Erste Eindrücke (ab 28.09.2006)


Jetzt sind wir also schon 5 Tage in Santiago de Chile. Diese ersten Tage zeichneten sich durch permanente Müdigkeit und ständiges Einschlafen aus. Noch nie haben wir soviel geschlafen! Aber heute ist der erste Tag an dem wir es geschafft haben, ohne Mittagsschlaf bis abends um 22:00 Uhr durchzuhalten! Und es war gar nicht so schwer – zuhause haben wir es ja auch gekonnt... Wir wollen hier einige Eindrücke und Erlebnisse festhalten, damit die lieben Zuhausegebliebenen etwas Anteil an unserem Aufenthalt erhalten. Da nicht jeden Tag aufregende oder kuriose Dinge passieren, werden diese weniger chronologisch sondern als Episoden zu lesen sein. Viel Spaß dabei!

Unser Hotel

Unser Hotel ist auf www.plazasanfrancisco.cl zu sehen, hier residieren wir für 22 Nächte dank Markus Firma. Es hat 5 Sterne und ist von außen eher häßlich, dunkel, unauffällig und zweckmäßig, mit einer unattraktiven Hochgarage über dem Restaurant.

Innen fallen gleich die vielen Angestellten auf, die den Gästen hauptsächlich die Türen aufreißen, sich bei Ansprache auf Englisch allerdings vor die Tür flüchten und vorerst nicht mehr zu sehen sind. Im Zimmer lassen sich die Fenster nicht öffnen, jedenfalls nur das erste und dahinter ist ein halbmeterbreiter Zwischenraum vor dem eigentlichen Fenster, welches nicht zu öffnen ist.

Dafür gibt es eine Klimaanlage, welche aber eine fiese kalte Brise über das Bett schickt, von der man garantiert einen steifen Nacken bekommt, falls man diesen hier nicht bekommt, dann garantiert in der Metro!

Das Zimmer ist großzügig bemessen, bis auf die Decke, die hängt ziemlich tief. Dafür haben wir eine riesige Kloschüssel, mit einem Klorollenhalter rechts und links für beidseitiges wischen. Der Abzug braucht einigen Vorlauf, um dann ganz langsam, wenn man schon nicht mehr daran glaubt (es gibt keine Klobürste), die Hinterlassenschaften zu entsorgen.

In unregelmäßigen Abständen fanden sich bisher nach dem Zimmerputzen Mineralwasserflaschen im Bad (warum im Bad?). Mittlerweile sind es 3. Heute habe ich eine geleert, wir sind gespannt, ob diese ersetzt wird! Markus dachte daß sie vielleicht zum Zähneputzen gedacht sind. Hier noch der attraktive Blick aus unserem Zimmer auf die längste und meistbefahrene Straße der Stadt (mit viel zu vielen Bussen, s.u.):

Beim Frühstück gibt es ein Obstbuffet mit vorgeschnittenen Stücken, ein Eibuffet, eins mit Brot und eins mit Aufschnitt. Man setzt sich und hofft auf den Kaffeekellner. Mit diesem muß man sogleich Blickkontakt aufnehmen sonst bekommt man keinen Kaffee und er verschwindet zeitungslesend hinter dem Paravent. Er balanciert 3 Silberkannen auf einem Silbertablett und schwenkt damit über den Gast während des Einschenkens. Eine Kanne enthält Kaffee, eine heiße Milch und eine heißes Wasser. Das ganze wiegt bestimmt 10 Kilo und hat 100°C und man ist immer erleichtert wenn ihm das Tablett nicht heruntergefallen ist.

