Einwandern die 3.

Neues Jahr, neues Visum!

Unser chilenischer Ausweis läuft im Dezember ab und damit auch schon wieder unser Visum. Markus behauptet, wir könnten den neuen Antrag, diesmal für die Residencia Definitiva, die fünf Jahre gültig ist, schon einige Monate vor Ablauf der jetzigen Visa einreichen und läßt sich nur schwer überzeugen, dass erst ab 30 Tage vor Ablauf das neue Visum beantragt werden darf. Also sammeln wir mittlerweile zum 3. Mal alle erforderlichen Unterlagen ein, diesmal sind wir schon geübter und lassen uns nicht aus der Ruhe bringen.
Einziges Problem ist: für welches Visum bewerbe ich mich? Angeblich bekomme ich nach einem Jahr Visa Temporaria tatsächlich das 5-Jahres-Visum, aber dafür bräuchte ich einen gültigen Arbeitsvertrag. Oder einen chilenischen Verwandten. Oder einen Ehemann, der sich für das gleiche Visum bewirbt. Wir entscheiden uns beide für den 5-Jahres-Antrag und verschicken uns sicherheitshalber im gleichen Briefumschlag. Vielleicht zählt das wie verheiratet sein. Außerdem muss jeder noch einen persönlichen Brief beilegen (zum Glück nicht handschriftlich), in dem die Gründe für die Bewebung um die Daueraufenthaltserlaubnis erklärt werden. Pünktlich eine Woche vor Ablauf der Ausweise geben wir den Brief zur Post.
Pünktlich leider auch zum kurz darauf beginnenden landesweiten Streik sämtlicher öffentlicher Einrichtungen und Ämter Chiles. Nichts geht mehr für zwei Wochen und danach müssen die ins unermessliche angewachsenen Stapel abgearbeitet werden.
So rutscht unser Antrag wohl immer tiefer, denn im Internet, wo wir den Status fast täglich abfragen, tauchen wir einfach nicht als "eingegangen" auf. Markus macht sich schon Sorgen, denn wenn unsere Visa Mitte Dezember endgültig auslaufen, haben wir somit keine Bestätigung dafür, dass wir uns immer noch legal im Land aufhalten. Wir rutschen in die Illegalität!
Als Illegale reisen wir kurz vor Weihnachten über die Grenze nach Argentinien und verbringen den Weihnachtsurlaub im Nachbarland. Erst bei der Wiedereinreise über einen winzigen Grenzübergang der Carretera Austral fallen einer jungen und somit noch motivierten Mitarbeiterin unsere abgelaufenen Ausweise auf. Mit der Aussage "wir sind en trámite" dürfen wir aber trotzdem einreisen. Zur Not haben wir ja auch immer noch die Reisepässe.
Anfang Januar stellen wir endlich fest, dass wir nach über 7 Wochen Bearbeitungszeit endlich registriert sind, und erhalten bald darauf den abgestempelten Antrag in Kopie, mit dem wir uns wieder legal in Chile aufhalten. Jetzt beginnt das Warten auf die Zuteilung der Visa. Drei Wochen passiert nichts. Dann erhalte ich einen Brief, der mich ohne Angabe von Gründen in die Extranjería zitiert. Als ich nach gebührender Wartezeit endlich an den Schalter komme, erwartet mich ein älterer Angestellter, dessen Sprachgeschwindigkeit die Langsamkeit seiner Arbeitsweise wiederspiegelt. Nach einer Weile unergiebigen Smalltalks bequemt er sich ans Telefon um nachzufragen, warum ich denn hier sei. Die Bearbeiterin ist aber gerade nicht da und so warten wir, halten mühsam eine Unterhaltung in Gang und versinken schließlich in minutemlangem Schweigen. Endlich greift er nochmal zum Hörer und schickt mich schließlich eine Etage höher.
Oben angekommen herrscht mich eine Mitarbeiterin an, ich hätte meinen Antrag weder ausgefüllt noch unterschrieben. Etwas verblüfft halte ich ihr die ordnungsgemäß ausgefüllte Kopie eben jenes Antrags unter die Nase, die mir ihre eigene Behörde gerade erst zugeschickt hat. Das versteht sie nun auch nicht, läßt mich aber trotzdem alles nochmal ausfüllen und erklärt, die Residencia Definitiva käme für mich sowieso nicht in Frage, da Markus die erforderlichen Bedingungen dafür nicht erfüllt habe. Etwas verwirrt fahre ich nach Hause und wir harren weiter der Dinge.
Eine Woche später erhält Markus die Benachrichtigung, dass er für ein weiteres Jahr sujeto a contrato zugelassen wurde. Auf Nachfrage durch sein Personalbüro erfahren wir, dass er sich nicht an die Bedingungen gehalten hätte, da er nicht zwei Jahre den gleichen Arbeitsvertrag eingehalten habe. Das stimmt zwar so nicht, aber auch seine Firma kann hier nicht viel ausrichten. Entweder hört niemand richtig zu und hat den Willen dieses Mißverständnis aufzuklären oder es traut sich wie so oft niemand, eine neue Entscheidung zu treffen. Das bedeutet also, dass auch diese Visa wieder nur für ein Jahr gültig sind und wir Ende 2009 zum 4. Mal die gleiche Prozedur durchlaufen dürfen.
