Ein bärtiges Wochenende

oder: im Märchenwald von Nahuelbuta

1.-4.11.2007

Donnerstag

Auch in Chile ist der 1. November ein Feiertag, dieses Jahr jedoch leider nicht für Markus. Allerdings konnte er dafür den Freitag freinehmen und so starten wir nach Feierabend in den Süden. Für die knapp 700 langweiligen (weil größtenteils in Dunkelheit zu fahrenden) Kilometer haben wir kürzlich ein wirksames Gegenmittel entdeckt: Hörbücher! Tatsächlich lenken uns Arthur Conan Doyle und Kollege Edgar Allen Poe, welche zu den wenigen kostenfrei herunterladbaren Werken gehörten, erfolgreich ab, bis wir bei Los Angeles von der Ruta 5 abbiegen.
Nach einer weiteren Stunde sind wir in der Kleinstadt Angol und müssen von dort eine schmale und unglaublich kurvige Schotterstraße fast 40km bis zum Nationalpark fahren, was entsprechend lange dauert. Unterwegs haben sich schon Kühe am Straßenrand zur Nachtruhe gebettet die sich im Scheinwerferlicht weniger erschrecken als wir. Zwei Jungbullen tragen vor unserer Kühlerhaube noch eine Meinungsverschiedenheit aus, bevor wir sie in einer Innenkurve endlich überholen können.
Zum Glück ist die Nationalparkschranke offen und wir folgen den Kurven weiteren 4km bis zum Campingplatz. Gleich hinter der Schranke finden wir uns plötzlich in einem Märchenwald wieder: die Bäume stehen dicht am Weg und sind über und über mit langen Flechten behangen, was im Dunkeln eher unheimlich aussieht.
Flechtenbärte und andere Bärte barba del monte
Der Campingplatz besteht aus großen einzelnen Plätzen, jeweils mit einem kleinen Eingang und rundherum von diesen bärtigen Bäumen umgeben wie von einem Zaun. Wir parken in der erstbesten Lücke und da es schon nach 1 Uhr morgens ist wollen wir nur noch ins Bett. Tagsüber hat es wohl stark geregnet, denn dicke Tropfen fallen von den Bäumen und platschen aufs Autodach, das Geräusch begleitet uns unüberhörbar die ganze Nacht.

