Petroglyphen, Observatorien und mehr

7.-10.12.2006

Donnerstag Abend

Ein langes Wochenende stand bevor, also war schnell entschieden die erste längere Tour zu machen. Wir entschlossen uns zu einer Fahrt nach Norden in Richtung La Serena, ca. 500km von Santiago entfernt.
Markus mußte Donnerstags noch arbeiten, daher holte ich unseren Mietwagen ab, eine etwas klapprige Camioneta, wie hier die Allzweckautos mit Ladefläche und viel Bodenfreiheit für die Schotterpisten heißen.

Schnell gepackt, auf Markus gewartet, zusammen noch die letzten Vorräte eingekauft und los ging's. Nach der ersten Tankstelle, wir waren erst wenige Kilometer gefahren, versagten bereits Tankanzeige und Tachometer, beides zeigte nur noch Null an. Das konnte ja heiter werden, der Wagen schien nicht mehr der neueste. Schon beim Abholen hatte ich Probleme gehabt überhaupt loszufahren, und mußte den Vermieter fragen wie man nach Gang einlegen und Kupplung kommen lassen das Auto zum fahren überredet. Es war aber nur die Kupplung völlig ausgeleiert.
Nachdem wir uns mit dem Fahren ohne jegliche Anzeigen abgefunden hatten, und endlich aus der Stadt herausgefunden hatten, stand uns der Stau bevor, der daraus resultierte, daß die Straße ans Meer gesperrt war, und alle anderen nun mit uns auf der Autobahn nach Norden standen. Es gibt auch nur diese eine Straße, man kann keine Schleichwege fahren. Auf der Straße befinden sich auch immer wieder Fahrräder und die Stadtbusse in die Vororte überholen auf dem Standstreifen. Wir benötigten etwa 2,5 Stunden für 100km, bis sich endlich der Großteil der Autos über die Umleitung davonmachte. Mittlerweile war es bereits recht spät und uns blieb gegen Mitternacht nichts anderes übrig, als an einer Tankstelle zu übernachten. Also reihten wir uns hinter zwei chilenischen Wohnmobilen ein und machten es uns mit einem Glas Rotwein in den Schlafsäcken bequem. Die anfängliche Ruhe wurde mitten in der Nacht von einem Neuankömmling auf übelste Weise gestört. Das Wohnmobil wurde nicht nur einfach direkt neben uns abgstellt, sondern es mußte ausgiebig in die Waage gebracht werden, mittels einer laut brummenden elektronischen Vorrichtung, mit der auch noch die Seitenteile ausgefahren wurden. Den Rest der Nacht begleitete uns das Brummen der Klimaanlage.

ganz schön stachelig... doppelter Stacheldraht

Freitag

Nach einer ansonsten guten Nacht an der Raststätte schafften wir es um 8 Uhr loszukommen. Am Vorabend hatten wir gar nicht bemerkt, daß man von unserem Platz über die Straße direkt auf's Meer schauen konnte.
Nach etwa 200km Fahrt erreichten wir den Abzweig zu den Termas de Socos, an denen wir Halt machen wollten. Etwa 1 km abseits der Panamericana befindet sich das Hotel mit den Thermen, nur über eine Schotterpiste erreichbar und völlig ruhig in einem kleinen Bachtal gelegen. Es gibt keine offenen Becken, sondern jeder Gast bekommt sein eigenes Badezimmer, die entlang eines überdachten Gangs liegen. Dort wird Wasser eingelassen und dann schließt man sich darin für eine halbe Stunde ein. Außer dem Plätschern des leicht grünlichen Wassers ist nichts zu hören. Nach der Badezeit begibt man sich auf den Gang und legt sich dort zum abkühlen in einem Liegestuhl, mit Blick ins Grüne und Vogelgezwitscher im Hintergrund.
Privatbad Termas de Socos


Anschließend ging es weiter in Richtung Ovalle. Auf dem Weg besuchten wir das Valle del Encanto. Die Landschaft hatte sich mittlerweile zu einer Halbwüste entwickelt, es gibt hier aber viele Flußtäler, die überraschend grün wie Oasen daraus hervorstechen. Im Valle del Encanto gibt es Steinzeichnungen zu besichtigen, die erst 1946 entdeckt wurden und aus der Zeit 2000 v. Chr. stammen. Auch zu besichtigen sind Petroglyphen und Steinmühlen der Molle-Indianer von 700 n. Chr., die noch besser sichtbar sind, sowie Bäder der Inka, die wir aber nicht gefunden haben. Es ist anscheinend der bedeutendste Fundort dieser Art im Norden Chiles. Nach einem 2-stündigen Rundgang durch die Felsen- und Kakteenlandschaft mit verschiedenen Steinritzungen trafen wir noch auf einige Schweizer, denen wir vom Parkwächter schon ans Herz gelegt worden waren. Anscheinend verirren sich nicht viele ausländische Besucher hierher und die einzigen Worte die er auf Deutsch konnte, diese allerdings fast perfekt, waren "Guten Tag" und komischerweise "Marsmensch". Erst später fanden wir heraus, daß wir im Mekka der Ufojäger unterwegs waren. Wenn man die Felsenzeichnungen genauer anschaut könnte man fast annehmen es handele sich um Außerirdische, jedenfalls wenn man fest daran glaubt.
Tschö mit ö Steinmühlen


