Ein tierisches Wochenende

...von Chinchillas, Füchsen, Schafen und mehr.

30.06.-02.07.2007

Samstag

Achtung - die letzten Chinchillas!
San Pedro und San Pablo sei Dank - der 2. Juli ist ein Feiertag. Dieser wurde in Chile erst Anfang 2007 vom 4.06. auf den 2.07. verlegt, sodaß in vielen Kalendern der Feiertag falsch eingetragen ist. Entweder liegt es daran oder am Winter, der viele Chilenen zuhause hält, jedenfalls ist an diesem langen Wochenende nicht viel los.
Wir fahren Samstag morgen bei blauem Himmel Richtung Ruta 5, um kurz darauf in dichten Nebel einzutauchen. Wer hat sich das Wetter bloß ausgedacht? Die gesamte Fahrt über sehen wir kaum etwas, so verhangen ist die Sicht.
kurz vor der Wolke in der Wolke
In Pichicuy an der Küste machen wir einen Abstecher zum Strand. In diesem winzigen Fischerort geraten wir in eine Feiertagsprozession an der das gesamte Dorf teilzunehmen scheint. Alle Boote am Strand sind mit selbstgebastelten Papiergirlanden in den Nationalfarben geschmückt und wurden frisch gesegnet.
Strand von Pichicuy hier hört der Ort schon wieder auf
Wir laufen den Strand einmal auf und ab, an verfallenen Häuschen vorbei die immer noch bewohnt scheinen.
von Hand zusammengezimmerte Häuser Anbau aus Spanplatten
Weiter geht es die Panamericana entlang bis wir den Abzweig nach Illapel ins Landesinnere nehmen. Immer noch begleitet uns Nebel und von der Passstraße über die Küstenkordillere sehen wir leider nichts. Gleich dahinter reißt aber der Nebel auf und die Wettervorhersage hatte doch Recht: blauer Himmel und frühlingshafte Wärme empfangen uns! Allerdings hat es auch in den vergangenen Wochen ab und zu geregnet: die Landschaft erscheint nicht mehr im üblichen trockenen braun sondern ein fast unnatürlich wirkender grüner Teppich bedeckt die Hügel.
ungewöhnliches Grün
In Illapel kaufen wir bei einigen Artesaniaständen kurzentschlossen ein gegerbtes Ziegenfell (obwohl Markus meint es wäre ein Kuhfell), eine gestrickte Tasche aus Schafswolle und einen bemalten Tonpelikan. Einige Kilometer hinter dem Ort liegt dann unser Ziel: die Reserva Nacional Las Chinchillas. Als wir ankommen sind wir mal wieder die einzigen Besucher.
Bushaltestelle auf dem Land bestes Wetter und schnurgerade Straßen
Der Conaf-Mitarbeiter zeigt uns gleich das Nocturama, ein dunkler Raum mit sieben großen Schaukästen in denen die verschiedenen hier heimischen nachtaktiven Nager beobachtet werden können. Angeblich ist ihnen allen kalt, denn sie hocken neben- und übereinander gestapelt in Astgabeln und auf dem Boden. Die Chinchillas sind überraschend groß und scheinen fast nur aus dickem weichem Pelz zu bestehen. Kein Wunder, daß sie durch Pelzjäger fast völlig ausgerottet wurden. Heute gibt es nur noch ein oder zwei winzige Gebiete in denen sie überlebt haben, eines davon wird hier geschützt. In der Reserva gibt es einen Rundweg den wir laufen wollen. Vorher legt uns der Parkwächter noch seine Cabañas ans Herz aber wir bevorzugen das Auto zum schlafen. Markus fragt statt dessen, ob er wüßte wo man hier Schaffelle kaufen kann. Er verspricht sich umzuhören und wir verabreden, uns heute abend nochmal zu treffen.
