Der chilenische Führerschein

23.+ 24.01.2007

In Deutschland wie auch hier in Chile fragt man 5 verschiedene Personen und erhält auch 5 verschiedene Auskünfte. So erging es uns mit dem Führerschein. Zuhause hatte man uns bei der Abholung des internationalen Führerscheins eingeschärft, daß wir mit diesem maximal 6 Monate hier fahren dürften, obwohl er eigentlich 3 Jahre gültig ist. So steht es jedenfalls drauf.
Hier hörten wir, daß man ohne den chilenischen Führerschein gar kein Auto anmelden könne. Andere sagten wieder etwas ganz anderes und fahren schon seit Jahren mit dem deutschen Dokument. Um eventuellem Ärger aus dem Weg zu gehen beschlossen wir den Führerschein "umschreiben" zu lassen. Das sei ganz einfach hatte ich wiederum von jemandem gehört. Auf "ganz einfach" fallen wir aber so schnell nicht mehr herein. Wie sich hinterher herausstellte kann man mit Diplomatenstatus gegen Zahlung einer geringen Gebühr tatsächlich einen chilenischen Führerschein bekommen - ganz einfach. Besitzt man keinen Diplomatenstatus muß man erst einmal nachweisen daß man denn auch geistig und körperlich in der Lage ist, ein Auto zu fahren, und das geht folgendermaßen:

Per Internet hatte ich mich informiert was wir mitbringen müssen auf unserem Gang zur Municipalidad von Providencia: den Führerschein, unseren chilenischen Ausweis und den Nachweis der abgeschlossenen Schulausbildung im Original! Der Sinn blieb uns verschlossen, vielleicht muß man nachweisen daß man lesen und schreiben kann? Komischerweise wurde das später aber nicht mehr von uns verlangt.

Beim 2. Versuch schafften wir es rechtzeitig da zu sein, bevor der Nummernausgeber für den Tag geleert wurde. Nach kurzer Wartezeit füllten wir am Schalter den Antrag aus und wurden belehrt, daß wir alle Prüfungen zu absolvieren hätten, bis auf die praktische - nach jeweils 17 Jahren Fahrpraxis wurde uns diese glücklicherweise erlassen. Wir bezahlten an der Kasse und liefen mit unserem Schein eine Tür weiter um dort ein Foto machen zu lassen. Die Behörde ist hochmodern mit Computern ausgerüstet, sodaß das nächste Büro immer gleich weiß wer dran ist und man automatisch durch alle nötigen Räume geschleust wird. Teilweise laufen auch leuchtende Schriftbänder über den Türen und zeigen an, wer an welchen Schalter muß.

Das Foto war geschafft, weiter ging's zum "Examen psicotécnico" - wir bekamen schon etwas Angst, hatten wir doch schon alle möglichen Gerüchte gehört. Nachdem man aufgerufen wurde setzte man sich zu einer Prüferin an den Tisch und mußte nacheinander einige Aufgaben bewältigen. Es erinnerte an frühere Kindergeburtstage. Zuerst saß man an einem Plastiklenkrad mit aufgeklebtem Tacho und einer roten und einer grünen Lampe. Darunter befanden sich Gas- und Bremspedal. Nun mußte man mit dem Fuß das Gas betätigen damit die grüne Lampe leuchtete. Sobald die rote Lampe aufleuchtete mußte man schnellstmöglichst auf die Bremse treten. Vor lauter Aufregung haben wir fast das Bremspedal abgebrochen. Man weiß ja nicht, wie kurz die erlaubte Reaktionszeit ist. Nachdem wir das etwa 10 Mal geschafft hatten ging es zur nächsten Aufgabe.

Auf dem Tisch waren zwei übereinanderliegende Metallscheiben angebracht. Die untere hatte vier erbsengroße Löcher, die obere eine Aussparung und drehte sich zügig. Jetzt mußte man mit einem Metallstab, der über ein Kabel mit irgendetwas verbunden war, während sich die Scheibe drehte der Reihe nach in die Löcher stechen - gar nicht so einfach, man mußte erstmal den Anfang finden und dann den Rhythmus herausbekommen. Nach etwas 10 Runden und einigen Schweißperlen hatten wir das auch bestanden.

Anschließend eine noch größere Herausforderung: auf dem Tisch war eine Art großer Heckenschere angebracht, darunter eine schwarze Linie in Kurven aufgemalt. Jetzt mußte man die Schere in der Art öffnen und schließen, daß ein darunter angebrachter Metallpin genau die schwarze Linie abfuhr und man durfte diese natürlich nicht verlassen. Noch dazu stand man unter Zeitdruck - man bekam nur eine Minute! Das sagte der Prüfer Markus übrigens erst als er schon etwa 50 Sekunden lang akkurat die erste Hälfte der Linie abgefahren hatte.

