Herbsteinbruch in Chile

Nach dem ewigen Sommer, den wir nun mehr oder weniger seit fast einem Jahr genießen, setzt sich nun immer deutlicher der Herbst durch. Herbst in Chile bedeutet bisher:

-kurze Tage, ab 19 Uhr ist es dunkel
-wenn tagsüber die Sonne scheint hat sie immer noch die Kraft, uns einen Sonnenbrand zu verpassen
-im Schatten wird es immer kälter
-Indoor-Hunde werden nur noch mit Kittel, Cape und Pullöverchen Gassi geführt
-Straßenhunde haben auch nur ein Fell und überleben damit bisher ohne Probleme
-morgens zeigt das Thermometer 8°C draußen
-das Aufstehen fält daher immer schwerer
-im Büro bei mir ist es scheinbar nicht viel wärmer
-zuhause steigt das Thermometer auf maximal 16 Grad Raumtemperatur
-die allgegenwärtigen Gaslieferwagen bevölkern die Straßen.

Markus will am Wochenende unbedingt noch einmal die "Zentralheizung" ausprobieren. Gesagt, getan, eingeschaltet, nichts passiert. Das einsame Rohr im Boden von der Küche durch den Flur ins Bad, das auch das Schlafzimmer kurz streift, erwärmt sich leicht. Steht man darauf, bekommt man wenigstens keine kälteren Füße als sie sowieso schon sind. Und dafür läuft der Gasbrenner den ganzen Tag? Naja…
Mittags beschließen wir daher spontan ein Stück nach Norden zu fahren, nach La Ligua, in das Mekka der Strickerinnen, wo Artesania aus Wolle hergestellt und verkauft wird. Die Heizung vergessen wir, wen wundert's, sie macht sich ja auch nicht bemerkbar.

Wie üblich halten wir an der Ruta 5 an einem "Pan Amasado" Stand an. Markus geht hinein in die Holzhütte und kauft 3 Stück Brot. Die Familie wohnt hier in dieser Bretterbude direkt am Randstreifen der Autobahn, die aus lauter verschiedenen Stücken Holz zusammengezimmert ist. Wie es aussieht auch nur in 3 Räumen, denn soviele Türen gibt es inklusive der Eingangstür. Im "Verkaufsraum" stehen ein Kühlschrank, eine längst ausgediente Verkaufstheke und ein paar einfache Tische und Stühle. In der Mitte des Raumes ist in den Boden ein flaches Loch gegraben, darüber liegt glühende Kohle in einer Blechschale. Das ist die Heizung. Wir bezweifeln, daß die anderen Räume beheizt sind, das wäre auch unsinnig, denn einige Fenster bestehen nur aus Plastikplanen. Draußen steht der obligatorische Steinofen, darin wird gerade das Huhn gebacken. Eigentlich können wir uns hiernach schon nicht mehr guten Gewissens über die 16 Grad in unserer Wohnung beschweren.

In La Ligua erwarten uns sonntägliche Ruhe und viele Vorhängeschlösser an den Verkaufsräumen der Artesanen. Nach einer Runde um die hübsche Plaza finden wir nichts was geöffnet hätte außer ein paar Bars. Und das soll das Wollpulli-Mekka Zentralchiles sein??
Nach einem letzten Blick in den Turistel finden wir einen Hinweis auf das Valle Hermoso, 3km nach Norden. Das Dorf besteht aus einer einzigen langen Straße, an der sich ein Strickwarenladen an den anderen reiht, alle geöffnet! Wir parken und gehen strategisch erst die eine Seite hoch und wandern auf der anderen Straßenseite zurück. Das Angebot ist ziemlich groß aber etwas altbacken. Auf den ersten Blick finden wir nichts. Dann kehren wir ganz am Ende bei den strickenden Schwestern ein. Hier werden wir fündig und kaufen eine Wollfleecedecke für kalte Abende auf dem Sofa. Nachdem die "Tía" uns ihre Werkstatt und einen Strickponcho für zwei Personen gezeigt hat, der für Stadionbesuche aus Deutschland in Auftrag gegeben wurde, müssen wir uns in ihr Gästebuch eintragen und gehen weiter. Ich kaufe noch 3 Strickjacken, allerdings mehr für Sommerabende, Markus findet wie meistens hier in Chile nichts, der Arme!