immer wieder beeindruckende Stacheln der kleine hier tut aber nichts
Der Pfad führt entlang brauner stachliger Berghänge durch einen Teil der Reserva. Chinchillas sehen wir keine, dafür haben wir vom Aussichtspunkt Blick auf die Spitzen der verschneiten Anden. Danach überqueren wir eine wackelige, schwankende Hängebrücke über ein trockenes Bachbett, welches zum Glück sowieso nicht tief ist.
wackelige Konstruktion der Frühling kommt!
Kurz darauf beobachten wir ein paar Vögel, die scheinbar einzigen Bewohner hier, als uns ein lautes tiefes Brummen erschreckt. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich die vermeintliche Riesenhummel als Kolibri, der den Nachbarbaum umfliegt. Wir bleiben stehen und sehen zu, dann scheint uns der Kolibri ebenfalls zu bemerken und bleibt vor uns in der Luft stehen. Anscheinend sind wir interessant genug, daß er noch näherkommt - wir gucken uns schon ganz erschrocken an - und sich auf einen Ast in ca. 1 Meter Entfernung niederläßt. Nachdem wir uns gegenseitig ausgiebig beäugt haben, hebt er ab und brummt weiter zum nächsten Baum. Das aus der Hüfte geschossenen Foto ist leider nicht allzu scharf.
außer Vögeln nichts zu hören und zu sehen nichts als karge Hügel
Entschädigt für die Abwesenheit der Chinchillas machen wir uns auf dem Rückweg. Der Parkwächter trifft uns kurz darauf und wir fahren gemeinsam ins Dorf zu Bekannten von ihm, die ein Schaffell zu verkaufen haben. Nach ausgiebiger Verhandlung ersteht Markus zwei Felle in Originalschafsgröße (ich bewache derweil das Auto da wir von allen Nachbarn gleich als Auswärtige erkannt werden) und wir kaufen auf dem Rückweg mit dem nicht sehr kommunikativen aber umso freundlicheren Parkwächter noch Fleisch zum Grillen. Zum ersten Mal kaufen wir in einer der Fleischereien in die wir nie gehen wollten. Berge von Fleisch liegen gestapelt in der Theke, man müßte nur wissen was es ist… Wir nehmen 1 Kilo "Chancho", was wie marinierte Rippen aussieht und verdächtig günstig ist. Nachdem wir den Fellvermittler verabschiedet haben wirft Markus den Grill an, da es schnell dunkel wird. Das Chancho entpuppt sich als Ochsenschwanz, mehr Knorpel als Fleisch, ich überlasse Markus großzügig meinen Anteil. Wir sitzen in einer großen beleuchteten Grillhütte und der Fleischduft hat einen großen Fuchs angelockt. Er scheint die Grillhütte zu kennen, da er recht wohlgenährt und nicht sehr scheu ist. Markus und der Fuchs teilen sich den Rest der Grillage, dem Fuchs scheint es noch am besten zu schmecken.
Ochsenschwanz vom Grill zutraulicher Gast
Bevor wir aufgrund der Kälte bereits um 21 Uhr schlafen gehen, hängen wir noch die Felle an die Luft, das Auto riecht schon wie ein Schafstall.

