Die Nicht-Besteigung der Glocke

27.& 28.10.2007

La Campana, Markus und die Straße namens Straße (Calle)

Samstag

Bevor es bald zu heiß sein wird, um im Nationalpark La Campana zu wandern entschließen wir uns spontan, am Samstagnachmittag erneut dorthin zu fahren. Obwohl wir schon mehrmals dort waren, verpassen wir die richtige Abfahrt auf der Ruta 5 und nehmen ungewollt eine neue Route. Nachdem wir in Olmué noch schnell Carbón (Holzkohle) gekauft haben fahren wir in der Dämmerung auf den Zeltplatz. Um die Uhrzeit ist kein Parkwächter mehr zu sehen und so kommen wir sogar drum herum, den für chilenische Verhältnisse völlig überteuerten Stellplatz zu bezahlen, der für zwei Personen das gleiche kostet wie für sechs. Ohne den Wasserhahn und das beim letzten Mal übergelaufene Rudimentärklo würde man hier ohnehin keinen Zeltplatz vermuten. Den Eintritt in den Park wollen wir morgen aber trotzdem zahlen. (Um damit die Empörung der Leserschaft im Keim zu ersticken…)
Ein Auto parkt bereits, aber es ist weit und breit niemand zu sehen. In dem Wäldchen ist es schon stockdunkel und im Scheinwerferlicht bringt Markus die Holzkohle zum glühen während ich den Tisch decke. Bald darauf haben wir ein riesiges Steak, gegrillte Zucchini und Frühlingszwiebeln auf den Tellern. Es ist angenehm warm und endlich können wir wieder ohne Mütze und diverse Fleeceschichten draußen sitzen.

Sonntag

In der Nacht ist es ruhig und schon gewohnter Nebel begrüßt uns am nächsten Morgen. Man könnte sogar fast glauben es nieselt. Da wir gestern in der Eile den Spiritus für den Trangia und den Gasbrenner für die Gaskartusche vergessen haben (und diesmal haben wir beide gepackt) verzichten wir auf den Tee und laufen ohne zu frühstücken los. Wir nehmen den Weg "El Andinista" um diesmal endlich die Bezwingung des Cerro La Campana nachzuholen, der beim letzten Mal wegen Schnee auf dem letzten Teilstück gesperrt war. Als wir den Abzweig erreichen können wir jedoch unseren Augen kaum trauen, denn ein wirklich professionell gespannter achtlagiger Stacheldrahtzaun versperrt uns diesmal den Weg. Markus sucht schon nach einem Durchkommen, aber man scheint es ernst zu meinen, rechts und links im Gestrüpp sehen wir überall Zaun, dazu ein Schild, das darauf hinweist Strafen doch bitte zu vermeiden. Hätten wir uns gestern abend nicht im Dunkeln hereingeschlichen, hätte uns der Parkwächter sicher erzählen können, warum hier kein Weiterkommen mehr ist. Aber wer solch einen Zaun baut, der meint es ernst und ich ersticke Markus' Wunsch im Keim, irgendwo einen Durchbruch zu versuchen. Wir entschließen uns für einen anderen Weg, vielleicht gibt es später noch eine Möglichkeit.
Markus im Morgennebel Bromelien und Kakteen im Nebel
Kurze Zeit darauf erklären uns einige Wanderer, daß vor kurzem eine Touristin tödlich verunglückt ist und es im Gipfelbereich immer wieder zu Irrtümern bezüglich der Route kam, sodaß einige Wanderer sich wohl ziemlich verlaufen haben. Der Unfall ereignete sich zwar noch vor unserer letzten Tour, als der Weg noch offen war, aber Markus vermutet politische Gründe, da es sich um eine Amerikanerin gehandelt hat. Das wird uns später auch bestätigt. Also werden wir heute nur bis zum Pass hochlaufen, der den Park einmal quer durchteilt, diesen Weg kennen wir auch noch nicht.
eine rote Schlingblume gelbe sechsblättrige Blume
Wie immer in Chile führt die Strecke ohne Umwege relativ steil hinauf, wir sind auf 500m gestartet und wollen hoch bis auf über 1200m. Wir müssen uns schon bald mit Wurstbroten und harten Eiern stärken. Da es immer noch neblig-kühl ist können wir die sicher schöne Aussicht nicht genießen und beschränken uns daher auf das fotografieren der vielen gerade blühenden Blumen. Das ist immer eine willkommene Ausrede um kurz stehen zu bleiben und zu verschnaufen.
ein Pantöffelblümchen? eine Orchideenart?
Irgendwann überholt uns ein großer schwarzer Hund, der auch schon außer Atem ist, und freut sich sichtlich uns zu sehen. Er läuft voraus, kehrt aber immer mal wieder um wenn wir zu langsam sind. Wir überlegen schon, ihm einen der Rucksäcke aufzubinden. Irgendwann wird es ihm aber wohl zu langweilig mit uns und er kommt nicht wieder.
blaues Blümchen ein Verwandter des Löwenzahns?
Kurz vor dem Pass begegnet uns ein anderes Pärchen auf dem Weg nach unten, denen er sich angeschlossen hat. Wahrscheinlich verspricht er sich von den beiden mehr; wenn der wüßte was wir für eine riesige Fleischwurst im Gepäck haben!
ein lila Lupinchen? ein anderes lila Blümchen
Wenig später erreichen wir den Pass und jetzt klart es endlich auf. Wir beobachten ein paar Vögel und Eidechsen und machen uns dann auf den Rückweg, einen Pfad den wir schon kennen und der in einem anderen Sektor des Parks endet. Es geht steil bergab und jetzt freuen wir uns über den Schatten, denn sobald die Sonne scheint wird es ziemlich warm.
Schlüsselblümchen? ein 13-Blütenblatt?
Am Ende des Wegs erwartet uns ein Bach, der einige kleine Wasserbecken in den Fels geformt hat, wo wir die Füße abkühlen und Mittag essen. Im Gegensatz zum letzten Mal im Januar sind wir heute ganz allein, das Wasser ist noch viel zu kalt zum Baden.
gut getarnte Eidechse Suchbild: wo ist die Eidechse?
Das andere Häuschen der Guardaparques liegt kurz dahinter und wir erkundigen uns noch einmal wegen der Wegsperre. Ab November (also in drei Tagen!) darf man dort wieder laufen, momentan wird noch an der Markierung gearbeitet. Der Guardaparque läßt durchblicken, daß man den Weg eher unfreiwillig geschlossen hat. Naja, da müssen wir also noch einmal wiederkommen…
Bushaltestelle Nr. 40 im Rodeodorf Olmué Warten auf den Bus
Wir nehmen einen Bus zurück in den Ort und dann einen zweiten zum anderen Parkeingang, dann zahlen wir den Eintritt und holen das Auto ab. Auf dem Rückweg halten wir in dem winzigen Ort Til-Til, einem Empanada-Mekka in dem es auf einer separaten Plaza unzählige Empanada-Stände gibt und füllen die abgelaufenen Kalorien erfolgreich auf, bevor wir eine Stunde später zuhause eintreffen.

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