Ein Wochenendeinkauf

oder: der allwöchentliche Samstagskampf

10.11.2007

der Fischhändler
Nach über einem Jahr in Chile können uns nicht mehr viele Dinge aus der Ruhe bringen. Wir haben uns an die allgemeine Gelassenheit gewöhnt, die proportional immer größer zu werden scheint, je dringender das Anliegen für einen selber ist. Schlange stehen, Nummer ziehen, Platz suchen, warten. Selbst diesem Vorgang haben wir schon positives abgewinnen können. Es kommt nur auf die richtige Planung und innere Einstellung an. Meist kann man dadurch, oder eben durch genügend frühes Aufstehen und somit Überholen der potenziellen Schlange einigermaßen gut damit umgehen.

Eines aber verdient noch eine kurze Erwähnung hier in diesem Kapitel, und das ist der Wochenendeinkauf. Wobei mit "Jumbo" nicht nur die Größe des Einkaufs sondern der Name der Supermarktkette gemeint ist.
Markus bei Verhandlungen über Tomaten
Ich habe mir schon eine optimale Einkaufsroutine ausgearbeitet, die allerdings nicht für die Wochenenden gilt, an denen wir in der Stadt bleiben. Das liegt erstens daran, daß Markus auch gerne einkaufen geht. Zweitens haben wir kürzlich einen riesigen samstäglichen Markt in der Nähe unseres Jumbos entdeckt, über den man eben lieber zu zweit schlendert, auch schon wegen des Gewichts der Einkaufstaschen. Drittens aber, und das ist der wichtigste Punkt, gibt es in unserem Jumbo eine tolle Einrichtung, die sich "Bahía Jumbo" nennt. Das ist sozusagen eine Insel im Einkaufsgeschehen, an der man sich aus einer Präsentationstheke einen Meeresfrüchteimbiss aussucht, bezahlt und eine Nummer erhält, und dann das Gewünschte an den umgebenden Stehtischen futtert. Da hauptsächlich Markus sich für Meeresgetier begeistert erhält man praktischerweise immer folgendes zum Gedeck dazu: Baguettebrot, Pebre (chil. Tomaten-Zwiebel-Koriander-Dip) und Weißwein im Plastikbecher; damit werden wir sogar beide satt. Seit dieser Woche haben wir entdeckt, daß auch wenn nur einer bestellt, man großzügig zwei Becher Wein dazu bekommt, was das Preis-Leistungs-Verhältnis deutlich verbessert.
Gemüse in allen Farben und Formen
Der Nachteil dieser samstäglichen Einkaufsrunde liegt auf der Hand: fast alle anderen haben die gleiche Idee! Der Männeranteil ist an Samstagen deutlich höher, wahrscheinlich aus denselben Gründen aus denen auch Markus mitkommt. Man sollte also früh aufstehen (schwierig) und auch früh losfahren (noch schwieriger). Haben wir endlich das Frühstück beendet und sind abfahrtbereit, ist es meistens schon 11 Uhr. Das ist die absolute Grenze des Erträglichen, besser bricht man eine halbe Stunde früher auf.
hier herrscht grün vor
Die erste Station ist der Markt. Rechts und links der Straße wird wild geparkt. Ein Kollege von Markus bestätigte kürzlich meine langgehegte Vermutung: viele Chilenen können nicht einparken, weil sie es auch nie gezeigt bekommen haben. In der Fahrstunde beschränkt man sich auf das Fahren, und auch das eher oberflächlich. (Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel!) Also ist der Markt auch eine willkommene Gelegenheit für alle selbsternannten Einparkergehilfen, die sich scharenweise einfinden und die Parkfläche in Reviere aufteilen. Somit gestaltet sich das Parken gelegentlich sehr zeitaufwendig, man muß warten, bis ein/e Autofahrer/in ängstlichen Blickes, den Parkhelfer fest im Visier (aber nicht die Stoßstange des Vordermanns) umständlich hin- und herrangiert hat und endlich steht. Der Einparker erhält dafür je nach Aufwand und Leistung etwa 100 Peso (etwa 15 Cent), wobei allein seine Anwesenheit auch das Risiko eines Einbruchs oder Diebstahl des Wagens mindert.
ein Möhren- und Rotebeeteberg
