Die Fast-Besteigung der Glocke

18.& 19.08.2007

Grenze im Nationalpark

Samstag

Samstag nachmittag fahren wir schon zum 4. Mal in den Nationalpark La Campana, diesmal wollen wir den Namensgeber "La Campana" (die Glocke) bewandern. Unterwegs fahren wir durch das Empanada-Mekka Til-Til, wo der gesamte Marktplatz ein einziger rauchender Ofen zu sein scheint. Nach ausgiebigem Imbiss treffen wir kurz vor Schließung der Tore ein und bezahlen den wohl teuersten Campingplatz bisher in Chile. Hier zahlt man den "Stellplatz" mit Tisch, Bank und Grillstelle für insgesamt sechs Personen, auf kleinere Gruppen ist man wohl nicht ausgerichtet. Wir parken und machen uns gleich an die Essensvorbereitungen, denn der Platz liegt im Tal unter Bäumen und die Sonne ist gleich weg. Wir erwarten mal wieder eine Nacht in der gewohnten Einsamkeit. Zu unserer Überraschung treffen kurz darauf drei Radfahrer ein und zaubern aus ihrem spärlichen Gepäck zwei Zelte. Wenig später fahren gleich zwei Autos über die kleine Brücke und weitere drei Personen bauen ihre Zelte auf. Ein so gut besuchter Campingplatz mitten im kalten August, das ist höchst ungewöhnlich. Ich freue mich, weil endlich mal ein bißchen echtes Campinggefühl aufkommt und weil ich sowieso immer besser schlafen kann, wenn noch mindestens ein Zelt in Sichtweite bewohnt wird. Nach dem Essen sitzen wir gemütlich im warmen Auto in unseren Daunendecken und spielen Karten, dabei bemitleiden wir ausgiebig die Nachbarn, denn draußen ist es jetzt schon ziemlich kalt. Endlich sind wir mal diejenigen, die im erleuchteten windstillen "Wohnmobil" sitzen während die Zelter unter der niedrigen Plane bei Außentemperatur frieren oder sich gleich in den Schlafsack legen müssen.