Freitag

Am Morgen wird das Ausmaß des Bartwuchses erst richtig sichtbar. Zudem herrscht dichter Nebel. Wir erwarten schon fast Bambi&Co zwischen den Bäumen zu entdecken, so verwunschen wirkt der Wald. Jeder Ast trägt einen Behang aus Flechten, der auf Spanisch passend "barba del monte" (Bergbart) heißt.
Wir kommmen nur schleppend in Gang. Nach dem Frühstück finden wir bei unserem Rundgang sämtliche Einrichtungen verlassen und verschlossen vor. Hier war nach dem Winter wohl noch niemand.
im Bambuswald Markus erklettert einen Araukarienstamm
Also fahren wir zurück zur Schranke und melden uns an. Der Parkwächter erzählt von 3m hohen Schneemassen und dem härtesten Winter an den man sich erinnern kann. Daher sind auch sämtliche Installationen zerstört und es gibt kein Wasser, geschweige denn Toiletten. Erst vor kurzer Zeit konnten sie das Ausmaß der von umgefallenen Bäumen blockierten Wege besichtigen. Zu fünft müssen sie das alles wieder herrichten und mit dem Auto ist kein Durchkommen, auf den Pfaden geht alles nur per Pferd oder zu Fuß. Wir dürfen aber trotzdem zelten und wandern, solange wir es über die Baumblockaden hinweg schaffen.
malerischer Steg Markus im Araukarienzelt
Wir wundern uns darüber, daß wir die einzigen Besucher sind und der Parkwächter erklärt, da es hier keine "Attraktionen" wie Seen oder Vulkane gibt sei der Park unter Chilenen fast unbekannt und nur spärlich besucht. Ein Geheimtip für Wanderer also. Wir füllen noch schnell die Wasserflaschen am einzig funktionierenden Wasserhahn auf und suchen uns dann ein Plätzchen. Fündig werden wir auf einer grünen Picknickwiese am Bach, hier gibt es einen Grillplatz, Wasser satt und Blick auf die umliegenden Wälder.
beeindruckende Baumrinde Klettereinlagen im Wald
Wir nehmen gleich den ersten Wanderweg in Angriff, da die Sonne allmählich den Nebel vertreibt und laufen den 15km langen Rundweg zum Aussichtspunkt Piedra del Águila. Der Pfad verschwindet sofort im lichten Flechtenwald, der hängende Bergbart auf den noch kahlen Bäumen lädt immer wieder zu ausgiebigem Fotografieren ein.
hier muß noch aufgeräumt werden endlich oben
Als wir höher steigen geht der Wald in einen dichten grünen Araukarienwald über und immer wieder müssen wir über umgefallene Baumriesen klettern. Manche der hier liegenden Araukarien sind bestimmt 35m lang, eine liegt sogar in ganzer Länge auf dem Weg, so daß wir den gesamten Stamm entlang balancieren müssen.
der Araukarienstammweg Aufstieg zum Piedra del Águila
Dann lichtet sich der Wald, es wird felsig und das letzte Stück zum Piedra del Águila geht es über eine große Felsfläche, dann haben wir in alle Richtungen freien Blick: man erahnt die Vulkangipfel, die aus den Wolken hervorschauen im Osten und sieht endlose Wälder und Wiesen im Westen, bei klarer Sicht würde man sogar das Meer sehen.
Blick vom Felsen auf umliegende Wälder... ...und die Wolkenkette über der Kordillere
Der Piedra del Águila ist der höchste Punkt in diesem Teil des Parks und man besteigt ihn über eine hölzerne Treppe, deren Stufen so weit auseinanderliegen, daß man besser schaut, wo man hintritt.
der Piedra del Águila Araukarienhüte
Anschließend suchen wir uns den schönsten Picknickplatz und futtern ausgiebig. Wir testen zum ersten Mal Charqui, getrocknete Rindfleischstreifen auf Trekkingtauglichkeit, nach ausgiebigem Kauen stellt sich tatsächlich Steakgeschmack ein.
Charqui eine haarige Weggefährtin
Ich halte noch eine kleine Siesta, dann treibt uns der kalte Wind zum Aufbruch. Zurück geht es wieder durch dichten Wald und einen weiteren flechtengesäumten Weg zurück zum Zeltplatz. Unterwegs entdeckt Adlerauge Markus noch eine gut getarnte Vogelspinne am Wegrand, an die wir uns schon fast gewöhnt haben.
letzter Ausblick auf Araukarien bartgesäumter Weg
Während die Sonne hinter den Bäumen verschwindet wirft Markus den Grill an und ich baue das Zelt auf. Jetzt müssen wir uns beeilen, denn die Temperatur sinkt schnell. Wir essen noch gemütlich draußen, aber bald reichen auch die Fleeceschichten nicht mehr aus und wir verschwinden im Zelt.
stilvoll den Sonnenuntergang beobachten... ...dann aufs Essen konzentrieren

