an dem jeder Stellplatz seinen eigenen hölzernen Unterstand und Windschutz mit Tisch, Bank, Feuerstelle und reichlich Holz hat. Leider funktioniert der Kamin nicht mehr allzu gut, sodass wir ziemlich eingeräuchert werden. Es beginnt zu nieseln und wir verschwinden beim Dunkelwerden ins Zelt.

Im Laufe des Morgens bessert sich das Wetter und es regnet nicht mehr. Sobald wir das Zelt getrocknet haben, fahren wir weiter bis zu unserem ersten Ziel: den Wanderweg zum Ventisquero Yelcho. Ein 3 km langer, schmaler Pfad windet sich durch dichten Urwald, riesige Rhabarberblätter, unter dichten Fuchsienbüschen hindurch und durch regelrechte Pflanzentunnel.
Markus im Urwald die Nalcapflanze - ein Riesenrhabarber
Zeitweise ist der kalte Regenwald so dicht, dass man es keinen Meter weg vom Pfad ins Gebüsch schaffen würde. Wir finden sogar schwarze Johannisbeeren, die allerdings noch ein bißchen Sonne brauchen. Nach einer guten Stunde erreichen wir einen Aussichtspunkt zum Gletscher, der bis auf wenige hundert Meter Meereshöhe hinunterreicht. Hier gibt es kein Weiterkommen, es sei denn man quert den rauschenden Fluß oder ein undurchdringliches Rhabarberpflanzendickicht.
überall Blumen Grün in allen Schattierungen
Leider hat die Teestube unten am Parkplatz noch geschlossen, so fahren wir weiter nach La Junta, wo es sogar eine Tankstelle geben soll. Hier tankt man lieber bei jeder Gelegenheit, um keine bösen Überraschungen zu erleben. Aber auch die Carretera Austral ist schon sehr zivilisiert, in La Junta wird gerade die eine rostige Zapfsäule, an der man noch rückwärts einparken muß, durch eine moderne Copec-Tankstelle ersetzt.
ab durchs Gebüsch der Ventisquero Yelcho
In La Junta pilgern wir durch die 3 Lebensmittelläden, in denen jeweils das gleiche trostlose Dosensortiment und nackte, unverpackte Hühnerschenkel in einer Eistruhe zu finden sind. Im letzten Laden finden wir aber sogar ein paar Tomaten, eine Gurke und ein paar Grillwürste. Wir fragen noch die Carabineros nach dem nächsten Pass nach Argentinien. Zum Glück, denn der von uns anvisierte ist nur im Januar und Februar befahrbar, momenten steht das Wasser eines Flusses noch so hoch, dass die Chance, mit samt Auto abgetrieben zu werden, recht groß ist. Zudem fehlt uns der Schnorchel für den Jeep, um kein Wasser anzusaugen.
der kalte Regenwald Tanken in La Junta
Also geht es weiter nach Süden, immer über die schmale Schotterstraße, die rechts und links von dichtem Urwald in allen Grüntönen gesäumt ist. Aber auch hier hält der Fortschritt Einzug: an vielen Stellen wird gesprengt und die Straße für die Verbreiterung vorbereitet. Bald sucht man hier vergeblich ein bißchen Abenteuer. Puerto Puyuhuapi, die nächste Station, ist kleiner und wartet noch auf den sommerlichen Touristenstrom. Hier hat ziemlich viel noch geschlossen und so fahren wir eine Runde durch das Örtchen und dann weiter zum Campingplatz im Nationalpark Queulat. Auf dem Weg dahin entdecken wir im Fjord eine große Gruppe schwarzer Flossen, die immer wieder auftauchen: Delfine! Wer rechnet schon damit??? Kurz darauf biegen wir in den Nationalpark Queulat ab, melden uns beim Guardaparque und bekommen einen luxuriös großen Platz mit Grillhäuschen und einer Armvoll Feuerholz zugwiesen. Wir laufen noch schnell zum Aussichtspunkt, da der hängende Gletscher gerade nicht von Wolken verdeckt wird.
der hängende Gletscher... ...im NP Queulat
Dann grillen wir unsere Würste, dazu gibt es Kartoffelpüree aus dem kulinarischen Angebot Futaleufús, und sitzen noch eine Weile am Feuer. Damit wir morgen das Zelt nicht wieder solange trocken müssen, schlafen heute lieber im Auto.