Sonntag

Die Nacht verbringen wir ungestört auf dem Parkplatz und werden morgens erst wach als die Ranger schon bei der Arbeit sind. Als Rache der Schafe trage ich nach dieser Nacht 24 Stiche davon - da saß wohl noch ein Floh im Schafspelz! Wir dürfen uns das Nocturama noch einmal anschauen, einige der Bewohner sind jetzt aktiver als am Vorabend, aber wohl eher weil ihre Käfige gerade sauber gemacht werden. Die dicken Chinchillas sitzen auch nicht mehr aufeinander, es ist wohl wärmer als gestern.
Frühstück auf der Sonnenterrasse Blick über das Tal
Nach dem Frühstück in der Sonne und einer Kaltwasser-Notwäsche machen wir uns auf den Weg zur alten Passtraße, die früher (bis etwa 1950) die einzige Verbindung von hier nach Norden war, vor der Panamericana. Hier ist auch die schmalste Stelle Chiles: nur 80km trennen den Pazifik von der Grenze nach Argentinien. Dank einiger Wolkenfelder sehen wir das Meer leider nicht.
Panorama
Heute ist hier niemand mehr unterwegs außer ein paar Minenangestellten und uns. Auch hier führt die Straße wieder durch einige sozusagen geteerte Furten: mit weiß-grün-roten Pfosten ist ein abgesenktes Stück Straße markiert, daß sich ab und zu in ein Flussbett verwandelt. Ist die weiße Markierung zu sehen darf jeder durch, bei grün nur noch LKW und mutige Geländewagenfahrer und bei rot wird das Auto wohl gleich abgetrieben.
befestigte Furt Wasserstandsanzeiger
Die schlechte Straße schraubt sich die Berge entlang, rechts und links sehen wir einige wenige Hütten, überall Spuren der Minenarbeiter, und ein mitten in der Einsamkeit gelegenes Fußballfeld in einem top Zustand, allerdings haben die Erbauer die Wasserwaage wohl schief angelegt...
das einsamste Fußballfeld Chiles? Blick vom Pass
Wir fahren nur bis zum Pass, da sonst der Umweg zu groß werden würde. Dort picknicken wir mit tollem Blick auf verschneite Andengipfel in der Ferne und einer meckernden Ziegenherde um uns herum. Anschließend erkunden wir noch die Umgebung und finden den wohl schönsten Kugelkaktus Chiles der ungestört zwischen Felsen die Aussicht genießt.
der Größenvergleich... perfekt bewehrt und kugelrund
Auf dem Rückweg begegnen wir drei Eseln, von denen einer mich, als ich sie aus der Nähe fotografieren will, drohend anschnaubt. Den hat heute wohl auch ein Floh zuviel gebissen.
der Schnauber wachsames Grüppchen
In Illapel versuchen wir sonntags einzukaufen. Während ich Eier in einem Garagenverkauf erstehe und dem netten Verkäufer noch beim rechnen helfe, muß Markus einen völlig betrunkenen Chilenen abwehren der ihn durch das offene Fenster mit seiner Fahne zu betäuben versucht. Markus bleibt hart und läßt sich keine 100 Peso aus den Rippen leiern. Nach einer zweiten Fahrt über den gestern vernebelten Pass können wir diesmal die Aussicht genießen und sind erstaunt wie grün plötzlich die ganze Gegend ist. Was so ein bißchen Winterregen doch ausmacht! Hinter der Bergkette haben uns die Wolken wieder während im Tal aus dem wir kommen fast Sommer herrscht.
noch eine malerische Bushaltestelle der Schlafbaum der röhrenden Kormorane von Papudo
Unser zweites Nachtlager wollen wir in Papudo aufschlagen. Da es momentan bereits um 18 Uhr dunkel wird kann man beim "wild" campen gleich nach dem Essen im Auto verschwinden und schlafen. Daher spekulieren wir heute auf einen Restaurantbesuch. Papudo ist ein kleiner Badeort, der noch nicht völlig mit Einheitscondominios zugepflastert ist wie die anderen weiter südlich gelegenen, sondern noch ganz gemütlich wirkt. Wir parken an der Uferpromenade hinter dem Yachtclub und laufen ein Stück den Küstenpfad entlang. Da es schnell dunkel wird beschließen wir ein Restaurant zu suchen. Als wir wieder am Auto vorbeilaufen parkt neben uns ein VW Bus mit chilenischen Kennzeichen und eindeutig schwäbischen Aufklebern, einer davon wirbt sogar für Reutlingen! Ich bin schon ganz enthusiastisch und selbst Markus stimmt zu, einen Blick in die wenigen Strandrestaurants zu werfen ob wir die Besitzer ausfindig machen können. Wir sehen gleich mehrere Kandidaten; Markus meint daß die beiden garantiert auch heute Nacht dort am Ufer schlafen werden, also gehen wir erst einmal essen. In einem kleinen Restaurant machen wir es uns für die nächsten Stunden gemütlich, soweit das bei der Kälte möglich ist. Nur ein winziger Holzofen versucht tapfer, den großen hohen Raum zu heizen. Nach einem guten Essen wandern wir zurück zum Auto und sind ganz enttäuscht, daß der VW Bus nicht mehr da steht. Hätten wir doch mal einen Zettel an die Scheibe gehängt! Dafür beglückt uns nun die Gesellschaft von etwa dreißig röhrenden Kormoranen, die auf den umliegenden Bäumen ihren Schlafplatz eingenommen haben. Hoffentlich streiten die nicht die ganze Nacht so weiter! Statt der Kormorane stören uns aber nur einige Autos und Fußgänger, die mit Bierdosen ausgestattet an unserem Auto vorbei zum Wasser pilgern.