Samstag

Morgens um 6 wabert der Nebel knapp über dem Zelt und wir drehen uns noch einmal um. Zwei Stunden später weckt uns die Sonne, aber irgendwie schaffen wir es auch heute nicht, vor 11 Uhr loszukommen.
unser Schlafplatz grüngepolsterter Waldweg
Der heutige Wanderweg führt auf den Cerro Anay, den höchsten Punkt des Parks, auch diese Runde hat etwa 15km. Wieder geht es durch den Flechtenwald, der uns immer noch begeistert, dann über schmale Pfade über mehrere kleine Bäche bis auf eine Art Hochfläche. Ein steiler Abstieg ins Bachtal, auf der anderen Seite noch steiler wieder hinauf und trotz der Kälte kommen wir ziemlich ins schwitzen.
ein wolliger Waldbewohner Markus sucht nach Käfern
Jetzt treffen wir auf die ersten Aussichtspunkte und schauen über den halben Park. Dunkelgrüne Flächen aus immergrünen Bäumen und hellgraue aus den noch unbelaubten Kollegen wechseln sich ab und dazwischen schauen immer wieder Araukarien heraus.
und immer wieder Flechten vor lauter Bärten kann man den Wald nicht erkennen
An einer Wegkreuzung, die es laut Karte eigentlich nicht geben dürfte nehmen wir wohl den falschen Abzweig und sind fast eine Stunde früher als geplant auf dem Gipfel des Cerro Anay.
Araukarien vor blauem Himmel Blick auf Nationalparkwälder
Auch hier bietet sich eine schöne, weite Aussicht und natürlich sind wir wieder ganz allein. Wir erforschen den Gipfel und picknicken ausgiebig, heute gibt es sogar eine kleine Flasche Rotwein und nachher noch einen Tee zum Aufwärmen.
und noch ein Ausblick windgeschütztes Gipfelpicknick
Nach ausgiebigem Fotografieren machen wir uns auf den Rückweg, auch hier pfeift der Wind noch ziemlich kalt, da hilft auch die Sonne nicht allzu viel. Zurück nehmen wir einen anderen Weg, der eigentlich die Straße ist, momentan aber nicht befahrbar da noch nicht geräumt. Man sieht nur einige Hufspuren. In einem Bach entdecken wir riesige Kaulquappen, die bestimmt mal ziemlich große Kröten werden wollen. Unterwegs zieht uns ein weiterer Picknickplatz magisch an und wir kochen uns noch einen Tee. Ein Auto und drei Mopeds stören kurzfristig die Ruhe.
und noch mehr Aussicht der Rückweg zum Zelt
Nach fast 7 Stunden erreichen wir unser Zelt und erholen uns in der restlichen Sonne. Heute gibt es Gemüseeintopf mit Couscous und gleich bei Sonnenuntergang merken wir, daß es heute noch um einiges kälter wird als gestern, dank des sternklaren Himmels. Wir verziehen uns zum Kartenspielen ins Auto, als wir gegen 9 Uhr Scheinwerfer eines Wagens bemerken. Wir machen das Licht aus und warten erstmal ab. Tatsächlich fährt das Auto bis zu unserem Platz und parkt. Im Dunkeln erkennen wir drei Leute, die ein Zelt auspacken, heute Nacht haben wir wohl Gesellschaft. Tatsächlich klopft bald jemand ans Fenster und fragt nach einer Kerze. Es sind 3 Chilenen aus dem 3 Stunden entfernten Concepción, die wohl etwas spät aufgebrochen sind. Markus leiht ihnen die Gaslampe, die wir am nächsten Morgen leer zurückbekommen, immerhin tauschen sie dagegen ein Glas Bier. Nachdem wir ihnen noch Salz für ihr spärliches Grillgut geliehen haben, gehen wir lieber schlafen, wer weiß was sie noch alles vergessen haben. Außerdem ist es mittlerweile eiskalt, wir messen fast Null Grad. Da wir mit solchen Temperaturen nicht mehr gerechnet haben fehlt unsere Winterausstattung im Gepäck. Merke: in Chile immer und überall die lange Unterhose dabeihaben! Also zippen wir die Schlafsäcke aneinander, ziehen Pullis, Westen, Socken und Hosen an und zittern uns erst einmal warm. Die Nachbarn sitzen immer noch draußen am Grillfeuer, wahrscheinlich ist es bei denen im Zelt noch kälter, bei uns messen wir frische 1-2° Innentemperatur. Dank des rauschenden Bachs hören wir von ihnen aber nicht mehr viel.