Die erste Einladung

Am Samstag waren wir bei Markus neuem Chef zum Mittagessen eingeladen. Nach südamerikanischer Art kauften wir vorher eine Flasche Wein als Gastgeschenk, das führte zu Schwierigkeiten im Supermarkt, denn die Durchschnittsflasche kostet nur ca. 1800 Peso (2,70€) und es war schwierig eine preislich angemessene zu finden. Da wir zudem alles über südamerikanische ("un"-) Pünktlichkeit gelesen hatten, waren wir völlig überrascht als wir schon vor der verabredeten Zeit vom Portier angerufen wurden, daß wir abgeholt würden. Wir saßen natürlich noch total locker und unfertig im Zimmer. Unten wartete der Fahrer auf uns, der uns schon vom Flughafen abgeholt hatte und welcher sichtlich erfreut war, daß es uns bisher so gut ergangen war. Wir fuhren etwa 20 Minuten in südlicher Richtung aus der Stadt in einem Ort namens Calera del Tango, wo Markus’ Chef in einer bewachten Siedlung auf dem Land residiert. Christian, Markus direkter Vorgesetzer, war auch mit Frau geladen.
Wir fuhren vor und wurden alle zusammen in den Salon gebeten, wo es zur Begrüßung gegrillte Würstchen, Hühnchen und Rindfleisch sowie eine reichhaltige Käseplatte gab. Zu unseren Ehren wurde chilenisches nach dem deutschen Reinheitsgebot gebrautes Bier („Kunstmann – das gute Bier“) gereicht, nach einem Pisco Sour (Nationalgetränk) als Aperitif. Da wir dachten, dies sei das Mittagessen, griffen wir herzhaft zu. Nach einer Stunde wurde dann zu Tisch gebeten! Mit Schrecken nahmen wir das Besteck für mehrere Gänge wahr! Zum Glück gab es „nur“ noch eine Cazuela de Pollo ( überbackener Hühnchenauflauf) und eingelegte Papaya mit Dulce de Leche (eine Art Caramel) als Dessert. Dazu wurde Rotwein, schließlich Digestif und Kaffee gereicht. Wir standen kurz vor dem Platzen, hatten uns aber gut geschlagen. Anschließend fuhr Rene uns noch ausgiebig durch Santiago um uns einen ersten Eindruck der möglichen Wohnviertel zu vermitteln und wir wurden um 20 Uhr total schlapp wieder am Hotel abgegeben.

Der erste Arbeitstag

Markus hatte mittlerweile seinen ersten Arbeitstag, und führte sich eher untypisch deutsch ein, indem er irgendwann nach 9 im Büro auftauchte. Das Büro liegt in der 17. Etage der Calle Miraflores 383, einem ganz modernen gläsernen Büroturm mit mindestens 25 Etagen, ca 10 Minuten zu Fuß von unserem Hotel entfernt. Nebenan befinden sich mehrere Etablissements mit schwarz getönten Scheiben und leicht bekleideten weiblichen Angestellten, sowie ein türkisches Bad mit Zugang durch die Tiefgarage. !?
Er erhielt abgesehen von Umarmungen zur Begrüßung sein Handy, viele gute Ratschläge zu Krankenversicherung, Spanischkursen, Wohnungssuche, etc. und wurde dann mit der Aufforderung, auch Sonntags jederzeit anzurufen falls es irgendwelche Fragen gäbe, bis zum darauffolgenden Montag entlassen. Eine Mitarbeiterin, Eugenia, gab ihm sogar explizit den Auftrag, mir auszurichten, daß ich mich mit „weiblichen“ Fragen jederzeit an sie wenden könne!

In der Innenstadt gibt es übrigens noch mehrere Cafebars (Café con piernas -> Kaffee mit Beinen), deren Besuch hauptächlich Männern vorbehalten ist. Die Bedienungen sind zahlreich, weiblich, unter 25 und tragen mindestens 3 Nummern zu kleine Kleider in grellen Farben, deren Rock kurz unter dem Oberschenkelansatz aufhört, sodaß sie sich ständig den Rock nach unten ziehen müssen. Die Geschäftsleute stehen gedrängt außen um den Tresen herum, im konservativen Anzug, trinken Kaffee und können anscheinend dabei die Augen von der anstrengenden Bildschirmarbeit optimal erholen. Die Chefkassiererin allerdings, die am Eingang hinter der Kasse residiert, trägt Hosen, und die sind auch nicht zu klein.