Da es so ruhig war und nicht richtig hell wurde, verschlafen wir bis fast halb 10 und müssen uns beeilen, unter die Dusche zu kommen, bevor um 10 das heiße Wasser wieder ausgeschaltet wird. Schließlich konnten wir gestern schon aus Heißwassermangel nicht duschen. Bis wir gefrühstückt haben und abmarschbereit sind, ist es fast mittag.
unser Nachtquartier
Dann laufen wir trotz dichter Bewölkung den Wanderweg zum Aussichtspunkt weiter oben am hängenden Gletscher. Wieder geht es durch dichten, tropfenden Urwald in allen Grüntönen. Solcher Wald ist einfach einzigartig und tröstet auch über die mal wieder steilen Anstiege hinweg. Als wir endlich oben ankommen, hüllt sich der Gletscher in Wolken. Mal verziehen sich die unteren Schichten und geben ein Stück frei, mal die oberen, aber das Gesamtbild ist heute nicht zu sehen.
ob das hält? Markus teste zuerst
Wir warten noch eine Weile und steigen dann wieder ab, schließlich müssen wir noch weiter. Wir begegnen noch einer Profireisegruppe in einheitlicher Regenkleidung und Satellitentelefon. Statt der Technik hätten sie aber lieber etwas mehr Kondition mitgebracht, denn die Hälfte kehrt noch vor erreichen des Aussichtspunkts um.
Riesenfarne und wieder Urwald
Als nächstes müssen wir die kurvige Passstraße des Parks überwinden, es geht von Null auf 500 Höhenmeter und hinten wieder runter. Leider nieselt es, so dass wir nicht so viel Sicht haben. Dafür treffen wir auf einige Fahrradreisende, die mit dem rutschigen Schotter, dem Regen, der Kälte und sich selbst zu kämpfen haben, und sind froh, trocken im Auto zu sitzen.
Wolken am hängenden Gletscher Laguna de los Témpanos
Der Turistel preist das nächste Stück Strecke als Wunder der chilenischen Straßenbaukunst an, eine Brücke wurde auf langen Stelzen um ein steil aufragendes Stück Felswand gebaut. Als wir es erreichen ist leider ein Stück davon weggerissen, sodass wir uns neben der Baukunst auf dem alten Stück Weg am Fels vorbeischieben müssen. Hier muss es nur mal ein paar Wochen kräftig regnen, dann gibt jedes Stück Straße auf.
Ansichten der Carretera Austral Wolken, Wald und Schotter
Als wir am Abend das Örtchen Villa Mañihuales erreichen, spürt man die Nähe zur "Hauptstadt der Region" Coihaique, denn die Läden sind wieder besser sortiert. Wir kaufen Gemüse und dicke Mettwürste und steuern dann die Reserva Forestal an, die im Ort liegt und eine Campmöglichkeit bietet. Hier werden die eingeführten Lärchen geschützt, ein seltenes Bild, und warum sie hier geschützt und nebenan im Sägewerk verarbeitet werden, finden wir nicht heraus.
hier fehlt ein Stück Straße die Carretera - ein Werk Pinochets
Das Klo und die Dusche müssen wir uns mit den Sägewerkangestellten teilen, weswegen wir davon so wenig wie möglich Gebrauch machen. Beim Gemüseeintopf mit Wurst müssen wir uns und das Essen gegen zwei hungrige Katzen verteidigen, aber wir sind hart und geben fast nichts ab.