Sonntag

Als wir aufwachen ist draußen alles gefroren, das Zelt frostweiß. Lieber nochmal umdrehen. Um 8 pellen wir uns endlich aus dem Schlafsack und müssen erst einmal den Spiritus überreden, sich zu entzünden.
frostiges Zelt sich in der Sonne wärmende Eidechse
Sobald die Sonne unser Tal erreicht wird es aber schnell warm. Bis wir mit Frühstücken, waschen, abbauen und packen fertig sind ist es wieder 11 Uhr und von den Nachbarn hat sich noch niemand gerührt. Ob die heute Nacht erfroren sind? Wir fahren mit dem Auto bis zum Startpunkt des letzten Wanderwegs, einem kurzen Stück das zur Casa de Piedra führt.
letzte Flechtenwälder ein perfekter Picknickfelsen
In einer guten halben Stunde laufen wir durch dichten, dunklen Wald mit diversen Klettereinlagen über gefallene Bäume bis zu einer Art Höhle unter großen Steinplatten, dem Felsenhaus. Ein paar hundert Meter weiter finden wir eine schöne Lichtung mit Aussicht. Mehrere große Felsen liegen zwischen großen Araukarien herum und geben einen guten Picknickplatz ab. Von hier aus hat man auch wieder Blick auf die Reihe der schneebedeckten Vulkane in der Ferne, da heute völlig klare Sicht herrscht. Nach einer halben Stunde reißen wir uns los und kehren zum Auto zurück, da wir noch 700km Heimfahrt vor uns haben. Adlerauge Markus findet unterwegs unter einem trockenen Kuhfladen ein Spinnchen, das aussieht als wolle sie mal eine Vogelspinne werden.
Vulkankegel in der Ferne ob die wohl mal größer wird?
Auf einer sich schlängelnden Schotterstraße verlassen wir den Park und finden uns bald in angepflanzten Kiefern- und Eukalyptuswäldern für die Holzwirtschaft wieder. Einen größeren Kontrast zum dem Nationalpark kann man sich kaum vorstellen. Zwischendurch sieht man immer wieder riesige gerodete Flächen an den Berghängen, auf denen kein Grashalm überlebt hat. Ein starker Regen und der gesamte Hang wird weggeschwemmt, so scheint es.
Kahlschlag am Berg neue Kiefern- oder Eukalyptusanpflanzungen
Im Örtchen Cañete besichtigen wir das historische Fort Tucapel hoch über einem blühenden Bachtal. Irgendwo auf diesen Wiesen fand im Jahr 1553 Pedro de Valdivia, unter anderem Gründer von Santiago de Chile, in seiner letzten Schlacht gegen die Mapuche den Tod.
Reste des alten Forts Kanonen hoch über dem Bachtal
Nach einem Empanadasnack geht es weiter, ich schlafe eine Runde und wache erst wieder auf, als wir hinter einer Kurve plötzlich auf das Meer stoßen. Ein kleines Fußbad im eiskalten Pazifik (der Humboldtstrom macht seinem Namen alle Ehre) und weiter geht es nach Concepción. Hier wird unser Fortkommen unverhofft durch eine kleine Flugshow behindert.
die eisigen Fluten Küste vor Concepción
Scheinbar alle Bewohner der Stadt haben sich auf der einzigen Brücke über den kurz vor der Mündung besonders breiten Bío Bío versammelt, um vier kleinen Flugzeugen bei der Akrobatik zuzuschauen. Dabei lassen sie einfach das Auto mitten auf der Brücke stehen, ohne Plan oder Verständnis für den restlichen Verkehr. Vor uns schaut ein Familienvater angestrengt aus dem Rückspiegel und steuert dabei sein Auto mittig über beide Spuren bei Tempo 10. Auf unser Dauerhupen und meine wilden Gesten reagiert er völlig verständnislos, wird aber zu unserer anschließenden Genugtuung von den Carabineros aus dem Verkehr gezogen. Bei diesen Menschen- und Automassen auf der Brücke drängt sich die Frage nach deren Stabilität auf und ich bin froh, als wir sie endlich hinter uns lassen.
Es scheint das Ereignis des Jahres zu sein und ganz Concepcion ist auf den Beinen. Ganz Concepcion? Nein, hinter dem nächsten Kreisverkehr stoßen wir auf die anreisenden Fußballfans, die regelrecht aus den Bussen hängen und Fahnen schwenken. Auch hier geht erstmal nichts mehr und als wir es endlich auf die Autopista del Itata geschafft haben fragen wir uns, warum wir bloß wieder auf "ach, laß uns doch an der Küste entlang heimfahren" hereingefallen sind. Zur Stärkung kehren wir auf einen Completo ("Hotdog") am Straßenrand ein und schalten für die restlichen 450km wieder auf einen entspannenden Hörkrimi.

An der letzten Mautstelle vor Santiago sind diesmal etwa 10 Schalter geöffnet, sodaß es davor keinen Stau gibt. Den gibt es erst dahinter, denn dort müssen sich die 10 Reihen Autos von den Zahlstellen auf 2 bis 3 Fahrspuren sortieren, was zu einer kilometerlangen Überlastung bis in die Außenbezirke von Santiago führt. So erreichen wir eher stockend und viel später als geplant unser Bett.

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