Mercado la Vega

Während Markus im Büro war erkundete ich allein den Gemüsemarkt (Mercado la Vega) auf der anderen Seite des Rio Mapocho auf der Suche nach Obst, das in den Supermärkten nie besonders ansprechend aussieht. Der Gemüsemarkt stellt allerdings im Gegensatz zum gegenüber liegenden Mercado Central (Fischmarkt- das beste Mittagessen der Stadt!) nicht auch gleichzeitig eine Touristenattraktion dar, sondern eine andere Welt für den Durchschnittseuropäer, in der man sich als solcher nämlich sehr allein dort findet. Hauptsächlich zeichneten sich diese Markthallen durch Geruch nach Katzenpipi, Hundefutter und tausende Fliegen aus. Markus behauptete später, die Katzen seien dort um die Ratten zu vertreiben ...
Zurück im Hotel gegen 12 Uhr erwartete Markus mich schon, mit der Ankündigung, er habe noch die ganze Woche Urlaub. Kurzentschlossen wollten wir den Gang zur Policia Extranjero (Ausländerpolizei) auf uns nehmen und machten uns noch einmal zu Fuß ans andere Ende der Stadt auf den Weg. Nach einigem Suchen stellte sich jedoch heraus, daß die Dienstzeiten nur bis 14 Uhr gehen.
Nachdem ich ihm den Gemüsemarkt noch zeigen mußte wurden wir mutig (schließlich sind wir keine Touristen mehr...) und bestellten an einem Marktstand einen Completo (chilenischer Hotdog mit Avocadomus und Sauerkraut). Der Katzenpipigeruch störte ein wenig aber der Completo war lecker, auch wenn wir völlig aus dem Gesamtbild der Menschen dort herausstachen, schon allein durch die Größe.
Eine andere Spezialität gibt es hier auch an jedem Marktstand, bzw. bei jedem fliegenden Händler: Mote con Huesillos, ein Pfirsichsaft mit getrockneten Pfirsichen und gequollenen Weizenkeimen, das aus große gekühlten Fässern geschöpft wird und dann getrunken, bzw. gelöffelt wird. Dieser Herausforderung haben wir uns aber noch nicht gestellt!

Bus fahren

In Santiago gibt es grünweiße neue, abgasarme, registrierte Busse mit Fahrplan und festgelegter Route.
Es gibt aber mindestens 20x so viele alte, gelbe stinkende Busse, die sich irgendein Privatmensch vor 30 Jahren gekauft hat, und seitdem damit eine selbst gewählte Route abfährt, für die es auch keine Pläne gibt, und die zudem auf Wunsch (und nur dann!) halten wo man will. Hierfür ist eine Leine von vorn nach hinten durch den Bus gespannt die in einer Glocke oder einer Hupe mündet und diese bei Bedarf betätigt. Manchmal denkt man beim Anblick der alten Stinker daß sie an der Haltestelle oder einem Schlagloch einfach auseinanderklappen und zu Staub zerfallen. Aber sie fahren klappernd, röhrend und mit einem Höllenlärm weiter.
Man muss beim Annähern des Busses einen Blick auf die teilweise handgemalten Tafeln an der Frontscheibe werfen, um die Eckpunkte der Route zu erkennen und dann rechtzeitig den Arm raushalten und möglichst schnell aufspringen. Das Fahrtgeld von 380 Peso (ca.0,55 €) muß man schon abgezählt in der Hand haben.
Mehrere Busse ließen wir vorbeifahren bis wir sicher waren, das Reiseziel zu erkennen. Endlich schafften wir es, Bus zu erwischen und durch mit Vorhängen verhängte Fenster anhand des Stadtplans ungefähr zu deuten wo wir abspringen müssen. Der Stadtplan zeigt aber leider nur eine Auswahl von Straßen und auch das anvisierte Einkaufszentrum Alto Las Condes lag eigentlich ganz woanders als eingezeichnet. Leider merkten wir das erst nach dem Aussteigen...
Also noch einmal 380 Peso pro Person investieren, diesmal schneller entscheiden, dem Bus nachgelaufen der durch eine rote Ampel ausgebremst wurde, den Fahrer überzeugen die Tür wieder aufzumachen und aufspringen. Dann wieder anhand Stadtplan die Route verfolgen und schließlich merken, daß zwar Alto Las Condes draufsteht, der Bus aber vorher abbiegt und wir uns vom Ziel schon wieder entfernten. Also den Fahrer gebeten anzuhalten, das tat er mit Vollbremsung auf 3-spuriger Straße, raus, und dann zu Fuß 10 Minuten zurück zur Mall.
Auf dem Rückweg waren wir schon professioneller: diesmal wollten wir einen der neuen Busse erwischen, was auch klappte, dieser allerdings kannten zwischen Vollgas und Vollbremsung keinen Kompromiss. Und das im Stau mit 4 Spuren (auf 3 eingezeichneten), wobei immer wieder andere, schnellere Busse vordrängelten, sodaß die Passagiere von hinten durch Zurufe versuchten, den Busfahrer zum Aufholen zu bewegen. Dieser wurde zunehmend mißmutiger und wir waren froh als unser Ausstieg nahte.
Morgen haben wir bestimmt Muskelkater vom festhalten!
Hier zum Vergleich die moderne Metro, mit Vollgummireifen im 3-5 Minutentakt, gebaut vom Hersteller der Pariser Metro:



Arbeitsbeschaffung

In Chile gibt es viele Jobs die es bei uns schon lange nicht mehr gibt. Dazu gehören Einpacker im Supermarkt, hunderte von Straßenreinigern – und die Straßenwischer! Jeden Morgen können wir das Phänomen des Straßenwischers von unserem Fenster aus beobachten: Von unseren Fenster schauen wir direkt auf die Fußgängerzone Ahumada („die Geräucherte“) und dort geht jeden Morgen der Wischer zu Werk. Er hat ein Wägelchen mit einem Eimer Waschlauge und einen Mop, der allerdings schon 1000 Tode gestorben ist und viele Wischfäden lassen mußte. Damit wischt er ausgiebig (ohne zwischendurch zu spülen) die Fußgängerzone. Er wischt den Asphalt und schrubbt die hellen Platten besonders akribisch, allerdings mit dem einzigen Ergebnis, daß er den Schmutz verteilt.
Dafür gibt es in ganz Chile aber auch nur 8% Arbeitslosigkeit!
Trotz vieler herrenloser Hunde, die allerdings gar nicht unglücklich aussehen und welche nur an Ampeln die Straße überqueren, liegt auch nur bemerkenswert wenig Dreck auf den Straßen, außer in den Vierteln die nicht mehr zur Innenstadt gehören.


Die Wäsche

Nach einer knappen Woche Aufenthalt füllte sich unsere Wäscheschublade unter deren Inhalt wir immer den Laptop verstecken, bereits dramatisch. Nach einem Blick in die paginas amarillas (gelbe Seiten) fanden wir diverse lavanderias (Wäschereien) und machten uns auf die Suche. Für 4500 Peso (7€) füllte man einen Korb mit Schmutzwäsche und gibt diesen dann zum waschen ab. Entweder ist dieser Service hier sehr teuer oder das waren Ausländerpreise. Mein Spanisch reichte für die Feinheiten (wieviel Grad, trennen von Farben, Trockner oder nicht) leider nicht aus, wir fügten uns in unser Schicksal und werden das Ergebnis morgen abend abholen können. Etwas peinlich war nur, mit den gar nicht unauffälligen Tüten mit schmutziger Wäsche an der Rezeption und den zahlreichen Portiers vorbei aus dem Hotel zu schlendern...

Futtersuche

Auf der Suche nach einem Platz zum Essen am Abend sind wir bisher schon 3x im Barrio Lastarria fündig geworden. Dies ist ein altes Viertel zwei Metrostationen vom Hotel entfernt, in dem sich mehrere kleine Restaurants und Cafes befinden, die fast schon alternativ angehaucht wirken, und in denen man äußerst preisgünstig und lecker futtern kann. Zudem gibt es ein Programmkino mit (unter anderem) europäischen/ spanischen Filmen, ein Kunsthandwerkszentrum und ein Museum mit verschiedenen Ausstellungen. Für unter 10.000 Peso (13-15€) bekommt man dort zu zweit ein 3-gängiges hausgemachtes leckeres Menü mit Wein und jugos naturales (frisch gepressten Säften). Selber kochen könnte kaum günstiger sein! Raucher werden hier in Chile übrigens bereits recht streng getrennt, in diesem Restaurant durften Raucher nur draußen oder in der 2. Etage sitzen. Nichtraucher durften überall sitzen. Bei dem bisherigen Wetter konnte man aber problemlos bis abends draußen sitzen ohne eine Jacke mitnehmen zu müssen.
Ein weiteres Restaurant daß wir dort ausprobiert haben bot bolivianische Küche. Hier war es schon teurer und wir waren in Sorge ob unsere 21.000 Peso reichen. Hier gab es Kaninchen und Huhn in verschiedensten Variationen, auch sehr lecker, und dazu das gute Kunstmann Bier.
Heute abend haben wir so lange an unserer Homepage gesessen, daß es nur zu einem der seltenen Gänge zu Burger King reichte. Hier allerdings probierten wir den völlig authentischen Whopper Italiano mit einer dicken Schicht Avocadomus (?)- der beste den wir bisher bei Burger King gegessen haben!

Die Anden

Ein weiterer Anblick an den man sich hier gewöhnen muß, ist der Blick auf die Andenkette hinter der Stadt. Allerdings muß man den Blick ziemlich weit nach oben richten, da die Andengipfel doch recht hoch über der Stadt thronen und gleich auf 2000-2500m Höhe reichen, etwas weiter hinten geht es bis auf 3000m. So hat man des öfteren einen unvermuteten Blick auf die schneebedeckten Gipfel und ist immer wieder überrascht wie hoch und nah sie sind. Für den Rheinländer an sich ist dieser Blick höchst ungewohnt!
In ungefähr 45 Minuten erreicht man bereits hier die Skigebiete.



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