Danach wurde die Sehfähigkeit getestet, man mußte Zahlen und Buchstaben erkennen, sowie ein Kind mit Fahrrad und ein galoppierendes Pferd. Beim benennen von buntem Kreis, Dreieck und Quadrat fehlten mir die Worte, aber ich konnte es in die Luft zeichnen. Der anschließende Hörtest bestand bei mir darin, unter Kopfhörern anzuzeigen, aus welcher Richtung der Ton kommt, Markus mußte nur sagen ob der Ton lauter oder leiser wird. Ich hatte schon Angst bei diesem Teil würde er durchfallen, er hätte ja nicht feststellen können aus welcher Richtung der Ton kommt.

Sobald dieser Teil überstanden war wanderten wir wiederum eine Tür weiter und fanden uns beim Gesundheitscheck. Hier, streng nach Männlein und Weiblein getrennt sollte man ernstgemeinte Fragen beantworten. Trinken Sie Alkohol? Sind Sie gesund? Wurden Sie schon einmal operiert? Alles wurde ohne weiteres nachhaken in das Formular eingetragen und während ich mir noch über die Frage mit dem Alkohol (gar keinen?)Gedanken machte, wurde ich schon mit den Worten "sehr erfreut Sie kennengelernt zu haben" hinausgeschoben.

Aber jetzt erst kam das Schlimmste - die theoretische Prüfung! Der Schrecken jedes Führerscheinneulings. Ohne uns darüber viele Gedanken machen zu können (beide hatten wir in der Metro schon die in dicken Prüfungsfragenheften lesenden 18-jährigen gesehen) waren wir schon an der Reihe und saßen jeder an einem Computer. Der Prüfer klickte rasend schnell mit der Maus herum und wir hatten kaum Zeit die Einführung zu lesen, geschweige denn zu registrieren, daß das ganze auch in Englisch erhältlich ist. Der Test bestand aus 35 Fragen, alles in recht geschraubtem Spanisch für unsere Verhältnisse und ich kann mich nur noch erinnern, daß bei vielen Fragen grundsätzlich die Antwort "hupen und überholen" oder "hupen und über den Zebrastreifen fahren" falsch waren.
Bei den ersten Fragen war ich bereits unsicher denn ich verstand die Schlüsselwörter nicht. Nach einigem Zögern entschloß ich mich den Prüfer zu fragen, dieser guckte kurz auf den Bildschirm und anstatt mir meine Frage zu beantworten sagte er "A und B ankreuzen". Bei der nächsten Frage stand er immer noch hinter mir und gab auch hier unaufgefordert die richtige Antwort vor. Ok, das war ja einfach, einen Prüfer der vorsagt, das war mir noch nicht begegnet. Der Rest der Fragen war relativ verständlich und entweder zu erraten oder man konnte sich tatsächlich noch erinnern. Als ich auf "terminar" klickte tauchte das unglaubliche Ergebnis auf: 35 richtige von 35 Fragen. Naja, streng genommen nur 33 gewußte Antworten... Markus verließ kurz nach mir den Raum und da er noch kurz mit dem Prüfer diskutiert hatte schwante mir schon unfaßbares - er war durchgefallen! Mein Erfolg war danach natürlich etwas geschmälert, Markus war die Zeit davongerannt, vor lauter Übersetzen hatte er bei Prüfungsende erst 25 von 35 Fragen beantwortet - sozusagen 10 Fehler zuviel. Ich mußte noch kurz mit dem praktischen Prüfer klären, daß ich tatsächlich fahren könne und mir daher die Prüfung erlassen würde. Nun mußte ich noch etwa 45 Minuten auf die Überreichung des Dokuments warten. Markus ging zum Jefe de la Administración und fragte ob die Theorie denn wirklich nötig sei. Das sei sie tatsächlich aber wenn es nur an der Sprache gelegen habe könne er sofort noch einmal rein ohne die üblichen 15 Tage Frist abzuwarten. Da uns die Schlange aber zu lang war beschlossen wir am nächsten Tag wiederzukommen. Markus fuhr ins Büro und ich nahm stolz den 6 Jahre gültigen Führerschein in Empfang, danach muß man jeder die ganze Prozedur auf Neue durchlaufen.

Anderntags waren wir fast die ersten und Markus begab sich sofort zur Theorie. Nach den voll ausgeschöpften 30 Minuten hatte er den Test diesmal tatsächlich bestanden, leider konnte ihm der Prüfer diesmal nicht helfen, da er kein Wort Englisch sprach. Der Angestellte an der Ausgabestelle erkannte ihn entweder gleich am unchilenischen Äußeren oder am Foto, jedenfalls winkte er uns schon nach draußen zu, der Schein könne abgeholt werden.

Herzlichen Glückwunsch zum bestandenen Führerschein! Und hier ist das gute Stück:


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