Wir wachen kurz vor dem einsetzen der Kreissägen auf. Heute ist blauer Himmel, also beeilen wir uns, loszukommen. So kurz vor Coihaique sieht man keinen Urwald mehr, das meiste ist abgeholzt und überall sieht man einzelne Höfe und Häuser. Sogar die Straße ist wieder geteert und gut ausgebaut. Ein kleiner Abstecher führt uns nach Puerto Aisén, das seinen ehemaligen Hafen wegen der Bodenerosion nach jahrelanger Brandrodung eingebüßt hat.
neue Aussichten kurz vor Coihaique der Wald ist auf dem Rückzug
Coihaique ist nach all der Einsamkeit der letzten Tage ein wahres Highlight an Stadtleben und es ist richtig viel los, sodass wir lange einen Parkplatz suchen müssen. Zuerst hat die Suche nach Gaskartuschen für den Kocher Vorrang, denn unsere Gasvorräte sind schon so gut wie aufgebraucht und in sämtlichen Orten, die wir passiert haben, wurden keine verkauft. Das wäre noch eine echte Marktlücke hier unten.
die Ebene von Coihaique in Richtung Grenze
Nachdem die beiden Outdoorläden des Orts zwar Kocher verkaufen, aber kein Gas, werden wir glücklicherweise in einem Schuhladen mit Angel-, Musik-, Delikatessen- und Campingecke fündig. Anschließend gehen wir essen, in einem richtigen Touristenladen, in dem sich die ganzen deutschen Katamaran-Touristen treffen, die die Fahrt zur Laguna San Rafael machen. Wir nehmen nachher noch zwei Stück Kuchen für den Nachmittag mit, kaufen im großen Supermarkt ein, der fast keine Wünsche offen läßt, und verlassen Coihaique Richtung Argentinien. Schließlich müssen wir ja die ganze Strecke auch wieder zurück fahren.
einsame Landschaft seltsame Hügel
In Richtung Pass nehmen wir einen im Reiseführer unbeschriebenen Abzweig und sind die nächsten 30 Kilometer unsicher, auf der richtigen Straße zu sein. Zwei zahnlose Holztransporteure bestätigen aber, dass es hier nach Argentinien geht. Vom Regenwald der letzten Tage ist hier nichts mehr zu sehen, im Gegenteil, es herrscht eher flache, trockene Pampa vor. Wir scheinen die einzigen zu sein, die unterwegs sind und hoffen, dass es an diesem winzigen Grenzübertritt tatsächlich eine Policia Internacional gibt.
mitten in der Pampa die Polizeistation
Unser mit Kies gefüllter Feldweg wird zunehmend schlechter, wir daher immer langsamer, aber schließlich sehen wie die einsame Polizeistation in der Ferne. Die Carabineros sehen nicht aus, als hätten sie viel zu tun und füllen sogar zu zweit und ganz akribisch alle erforderlichen Papiere selber aus, welch ein Service. Nachdem der Stempel akkurat in den Pass gedrückt wurde, wird uns feierlich die altmodische Schranke geöffnet und zum Abschied zugewunken, und wir rattern weiter den Feldweg entlang bis zu einem einfachen Viehgitter im Boden, das die Grenze darstellt.
Schrankenöffnung ein Viehgitter als Grenze
Auf der anderen Seite ein ähnliches Bild: ein einsames Häuschen, im sturmgeplagten Patagonien, und darin drei Gendarmen, die die vereinzelten Touristen abfertigen. Der weitere Weg wird immer schlechter, zudem sind sich Karte und GPS nicht einig, auf welcher Straße wir uns eigentlich befinden, dabei gibt es hier wirklich nicht viel Auswahl. Die Kiesschicht wird immer dicker und die Spurrinnen tiefer. Der Kies ist so unvorteilhaft aufgeschaufelt zwischen den Furchen der Reifen, dass wir mit dem Unterboden des Jeep ständig lautstark die oberste Schicht abtragen. Selbst im Schleichgang knallen immer wieder dicke Steine gegen das Auto und einige Male steigen wir aus, um zu schauen, ob es schon Dellen und Löcher in wichtigen Teilen gibt. Hier bräuchte man einen LKW.