Nach der Weiterfahrt über Ovalle, einer Kleinstadt im Flußtal des Río Limarí inmitten der Wüste, wo wir kurz die Vorräte aufstockten, führte die Straße am Monumento Nacional de Pichasca vorbei. Nach abenteuerlich holpriger Fahrt über einen mit normalem Auto kaum befahrbaren Zufahrtsweg, an dem wir noch einige Papageien auf einer Stromleitung entdeckten, erreichten wir den Parkeingang. Hier hatte man Reste eines versteinerten Waldes gefunden, große versteinerte Stücke von Baumstämmen liegen überall herum. Außerdem wurden hier die Knochen von zwei Saurierarten entdeckt. Da uns nicht viel Zeit blieb, liefen wir schnell den angelegten Weg entlang versteinerter Baumreste und riesiger Kakteen ab, und waren auch hier bis auf ein weiteres Auto auf dem Parkplatz die einzigen Besucher.
zusammengelegte Araukarie versteinerter Baumstumpf


Heute abend wollten wir auf einer Hacienda übernachten und waren dort zum Abendessen angemeldet. Da alle Gäste zusammen am großen Tisch essen, sollten wir um kurz vor 19 Uhr spätestens dort sein und mußten uns nun beeilen, die restlichen 45km auf einer kurvigen Schotterpiste zu schaffen. Wir kamen rechtzeitig an und wurden von der österreichischen Besitzerin gleich in die Do's und Dont's eingewiesen, was wir etwas übertrieben fanden. Nach einem Bier auf der Terrasse ging es auch gleich zum Essen und wir saßen mit Chilenen aus Santiago am Tisch, sodaß wir unser Spanisch aufpolieren mußten. Nach den 3 Gängen wurde uns der Weg zum Zeltplatz am Fluß erklärt und wir gingen los, das Gepäck die 10 Minuten zu Fuß über die Pferdekoppeln dorthin zu schleppen, das Auto mußte oben am Haus bleiben. Außer uns zeltete heute niemand. Der Platz war recht dunkel unter Trauerweiden gleich am rauschenden Bach gelegen und wir mußten uns beeilen im Hellen noch aufzubauen.

Mitten in der Nacht störte uns trotz des Wasserrauschens des Rascheln einer kleinen Ratte in unseren Tüten und Taschen, die im Zeltvorraum lagen. Nachdem sie uns mehrfach geweckt hatte, warf Markus kurzerhand die bereits angeknabberten Tüten nach draußen damit wir endlich Ruhe hätten. Die letzte unangetastete Tüte nahmen wir mit ins Zelt und verstauten sie am Fußende.
Wenig später wurde ich allmählich wach, und bildete mir ein, eine Bewegung an meinen Füßen zu spüren! Mein Verdacht bewahrheitete sich nach einschalten der Lampe: die Ratte hatte sich ein Loch ins Zelt gefressen und saß nun auf der Tüte mit dem restlichen Essen, genau am Ende meines Schlafsacks! Nach meinem Schrei war Markus sofort wach, die Ratte erschreckte sich genauso und es brach eine allgemeine leichte Panik im Zelt aus. Nachdem ich die Lampe auf dem Kopf hatte konnte Markus die Ratte, die einen Ausweg suchte nicht finden und ich war nur damit beschäftigt meinen Schlafsack zuzuhalten, damit sie nicht auf die Idee käme, sich dort zu verstecken! Nach kurzer allgemeiner Ratlosigkeit erinnerte sich die Ratte an ihr Loch und versuchte sich dort wieder hindurchzuschieben. Wie hypnotisiert schauten wir ihr zu wie sie dort verschwand und stopften dann erst einmal notdürftig das Loch als sie endlich draußen war.
Mittlerweile war es 5 Uhr und an Schlaf zumindest bei mir nicht mehr zu denken. Markus wollte keine Nachtwache halten, also blieb ich alleine wach und starrte auf das Loch. Draußen hörte man das Rascheln der Plastiktüte, die wir rausgeworfen hatten und aus der die Ratte nun in aller Ruhe eine halbe Avocado mit Brot fraß.
Gegen 6:30 war es endlich hell genug zum Aufstehen und da wir beide keine Lust auf Frühstück hatten packten wir zusammen und brachen nach ausgiebiger Dusche auf.

