Und los geht's!

Mittwoch morgen verbringen wir mit den letzten Besorgungen (den Dachboxschlüssel, der nach dem Umzug verschollen war, haben wir zum Glück gestern schon beim Thule-Händler besorgen können) während Clara zum vorerst letzten Mal im Kindergarten ist. Paul ist überraschend kooperativ und so haben wir tatsächlich eine Chance unseren Gepäckberg bis mittags im Auto zu verstauen. Die hintere Sitzbank steht so dicht an unserer, dass man sich im Kleinwagen wähnt und Clara ohne Mühe in der Nase bohren könnte.  Aber es passt alles rein, sogar die Weinvorräte (ein Fläschchen pro Woche), ein Doppelreservepack Windeln und Pauls Hipprationen für 2 Monate. Die größte Neuerwerbung ist das Vorzelt, was die Dachbox fast komplett füllt, was aber bei Regen unersetzlich ist.



So bepackt rollen wir gen Norden. Heute fahren wir bis kurz vor Kiel. Die Autofahrt ist zum Glück unspektakulär und die hintere Sitzreihe schläft über mehrere hundert Kilometer. Der Übernachtungsplatz liegt strategisch gleich an der Autobahn (nur durch eine Baumreihe und Schallschutzwand getrennt). Da wir uns den Zeltaufbau sparen, liegt der Grossteil des Gepäcks unter der Plane vor dem Bus. Zum Glück ist es trocken, aber die Nacht wird richtig kalt, ein erster Vorgeschmack auf den Norden. Clara liegt unten mit in Markus' Schlafsack und Paul oben mit in meinem, mit Wintermütze, und langer Unterhose. Hatte nicht jemand was von Sommerurlaub gesagt?

Am Donnerstag sind wir früh wach, wir haben ja zwei zuverlässig krähende Wecker dabei. Trotzdem schaffen wir es nicht vor 11 vom Platz, nachdem Clara noch ausgiebig per Laufrad und Spielplatz bewegt werden musste. Nach einem kleinen Einkauf wird es schon Zeit, Kiel zu erreichen, denn wir müssen noch unser Handgepäck packen. Ganz typisch ist es daher, dass wir aufgrund der Kinder in die extraschnelle Schlange einsortiert werden und Paul ausgerechnet jetzt Hunger bekommt. Kaum hat Markus hinten die Ladeklappe offen und ich Paul angedockt, setzt sich die Schlange in Bewegung. Wir packen das Nötigste sozusagen im Laufschritt, was ja nicht wenig ist und vor allem überall im Auto verteilt, da das Chaos trotz aller guten Vorsätze schon kurz nach Abfahrt eingesetzt hat.
Clara wird kurz vor Einfahrt in die riesige Fähre unsanft geweckt, damit sie das Spektakel nicht verpasst. Paul sieht nix, ihn müssen wir vorne an der Brust verstecken, da wir gerade das Schild passieren, dass Kinder nicht vorne sitzen dürfen. Eine kurze Schrecksekunde bescheren uns die "2,50m" Schilder der Laderampe, denn wir haben vergessen das Auto mit Dachbox zu vermessen.  Aber alles passt und wir parken direkt am Aufzug nach oben zu Deck 9.
Dort angekommen beziehen wir unsere geräumige Kajüte mit Bullauge, die aber sofort wieder klein erscheint, sobald wir alle drin sind und unsere eilig zusammengesuchten 7(0) Sachen verteilen. Uns wurde beim Check-In gesagt, das wir bitte die Minibar leeren sollen, diese sei im Preis inbegriffen.  So trinken wir erst einmal einen Piccolo und ein Bier. Damit hat es sich auch schon mit der Minibar, den Rest an Cola, Fanta, Bier lassen wir drin. Da sind wir wohl die einzigen im Schiff die sich das entgehen lassen.

