Valle de Cochamó

Oder: "Wir haben uns´ren Jeep ganz furchtbar lieb!"

30.04.2010-02.05.2010



Markus hat die Woche in Lima verbracht und ich mit Clara allein zu Haus. Obwohl, das stimmt nicht ganz: eine Nacht haben wir mit 3 Müttern und 4 Töchtern im Haus einer jener Mütter verbracht, was gepäcktechnisch fast so aufwendig war, wie unser folgender Ausflug in den Süden. Die (Ehe-)Männer waren alle unterwegs, 2 weilten unabhängig von einander in Lima und einer in San Pedro, also haben sich die grossen Mädels einen schönen Abend gemacht, nachdem die kleinen Mädels endlich alle friedlich im Bett waren.

Freitag morgen um 1 Uhr landet Markus wieder in Santiago und am gleichen Nachmittag geht es auch schon wieder zum Flughafen. Ich schleife Clara im Maxicosi, eine grosse Reisetasche, einen Rucksack, einen Koffer, die Wickeltasche und zwei Paar Wanderschuhe gesammelt zum Auto. Da man mütterlich-misstrauisch das Kind nicht einige Minuten allein im Auto zurücklassen kann, auch nicht auf dem hauseigenen Parkplatz, werden die Arme eben noch ein bisschen länger.
Wir holen Markus im Büro ab und fahren zum Flughafen. Unser Flug startet pünktlich nach Puerto Montt und sogleich stellen wir fest, dass wir einen grossen Fehler gemacht haben: Claras Schlafschaf liegt im aufgegebenen Gepäck, woraufhin sie sich eisern weigert, einzuschlafen und ihren ersten Flug ziemlich ungnädig hinnimmt.
In Puerto Montt empfängt uns der gewohnte Regen. Als wir eine Stunde später bei Vreni und Fossi eintreffen, ist es schon fast dunkel. Wir trotzen dem Wetter, indem wir ein paar Fische auf den Grill legen. Clara bezieht ihr Nachtlager zwischen Reisetasche und Umzugskartons und schläft sofort ein, wir anderen sitzen noch ein paar Stunden zwischen zwei Babyphonen im Wohnzimmer.


Am nächsten Morgen geht die Packerei von vorne los. Drei Kinder beanspruchen definitiv mehr Gepäckraum als vier Erwachsene. Fossi montiert die 3. grosse Alukiste auf die Ladefläche des Camper-Pickup, damit alles hinein passt. Markus und ich nehmen heute den betagten "Lautaro", eine 21-jährige Camioneta, deren beste Zeiten schon lange zurück liegen. Eigentlich kann sich niemand mehr daran erinnern. Löcher in den Kotflügeln, Moos auf dem Dach und ein im Gegensatz zur Karrosserie mehrfach zusammengeflickter Motor sollen uns die fast 100km nach Cochmó bringen. Aber immerhin besitzt sie zwei Sicherheitsgurte vorne, weshalb Clara auf den Beifahrersitz wandert und ich mich aufopfernd nach hinten setze. Aber bei unserer Maximalgeschwindigkeit von 80km/h (bergab) kann nicht viel passieren. Vreni erzählt fröhlich und stilldement, dass sie erst letzte Woche mit dem Lautaro auf dem Vulkan Osorno waren. Das stellt sich schon nach den ersten Kilometern als unmöglich und unrichtig heraus. Es war vor drei Wochen und auch nur in Puerto Varas. Wir nehmen zum Glück die beiden Babyphone mit, die auch als Funkgeräte mit 5km Reichweite dienen. Fossi weist Markus noch kurz in die Bedienung der nachträglich eingebauten manuellen Benzinpumpe ein, die jedes Mal betätigt werden muss, wenn der Vergaser nicht genügend Benzin zieht. ("Das passiert euch höchstens 1 oder 2 Mal!"). Anschliessend muss Lautaro noch mit allerlei Tricks und Geduld zum Starten überredet werden, dann geht´s auf ins Abenteuer.


