Im Pullman nach Pucón

Termas Los Pozones und der Huerquehue Nationalpark

16.-18.11.2007

Vulkan Villarrica in voller Pracht

Freitag

Eigentlich wollten wir aufgrund des vielen Besuchs, der ab Ende November ansteht, zuhause bleiben und einmal ein faules Wochenende verbringen. Dann aber stellt sich heraus, daß dieses Wochenende die letzte Gelegenheit in diesem Jahr sein würde, unsere Freunde aus Valdivia wie schon öfter geplant in Pucón zu treffen. Faulenzen können wir eigentlich auch zuhause in Deutschland, und so suchen wir bei den beiden großen Fernbusgesellschaften Tur-Bus und Pullman nach zwei Plätzen in den Süden und werden bei Pullman schließlich fündig. Ich hatte Mittwoch schnell die beiden Tickets gekauft, die letzten Plätze im Salon Cama. Die beste Kategorie Premium Cama war leider schon ausverkauft und so müssen wir uns mit der zweitbesten begnügen. Da Pucón etwa 800km und damit 11 Stunden Busfahrt im Süden liegt, wäre uns Premium (Liegefläche wie im Bett) schon lieber gewesen, aber so würden wir uns eben mit der Kategorie "fast-flachliegen" abfinden.
Patricio, unser Lieblingstaxifahrer, holt uns um 20:15 ab und fragt, wie viele Wochen wir unterwegs sein werden. Da wir zelten haben wir allein mit der reduzierten Grundausstattung zwei Reisetaschen, einen großen Rucksack, meine Hüfttasche für alles Wertvolle und Lebenswichtige und zwei Tüten mit Obst für Vreni und Fossi dabei, die in ihrem Supermarkt meistens nur Standardware bekommen. Die richtig gute Versorgung gibt es anscheinend nur hier in Santiago. Nicht umsonst ist der Kofferraum sonst bis zur Oberkante gefüllt, Platz genug haben wir ja. Nach ewig zähfließendem Verkehr über die Alameda glaube zumindest ich schon nicht mehr daran den Bus zu erreichen, aber wir werden schließlich doch noch 15 Minuten vor Abfahrt am völlig freitags-überfüllten Terminal San Borja abgeladen. Ich schicke Markus zum nächsten Pullmanschalter um nach dem Bussteig zu fragen, wobei er schon wieder vergessen hat, wie unser Fahrtziel eigentlich heißt. Hier erkennt man eindeutig, wer die Planungsbeauftragte ist… Als wir endlich an Bussteig 68 auflaufen fährt unser Salonwagen gerade ein. Jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen. Unten befindet sich der Salon Cama, oben die klassischen Sitze. In unserem Salonwagen erwarten uns ganze 9 Sitze, alle voll zurücklehnbar und mit ausklappbarem Fußteil, zwar nicht flach aber doch sehr bequem und breit. Oben sind über die Busbreite 4 Plätze verteilt, bei uns nur 3. Die Gardinen sind schon vorgezogen und die Kopfhörer baumeln verheißungsvoll von der Decke.
unser Pullman nach Pucon fast-flachliegen über 800km
Wir nehmen Plätze 7 und 8 ein und testen ausgiebig die Sitzpositionen. Die chilenische Pünktlichkeit läßt uns wie gewohnt mit 10 Minuten Verspätung um 21:25 abfahren. Warum haben wir uns eigentlich so beeilt? Der Bus ist nagelneu und rollt fast geräuschlos aus dem Bahnhof. Die Klimaanlage springt an und wir lehnen uns erwartungsvoll zurück. Weit gefehlt allerdings von zügiger Fahrt gen Süden. Zuerst schleichen wir regelrecht im Wettkampf mit all den anderen Nachtbussen, die freitags in alle Himmelsrichtungen aufbrechen, über enge Nebenstraßen bis zu einem weiteren Busterminal, nur wenige Ecken entfernt. Hier werden wiederum Passagiere aufgenommen, warum die nicht in San Borja einsteigen können bleibt uns ein Rätsel. Endlich scheinen wir auf dem richtigen Weg als noch ein paar Nachzügler gemächlich den Bus auf offener Strecke anhalten um zuzusteigen. Man muß also nur die Fahrtroute kennen, dann kann man sich entspannt eine Stunde länger Zeit lassen. Endlich ist die Auffahrt auf die Ruta 5 in Sicht. Doch am Straßenrand steht ein einsamer Pullman-Gepäckanhänger der auf Abholung wartet. Das ist kein Zufall, wie wir uns schon denken können, und nachdem er endlich angehängt ist nehmen wir zügig Kurs auf Pucón. Mein brasilianischer Sitznachbar zieht Schuhe und Socken aus und ich ergebe mich in mein Schicksal. Wider Erwarten breitet sich allerdings kein unangenehmer Geruch aus, das kommt wohl erst auf der Rückfahrt, und dann von uns! Kurze Zeit später wird der Snack serviert: ein Hauch Käse zwischen zwei ungetoasteten Toastscheiben, Erdnüsse und eine Flasche Cola. Verächtlich tauschen wir diese gegen unser wohlweislich eingepacktes Döschen Austral-Bier. Als der Bus-Assistent später abräumt ist er ganz enttäuscht, daß wir sie nicht mochten, lächelt aber verständnisvoll mit Blick auf unseren Ersatz. Kaum ist der Toast hinuntergspült beginnt der Film. Danach, irgendwo auf der dunklen Ruta 5, schlafen wir ein und wachen erst bei Sonnenaufgang in Villarrica wieder auf, dem zweiten Halt nach Temuco und kurz vor der Endstation Pucón. Es schifft die halbe Nacht in Strömen, das kann ja heiter werden.

