La Pampa Salitrera

Ein Wochenende in Sand und Staub

01.-03.05.2009

im Norden Chiles
Sind unsere Ausflüge und Reisen meistens von frühem Aufstehen gekennzeichnet, schießen wir diesmal den Vogel ab: um 6 Uhr startet unser Flug nach Iquique, was bedeutet, dass bereits um 4 Uhr der Wecker klingelt. Wer kam bloß auf die Idee? Im stockfinstern und bei herbstlicher Kälte treffen wir am Flughafen ein und starten trotz dickem Nebel nur ein wenig später als geplant. Trotzdem schafft LAN es wie immer, sämtliche Verspätung aufzuholen und pünktlich zu landen. Gut zwei Stunden später ist es in Iquique, 1.853 Ruta-5-Kilometer weiter nördlich, schon sonnig und warm.
Blick auf Iquique und die Sanddüne El Dragón Überreste von Santa Laura
Unser Mietwagen wartet schon und so verlassen wir nach einem kurzen Lebensmitteleinkauf die Stadt auch schon wieder Richtung Osten. So früh unterwegs waren wir selten, sind aber trotzdem bei weitem nicht die ersten auf dem Parkplatz der ehemaligen Salpetermine Santa Laura (1872-1960), die heute unter Unescoschutz steht.
seit 49 Jahren steht hier alles still ... und rostet vor sich hin
Nur wenige der unzähligen Salpeterminen hier im Norden sind noch erhalten, die meisten wurden zwecks Baumaterials komplett demontiert und geplündert. Auch hier ist nur noch ein Teil der Werkshallen übrig, die kleine Plaza mit dem einzig erhaltenen (toten) Baum und in den ehemaligen Verwaltungsgebäuden befindet sich heute ein kleines Museum.
ehemalige Jodgewinnung die Plaza des Örtchens
Nach ausgiebiger Besichtigung der maroden Gebäude, die hauptsächlich aus rostzerfressenem Wellblech und von der Trockenheit und chemischer Belastung völlig zerfasertem Holz bestehen, wartet wenige Kilometer weiter schon die nächste Attraktion: Oficina Humberstone (1862-1960), ebenfalls unescogeschützt und noch deutlich besser erhalten (wohl, weil eingezäunt).
selbst die Toiletten sind authentisch die Plaza von Humberstone
Hier steht noch fast die gesamte kleine Stadt mit Plaza, öffentlichen Gebäuden, Markthallen, Schule, Kirche und Theater, teilweise erst kürzlich restauriert. Sobald man die wenigen anderen Besucher hinter sich gelassen hat, ist nur noch der ständige Wind zu hören, der den Sand vor sich hertreibt und durch die Fensteröffnungen oder Löcher im rostigen Blech fegt, sowie das quietschen der lose hängenden Türen der Hallen.
früher weltweit exportiert... ...heute komplett verfallen
Alles ist hier knochentrocken, die wenigen Bäume überleben nicht ohne tägliches Gießen und rundherum ist nichts als Steine, Sand und aufgehäufte Halden, die Überreste der Salpetergewinnung.
Industrieanlagen von Humberstone die Lagerhallen
Nachdem wir einige Stunden durch diese Geisterstädte gelaufen sind, treibt uns der Hunger weiter. Wir passieren Pozo Almonte, ein gottverlassenes Nest, immerhin aber noch der größte Ort der Pampa Salitrera nach Iquique, und durchqueren den Salar de Pintados, einen Salzsee, der eher wie ein ordentlich gepflügter grauer Acker wirkt.
nur der Wind pfeift durch die Löcher
In und um den Salzsee wachsen tausende Tamarugales, ein salzwasserangepasster Baum. Früher kamen sie hier ganz natürlich vor, bis sie vom Salpeterboom als Brennholz entdeckt und nahezu ausgerottet wurden. Vor gut 30 Jahren wurden sie hier künstlich wieder aufgeforstet und bilden die Pampa del Tamarugal. Hinter dem Salar biegen wir rechts ab zu den Geoglifos de Pintados, einer Reihe in die Bergflanken gescharrte große Bilder, über deren Bedeutung man sich immer noch nicht so ganz im Klaren ist. Wir zahlen den Eintritt und lassen uns erst einmal mit dem Mittagessen auf dem Picknickplatz nieder, bevor wir im Auto die Felszeichnungen auf den nächsten 3 Kilometern abfahren.