Bereits ausserhalb des Stadtgebiets von Puerto Montt bleiben wir das erste Mal liegen, nachdem wir uns eine nicht nennenswerte Steigung im Ruckelgang hinauf gequält haben. Anhalten, rausspringen, Motorhaube auf, pumpen, zuklappen, anlassen, weiter geht´s. Diese sportliche Leistung muss Markus noch viele Male wiederholen ("auf langen Fahrten soll der Fahrer sich regelmässig bewegen und frische Luft tanken"). Kurz vor Ensenada, nach der etwa 25. Pumpung auf 70 Kilometern, beschliessen wir, den Wagen doch lieber auf dem Polizeiparkplatz stehen zu lassen, wenn wir heute noch ankommen wollen. Soviel frische Luft kann Markus sonst höchstens auf mehrtägigen Wanderungen geniessen. Gesagt getan, wir rollen mit erloschenem Motor ein und laden uns zum Rest der Expedition in das Begleitfahrzeug: Markus vorne, mit Claras Babyschale auf dem Schoss, Vreni, ich, Fabian und Fiona im Maxicosi hinten. Zum Glück haben wir nur noch 30km Schotter vor uns, die wir zwar kuschelig eng aber deutlich entspannter absolvieren. So wissen wir wenigstens einmal, wie sich die Chilenen fühlen, wenn sie sich als 8-10-köpfige Familie in das einzige Auto zwängen.


Am Parkplatz der Riverside Lodge tragen wir die Gepäckberge über eine schmale Hängebrücke über den Fluss und stapfen durch feuchte Wiesen ans Ziel. Die Lodge wurde ursprünglich von deutschen Besitzern aufgebaut, dann aber von einem nordamerikanisch-indischen Paar übernommen. Die herbstlich gelben Birken vor der Tür sind daher ein ungewohnter Anblick in Chile. Da der Sommer sehr kalt und nass war, ist die restliche Vegetation völlig verwirrt und blüht nun erst im Herbst, kurz vor offiziellem Winterbeginn. Blühende Bäume neben herbstlich gefärbtem Laub sehen recht bizarr aus.
 

Zur Freude aller bekommen wir gleich ein spätes Mittagessen im holzofengeheizten, offenen Quincho (Grillhütte) serviert, dann beziehen wir die Zimmer und erkunden noch etwas die Umgebung. Am Abend erwartet uns ein 3-Gang-Menü im winzigen, ebenfalls von einem bullernden Holzofen erwärmten Restaurant. Da alle müde sind und wir schliesslich Urlaub haben, gehen wir bald danach ins Bett. Vreni und Fossi müssen sich für die 3 Minuten Fussweg zur "Casita" erst einmal eine Lampe leihen: es ist stockfinster und man läuft über matschige Pferdeweiden.


Am nächsten Morgen regnet es ausgiebig. Nach einem opulenten Frühstück (nachdem wir gestern die doppelte Portion Mittagessen verdrückt haben, wurde die Menge wohl angepasst) wandern wir im sanften Nieselregen den Río Cochamó hinauf. Auf schmalen Pfaden erreicht man hier nach 18km einen Geheimtip unter Kletterern: in La Junta, wo es nur noch ein rustikales Refugio gibt, ragen steile Granitfelswände hoch in den Himmel. Kletterer verbringen hier in der Saison bis zu 3 Monate, immer in der Hoffnung auf trockenes Kletterwetter. La Junta erreicht man nur zu Pferd oder zu Fuss, in mindestens 5 Stunden Gehzeit. So weit wollen wir heute nicht, wir laufen gemütlich durch den leichten Niesel -wann gibt es das schliesslich schon in Santiago?- und treffen nur einen einsamen Arriero zu Pferd, der dem Regen unter seinem Wollponcho trotzt. Die einsame Flusslandschaft im Regen wirkt nach dem momentanen Wintersmog in Santiago wie eine Kur für Augen, Ohren und Lunge.


