Land unter im Norte Chico

oder: Regen, wo sonst keiner fällt

14.-16.08.2008

ob der Jeep auch schwimmen kann?
Der Winter will nicht weichen und für das Wochenende ist ein weiterer Temporal (Unwetter) angesagt, der sich vom südlichen Seengebiet sogar bis zu den Ausläufern der Atacamawüste ausbreiten soll. Da im trockenen Zentralchile auch ein für deutsche Verhältnisse mäßiger Landregen mit ausgiebigen Unwetterwarnungen einhergeht, beschliessen wir, uns von der Alerta Amarilla (Warnstufe gelb) nicht beeindrucken zu lassen und wie geplant am langen Wochenende in den kleinen Norden aufzubrechen.
Donnerstag abends hole ich Markus von der Arbeit ab und wir folgen der langen-Wochenende-Reisewelle der Ruta 5 Norte. Spät erreichen wir die Termas de Socos, beliebte Übernachtungsstation nach vier Stunden Fahrt. Da die Bar schon geschlossen hat, installieren wir uns unter einem tiefhängenden Baum auf dem Parkplatz für die Nacht. Rätselhaft bleibt, was für ein Tier wir als Schatten die Äste entlanghuschen sehen, ich träume jedoch von einem Waschbären, der ins Auto eindringt.
Freitag morgen weckt uns ein merkwürdiges Brummen, das an fliegende Kolibris erinnert. Tatsächlich schwirren draußen am Bach bestimmt ein Dutzend der kleinen, grünschillernden Vögel herum. Das lockt schließlich auch Markus aus dem Auto und wir beobachten das morgendliche Familienbad der Kolibris im Thermalbach. Bald lassen sie sich durch uns nicht mehr beeindrucken und tauchen abwechselnd unter wildem Gebrumm in das lauwarme Wasser ein. Beim anschließenden Frühstück beobachten wir statt dessen zusammen mit einem anderen Touristenpaar das Gehabe der neureichen Santiaguinos, aufgepumpte Lippen und Pelzmäntel täuschen eben doch nicht über fehlenden Stil oder Benehmen hinweg. Nach einem obligatorischen Thermalbad fahren wir immer noch bei bestem Wetter nach Ovalle und lästern schon über die Wettervorhersage. Keine Regenwolke in Sicht!
Wer sich beim folgenden Foto übrigens fragt, warum es trotz Halbwüste hier so frisch grün aussieht.... in wenigen Wochen, sobald der Winter vorbei ist, weicht das Grün wieder dem vertrauten Grau-Braun.
winterlich grüne Hänge in sonst trockener Wüste
Eine Stunde später erreichen wir das Hundert-Seelen-Dorf El Espinal, Ausgangspunkt des Teilstücks Sendero de Chile, und unseren Campingplatz, idyllisch auf der anderen Seite eines Bachs gelegen.
Stausee Recoleta Schattenbank am Sendero de Chile
Wir bauen unser neues Zelt auf, sitzen in der Sonne und überlegen, ob unsere Wasserauffangbehälter im Wohnzimmer wohl schon voll sind.
selten fließt hier Wasser... ...dann aber richtig!
Nachmittags raffen wir uns zu einem Spaziergang auf und erkunden eine trockene Quebrada, die vom Wasser tief in die Felsen geschliffen wurde. Man kann sich nicht vorstellen, dass hier Wasser fließt, ringsum nur staubtrockener Boden und stachelige Kakteen. Regen? Nie im Leben!
Schafrippen und Lammkoteletts die letzten trockenen Stunden
Am frühen Abend zünden wir den Grill an und essen schließlich im orangeroten Sonnenuntergang Schafsrippen und Lammkoteletts. Da es immer noch früh dunkel wird, liegen wir bald im Zelt. Der Himmel ist sternenklar.
Gegen 5 Uhr weckt uns das Geräusch vereinzelter Tropfen auf dem Zeltdach. Eine Stunde später trommelt der Regen ziemlich heftig. Um 7 Uhr blitzt und donnert es das erste Mal und ich schieße trotz Regen aus dem Schlafsack, bei Gewitter verstehe ich keinen Spaß. Angesichts des sowieso schon viel Wasser führenden Bachs hat Markus mittlerweile Bedenken, die Abfahrt zu lange herauszuzögern. Wir packen also zusammen und bauen schnellstmöglich ab und werden schon ziemlich nass. Die Querung der Brücke ist kein Problem, aber beidseitig des schmalen Tals strömen schon die ersten braunen Bäche die trockenen Hänge hinab. Der Boden ist knochentrocken und nimmt so gut wie kein Wasser auf, und die vielen trockenen Quebradas sammeln den Regen und leiten ihn hinunter zum Bach, der innerhalb kürzester Zeit zu einem reißenden Strom anschwellen kann. Auf dem Herweg sind uns, wie überall im trockenen Norden, die vielen befestigten Badénes mit Wasserstandsanzeiger aufgefallen, über die das Wasser bei Regen quer über die Straße geleitet wird.