Später gehen wir uns auf der "Einkaufstraße" amüsieren, sind aber angesichts der Preise und des Angebots schnell fertig und kaufen nur ein paar Lebensmittel im Duty Free. Der Lachs und die Elchwurst werden sofort verhaftet und wir sparen uns die sündhaft teuren Restaurants an Bord. Nachdem die müden Kinder endlich schlafen (Markus schlief beim zubettbringen schon ein), bewundere ich noch eine Weile die ungewohnte Helligkeit draußen, die jedes Zeitgefühl durcheinander bringt. Nachts werden wir ziemlich durchgeschaukelt und einmal rolle ich fast aus dem Bett.

Am nächsten Morgen wird die vorerst letzte Dusche genossen und wir flanieren ins Heck-Restaurant mit Blick auf den Oslofjord zum Frühstück. Ein üppiges Buffet lädt ein, sich dort länger aufzuhalten, was wir ausgiebig tun. Dann packen wir, vergessen beinahe noch sämtliche Jacken und Pullis im Schrank und werden auch schon zu den Autos gebeten. Ruckzuck geht es los und durch die Kontrolle werden wir nur gelangweilt durch gewunken. Clara fand auf Nachfrage die Fähre toll und fragt wo wir denn nun hinfahren. Im Urlaub waren wir ja nun schon auf dem Schiff! Wir müssen sie enttäuschen, denn der Urlaub geht ja jetzt erst richtig los!
Wir nehmen prompt die falsche Ausfahrt und fahren vermutlich alle Mautstrasse erst einmal doppelt, bis wir endlich in richtiger Richtung unterwegs sind. Jetzt rächt sich, dass wir so gar keinen Plan haben. Wir fahren einfach mal Richtung Bergen, der Süden ist dieses Mal für uns nicht interessant. Das Wetter ist wechselhaft, aber bei unserer Mittagspause scheint sogar die Sonne und Markus wird bereits von 2 Stechmücken erwischt und das am helllichten Tag, das kann ja heiter werden, die Viecher haben gar keinen Respekt.
So richtig "ausländisch" sieht es noch gar nicht aus, finden wir, und bis zur Küste ist es noch ganz schön weit. Wir zuckeln mit 80 dahin und drücken den Spritverbrauch auf nie gekannte 7,6 Liter, angesichts der Dieselpreise von Vorteil.



Heute schaffen wir es nur bis Fagernes, aber immerhin können wir noch unsere Gasflasche nach mehreren Anläufen auffüllen. Der Campingplatz in Fagernes liegt direkt am See und offeriert ungewohnten Luxus und Sauberkeit. Besonders nach chilenischem Standard...Clara hat ein eigenes "Kindersanitär" mit Thron und Clown als Klo und einer Elefantendusche und besteht fortan auf alleiniges Pinkeln, was sich aufgrund der Auswahl ziemlich in die Länge ziehen kann. Sie geht sogar ohne Protest zum Zähne putzen und die Pipifrequenz verdreifacht sich!

Während die Tochter im Regen den Spielplatz erkundet, tragen wir zur Belustigung der Einheimischen bei, die sich ringsum unter Markisen oder hinter den Vorhängen verschanzen, indem Markus unter dem Schutz meines Regenschirms unser Vorzelt aufbaut.
Es gibt einen großen Koch-/Aufenthaltsraum, der wie ein Ikea Showroom wirkt, alles ist neu und modern und supersauber. Da wir uns den Strom zu 8 Euro die Nacht sparen und noch keinen Gasanschluß haben, kochen wir einfach dort.
Überhaupt ist hier alles groß und neu, unter Doppelachser Wohnwagen mit mindestens 8 Meter fährt der Norweger an sich nicht campen und die Plätze sind entsprechend lang. Zu 98% sind Einheimische unterwegs, dazu ein paar vereinzelte Deutsche, Holländer oder Schweizer.