Auf dem Rückweg legt der Regen etwas zu und Teile des Wegs sind schon vom Fluss überflutet. Wir hangeln an Ästen über Böschungen, und Vreni, die mit den Gummistiefeln durch den Matsch stapft, bleibt stecken und verliert kurzzeitig einen Stiefel.
Zurück am Campo packen wir und machen uns auf den Rückweg. In Ensenada übernimmt Markus tapfer wieder den stotternden Moos-Blechhaufen und wir verabreden uns in Puerto Varas am Restaurant. Schon nach wenigen Kilometern überholen wir ihn, als er am Strassenrand entnervt pumpt. Kurz darauf müssen wir eine Stillpause einlegen und wegen der Enge im Wagen dauert das hin- und herreichen und sortieren der Kinder etwas länger. Vreni und ich können nur synchron in die gleiche Richtung stillen.  


Am Restaurant trifft Markus schon etwas entnervt ein und zur Belohnung stürzen wir uns in die opulente Auswahl an Fisch und Meeresgetier. Auf dem Heimweg, es bleiben nur noch etwa 40 Kilometer, fahren Markus, Clara und ich wieder zusammen, was auch gut ist, denn abgesehen von vielen Pumpstops im Dunkeln, verfahren wir uns kräftig. Die Strassen in diesem Neubaugebiet in Puerto Montt enden im Nichts und sehen alle gleich aus. Wir haben keine Ahnung wo wir sind und wie wir hier wieder raus kommen. Zu allem Überfluss gibt der Akku von Markus´ Handy den Geist auf, gerade als ich feststelle, dass diese Strassen noch gar nicht im GPS verzeichnet sind. Nach einer Ewigkeit finden wir wieder hinaus, stottern im Regen durch Puerto Montt und bleiben an der letzten langen Steigung noch dreimal liegen. Wir halten uns mit Lobliedern auf unseren Jeep bei Laune, aber irgendwann neigt sich selbst Markus bewunderswerte Geduld dem Ende zu. Am Tor des Condominios rufe ich bei den beiden an, um nach dem Eingangscode zu fragen, aber bevor wir dazu kommen, verabschiedet sich mein Handyguthaben. Zum Glück findet Fossi irgendwann sein Funkgerät und wir sind gerade noch in Reichweite. Endlich am Haus angekommen, parken wir direkt am Feuerholzhaufen - vielleicht springt ja mal ein Funken über...


Am nächsten Morgen holt uns das Taxi schon um 7.30 Uhr ab, da unser Flug um 9.10 startet. Wir treffen ziemlich knapp 50 min vor Abflug am Flughafen ein und ich renne vor, um uns am Automaten einzuchecken. Markus folgt mit dem Rest und reiht sich in die Gepäckschlange. Dank Clara dürfen wir zügig an allen vorbei ziehen. Wir werden schon gewarnt: der Flug hat Verspätung. Die Maschine ist noch gar nicht in Santiago los geflogen. Wir installieren uns in der eisigen Abflughalle und trinken erstmal einen heissen Kakao. Dann fällt Markus zum Glück ein, dass wir mit unserer Visakarte Zugang zur Vielfliegerlounge haben. Dort ist es wenigstens geheizt, Markus kann arbeiten, Clara krabbeln und ich lesen. Endlich, um 11.45, dürfen wir boarden.


Kaum haben wir uns installiert und über das halbleere Flugzeug gefreut, kommt die Meldung, dass wir wieder raus müssen. Der Airbus am Nachbargate soll nach Balmaceda in Patagonien fliegen, und hat wohl gerade festgestellt, dass seine Bremsen dafür nicht geeignet sind, da es dort unten regnet (wie eigentlich immer) und die Landebahn sehr kurz ist. In der einzig anderen verfügbaren LAN-Maschine am ganzen Flughafen sitzen wir, und da es in Santiago selten regnet und die Landebahn auch länger ist, müssen wir wohl oder übel tauschen.


Das Gepäck beider Maschinen wird wieder ausgeladen, die Passagiere nach Santiago erhalten eine rote Karte, die nach Balmaceda eine grüne, alles läuft wild durcheinander und sortiert sich dann neu. Um 13.15 geht es endlich los. Clara lässt sich mit stillen und ihrem Schaf zum einschlafen überreden und wacht zum Glück erst wieder nach der Landung in Santiago auf. Statt um 10 sind wir um 16 Uhr zuhause. 
 




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