Salar de Pintados Geoglifos de Pintados
Da es jetzt im Herbst schon früh dunkel wird, machen wir uns anschließend auf den Weg nach Pica, einer Oase mitten in der Wüste, noch ein Stück weiter östlich gelegen. Dank unterirdischer Wasservorkommen und einem von den Spaniern erbauten, ebenfalls unterirdischen Kanalsystem, ist hier der Anbau von Mango, Guayaba, den berühmten Pica-Limonen und weiteren Früchten möglich. Wir suchen eine Unterkunft, was sich als schwierig erweist, bis wir beim 4. Versuch (unter der wenigen Möglichkeiten) zum Glück fündig werden. Es gibt zwar kein Frühstück, aber dafür nette Zimmer hinten im Garten, sodass wir einmal vom üblichen Straßenlärm im Urlaub verschont bleiben.
diverse Figuren Tiere und Menschen
Abends versuchen wir, etwas zu essen zu finden, was sich als genauso schwierig erweist. Alle angegebenen Restaurants im Turistel sind entweder längst Vergangenheit, heute geschlossen oder ausgesprochen uneinladend. Wir fragen uns, wo die anderen Touristen sind, die sämtliche Zimmer hier belegt haben? Nach diversen Runden durch den kleinen Ort finden wir endlich eine einfache "Restobar", die immerhin Auswahl aus drei Gerichten bietet und gar nicht so schlecht ist, wie sie aussieht. Zumindest das Preis-Leistungsverhältnis ist unschlagbar.
unser Hostal in Pica natürliche Wasservorkommen
Am nächsten Morgen kaufen wir Brot, Avocados und Milch, da wir für unser Frühstück selber sorgen müssen. Immerhin gibt es dafür eine kleine Küche und Tische neben der Rezeption. Wir erkunden zunächst die unbestreitbare Attraktion des Orts, oder zumindest Teile davon, die Cochas: große Becken, die Zugang zu den unterirdischen Wasserreservoirs bieten und als Schwimmbad genutzt werden. Ganze Karawanen von Chilenen sind in Badehose und mit Handtuch über der Schulter unterwegs zum Schwimmen, was hier der Hauptzeitvertreib scheint.
der Mirador von Pica zurück zur Ruta 5
Ein natürliches Schwimmbad in der Wüste ist zugegebenermaßen etwas besonderes, aber uns erinnert es ein wenig an die Termas del Flaco und so fahren wir lieber zum Mirador oberhalb des Ortes, der einen Blick auf die sattgrüne Oase mitten im sandigen Grau bietet, und fahren noch ein Stück der Straße Richtung bolivianischer Grenze. Hier gibt es einfach nichts außer Sand, der zudem noch ständig über die Straße geweht wird, sodass man aufpassen sollte, nicht stecken zu bleiben.
die Kirche von La Tirana welche Fußgänger???
Zurück in Pica schlendern wir über den kleinen Markt und probieren die diversen frischen Säfte: Mango, Mango mit Milch und Guayaba mit Milch. Markus, der sonst jeden Hauch von Zitronensaft in seinem Frühstücks-Orangensaft wittert, isst sogar eine der Picalimonen pur. Wir decken uns noch mit Obst ein, dann gehts weiter. Unterwegs kommen wir durch wenige kleine Orte, die nur zu religiösen Feiertagen erwachen, so wie La Tirana, und deren einzige Attraktion die Kirche und die Plaza sind. Ansonsten baut man hier mit allem, was sich finden oder aus den aufgegebenen Oficinas Salitreras abmontieren ließ: rostiges Wellblech, aufgeschnittene und geradegebogene Stahlfässer, alte Paletten und sogar ausrangierte Busse, das alles ergibt noch ganz passable Behausungen.
der Gigante de Atacama aber wir haben uns besser gehalten!
Ein ganzes Stück weiter nördlich biegen wir auf die große Ruta Internacional nach Bolivien ab und überholen schon die ersten, fantasievoll überladenen bolivianischen LKW. Kurz darauf erhebt sich links der Cerro Unitá, mit dem größten Geoglyphen überhaupt: der Gigante de Atacama, fast 90 Meter hoch in eine flache Bergflanke gescharrt. Was der wohl damals zu bedeuten hatte? Die Straße endet auf der anderen Seite des Cerro Unitá in einer weiten Sanddüne, wo wir im Schatten des Autos picknicken. Auf der Rückfahrt entdecken wir endlich den Knopf der Klimaanlage, es ist doch noch ganz schön heiß.