Samstag

Wir bemitleiden kurz unsere aufrecht sitzenden Mitreisenden im oberen Deck als wir uns in die Senkrechte zurückfahren. Nur die Füße sind etwas angeschwollen, da sie nicht flach sondern leicht nach unten lagen. Ansonsten war die Nacht relativ angenehm und wir konnten einigermaßen gut schlafen. Von Villarrica aus fahren wir den gleichnamigen See entlang, rechts und links trieft alles vor Nässe und leuchtet ungewohnt grün. Die Häuser sind hier überraschend hübsch und man sieht daß die Gegend eher wohlhabend ist, dank des florierenden Tourismus. Jeder Aussteigende in unserem Abteil wird kurz vor dem Ziel mit einem Kaffee und Keksen geweckt, so auch wir, bevor wir pünktlich in Pucón einlaufen. Um diese Uhrzeit liegt das Städtchen eher verlassen da und wir machen uns nach einsammeln des Gepäcks auf die Suche nach dem Café "Ecole" in dem wir uns zum Frühstücken verabredet haben. Vreni und Fossi haben im Camper unübersehbar direkt davor übernachtet und so laufen wir uns gleich in die Arme.
Stillpause am Straßenrand der Río Trancura
Nach einem leckeren Frühstück brechen wir auf zu den anvisierten Termas Los Pozones. In Richtung Argentinien liegen mehrere Thermen wir aufgereiht am Fluß Trancura. Es ist ziemlich verhangen aber immerhin regnet es nicht mehr. Nach einigen Verhandlungen mit der etwas unflexiblen Thermenverwalterin liegen wir am frühen Nachmittag endlich im heißen Wasser. Hier sind mehrere unterschiedlich warme Becken mit glasklarem Wasser gleich am ziemlich reißenden Fluß angelegt. Trotz Nebensaison füllt es sich bald mit recht vielen Touristen, ein ungewohnter Anblick für uns, die wir sonst immer allein unterwegs sind.
Termas Los Pozones von oben Endlich einweichen!
Der angrenzende Fluß ist eiskalt, aber zum Abkühlen nach längerem Aufenthalt im Becken ist er kurzfristig ganz gut auszuhalten. Am späten Nachmittag packen wir zusammen und machen uns im Camper auf den Weg zum etwa 25km entfernten Nationalpark Huerquehue. Die recht steile und enge Erdpiste legen wir in dem riesigen Gefährt teils nur im ersten Gang zurück, er ist mit der großen und schweren Kabine doch um einiges behäbiger als unser Jeep.
schade, daß es jetzt nicht regnet... und so sieht es unter Wasser aus
Der Campingplatz ist wie immer leer und wir richten uns mit Camper und Zelt gemütlich ein. Wir stehen oberhalb eines dunkelblauen Sees, der von sattgrünem Wald umrahmt ist, für uns Zentralzonenbewohner eine willkommene Abwechslung. Der Blick auf die schneebedeckten Vulkane fällt allerdings noch wegen der tiefhängenden Wolken aus. Bald ist es schon Zeit zum Kochen, denn es wird demnächst dunkel und die Temperatur fällt. Mit dem Wetter hatten wir allerdings auch heute wieder Glück und eine sternklare Nacht läßt für morgen ebenfalls Gutes erwarten.
Lago Tinquilco Ann im Schlafsack vergraben
Zum Essen gibt es Pasta und Griesbrei mit Heidelbeeren im Licht diverser Stirnlampen, und um 22 Uhr bei nur noch 8° heben wir die Tafel auf und verschwinden in die jeweiligen Betten. Markus und ich testen heute unsere neuen Daunenschlafsäcke auf Wintertauglichkeit, und trotz nächtlicher 2° liegen wir warm im aufgeplusterten Federbett.

