Laguna del Maule

Grenzwirtschaft - oder: Fische müssen draußen bleiben!

19.+20.01.2008

im Tal des Río Maule

Samstag

Da Georg und Nadja, unser nächster Besuch, gestern abend erst sehr spät aus Calama zurückgekehrt sind, kommen wir heute morgen später los als geplant und auf der Ruta 5 nach Süden ist schon einiges los. Wir fahren bei schönstem Sommerwetter und mit nur einer kurzen Empanadaunterbrechung bis Talca, wo wir Richtung Anden nach links abbiegen. Die Straße bis zum Abzweig nach Vilches kennen Markus und ich schon, danach befahren wir Neuland.
Straße und Fluß Andenlandschaft
Das Tal des Río Maule ist ziemlich breit und noch ungewöhnlich grün für diese Jahreszeit. Die schön geteerte Straße hört nach einer Stunde Fahrt auf und wir holpern weiter Richtung Grenze und dem Paso Pehuenche. Auf halbem Weg passieren wir den Lago Colbún, den größten künstlichen See Chiles, der momentan aber halbleer zu sein scheint.
kleine Pause am Straßenrand Nadja und ich auf dem Camino Internacional
Dafür fließt der Río Maule, an dem entlang unser Weg führt, umso kräftiger dahin. Das Tal wird immer breiter und ringsum sieht man kahle braungraue Berge. An der Grenzstation halten wir und müssen nur kurz unsere Pässe vorzeigen. Ausreisen wollen wir nicht, sondern nur bis hinauf zur Laguna del Maule, daher erhalten wir einen handgeschriebenen Zettel mit Datum, Anzahl der Personen und einem offiziellen Stempel.

Ursprünglich planten wir, hier aus- und einen Pass weiter nördlich wieder nach Chile einzureisen. Wegen verschiedener Komplikationen ließen wir das Vorhaben wieder fallen. Da der zweite Grenzübergang nicht über eine internationale Polizeistation verfügt und deshalb nicht an das zentrale Computersystem angeschlossen ist (er ist klimatisch bedingt nur im Sommer geöffnet), benötigt man ein "Salvoconducto", dieses bestätigt, dass man ist wer man ist. Es muß mindestens 24 Stunden vorher von einer internationalen Polizeistation (die mit Computeranschluß) ausgestellt werden. Da Nadja und Georg aber erst spätabends vor Abreise aus Calama zurückkamen und ich zudem in der Polizeiwache am Flughafen niemanden ans Telefon bekam da es den ganzen Tag besetzt war, hätten wir darauf vertrauen müssen rechtzeitig nach Curicó zu kommen um das dieses Formular dort zu erhalten. Ohne zu wissen, ob das funktioniert und ob das Procedere tatsächlich so abläuft, hätten wir vor Abreise zusätzlich noch die internationale Versicherung für unser Auto abschließen müssen, die etwa 25 USD für ein Wochenende kostet. Diese abzuschliesen scheiterte übrigens ebenfalls Freitag abend an den kundenunfreundlichen Öffnungszeiten des Versicherungsbüros.
Da soll uns noch einmal jemand etwas über die Bürokratie in Europa erzählen! Wir werden die Tour bei Gelegenheit noch einmal in Angriff nehmen und berichten, ob es wirklich so kompliziert ist.

