La Parva

Blauer Himmel und leere Pisten

25.08.2008

Überraschend schaffen wir es an diesem Sonntagmorgen tatsächlich, früh aufzustehen und nach einem kurzen Frühstück ein weiteres Mal in die Berge hinter Santiago aufzubrechen. Die neuen Ski sollen schließlich ihre Anschaffung rechtfertigen. Trotz der neblig-trüben Suppe, die uns am Vortag zuteil wurde, scheint die Wettervorhersage immerhin für heute recht zu behalten. Auf der Avenida Las Condes ist kein Skibus zu sehen und die Straßen sind ungewöhnlich leer. Ob wir da etwas verpaßt haben? Auf dem Camino a Farellones reihen wir uns dann doch in die übliche, wenn auch lichtere, Kolonne bergauf ein. Hinter Kurve Nummer 39 biegen wir diesmal links ab, zum Skizentrum La Parva. Valle Nevado und El Colorado kennen wir bereits, und in Farellones lohnt sich die Anreise für drei kurze Schlepplifte nicht. La Parva haben wir bisher links liegen gelassen, denn die Beschreibung liest sich schon zu exklusiv, es scheint sich um den privaten Übungshang der neureichen Santiaguinos zu handeln.
So wie wir denkt wohl die Mehrheit der Besucher, denn die überschaubaren Parkplätze sind überraschend leer und es herrscht eine entspanntere Atmosphäre als im Schaulaufen der Brasilianer und sonstigen Ausländer im angesagten Valle Nevado. Selbst die Liftkarten sind in La Parva ganz unerwartet etwas billiger. Unter strahlendblauem Himmel und auf teilweise menschenleeren Pisten dürfen wir also ausgiebig Kurven ziehen. Markus wie immer ohne Umweg und Pulverschneewolken hinterlassend, und ich die Piste in gesamter Breite und angemessenem Tempo erkundend.
Eine temporäre Taubheit bei Aufforderungen nach Art von "jetzt mußt du aber wirklich mal ein bißchen Gas geben" oder "nein, niemand fährt so langsam wie du" oder "Schußfahren!!! Da vorne geht's bergauf!!!" stellt sich bei mir ein, und der Vormittag vergeht recht schnell. Mittags, als es schon ziemlich warm ist, kehren wir auf einen schnellen Teller papas fritas im Pistencafé ein.
Während Markus zur Entschädigung für meine Skikünste in der Sonne braten darf, stehe ich erst in der Kassenschlange, dann in der Getränkeschlange und schließlich am allerlängsten in der Essensausgabeschlange. Ich könnte mich jetzt länger über diese Erfahrung auslassen, aber es sei nur soviel gesagt, dass mir eine endlose Übung in Geduld und Selbsthypnose zuteil wurde, die ich erstens nicht bestellt hatte und die außerdem absolut nichts mit dem üblichen Problem "zahlenmäßige Überlegenheit hungriger Kunden gegenüber ungeschultem Personal" zu tun hat. Nachdem ich nach einer knappen Stunde die ersehnten kulinarischen Genüsse dem in der Sonne mittlerweile gerösteten Markus endlich überreicht habe, schnappe ich mir im Blutrausch den erstbesten nach Verantwortung Aussehenden und schleudere ihm meine Empörung über die Arbeitsweise im Allgemeinen und die Küche im Besonderen unter den Blicken der immer noch hungrig Wartenden entgegen. Als mir nichts mehr einfällt und er nichts Entscheidendes zu entgegnen hat, kann ich mich, endlich abreagiert, den Pommes widmen und meinen Blutdruck wieder unter Kontrolle bringen.
Ein paar Abfahrten später machen wir uns in der üblichen Kolonne wieder auf den Weg der 39 Kurven bis hinunter ins Tal nach Santiago. Vielleicht war es die sportliche Betätigung, wir schieben es lieber auf die Höhe von rund 3.500 Metern, die dazu führt, dass wir rekordverdächtig früh gleich nach dem Essen müde ins Bett fallen.

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