patagonische Einsamkeit Flamingos
Der erste Ort auf argentinischer Seite ist so gottverlassen und trostlos, dass wir doch lieber weiterfahren, obwohl es schon dunkel ist. Gegen Mitternacht schaffen wir es, Esquel zu erreichen, wo wir an einer Petrobras-Tankstelle zwischen den LKW parken und hinten im Auto sofort einschlafen. Die Ruhe dauert allerdings nicht lange, gegen 3 Uhr weckt uns Lärm, und als wir durch die Vorhänge schauen, sehen wir einen LKW mit Hänger, der gerade von etwa 8 Leuten an eine aus einem sandigen Abhang improvisierte Laderampe rangiert wird, woraufhin mit vereinten Kräften ein mit Hausrat überladener Pick up und ein Kleinwagen auf den Hänger geladen werden. Das ganze passiert etwa 2 Meter neben uns. Aufrgund der Uhrzeit denke ich sofort an illegale Schmuggelbanden, aber es scheint sich nur um einen Umzug zu handeln. Nach einer halben Stunde ist alles vorbei und wir schlafen weiter.
die Flamingo-Laguna
Als wir aufstehen ist es schon lange hell, und ich organisere im Café der Petrobras ein opulentes Frühstück mit richtig gutem Kaffee. Es dauerte länger als geplant, weil erst die gesamte Verwandtschaft des Tankwarts anläßlich Silvester begrüßt und mit Kaffee und Medialunas versorgt werden mußte. Der Tag heute wird eher unspektakulär, denn wir fahren eine lange Strecke bis nach San Martín de los Andes. Das einzige Highlight, ein Museum, hat zum Jahresende leider geschlossen. Die Landschaft ändert sich schnell von hügeliger baumloser Pampa zu den waldigen Bergen rund um Bariloche. Zum Glück haben wir unser Hörbuch, damit wird auch die längste Strecke erträglich.
nur eine Staubwolke als Gesellschaft in Richtung Bariloche
Am späten Nachmittag fahren wir in San Martín ein und finden gleich ein Zimmer im gleichen Hotel wie schon im August, und werden sogar wieder erkannt. Nach der nötigen Dusche müssen wir losziehen, um uns ein Restaurant für den heutigen Silvesterabend zu organisieren. Die wenigen, die geöffnet haben, bieten nur Menü, und das zu saftigen Preisen. Wir werden aber in einem Fondue-Restaurant fündig und buchen uns ein. Wir faulenzen noch eine Weile wohlverdient im Zimmer und schauen Deutsche Welle, bevor wir nach 21 Uhr zum Essen aufbrechen.
typische argentinische Ansichten luftiger Transport
Neben uns am Tisch sitzt auch ein deutsches Pärchen, und typisch, wir sind natürlich die einzigen, die es bis Mitternacht schaffen, mit dem Essen auch tatsächlich fertig zu sein. Die Einheimischen trudeln teilweise erst gegen 22.30 Uhr zum Essen ein. Nach einer riesigen Vorspeisenplatte sind wir eigentlich schon satt, dann folgt das Fleischfondue mit 12 verschiedenen Soßen. Nach Mitternacht und dem obligatorischen Anstoßen, gehen wir bald zurück ins Hotel. Feuerwerk ist hier eher unbekannt, nur ein paar verirrte Böller sind zu hören.
Choripan = Grillwurst mit Brot NP Nahuel Huapi
Nach dem guten Frühstück, bei dem uns wie beim letzten Mal mindestens ein Rührei und zwei Pfannkuchen aufgezwungen werden, suchen wir mit dem Laptop in der Hand den besten Empfang, um die Neujahrsgrüße nach Deutschland zu telefonieren. In der Hotelhalle ist es zu laut, und draußen müssen wir uns in die Fensternischen quetschen, um noch ein bißchen Netz zu finden. Anschließend gehen wir voll und faul an den Seestrand. Wie üblich wird uns das nach einer halben Stunde langweilig und außerdem bläst ein ziemlich heißer Wind. Also bummeln wir durch die Stadt, in der natürlich alles geschlossen hat und überlegen uns schon mal, in welche Läden wir denn morgen gehen wollen. In einem der wenigen geöffneten Cafes, deren Bedienungen wegen des unerwarteten Ansturms leicht überfordert sind, essen wir ein Sandwich, lesen und schreiben unser Tagebuch nach. Zurück im Hotel faulenzen wir einfach vor uns hin und haben gar kein schlechtes Gewissen. Sonne haben wir ja in Santiago bald genug, da muss man heute gar nicht rausgehen. Abends gehen wir noch einmal gut essen, leider hat unser Lieblingsrestaurant heute noch geschlossen.