breites Flusstal die Schlucht des Río Maule
Das Tal wird jetzt wieder schmal, es wird immer trockener und die Straße führt gefährlich nah an den steil aufragenden und auf der anderen Seite der Straße abfallenden Felswänden vorbei. Hier soll es heiße Quellen geben, aber der ausgeschilderte Platz ist von wenig vertrauenerweckenden Gruppen belegt, mit Müll übersät und von den Thermen sehen wir auch nichts. Wir fahren nach daher gleich weiter.
Nach einer weiteren Stunde Schotterstraße erreichen wir die letzte Polizeistation auf chilenischer Seite auf 2.300m Höhe, von hier aus sind es noch etwa 30km bis nach Argentinien.
Pferdehirten Straße mit Landschaft
Wir fragen beim SAG (Servicio Agricola y Ganadero = "Apfelkontrolle", da auf den SAG Hinweisschildern am Flughafen immer ein riesiger durchgestrichener Apfel prangt, der erinnert, daß man kein Fleisch, Obst, Gemüse, etc.. nach Chile einführen darf) ob wir mit unserer Grillage im Gepäck die Schranke passieren und morgen mit dem Rest wieder zurückkehren dürfen.
Nein, dürfen wir nicht, jedes einmal über diese Schranke ausgereiste Steak, jede Frühlingszwiebel oder Zucchini muß drüben gegessen werden oder wandert in den Mülleimer.
die letzte Polizeistation vor Argentinien der letzte
Den zeigt uns der Beamte auch gleich. Also bleiben wir doch lieber hier. Markus fragt kurzerhand ob wir hier zelten dürfen und bekommt die polizeilche Erlaubnis. Auf einer Wiese direkt am Flußufer bauen wir zwischen Pferdeäpfeln und ihren vier Verursachern die Zelte auf. Wir schlafen diese Nacht sozusagen mit Polizeischutz. Danach packen Markus und Georg die Angeln aus und sind damit die nächste Stunde vollauf beschäftigt, leider erfolglos.
Markus beim Angeln unser Zeltplatz
Währenddessen sitzen Nadja und ich auf den Campingstühlen mit einem Buch in der Hand, beobachten das ganze und genießen die Aussicht. Nachdem wirklich kein Fisch anbeißen will, müssen wir zu unserem mitgebrachten Rindfleisch greifen und bauen eine Feuerstelle. Kaum liegt das Fleisch auf dem Grill nähern sich der Grenzpolizist mit Helfer und Hund. Der Helfer schiebt die Schubkarre mit dem Heu für die vier grasenden Polizeipferde und dem Polizisten ist es etwas peinlich, daß sein Hund (übrigens zu dieser späten Stunde immer noch in Uniform) so gar nicht auf seine Befehle hören will. Der Hund treibt sich viel lieber um den Grill herum, läßt sich ausgiebig streicheln und ist völlig taub, was die Rufe seines Herrchens angeht. Dieser winkt irgendwann ab und entschuldigt sich sogar für seinen Untergebenen.
nach erfolgreichem Zeltaufbau windgeschützter Grill
Nach dem Abendessen, mit der Dämmerung wird es ziemlich kühl, bekommen wir Besuch von den beiden Schleusenwärtern der Laguna del Maule. Die Laguna hat einen Abfluß, den Río Maule, und dieser kann reguliert werden um weiter unten gelegenen den Lago Colbún zu speisen. Da dort momentan eher Niedrigwasser herrscht werden wir informiert, daß um 5 Uhr morgens die Tore geöffnet werden um den See zu füllen. Daher wollte man uns warnen, daß wir die Zelte lieber etwas weiter hinten aufbauen, ansonsten könnte es sein, daß wir morgen früh den Fluß im Vorzelt stehen haben.
Georg und der anhängliche Polizeihund Treppe ins Nichts
Nach kurzem Hin und Her und bis wir alles verstanden haben, entscheiden die beiden aber, daß es wohl doch ausreichen sollte und wir dort stehen bleiben können, dann wünschen sie uns noch eine gute Nacht. Etwas beunruhigt aber ohne Lust zum umziehen beschließen wir, den Wecker auf kurz nach 5 zu stellen und den Wasserstand zu prüfen. Wir gehen bald ins Bett und es wacht wohl jeder einige Male auf, mit dem Verdacht, daß das Wasser schon unter der Isomatte gluckert.