Auf dem Heimweg beschließen wir doch noch einmal nach einer "Estufa" zu suchen, ein rollbarer Gasofen der hier statt der teuren "Zentralheizung" benutzt wird. Im Einkaufszentrum entscheiden wir uns für das Modell "Superser", da wir bei ausgiebigen Recherchen herausgefunden haben, daß es sich hier wohl um eine bei uns unbekannte Koproduktion von Bosch und Siemens handelt. Ein Geheimtip also. Wir heuern Pablo an, der unsere Estufe per Sackkarre rasendschnell durch das gesamte Einkaufszentrum zum Auto schafft, sodaß wir kaum hinterher kommen. Markus kauft noch schnell eine Gasflasche im Baumarkt. So ausgerüstet können wir es kaum erwarten unsere erste richtige chilenische Technikgerätschaft zuhause auszuprobieren und außerdem freuen wir uns auf endlich warme Temperaturen!

Kaum schließen wir die Haustür auf, empfängt uns eine mittlere Saunatemperatur! Wo kommt das her?? Der Boden ist kalt, aber die Decke glüht! Fast jedenfalls - in allen Zimmer ist die Decke heiß und wir haben über 23°C! Nach kurzem Verdacht, der Nachbar habe die Heizung angeworfen und wir könnten uns die Kosten sparen, stellt sich heraus es ist unsere eigene vergessene Zentralheizung! Sie bullert in allen Zimmern von der Decke, der Sinn bleibt uns verschlossen. Man kann sie zwar regulieren aber trotzdem werden immer alle Zimmer geheizt, total unwirtschaftlich.

Wir schalten sie aus und lüften, ich frage mich wieviele Pesos heute schon verheizt wurden und Markus macht sich daran die Estufa auszupacken. Auf dem Balkon höre ich ihn zünden, Gas ist da aber die Flamme geht nicht an. Nach einigen Minuten und mehrfachem Lesen der Gebrauchsanweisung stellen wir fest, daß er sich im Baumarkt wohl eine leere Flasche hat andrehen lassen, und das für 13.000 Peso! Wenn es nicht so kalt wäre, könnte man darüber lachen… und vor allem wie soll man das erklären? Naja, heute jedenfalls nicht mehr.

Am nächsten Tag erfahren wir, daß man tatsächlich immer erst eine leere Flasche kaufen muß um diese dann gegen eine neue einzutauschen. Meiner Meinung könnte man auch gleich eine volle nehmen und die umtauschen wenn sie leer ist!? Markus geht also abends zum Conserge und zusammen telefonieren sie (der Conserge telefoniert und Markus leiht ihm dafür sein Telefon) alle Gaslieferanten ab, aber die sind alle ausgebucht! Wieder ein Abend in der Kälte. Bei 16 Grad bibbern wir uns eingewickelt in Decken einigermaßen warm und gehen früh ins Bett. Mit Wärmflasche.

Am nächsten Morgen telefoniere ich nach Gas und tatsächlich ist jemand bereit uns zu beliefern. Ich laufe mit dem abgezählten Geld zum Conserge, doch es ist ein anderer als gestern und er findet die leere Flasche nicht mehr! Nach längerer Diskussion werde ich mit einem "no se preocupe, wir machen das schon" zur Arbeit geschickt und hoffe auf das Wunder. Gegen 10 ruft die Gasfirma an, sie können unsere Straße nicht finden. Immerhin rufen sie an. Nach kurzer Erklärung (ein Stadtplan wäre billiger als die Anrufe auf's Handy) versprechen sie nochmal rauszufahren.

Als ich abends zuhause eintreffe ist das Wunder geschehen: die Gasflasche ist da und die Heizung bullert schon fröhlich vor sich hin. Die trockene Luft und die bestimmt ungesunden Abgase (obwohl "catalitico") ignorieren wir ab heute. Wir taufen unser Öfchen als vollwertigen neuen Mitbewohner: Hei(n)z heizt!

Vorher Nachher


Zurück zur Startseite