Samstag

Heute sollte es zum Observatorium der ESO nördlich von La Serena gehen. Nach den Aufregungen der Nacht und ohne Frühstück schaukelte uns die Passstraße nach Vicuna kräftig durch. Für die etwa 45 Km sollten wir nach Auskunft des Reiseführers 2 Stunden minimum benötigen. Obwohl wir meinten das locker unterbieten zu können, sahen wir bald ein, daß es nicht möglich sein würde. Über eine enge Piste mit zahlreichen Kurven und ausgefahrenen Spuren ging es über zwei Berge ins anschließende Tal, mit toller Aussicht und nur einigen Ziegenhirten, Eseln und zwei anderen Fahrzeugen als Gesellschaft. Obwohl nicht weit von der "Zivilisation" entfernt, wohnen hier wenige Bauern nur mit ihren Maultieren, Ziegen und Hunden in aus Holz gezimmerten Unterständen und Hütten. Trotz der kärglichen Ausstattung hatten einige jedoch Solarzellen vor dem Haus stehen; sehr beliebt scheinen in diesem Klima auch die genügsamen, pflegeleichten Trockenschafe und -ziegen. (siehe Bild links)
Solarstrom und Trockenziegen Wüstenbewohner
Beim Erreichen des Passes begleitete uns die Sicht auf die weiß leuchtenden Observatorien, einige Berggipfel entfernt. Neben all den wissenschaftlichen Anlagen ist das Tal übrigens auch bekannt als bevorzugter UFO-Landeplatz, wir hatten zwar auch nächtlichen Besuch aber zum Glück keinen außerirdischen...
Hütte in der Einsamkeit

Nach knapp 2 Stunden Fahrt öffnete sich der Blick auf das grüne Tal des Río Elqui, eingerahmt von grau-brauen mit vereinzelten Kakteen bewachsenen Berghängen. Da wir noch knapp 200km vor uns hatten, sparten wir uns das Tal mit den zahlreichen Piscobrennereien und anderen Sehenwürdigkeiten für einen weiteren Besuch auf. Nach einem Frühstück unterwegs und rechtzeitigem Erreichen der einzigen Tankstelle vor La Serena fuhren wir weiter bis zur Panamericana und dort in Richtung Norden zum Abzweig nach La Silla.
Passstraße mit Ziegenhof Brücke im Gebirge


Nördlich von La Serena wird die Landschaft noch karger, man sieht ein paar Ziegen, Esel und rudimentärste Hütten, sowie vereinzelt einen Imbiss für die LKW Fahrer. In einem Dorf machten wir Halt um Wasser zu kaufen, im einzigen Laden gibt es nur das allernötigste zu kaufen, dafür aber billig. Am Abzweig nach La Silla führt eine Straße 16km zum Eingang des Areals. Wir mußten warten, bis um 13:30 das Tor für die 4 Besucherautos geöffnet wurde, dann ging es bergauf bis auf 2400m, allerdings über eine luxuriös geteerte Straße. Oben angekommen gab es zunächst einen Vortrag zur Einführung, leider nur auf Spanisch. Anschließend fuhren alle Besucher in ihren Autos dem Guía hinterher und man wird über das Areal geführt, dabei besuchten wir eines der mittlerweile nicht mehr genutzten aber damals größten Teleskope der Welt. Nach einem Gang durch das Kontrollzentrum (gelangweilte Techniker beobachteten Bildschirme und lasen Comics) ging es zu einem weiteren Film zurück ins Hauptgebäude. Das unten abgebildete Radioteleskop wurde übrigens bei der ersten Inbetriebnahme von der starken Sonneneinstrahlung teilweise verbrannt...
Die Luft ist hier klar und sauber, nachts sind die Lichter von La Serena über 100km Luftlinie entfernt und es gibt mindestens 320 niederschlagsfreie Tage, sodaß die Sicht in den Nachthimmel perfekt und fast störungsfrei ist. In der Gegend liegen mindestens noch 4 oder 5 andere Observatorien verschiedener Länder. Da wir fast von Meereshöhe auf 2400m gefahren waren, bekamen wir beide leichte Kopfschmerzen; die Aussicht von dort oben war allerdings unglaublich. Der Besuch lohnt sich wenn man dort sowieso vorbeifährt. Ansonsten kann man mit weniger Aufwand eines der anderen Observatorien weiter südlich besuchen. Von der 3-stündigen Besuchszeit vergeht eine Stunde mit Warten auf die anderen Teilnehmer und mit Fahrtzeit über das Gelände.
La Silla von oben ehem. größtes Teleskop
Sonnenofen ein Wüstenfuchs, ESO-Maskottchen