Sonntag

Nach einem kurzen Frühstück und ohne erst zeitaufwendig das Zelt abbauen zu müssen, wandern wir gegen 9 Uhr los. Auch die anderen Camper sind teilweise schon unterwegs. Im Tal ist es noch recht kühl, aber die Sonne strahlt schon vom blauen Himmel.
kühle Wälder die gefrorene Glocke
Der Aufstieg "El Andinista" führt ohne große Umschweife auf steilem Pfad nach oben. Wir sind nach kurzer Zeit schon dankbar für den Schatten unter den dichten Bäumen denn man kommt ganz schön ins Schwitzen. Dies ist die Seite des Parks die mehr Feuchtigkeit bekommt und im Gegensatz zu Palmen, Kakteen und braunen Hängen führt der Weg hier durch feuchten Wald. Nach einer guten Stunde Aufstieg ist der Boden an manchen Stellen noch hartgefroren und überall ist es weiß vom Frost. Jetzt können wir uns also denken warum das letzte Teilstück der Glocke heute gesperrt ist. Der Parkwächter hatte erzählt, daß dort noch Eisplatten liegen und der Weg zu gefährlich sei. Heute können wir nur bis zur alten Mine laufen, von da aus bleiben noch 2 Kilometer bis zum Gipfel.
langsam wird es warm da geht's hoch
Wenig später erreichen wir einen Fahrweg, die leichtere Variante für den Weg nach oben. Daß man hier mit dem Auto hochkommt, hätten wir mal vorher wissen sollen! Der Wald wird lichter und niedriger und bald erreichen wir die alte Mine. Markus macht sich sofort mit der Stirnlampe auf in den Stollen, kommt aber bald wieder zurück, er führt wohl ewig geradeaus in den Berg, das war selbst ihm zu weit. Auf einem kleinen Plateau machen wir Pause und picknicken selbstgebackenes Brot mit Käse und Schinken. Von hier aus hat man eine unendlich weite Sicht bis zu den schneebedeckten Anden im Osten.
aussichtsreicher Picknickplatz
Die meisten Berge der Küstenkordillere sind schon niedriger als wir hier sitzen. Nach ausgiebiger Pause und nachdem Markus schon mit dem Gedanken spielt, doch zu versuchen zum Gipfel zu kommen, gehen wir einen kleinen Pfad weiter hoch. Wir erreichen kurz darauf einen Pass und ein Holztor, hier ist der Park wohl zuende. Hinter dem Holztor bietet sich plötzlich die Aussicht auf die andere Seite Chiles und wir können in der Ferne das Meer und die Städte Valparaiso und Vina del Mar erkennen, sogar ohne Fernglas! Also nochmal zurück zum Tor - tatsächlich: Augen links und wir sehen die Andengipfel, Augen rechts und wir sehen das Meer! Ohne große Anstrengung überblickt man hier also mit bloßem Auge das ganze Land von Osten nach Westen!
links die weißen Andengipfel rechts am Horizont das Meer
Diese Seite des Bergs ist auch bedeutend wärmer, war es eben am Picknickplatz noch ohne Jacke etwas kühl, scheint hier die Sonne in den Talkessel und wärmt alles viel mehr auf. Die Vegetation ist auch eine andere, hier gibt es keinen Wald, dafür Kakteen und niedriges Gebüsch. Nach einem letzten Blick auf Anden, Meer und den weißgefrorenen La Campana-Gipfel machen wir uns an den Abstieg, da sich drei vermeintlich wilde Hunde nähern, die nicht eben klein sind, und man weiß ja nie auf wessen Privatbesitz wir uns hier befinden. Zurück nehmen wir den Fahrweg, es geht sich bequemer, dafür ist er aber auch doppelt so lang. Nach einer Weile treffen wir auf ein etwas verloren wirkendes älteres Ehepaar, mit unserem geschulten Auge sofort als Ausländer zu erkennen. Tatsächlich starren die beiden auf die unzureichende Karte des Parks und sprechen uns dann an. Sie haben wohl schon einige Chilenen gefragt, aber zu Länge des Wegs und Position nur wiedersprüchliche Aussagen erhalten. Wen wundert's, das kennen wir.
Unterhalb des Gipfels liegt noch Schnee im trockenen Teil des Parks
Wenig später meine ich einen Pfad der eine Abkürzung sein könnte, zu erkennen. Während ich noch überlege, daß Abkürzungen in Chile eigentlich immer ein Reinfall sind, nimmt Markus ihn schon in Angriff. Also hinterher. Nach mehreren hundert Metern steilem Abstieg entpuppt er sich als Trampelpfad von umherstreifenden Kühen und Pferden. Markus behauptet es sei ein Weg und ist nicht zu bremsen. Außerdem seien wir ihm jetzt schon zu weit gefolgt zum umkehren. Der "Weg" (mein Hinweis, daß wenn es einer sei, er auch in der Karte wäre und daß hier keine Wirtschaftswege den Wald durchziehen, verhallt ungehört) wird immer schmaler, nur Kuhfladen und Pferdeäpfel zieren seine Spur. Es geht immer tiefer hinab, und meiner Meinung nach stimmt die Richtung schon lange nicht mehr. Mitten im Dickicht streike ich dann endgültig. Nach hitziger Diskussion beschließen wir in Richtung der entfernten Stimmen zu laufen, die wir hören können. Zu meiner Erleichterung befindet sich der Weg wenige Minuten später nur eine hohe Böschung von uns entfernt. Ungeachtet der Stacheln und Kletten hangeln wir uns das letzte Stück hinauf und stehen auf der Straße, von wo es nicht mehr allzu weit zurück zum Auto ist. Zu Markus grenzenloser Genugtuung führt der weitere Weg annähernd an der Stelle vorbei, an der wir vorhin umgekehrt sind, und an der ich eine Nacht im Unterholz schon nicht mehr ausschließen wollte.
Markus als Kaktus verkleidet ein besonders ausladendes Exemplar
Jetzt begegnen wir sogar noch mehr Wanderern, solche Menschenmassen sind höchst ungewohnt, nichts wie weg hier. Wir halten in Olmué, dem Ort kurz vor dem Park noch schnell zum Artesaniakauf und einem Imbiß an der Plaza an, wo wir dem "Pferdekarussell" zuschauen. Jung und alt kann sich für ein paar Peso eines der vielen mehr oder weniger gepflegt und genährt aussehenden Pferde mieten und darf dann eine Stunde lang immer im Viereck um die Plaza zuckeln. Der Autoverkehr muß hier auf im Galopp umherpreschende Sechsjährige Rücksicht nehmen. Zeitweise sind bestimmt 35 eher lustlose Gäule gleichzeitig unterwegs, vom Grünstreifen aus angetrieben von den Pesobündel zählenden Besitzern. Ich verzichte großzügig auf einen Ritt da Markus schon die Nase juckt, und wir fahren zurück nach Santiago.

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