Für Clara ist mit einem riesigen Spielplatz vor dem Stellplatz und einem See dahinter gesorgt, dazu gesellen sich gleich 2 norwegische Verehrer, die dauernd in unserem Vorzelt stehen und sie zum spielen abholen wollen, was sich hauptsächlich auf Laufrad fahren beschränkt. Sie reden alle permanent aufeinander ein, ohne gegenseitig ein Wort zu verstehen, was aber niemand zu bemerken scheint. Clara erzählt sogar weitschweifend, was der Junge alles zu ihr gesagt hat. Ganz schön sprachbegabt, die Tochter...
So vergeht der erste Abend bei gutem Wetter und sogar einem Hauch von Wärme. Nachts liegt Paul oben aber noch zusätzlich unter der Fleecedecke, denn es herrschen nur 8 Grad. Im unteren Stockwerk sind es ein paar Grad mehr, wie ungerecht!

Morgens weckt uns strömender Regen. Nachts übrigens auch schon, aber da habe ich ihn noch ignorieren können. Wir frühstücken in der geheizten Küche, da gibt es sogar eine Kinderspielecke. Am Nachmittag, während einer längeren Regenpause, spazieren wir in den Ort und stöbern im Spar-Markt. Wir sind trotz aller Vorbereitung von den Preisen erschlagen. Nur Lachs und Windeln sind annehmbar günstig, zu Preisen, die nicht sofort die Hand um den Geldbeutel verkrampfen lassen. Die Einheimischen greifen totzdem ganz entspannt in die Regale. Warum die hauptsächlich im eigenen Land Urlaub machen und nicht freudig nach Billig-Europa einfallen, ist uns ein Rätsel...
Wir erstehen dennoch die Zutaten für einen Gemüsetopf und beginnen noch heute mit der Diät.



Paul ist übrigens schon urlaubssynchronisiert: er nimmt jede Gelegenheit zu schlafen wahr und schnarcht schon nach maximal 15 Schritten in der Trage. Er ist vollauf zufrieden, immer auf irgendeinem Arm zu sitzen und schlabbert seit neuestem begeistert sein Pastinakengläschen. Er übt fleißig umdrehen, und schafft es manchmal schon allein vom Rücken auf den Bauch. Dazu macht er eine Brücke auf dem Rücken und hebt den Popo wenn er auf dem Bauch liegt. Nur vorwärts geht es noch nicht.



Am Abend fällt Clara, nachdem sie den Papa ins Ohr gebissen und sich selbst damit um die Gute-Nacht-Geschichte gebracht hat, nach 2 Minuten in den Tiefschlaf, Urlaubsaufregung sei dank, und Paul liegt warm verpackt in der oberen Etage. Wir genießen eine Stunde Elternzeit im Vorzelt bei knapp über arktischen Temperaturen. Unser Vorzelt hat soweit den Praxistest gut bestanden.



Am Sonntag stellen wir erstaunt fest, dass uns der Samstag zeitlich irgendwie abhanden kam und wir heute wohl nicht einkaufen können. Nach einer luxuriösen heißen Dusche zu je 2 Euro, allgemeiner Kinderbelüftung und Elch-Blaubeer-Salami zu Mittag, sinken  die Kinder und Markus nach heftigem sträuben (der ersteren) endlich in den Mittagsschlaf. (Es ist unglaublich, wie sehr Clara trotz offensichtlicher Müdigkeit und einigen Stunden Schlafmangel sich auf 180 hält!)
Nachdem dieser wieder etwas vorzeitig abgebrochen wurde, machen wir uns auf zu einem imposanten Wasserfall im Ort und essen auf dem Rückweg noch ein Eis. Da am Sonntag auch in Norwegen die Geschäfte leider geschlossen haben, gibt es am Abend eine Notration Spaghetti. Unser Plan, die Kinder bis Fußballbeginn im Bett zu haben scheitert an Claras Aufregung, das erste Mal oben schlafen zu dürfen. Unglaublich, wie so eine Neuerung sie aus dem Gleichgewicht bringen kann und die erste Halbzeit fällt schon ins Wasser. Zur 2. schaffen wir es mit Babyphone zum Fernseher, aber die ist recht lahm und wir gehen wieder zurück ins Zelt. Wir haben uns immer noch nicht an die Helligkeit gewöhnt und verschätzen uns dauernd mit der Uhrzeit. Es ist Mitternacht und wir schauen auf das Abendrot, oder ist es schon das Morgenrot?.