Sonntag

Nach einer ruhigen Nacht wache ich bereits um 6:30 auf und laufe runter zum See, nachdem gerade erst die Sonne aufgegangen ist. Kein Mensch ist weit und breit zu sehen und nur eine einsame Ente schwimmt still vorbei. Einige Wolken hängen auf halber Höhe vor den bewaldeten Berghängen und laden zum fotografieren ein.
Restwolken bei Sonnenaufgang Sonnenaufgangsstimmung am See
Da Markus sich erwartungsgemäß bei meiner Rückkehr nicht ermuntern läßt, auch einen Blick auf den See zu werfen, krieche ich wieder in meinen noch warmen Schlafsack. Gegen 9 Uhr sind wir alle wach, da schon die ersten Besucher an uns vorbeilaufen und -fahren. Nach dem Frühstück verbringen wir einige Zeit mit Dingen wie packen, aufräumen, spülen, und Suchen von verschiedenen lebensnotwendigen Dingen wie Autoschlüssel, wobei andere, schon lange verloren geglaubte Dinge wie diverse Taschenmesser auf wundersame Weise wieder auftauchen, was die Stimmung im Camper deutlich hebt. Nachdem wir nach geraumer Zeit tatsächlich abmarschbereit sind suchen wir noch kurz den Einstieg zum Wanderweg, der wie so oft erst dann ausgeschildert ist, wenn man ihn endlich durch Zufall gefunden hat.
der Lago Tinquilco beim Aufstieg Markus beim Aufstieg
Wie immer führt auch dieser Weg gleich steil bergan, im Zickzack durch dichten Bambuswald. Man sieht immer wieder den blauen See zwischen den Bäumen aufblitzen und oben auf den Bergen erkennt man sogar noch Schnee. Vreni und Fossi legen einige Stillpausen ein, sodaß Markus und ich langsam vorausgehen und man sich später wieder trifft. Im oberen Drittel ist der Weg nach dem Winter jedoch offensichtlich noch nicht geräumt worden und wiederspenstige dicke Bambusruten versperren zusammen mit kratzigem Unkraut und quer liegenden dünnen Baumstämmen immer wieder den Weg. Da wir uns nicht vorstellen können, daß unsere Mitwanderer den Kleinen durch diese Wildnis schieben, legen wir Tempo zu und wollen oben nur ein paar Fotos und eine kleine Essenspause einlegen.
Markus hilft einer Araukarie der Cerro San Sebastián
Hinter einer Kurve treffen wir auf ein Waldstück, welches nicht wie der untere Bereich vor 30 Jahren abgebrannt ist und uns empfangen die ersten Araukarien. Noch ein kurzes schweißtreibendes Stück Weg, dann treten wir aus dem Wald und sehen gleich mehrere Schneefelder und kleinere Gipfel vor uns.
Schneereste auf der Hochfläche ein weißer Gipfel in der Ferne
Hinter den letzten Bäumen erhebt sich dann ein strahlendweißer Vulkankegel, erst halten wir ihn für den Villarrica, Pucons Hausvulkan und machen diverse Gipfelfotos, bis wir wenig später den wirklichen Villarica bestaunen können: noch höher, noch weißer und tatsächlich stößt er fotogen für uns ein kleines Rauchwölkchen aus. Also noch mehr Bilder, der erste Vulkan ist schließlich "nur" der Lanin auf argentinischer Seite, dann lassen wir uns im Windschatten zu unserem wohlverdienten Schinkenbrot nieder.
Ann auf dem Weg zum Vulkan Lanin Gipfelfoto mit dem falschen Villarrica