Sonntag

Um 5 Uhr wache ich noch vor dem Wecker auf und Markus darf prüfen ob Gefahr besteht. Der Fluß ist aber noch in sicherer Entfernung und so bewundern wir eine Weile den sternenübersäten Himmel, der ohne Mond wieder einmal spektakulär ist. Das Wasser scheint nicht nennenswert zu steigen und so schlafen wir beruhigt weiter. Später sehen wir, daß es nur um etwa 20cm angestiegen ist, nochmal soviel, dann wäre es aber tatsächlich über den kleinen Wall und bis zu den Zelten geschwappt.
angrenzendes Hochtal beim Frühstück in der Sonne
Da sich morgens außer mir noch niemand rührt mache ich einen Erkundungsgang in ein angrenzendes kleines Seitental, in dem ich ein paar gar nicht scheue Vögel, zahlreiche Eidechsen, einen Hasen und einen kleinen Bach finde.
Nach einem Tee und ersten Angeleinlagen frühstücken wir und sind unschlüssig was den Tagesplan angeht. Die Landschaft hier lädt eigentlich zu ausgiebigem Faulenzen ein, aber die Jungs sind vom Angelfieber gepackt und können endlich gemeinsam fachsimpeln, wobei Markus eindeutig den Kürzeren zieht. Also packen wir allmählich alles zusammen, geben die Kühlbox mit den restlichen Vorräten bei der SAG ab und werden ermahnt, alles wieder abzuholen sonst müßten sie alles essen und würden zu dick.
Wüstenlandschaft im Grenzgebiet Schneeschaufeln auf chilenisch
Wir passieren die Schranke und fahren zur Laguna del Maule, einem 57km² großen, tiefblauen See, umrahmt von teilweise kahlen und stellenweise grün bewachsenen Bergen. Wir nehmen die Straße Richtung Grenze, die durch eine Mondlandschaft zu führen scheint, wobei wir trotz hochsommerlicher Temperaturen ein vom Sand bedecktes riesiges Schneefeld entdecken, das gerade von einem Bagger bearbeitet wird, warum auch immer.
erfolglose Angler
Nach einigen Fotostops kehren wir um und suchen einen möglichst windgeschützten Platz am See. Man sieht relativ viele Autos und Zelte am Wasser und überall Angler. Es muß also doch Fische geben. Hauptsächlich sieht man leider auch die Hinterlassenschaften der Chilenen - Müll soweit das Auge reicht verschandelt das Seeufer. Wir installieren uns etwas abseits am Wasser und verbringen dort die nächsten zwei Stunden in der gleichen Weise wie gestern abend und leider auch wieder, ohne einen Fisch zu fangen.
die Laguna del Maule
Als es uns irgendwann zu windig wird kehren wir zur Grenze zurück, befreien unsere Kühlbox aus den Händen des SAG und müssen einen der beiden Grenzpolizisten bei seinem Bier unterbrechen, damit er uns die Schranke öffnet. Die vier Angestellten hier sehen aus aus hätten sie nicht viel zu tun, außer die vielen Angler durchzulassen und sich bei einem kühlen Bier zu unterhalten. Die SAG nimmt ihren Auftrag auch hier sehr ernst und die armen Angler müssen ihren in der Laguna gefangenen Fisch noch vor der Schranke grillen. Daher stehen hier einige Grillstationen mit wartenden, hungrigen Anglern drumherum. Erst wenn alles aufgegessen ist, dürfen sie passieren. Sonst droht der Mülleimer.
Markus vor der Laguna der Salto des Río Maule
Auf dem Rückweg halten wir an der Straße und gehen ein Stück bis zu einem Wasserfall spazieren, dessen Gischt man im mittlerweile heftigen Wind schon kilometerweit sieht. Wir bekommen mehrere Duschen ab und riskieren einen Blick von der Felskante auf das gut hundert Meter weiter unten liegende Flußtal. Die Landschaft hier erscheint uns eher untypisch für Chile und erinnert uns mehr an die argentinische Seite der Anden.
hochgewehte Gischt des Wasserfalls der Bach kurz vor seinem Fall
Am frühen Nachmittag suchen wir einen Grillplatz und werden unter Bäumen neben dem Fluß fündig. Hier herrscht mülltechnisch jedoch leider das gleiche Bild. Überall liegen die Überreste von Grillgelagen und es scheint niemanden außer uns zu stören. Aber da wir Hunger haben und die grillfähigen Plätze rar oder schlecht erreichbar sind, bleiben wir hier. Der Wind hat mittlerweile patagonische Qualitäten erreicht und während sich die Jungs um das Feuer kümmern schnippeln wir das Gemüse lieber wind- und bremsengeschützt im Auto. Die Bremsen und andere riesige geflügelte Brummer (Tábanos) werden draußen auch von den Böen nicht davon abgehalten, uns zu verfolgen.
das Tal nach dem Fall Auto in Landschaft
Das Essen wird wegen der aufgewirbelten Staubwolken eher ungemütlich und so packen wir gleich danach alles wieder ein und machen uns auf den Rückweg. Eine Stunde später sind wir auf der Panamericana und befreien uns an der ersten Tankstelle notdürftig von der staub- und sandgetränkten Sonnencremeschicht im Gesicht. Für die etwas eintönige Rückfahrt finden wir glücklicherweise noch einen Hörkrimi von dessen letzter halben Stunde niemand außer Markus, dem Fahrer, etwas mitbekommt. 7 Minuten vor Auflösung des Falles stehen wir vor dem Tor zu unserem Parkplatz, die Fahrt hat aufgrund der Rückreise von Wochenendausflüglern doch länger gedauert als erwartet.

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