Dann wird der Markt in seiner ganzen Länge einmal abgelaufen um die besten Angebote zu sondieren, und auf dem Rückweg eingekauft. Manche Anbieter verkaufen direkt aus dem offenen LKW, andere haben umfangreiche Stände. Hier ist auch die ganze Familie gefragt, mindestens einer hat die Kasse fest im Griff und gibt Wechselgeld heraus. Ein weiterer belädt ständig die Tische und der Rest verkauft. Dank des großen Angebots entfällt das Nummernziehen, man kommt überall zügig dran.
der Spinatberg
Billiger ist der Einkauf auf diesem Markt nicht unbedingt, aber alles kommt offensichtlich frisch vom Feld, außerdem zählt der Marktbummel schon fast zur Freizeitgestaltung. Zum Transport der gekauften Waren eignet sich besonders eine recycelte Tasche, nicht etwa aus Jute oder Stoff, sondern aus einem entsprechend zusammengenähten Reis- oder Zementsack mit angenähten Henkeln. Die verkauft ein blinder alter Mann direkt vor Ort, und da wir unsere Tasche eigentlich immer vergessen, kaufen wir ihm jedes Mal wieder eine ab.
und noch mehr Gemüse
Hat man anschließend seine Einkäufe im Kofferraum verstaut (man kann sich alles auch von den Verkäufern zum Auto tragen lassen), den Einparker-Aufpasser entlohnt und das umliegende Verkehrs-/ Parkchaos ohne kleinere Beulen im Blech (die in der Regel "hingenommen" werden) überstanden, wartet der 2. Teil der Einkaufsfahrt auf uns.
der Artischockenberg
Wenige Kilometer die Straße hinunter liegt unser Jumbo. Die drei Parkdecks sind auch unter der Woche gut gefüllt. Allerdings versucht jeder immer gleich an der Rolltreppe zu parken, wodurch sich dort ein zäher Stau bildet. Fünfzig Meter abseits spart man bereits Zeit, Nerven und Blechschäden. Das obere Deck bleibt von November bis März eher ungenutzt, oder nur etwas für unerfahrene Erstparker: nach dem Einkauf steigt schließlich niemand gerne in ein auf 50°C aufgeheiztes Auto.
die Einkaufswagenparkplätze
Samstags jedoch beginnt der Stau direkt hinter der Einfahrt in die Parkdecks. Es ist jetzt auch kein entfernter Parkplatz mehr frei und man sucht sich ein ausparkendes Auto und wartet bis die Lücke frei wird. Unglücklicherweise gibt es im Jumbo keine Einparkhelfer. Das erschwert die Situation ungemein. Dafür kann man nun beobachten wie sich Autos zentimeterweise langsam rückwärts aus der (großzügig) bemessenen Lücke schieben. Auch das vollständige Einschlagen des Lenkrads ist nicht jedem geläufig: vor, zurück, vor, zurück, und jedes Mal verändert sich der Winkel nur geringfügig.
die Bahia-Jumbo-Theke
Hier hat jeder Verständnis, außer uns! Regelmäßig würde man am liebsten manchem Ausparkenden das Steuer aus der Hand reißen und es selber machen. Aber auch diese Prüfung ist irgendwann überstanden und wir stürzen uns ins Getümmel. Der Einkaufswagen wird von einem extra eingeteilten Mitarbeiter immer schon angereicht, damit man ihn nicht selbst aus der Reihe zerren muß. Jetzt gilt es möglichst effizient und schnell durch alle Gänge zu fahren, was durch nebeneinanderher schlendernde Familien und mitten im Gang abgestellte (auch hier herrscht das Parkproblem) Einkaufswagen erschwert wird. Und dabei gibt es doch extra auf dem Boden markierte Einkaufswagenparkplätze. In den geparkten Wagen stellt man dann ein Schild mit der Aufschrift: "Tengo dueño" (ich hab ein Herrchen). Gegen Ende der Runde, vor der Fischtheke, erreicht man die Bahía Jumbo, eine Oase der Erholung. Dank Nummernziehen gibt es weder Streß noch Futterneid und wir erholen uns kurzfristig am Stehtisch.
Markus beim Futtern
Hat man auch noch das Weinregal und die Hygieneabteilung hinter sich gebracht steht man vor der letzten Herausforderung: die Kasse. Derer gibt es ganze 70 Stück, an Samstagen sind auch fast alle in Betrieb. Die Schlangen sind täuschend kurz, oft nur etwa zwei oder drei Wagen stehen in der Reihe. Nach meinen ausgiebigen Studien gibt es aber auch hierbei einige Regeln zu beachten:

-vorzugsweise hinter einzelnen Männern einreihen (eher wenige Artikel, meist unproblematische Zahlung, wenig Konversation)
-nie hinter Frauen die kein System im Einkaufswagen erkennen lassen und unkoordiniert auf das Band laden (keine Konzentration auf das Wesentliche, Diskutieren mit der Kassiererin, Probleme mit der Punktesammelkarte)
-möglichst versuchen zu erkennen, ob bereits jemand mit Scheck zahlen will (dauert grundsätzlich viel zu lange)
-nie hinter übervollen Einkaufswagen, deren Besitzer/innen einen In-die-Tüten-Packgehilfen beauftragen (dauert am allerlängsten)
der Muscheleintopf
Trotzdem können noch weitere Fallen das zügige Fortkommen behindern:

-das Umtauschen eines Artikels, etwa ein kaputter Joghurtbecher. Dabei wird nach einem Laufjungen geklingelt und dieser losgeschickt. Während der Wartezeit schauen Kassiererin und Kunde vor sich hin ins Leere. Niemand wird ungeduldig, niemand stellt die Wartezeit in Frage, niemand beschwert sich. Die Kassiererin gibt kein Anzeichen von Eile von sich, auch nicht äußerlich zur oberflächlichen Beruhigung der Kunden. Für diskonter-geschädigte Deutsche ist das eine harte Prüfung oder eine Übung in unendlicher Geduld.

-das Wechselgeld geht aus. Einmal standen mehrere Personen minutenlang an der Kasse und starrten schläfrig vor sich hin. Als ich nach dem Grund fragte, wartete man nur auf das Wechselgeld für einen 1000-Pesoschein (etwa 1,50 Euro). Am liebsten hätte ich den aus meinem eigenen Portemonnaie gewechselt, aber ich war schon zu geschwächt.

-das umständliche Einwickeln einzelner Weinflaschen in dünnes weißes Papier. Das macht die Kassiererin jeweils nach dem scannen der Flasche. Sie muß aber erst den Bogen in passende Stücke reißen. Ein nervenaufreibender Vorgang.

-die Scheckformulare gehen aus. Da fragt die Kassiererin ihre Kollegin nach einem Exemplar. Sobald diese dafür Zeit hat reicht sie es hinüber. Man könnte auch nach mehreren Scheckformularen fragen, das würde Zeit sparen.

-die Kreditkarte funktioniert nicht. Es folgen Diskussionen, Mutmaßungen, Ratlosigkeit. Ein Vorgesetzter wird gerufen und ruft bei der Bank an, welche bestätigt, die Karte sei momentan nicht nutzbar. Nach etwa zehn Minuten wählt der Kunde eine weitere Karte aus seinem reichhaltigen Vorrat aus.

-Einpackhilfen packen den gesamten Einkauf nach einem uns bisher unbekannten System in unzählige Plastiktüten. Es werden nie mehr als fünf Artikel in eine Tüte gepackt, diese dann oben verknotet und in den Wagen gelegt. Manchmal werden auch zwei Tüten ineinander gelegt, das dauert noch länger. Der Einpacker hat alle Zeit der Welt. Immerhin sind die Tüten bei Jumbo seit kurzem biologisch abbaubar.
die Einpackhilfen
Gerade Samstags artet der Kassiervorgang also in eine Geduldsprobe aus. Zwar heißen wir die Abläufe bei heimischen Diskontern auch nicht gut, wo man mit Blicken oder schlimmerem erdolcht wird, sobald man zu lange nach Kleingeld wühlt oder nicht schnell genug die Artikel vom Band räumt, aber ein Mittelweg wäre schön!
70 Kassen in einer Reihe


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