Als wir gerade zusammenpacken tauchen am Waldrand tatsächlich Vreni und Fossi auf, sie haben sich samt Kind erfolgreich durch das Dickicht gekämpft. Wir schlagen uns über einige Schneefelder durch den Wald, um einen noch besseren Blick zu ergattern, sehen aber statt des dritten Vulkans nur den Lago Caburgua. Nach einer weiteren Pause unter einer großen Araukarie treten wir den Rückweg an.
der echte Villarrica auf der Suche nach noch besseren Aussichten
Unten angekommen faulenzen wir eine Zeitlang am See und kühlen die Füße im eiskalten Wasser. Ich habe kurzfristig die Idee, komplett einzutauchen, aber nach kurzem herumwaten schmerzen die Füße vor Kälte und ich vergesse dieses Vorhaben schnell wieder. Nachdem wir gepackt haben machen wir uns auf den Weg nach Pucon. Leider treffen wir niemanden von Conaf an, sodaß wir den Eintritt und den Campingplatz nicht nachträglich zahlen können. Da wir die einzigen Camper waren, ist die Saison vielleicht einfach noch nicht eröffnet.
Lago Calburga und noch ein Gipfelfoto
Unterwegs halten wir immer wieder an um Fotos vom schneeweißen Villarrica vor strahlendblauem Himmel zu machen. Solch ein Wetter ist hier wirklich Glückssache zu dieser Jahreszeit. In Pucon fallen wir hungrig ins Restaurant Ecole ein, in dem es gut und günstig vegetarisches Essen gibt und das wohl beste Brot im Seengebiet.
Rückweg zum Zeltplatz Pause am See
Dann ist es auch schon Zeit den Busbahnhof aufzusuchen, ich ernte mal wieder spöttische Kommentare von allen Seiten, da ich lieber ein paar Minuten früher am Bus stehe. Mit mir hat aber auch noch niemand einen Bus oder Flug oder ähnliches verpaßt.
Vulkan Villarrica der Villarrica hustet ein Rauchwölkchen aus
Es wird schon dunkel, aber leider nicht dunkel genug um den Villarrica aus seinem Schlot glühen zu sehen. In der Dämmerung fahren wir pünktlich ab und sind bis Temuco die einzigen im Schlafsalon. Da es die letzten Plätze waren sitzen wir nicht nebeneinander, werden aber versuchen ob jemand tauscht. In Villarrica steigt eine lärmende Schulklasse zu, die alle erstmal unter unseren mitleidigen Blicken die Schlafsessel ausprobieren müssen. Sollen sie nur, die restlichen 10 Stunden quetschen sie oben in den Sitzen. In Temuco füllt es sich und unser Busassistent schafft es tatsächlich alle so zu organisieren, daß jeder so sitzt wie er möchte, Markus und ich auch nebeneinander. Derjenige, der sich da quergestellt hätte, würde es auch schnell bereuen, da es am Wochenende wie immer keine Dusche gab und wir diesmal auch an den Klamotten gespart haben.

Montag

Der Film scheint eine Raubkopie, da der letzte Teil einfach fehlt, aber das bekomme ich sowieso nicht mehr mit. Wir schlafen wieder einigermaßen gut bis zur letzten Mautstelle vor Santiago, dann wird es hell. In Chile setzt der Berufsverkehr erst später ein, sodaß wir pünktlich ankommen. Patricio holt uns am Busterminal ab und wir sind leicht lädiert und hundemüde um 9 Uhr zuhause, wo Markus in die Badewanne und ich ins Bett falle, bis es für ihn Zeit ist, zur Arbeit zu gehen. Der Arme!
Hochebene mit Cerro San Sebastián


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