NP Nahuel Huapi Vulkan Lanín
Nach dem Frühstück und der Verabschiedung holen wir den Stadtbummel von gestern nach, da Markus die T-shirts schon 3 Tage vor Urlaubsende ausgegangen sind. Wir geben die letzten Pesos für das Picknick zu Mittag aus und verlassen anschließend San Martín. Leider hat der Paso Carirriñe noch immer geschlossen, er wird erst am Montag für die erwartete Reisewelle aus Chile geöffnet. Daher müssen wir den bereits bekannten Pass am Vulkan und Nationalpark Lanín nehmen, an dem wir auf der Heimfahrt im August so eingeschneit wurden. Unser Ehrgeiz, alle Andenpässe einmal zu fahren, hat disen Urlaub ein wenig Schlagseite erlitten und wir sind schon zwei im Rückstand.
im NP Lanín im NP Lanín
Dafür belohnt uns das Wetter heute mit beeindruckender Aussicht auf den Vulkan. Letztes Mal haben wir ihn wegen der Schneefälle überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. Wir picknicken im Araukarienwald und passieren dann problemlos die Grenze. Jetzt stehen uns noch fast 1000 Kilometer bis nach Hause bevor, also heißt es, Strecke machen. Wir halten nicht groß an, kaufen im bereits ferienüberfüllten Pucón nur kurz das nötigste ein und nehmen die Ruta 5 nach Norden. Es ist ungewöhnlich heiß, an den Tankstellen scheint der Boden zu glühen. Wir entschließen uns, im Nationalpark Nahuelbuta eine Nacht einzulegen, den wir aber erst im Dunkeln erreichen. Letztes Mal waren wir hier allein, diesmal ist der Campingplatz im "Bartwald" gut gefüllt, aber wir finden noch ein Plätzchen. Überraschenderweise zelten hier nur Familien und es ist ungewöhnlich ruhig, wir sind die einzigen, die so spät noch mit Töpfen und Pfannen klappern. Es gibt hier kein Licht, auch nicht in den rudimentären Toiletten, und nur kaltes Wasser, aber der Campingplatz ist einer der schönsten in Chile, die wir kennen. Aus den beiden entfernten Nachbarzelten dringt lautes Schnarchen herüber, aber das kann uns jetzt auch nicht mehr stören.
Camping im NP Nahuelbuta zwischen Bambus und Araukarien
Bis wir endlich gefrühstückt und gepackt haben, ist es mal wieder fast mittag. Markus ist noch aus einem anderen Grund hier. Letztes Mal haben ihn die alten, grob behauenen Zaunpfosten fasziniert, die hier zahlreich herumliegen und von denen er gerne einen ins Wohnzimmer stellen würde. Tatsächlich finden wir den wieder, der uns damals schon ins Auge fiel. Aber bei näherem Hinsehen ist es unmöglich, ihn ins Auto zu verfrachten, da er mindestens 2,50 lang ist. Auch aufs Dach können wir ihn nicht schnallen, da wir nicht genügend Spanngurte dabei haben. Also läßt er ihn schweren Herzens liegen, da müssen wir wohl noch einmal wiederkommen. Der Rest des Tages vergeht mit fahren. Gut 500 Kilometer sind es noch nach Hause. Es ist so heiß, dass man es ohne Klimaanlage nicht aushält. Bei den wenigen Pausen verbrennt man selbst im Schatten. Wir sind froh, als die Sonne endlich nachgibt und wir abends in Santiago eintreffen. Aber auch hier war es die letzten Tage schon so heiß, dass die Wohnung ziemlich aufgeheizt ist. Der Sommer ist wohl schon da.


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