Irgendwo am Ende von La Dehesa

Herbstliches Grün und knochige Kühe

07.06.2008

Ein weiteres, herbstlich trübes Wochenende steht vor der Tür. Wir halten uns tapfer, trotz der neuerlichen Regenfälle, die ein regelmäßiges Ausleeren unserer Wasserauffanganlage im Wohnzimmer erforderlich machten, haben wir uns die Laune nicht verderben lassen. Seit vorgestern ist es wieder trocken und heute scheint die Sonne durch den leichten Nebel.
Vor ein paar Tagen habe ich nach langer Recherche eine neue Tour im Internet gefunden und die Beschreibung ausgedruckt. Leider nur den linken Teil, wie wir im Auto feststellen. Von jeder Zeile fehlen die letzten Wörter, aber wir sind guter Dinge, den Ausgangspunkt trotzdem zu finden. Wofür haben wir schliesslich einen Stadtplan?
In den letzten Ausläufern der weitläufigen Comuna La Dehesa passieren wir einen Golfclub und einige feudale Neubaugebiete. Allerdings gibt es auch hier keine Doppelscheiben, dafür Deutsche Schäferhunde, die wachsam hinter den Toren der Einfahrt lauern. Je teurer das Haus, umso schärfer die Hunde. Eigentlich logisch. Bei uns führt der Nachbar immer nur seine zwei frisierten Pudel aus, das lässt wohl auf die Einrichtung schliessen.
blendendgrüne Wiesen links der Berge liegt Santiago
Irgendwann finden wir trotz diverser Lücken im Plan die richtige Strasse und das richtige Tor, hinter dem die Wanderung beginnen soll. Leider verhindern eine Kette und ein Vorhängeschloss unseren Start. Hier wurde bereits Bauland abgezäunt um ein weiteres Condominio zu errichten. Niemand ist weit und breit zu sehen und über den 2m hohen Zaun wollte selbst Markus nicht klettern. Wir fahren die Strassen der Umgebung ab und versuchen, uns von einer anderen Seite her zu nähern. Dabei folgen wir unauffällig einem verdächtigen Mountainbiker, der wohl das gleiche Ziel hat, schliesslich war die Tour ursprünglich als MTB-Tour beschrieben. Nach einem Kilometer bergauf im ersten Gang hebt der Radfahrer sein Gefährt über eine Leitplanke, die quer über die Strasse gebaut wurde, und verschwindet dahinter. Kurzentschlossen parken wir und klettern über die mit Betonblöcken verstärkte Leitplanken-Draht-Graben-Konstruktion. Nach fast zwei Jahren in Chile lassen wir uns davon nicht mehr verunsichern. Allem Anschein nach sollen aber hauptsächlich Motorradfahrer am Betreten des Geländes gehindert werden. Umso besser.

Hier wurde offensichtlich schon ein zukünftiges Wohngebiet vollständig erschlossen und wartet seit längerem auf Bebauung. Strassen, Kreisverkehr, Schilder, Bepflanzung, Laternen - alles vorhanden, aber Typ "verblichener Glanz" und für den Verkehr durch Barrikaden gesperrt. Seltsam, dass sich der Bauboom hier durch irgendetwas aufhalten liess.
viele Bäche nach dem Regen hier sieht es doch eher winterlich aus
Unser unvollständiger Plan berichtet von einem grösseren Teich und einem Kanal, hinter dem der Einstieg zu vermuten ist. Wir hangeln uns zwischen Zaun, Baum und Wasserkanal hindurch und stehen auf einer grünen Wiese, über die sich ein Pfad in Richtung Hügel schlängelt. Offenbar wird er durch Radfahrer, Reiter und Fussgänger rege genutzt, denn er ist deutlich zu erkennen, also marschieren wir los. Diese Hügel gehören nicht zur Vorkordillere, und sind weniger steil und viel dichter bewachsen, hier scheint es das ganze Jahr über Wasser zu geben.
feuchtkaltes Bachtal Kakteen zieren nur die Sonnenseite
Der Regen der letzten Tage lässt überall das Gras spriessen und das leuchtende Grün sieht eher nach Frühling als nach Winter aus. Diese für Mittelchile höchst ungewöhnliche Farbe lässt uns fast nach der Sonnenbrille suchen.
Die baumbestandenen Hügel könnten auf den ersten Blick auch eine süddeutsche Obstwiese sein, entpuppen sich aber schnell als die typischen Espinos, stachelige Bäume. Wir laufen durch ein feuchtkaltes Bachtal und queren immer wieder Rinnsale und matschige Stellen. Zweimal retten wir uns mit einem Sprung in die Kakteen vor sich den Berg hinunterstürzenden Mountainbikern. Nach vier Kilometern ist das Ziel erreicht, ein weithin sichtbarer, weil ungewöhnlich großer Baum lädt zu einem Picknick ein. Bei klarem Wetter würde man die Hochhäuser des Zentrums in der einen Richtung und die schneebedeckten Anden in der anderen Richtung besser erkennen können. Nach dem Essen laufen wir noch ein Stück weiter, aber der aufgeweichte und rutschige Boden hindert uns bald am fortkommen. Nach wenigen Schritten kleben schon zentimeterdicke Lehmschichten als zusätzliches Gewicht unter den Schuhen.
vermeintliche Obstwiesen Picknick unter'm Baum
Auf dem Rückweg begegnen uns sogar noch ein paar Radfahrer und Wanderer. Ausserdem macht sich der Winter nun doch bemerkbar, selbst in der Sonne wird es nicht mehr richtig warm. Zurück in den grünen Wiesen fallen uns noch die vielen herumliegenden Knochen auf. Würde man alle einsammeln und zusammensetzen, würde es sicher für drei Kühe reichen. Mit hereinbrechender Dämmerung sind wir wieder am Auto, machen uns auf den Heimweg und kehren abends auf eine wohlverdiente Pizza im "Tiramisú" ein.

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