die Böschung hat nicht standgehalten schlammig-brauner Fluss
Auf dem Weg nach Ovalle stoppt uns ein durchweichter Chilene und bombardiert uns mit einem größtenteils unverständlichen Wortschwall. Wir sollen irgendwen avisieren, dass weiter hinten im Tal durch den Regen irgendetwas passiert und ob wir übrigens noch die Frau neben ihm mit in den Ort nehmen können. Die durchweichte Chilenin auf dem Rücksitz klärt uns während der Fahrt über sämtliche Regendaten der letzten zehn Jahre auf, wie viele Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten wurden, welche Brücken und Straßen das Wasser wegreißt und was das alles für die Avocadoernte bedeutet. Die Kleinstadt Ovalle, Zentrum der Region, ist bereits größtenteils überflutet.
In Ovalle steigt der Wasserpegel überfüllte Straßen, Kanalisation überfordert
Supermärkte und Bushaltestellen haben Anlegestege aus Holzpaletten ausgelegt und Häusereingänge sind behelfsmäßig mit Planen vor dem Wasser geschützt, denn jedes vorbeifahrende Auto schickt eine kleine Flutwelle braunes Wasser über die Bürgersteige. Wir beschließen, heute lieber auf den geteerten Straßen zu bleiben und keine touristischen Umwege über Nebenstraßen zu nehmen. Der Lokalsender im Radio gibt permanent die Situation der abgelegenen Dörfchen, Landstraßen und Brücken durch und grüßt zwischendurch alle Wasser-Geschädigten. Schulen bleiben geschlossen und niemand außer den Angestellten der Municipalidad geht zur Arbeit. Die Straßen sind übersät mit Steinen aller Größen, die sich aus den Hängen gelöst haben und überall schießt schlammiges Wasser zu Tal. Die breiten, gewöhnlich trockenen Flußbetten füllen sich und es schüttet immer noch. Im Örtchen Combarbalá erstehen wir wegen entgangener Wanderfreuden einiges an Artesania aus dem Halbedelstein Combarbalita, der hier in Minen abgebaut wird und vor einigen Jahren zum Nationalstein Chiles erklärt wurde.
banger Blick aus dem Fenster aber der Jeep schlägt sich tapfer
Nur noch wenige Kilometer vor der Panamericana, als wir uns schon trockenen Reifens wähnen, stehen wir plötzlich auf unserer breit ausgebauten Landstraße vor einer Flußquerung, die gestern auf dem Hinweg noch nicht da war. Auch Markus ist etwas verunsichert und wir schauen uns die Sache erst einmal genau an. Die Markierung steht auf grün, was noch die problemlose Durchfahrt für LKW bedeutet. In der braunen Suppe sieht man weder den Untergrund noch wie tief das Wasser wirklich ist. Ich bin dafür, zu warten, bis ein anderes Auto uns die Sache einmal vormacht, es ist aber keins in Sicht. Also wagen wir es, und fahren langsam durch die Strömung. Alle Aufregung umsonst, unser Jeep bekommt nur nasse Felgen und eine Unterbodenwäsche, aber ein normaler PKW wäre sicher durch die Türöffnung teilgeflutet worden. Für's Foto darf ich auch noch einmal fahren, es ist schon ein komischer Anblick aus dem Autofenster, aber das Wasser steht allerhöchstens 30 cm hoch. Fast niemand ist unterwegs, bei Regen bleiben die Chilenen zuhause. Allerdings beobachten wir weiter unten am Fluß noch den Versuch der Querung eines Kleinbusses, der die auf der anderen Seite gestrandeten Leute holen will, aber angesichts der heftigen Strömung aufgeben muss. Wenn sie Glück haben, sinkt der Pegel gegen Abend, je nach Regen kann es aber auch ein paar Tage dauern, bis sie nicht mehr abgeschnitten sind.
auf einen Nachmittagsfisch an den Pazifik der Regen ist wie weggeblasen
Zurück auf der Ruta 5 ist vom Regen nichts zu sehen, blauer Himmel über blauem Pazifik. Wir entdecken noch ein kulinarisches Kleinod am Straßenrand, das "Sajonia" (Sachsen), und essen einen Nachmittagsfisch. Von der windgeschützten Sonnenterrasse haben wir einen schönen Blick über die Steilküste.
Zurück im heimischen Wohnzimmer bekommen wir zum Glück keine nassen Füße: die Tupperdose unter dem Loch in der Decke war knapp randvoll, als es aufhörte zu regnen.


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