Endlich erhalte ich mit zweiwöchiger Verspätung die Bestätigung, dass auch mein Visum um ein Jahr verlängert wurde. Das warten auf das Eintreffen der Zahlscheine beginnt. Leider beginnt zeitgleich auch die Haupturlaubszeit in Chile und so stapeln sich wieder einmal unzählige Briefe der Extranjería und warten auf Zustellung. Alternativ hat der Postbote vielleicht die letzten Stapel bis auf weiteres bei sich zuhause gelagert, solange er die Ferien pisco-selig auf seinem Campo oder in der Cabaña verbringt.
Nach vier Wochen Wartezeit verbringen wir wieder einen Vormittag auf dem Ausländeramt und stellen uns in die endlose Schlange (die 68 Anwärter vor uns scheinen vor dem Tor übernachtet zu haben) und fragen schließlich am Schalter nach den Fortschritten. Markus hat Glück, da sein Brief schon 4 Wochen überfällig ist, druckt man ihm den Zahlschein schließlich aus. Da mein Brief erst knapp über 2 Wochen unterwegs ist, soll ich mir mal keine Sorgen machen, der würde schon eintreffen. Ansonsten dürfe ich in weiteren 2 Wochen noch einmal vorsprechen.
Auf dem Heimweg zahle ich Markus' Visumgebühr in einer Bank ein und treffe dann zeitgleich mit dem vermissten Brief zuhause ein. Nur 23 Tage hat er vom Stadtzentrum bis zu uns benötigt, was immerhin etwa 6 Kilometer Luftlinie sind. (Nur zum Vergleich: Briefe und Päckchen aus Deutschland, Japan und Uruguay haben uns bisher in maximal 8-10 Tagen erreicht!) Von meinem immer noch keine Spur.
Nach Uruguay reisen wir im März mit abgelaufenem Carnet, Pass und der Bestätigung, dass wir "en trámite" sind. Diese vielen Papiere, die pflichtgemäß vorzuzeigen sind, sorgen bei der Aus- und Wiedereinreise prompt für größere Verwirrung, die Beamten sind überfordert und erkundigen sich bei den Kollegen, was sie mit uns anfangen sollen. Mit etwas Geduld löst sich das Problem auch irgendwann.
Nach der Rückkehr aus Uruguay machen wir uns erneut auf zur Extranjería. Da Markus bereits die Gebühr bezahlt hat, braucht er sein neues Visum nur noch in den Pass stempeln zu lassen. Ich muss mir erst noch meinen Zahlschein erstreiten. Diesmal frage ich nach der Schwangerenschlange, bekomme einen Hieroglyphen auf meinen Nummernzettel gekritzelt und werde an den Schalter 1 "preferente" für Schwangere, Senioren und Mütter mit schreienden Kleinkindern verwiesen. Eine deutlich Schwangere wartet schon vor mir und gerade als wir uns brav hintereinander aufstellt haben, drängelt sich eine Mutter mit Kind auf dem Arm (in einem Alter wo man es durchaus dem mitgebrachten Ehemann hätte aufs Auge drücken können) an uns vorbei. Ich weise sie zweimal darauf hin, dass auch wir schon warten, und sie sich bitte anstellen soll, aber sie reagiert gar nicht und rückt dem Schalter 1 direkt an die Theke, obwohl der noch besetzt ist. Ich sehe nicht ein, meinen Schwangerenbonus so leichtfertig aufzugeben und frage am Nachbarschalter, wie das System hier funktioniert. Daraufhin werde ich wohl aus Mitleid gleich drangenommen und die Mutter mit dem bestimmt nur für diesen Zweck mitgebrachten Kind wirft mir giftige Blicke zu. Ich bekomme endlich meinen Zahlschein, warte noch kurz auf Markus, der sein Visum erhält und wir verlassen die Behörde. Viel Vorsprung hat die "preferente"-Schlange nicht gebracht, außerdem wirkt das vordrängeln anderer nicht gerade blutdrucksenkend, also eher kontraproduktiv.
Bei der nächsten Bank zahle ich den Betrag ein und gehe gleich wieder zurück. Jetzt ist es erst recht voll, etwa 200 Leute drängen sich in dem zu kleinen Raum. Ich erhalte wieder die "preferente"-Nummer und ziehe diesmal geübt und zielstrebig an allen vorbei, komme gleich dran, da gerade keine Konkurrenz zu sehen ist und bin in rekordverdächtigen 5 Minuten fertig. So einfach kann es sein!
Am Tag danach hat auch der Briefträger wieder den Weg zu uns gefunden, und mich erwartet mein Brief, der ganze 30 Tage unterwegs war! Man könnte nun diverse Theorien entwickeln, warum die Post in Santiago so langsam ist...
Ende der Woche erledigen wir noch kurz die Registrierung der Visa bei der Policia Internacional und damit bleibt nur noch die Beantragung der neuen Ausweise, was wir uns für die folgende Woche aufsparen. Anscheinend sind die Behörden doch vernetzt, denn wir müssen nur den Zeigefingerabdruck und das Foto (alles digital) erneuern, die Abgabe der 10 Fingerabdrücke mit Druckerschwärze entfällt. Wir zahlen die geringe Gebühr und werden in knapp 2 Wochen die neuen Ausweise abholen dürfen.
Willkommen in Chile für ein weiteres Jahr, von dem dank der langwierigen Prozedur allerdings schon gute 4 Monate verstrichen sind.