Sanddünen Wüste unter blauem Himmel
Jetzt bleibt uns nur noch die Rückfahrt nach Iquique, wo wir stilvoll und (zumindest ich) in Erinnerung an vergangene (Arbeits-)zeiten im Radisson Hotel übernachten. Iquique ist wieder ein Fall von: günstige Absteige oder teures Hotel, etwas anderes gibt es nicht. Leider sind wir ziemlich außerhalb von der Innenstadt, daher bleiben wir zum Essen gleich hier. Morgen ist auch noch ein Tag. Als wir später noch eine Flasche Wasser aus dem Auto holen, fällt uns auf, dass wir wohl das Licht angelassen haben... man gewöhnt sich eben schnell an die unvermeidlichen Bimmeltöne für Licht, Türen und nicht abgezogene Schlüssel, die uns am Jeep immer so nerven. Man fragt sich jetzt nur, wofür der Parkwächter wohl da ist, der von seinem Kabuff Panoramablick auf unser Auto hatte.
nur 1814km nach Hause endlich läuft die Batterie wieder
Nach dem Frühstück, dass etwas für den üblichen Verkehrslärm auf der Costanera entschädigt (entweder Fenster zu und tropische Hitze, oder Fenster auf, Schlafstörungen und kühle Nachtluft) kümmern wir uns um die Batterie. Die Rezeption ruft ein Taxi, dass für solche Fälle ein Überbrückungskabel hat. Dabei stellen wir fest, dass der Parkwächter tatsächlich unser Licht gemeldet hat, aber die Schnarchnasen von Rezeptionisten den Vorfall nur gewissenhaft notiert haben ohne weitere Maßnahmen zu ergreifen. Nach den üblichen chilenischen "5 Minuten", also eine gute Dreiviertelstunde später, trifft ein Fahrer ein, der uns nach diversen Versuchen endlich wieder soweit aufgeladen bekommt, dass der Wagen anspringt. Für die Anfahrt inlusive der 10 Liter Sprit, die er mit Vollgas zu diesem Zweck durch den Auspuff gejagt hat, berechnet er 2000 Peso - noch nicht einmal 3 Euro. So kleine Scheine haben wir gar nicht dabei und schicken ihn mit einem 5000er nach Hause. Dieses Schnäppchen entschädigt für die Wartezeit.
Küste von Iquique ein paar hungrige Pelikane und Seelöwen
Um die Batterie aufzuladen fahren wir erst einmal ans andere Ende von Iquique um das Monumento al Marinero desconocido zu besichtigen, sowie eine historisch äußert bedeutsame Boje: dort draußen wurde damals im Pazifikkrieg die chilenische Esmeralda von den Peruanern versenkt. Dank dieser Begebenheit kommen wir am 21. Mai in den Genuß des Feiertags zur Seeschlacht von Iquique (1879). Auf dem Rückweg schauen wir kurz in der Zona Franca vorbei, die für uns aber noch weniger kaufwertes bietet als die wenigen Malls in Santiago. Hier gibt es alles steuerfrei, rund um den Hafen stehen hauptsächlich tausende gebrauchte Fahrzeuge aller Art, die unverkennbar aus Asien importiert wurden. Wir fragen uns, wer die alten zugestaubten Karossen noch kaufen will, aber vermutlich niemand, denn erst vor kurzem hat Bolivien die Einfuhr von älteren Fahrzeugen verboten, sodass hier wahrscheinlich auf ewig die unverkäuflichen Reste ruhen.
Seeigelfischer der Peatonal von Iquique
Zurück in Iquique kehren wir im Club Nautico zum Mittagessen ein und erkunden danach die einstige "Prachtstraße" Iquiques. Für Chile eher überraschend ist, dass tatsächlich die meistens Häuser einigermaßen gut erhalten und noch nicht den sonst üblichen, gesichtslosen Hochhäusern gewichen sind. Alles ist ganz aus Holz erbaut und die zweite Etage besitzt nur ein Dach und keine Wände, damit in der Sommerhitze die Luft zirkulieren kann. Selbst die Bürgersteige sind auf ganzer Länge der zur Fußgängerzone deklarierten Straße noch aus Holz.
der Uhrturm, das Wahrzeichen Iquiques der spanische Club
Nach diesem ausgiebigen Spaziergang geht es am Strand zurück zum Auto, das Gepäck im Hotel abholen und dann schon wieder zum Flughafen. Hier erweist sich mein momentaner Zustand als der beste Joker: anstandslos werden uns auf Nachfrage Plätze in der etwas beinfreieren "Minibusiness-Class" gebucht und beim boarden brauche ich nur mit etwas hilflosem Gesicht an der langen Schlange vorbeizusteuern, schon reißt uns ein Steward die Tür auf und wir dürfen gemeinsam mit gebrechlichen Senioren und schreienden Kindern zu allererst ins Flugzeug. Markus ist ganz neidisch, denn sein Vielflieger-Status bei LAN gewährt diese Privilegien noch nicht.
restaurierte Häuser... ...mit luftiger Sommerterrasse
Als wir 2 Stunden später in Santiago landen, erwartet uns noch eine Überraschung: kaum verlassen wir das Gebäude, fängt es an zu regnen! Allerdings schaffen die Regenwolken es nicht bis nach Providencia, hier bläst nur ein herbstlicher Sturm, der wie immer mit Stromausfällen und sonstigen Unannehmlichkeiten einhergeht, diesmal aber nicht bei uns.

Zurück zur Startseite