Montag

wellenreitende Pelikane
Ich wache gegen 6:30 auf, mittlerweile ist niemand außer uns mehr hier. Da es gerade so schön Tag wird über dem Meer, ist Markus auch schnell überzeugt aus dem Schlafsack zu kriechen. Wir schaffen es nach einem auf der Hafenmauer gekochten Kaffee und notdürftigem Zähneputzen (immerhin elektrisch) einmal wirklich früh loszukommen. Auf dem Weg aus dem Ort beobachten wir noch einige Pelikane beim morgendlichen wellenreiten vor dem Strand. Sie sehen wirklich aus als würden sie sich absichtlich von den herankommenden Wellen durchschaukeln lassen.
Nach einer Fahrt die Küstenstraße entlang sind wir schon gegen 10 Uhr im Parque La Campana wo wir noch einmal wandern wollen. Über der Landschaft hängt noch dicker Nebel und wir beschließen aus Wetter- und Zeitgründen doch nicht den Cerro La Campana zu besteigen sondern die Tour zum Wasserfall zu laufen. Wir kaufen noch kurz Wasser und Proviant, vor dem Park gibt es mehrere kleine Läden, die sogar schon offen haben. Als erste Besucher schrecken wir den Parkwächter aus dem Kontrollhäuschen und parken anschließend zwischen den Kakteen.
es wird schon alles wieder grün nur dieser stachelige Baum noch nicht
Der Nebel scheint sich zu lichten und erste Flecken blauen Himmels werden sichtbar. Wir laufen mit einer kleinen, völlig unmaßstabsgetreu gezeichneten Karte den ganz unchilenischen, weil breiten (und überhaupt vorhandenen) Wanderweg entlang. Der Wasserfall ist gute zwei Stunden entfernt, wir treffen mal wieder niemanden. Wir genießen es, mal schnell voran zu kommen und nebeneinander laufen zu können. Nach einigem Aufstieg sind wir am Wasserfall-Mirador und machen erst einmal Pause.
der Wasserfall
Es ist ziemlich warm geworden, vom mittlerweile blauen Himmel strahlt die Sonne, das ist die angenehme Seite des chilenischen Winters! Hier hatten wir bisher immer Glück, wenn man also von der Kälte in Santiago die Nase voll hat, kann man sich hier wieder aufwärmen. Da die Sonne den ganzen Tag genau in den Talkessel scheint, heizt es sich hier wohl besonders schnell auf.
Pause auf der Bank Erholung im Schatten
Nach ausgiebigem Fotografieren führt der Weg weiter bis zu einer stillgelegten Quarzmine, auf den letzten Metern kommen wir ganz schön ins Schwitzen. Markus wirft einen Blick in die recht große Mine, überall liegen riesige Brocken Quarz herum, jetzt wissen wir auch warum der Wanderweg so breit war: es ist die ehemalige Zufahrt für LKW und Zubringerbusse für die Arbeiter - der letzte liegt völlig verrostet ein Stück unterhalb im Gestrüpp. Ob er abgestürzt ist oder einfach nur schnell entsorgt wurde kommt hier wohl auf das gleiche heraus. Die Altlasten scheinen selbst im Nationalpark niemanden zu interessieren.
Nach einer letzten Pause im Schatten an einem kleinen Bach machen wir uns auf den Rückweg und sind in Rekordzeit wieder am Auto, ohne uns wie sonst den Weg über Felsbrocken und durch Gestrüpp bahnen zu müssen.
Palmen in Abendstimmung
Wir verlassen La Campana, kaufen noch kurz Obst, Gemüse und selbstgemachten Käse und Landbutter in einem Lädchen, die uns dort ans Herz gelegt werden, dann geht es auf nach Hause. Den restlichen Abend verbringen wir wohlverdient in der Badewanne und auf dem Sofa!
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