Gegen 17:30 brachen wir auf und entschlossen uns, an der Küste entlang zurück nach Süden zu fahren. Man unterschätzt hier immer noch die Entfernungen, den Straßenzustand und die zweifelhafte Beschilderung, sodaß wir uns immer noch zuviel vornehmen...
Von unserem letzten Besuch kannten wir noch die verschiedenen Händler entlang der Panamericana und wollten diese nun ausgiebig ausprobieren. Die ersten standen kurz vor La Serena und verkauften eingelegte Papayas und Avocados am Straßenrand. Die Stände sind mit bunten Fahnen geschmückt und vorher wird auf einem Schild am Straßenrand angekündigt, was es gibt. Nach La Serena winkten die Straßenhändler mit Flußkrebsen, frischem Ziegenkäse und selbstgebackenem Brot. Von den mit ihrer Herde direkt an der Straße wohnenden Ziegenhirten werden oft auch ganze, bereits gehäutete und küchenfertige Ziegen verkauft, die in weiße Tücher gehüllt sind, die den sich nähernden Autos kurz gezeigt werden. Für Ziegen und Flußkrebse hatten wir leider keine Kühlmöglichkeit bis nach Hause. In unserer Karte haben wir für's nächste Mal eingezeichnet was wo verkauft wird...

Für die letzte Übernachtung machten wir in einem kleinen Örtchen namens Tongoy halt, das fast nur auf einer kleinen bebauten Landzunge besteht. Wir fanden eine Pension, die ein Zimmer mit Panoramafenster mit Meerblick frei hatte. Die Aussicht entschädigte für vieles und auch der Preis überzeugte. Kurz darauf gingen wir in ein Restaurant, in dem wir die einzigen Gäste blieben, mit Blick auf Fischerboote und die Mole. Der nette Besitzer kredenzte uns den bisher leckersten Pisco Sour, gefolgt von Ceviche und gebratenem Fisch. Mit vollem Magen ging es zurück ins Zimmer und wir konnten kaum glauben wie ruhig es hier war. Auch morgens hörte man nichts als die Wellen unter dem Fenster und wir hätten fast verschlafen da die übliche Geräuschkulisse fehlte.
Blick aus dem Zimmer

Sonntag

Nach einem ausgiebigen Frühstück, ebenfalls mit Meerblick, und einer Runde durch den Ort fuhren wir weiter. Die restlichen 415km nach Santiago auf der Panamericana wurden nur unterbrochen durch diverse Stops am Straßenrand bei fliegenden Händlern, die erst verschiedenes Gebäck, dann Avocados und kurz vor Santiago Unmengen von Obst verkaufen. Die Gebäckverkäufer sind immer Frauen im weißen Kittel und mit weißen Staubwedeln, die geschwenkt werden um die Autos zum Anhalten zu bringen. Nördlich von Santiago wird viel Obst und Gemüse angebaut, die Stände am Straßenrand sind immer umfangreicher und sind vor allem auch viel biller als in der Stadt. Auf der Autobahn wird einfach auf dem Standstreifen angehalten und geparkt, und säckeweise Orangen, Zitronen, Avocados, Tomaten, Zwiebeln, Pfirsiche, Melonen und vieles mehr eingekauft. Man muß mindestens 1kg pro Sorte abnehmen, die Nationalfrucht Avocado, die hier wie Unkraut wächst, wird teilweise in 12 Kilo Säcken für 1000 Peso verkauft (1,50€).
Ziegenkäse- und Flußkrebsstand die Bäckerinnen

Wir machten noch einen Umweg an der Küste entlang, die nach der kargen Landschaft der letzten Tage eine Erholung für die Augen war. Es handelt sich um eine Art Steilküste, an der kleine Örtchen liegen, teils mit riesigen Häusern und parkartigen Gärten, die praktisch am Hang kleben. Obwohl ca. 150km von Santiago entfernt scheinen hier einige betuchte Städter ihre Sommerhäuser gebaut zu haben. Neben außergewöhnlicher Architektur schießen aber auch sogenannte Condominios aus dem Boden, protzige Einheitsreihenhausromantik mit Wächtern und Stacheldraht.
In einem kleinen Laden kauften wir Wasser, als wir im Fernseher das Hospital Militar in Santiago sahen, und die Verkäuferin bestätigte, daß Pinochet heute gestorben sei. Zum Glück hatten wir keine Probleme nach Hause zu kommen, obwohl schon einige Straßen gesperrt waren und vor dem Krankenhaus und an der Plaza Italia tausende Menschen unterwegs waren.



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