Ostern in Pucón

Termas Geometricas und doch kein Villarrica

20.-23.03.2008

Lago Caburgua bei Pucón

Donnerstag

Nach einer harten Arbeitswoche für Markus geht es Donnerstag abend im bequemen Pullman-Liegesessel nach Pucón, wo wir unseren derzeitigen Besuch Valeria und Steffen über Ostern treffen wollen. Im noch in Bau befindlichen, aber schon als "modernstes Busterminal Südamerikas" angepriesenen Terminal San Borja verpassen wir gefühlt unseren Bus, als wir in größerer Verwirrung 5 Minuten vor Abfahrt noch nach ihm suchen. Jegliche Beschilderung fehlt und es herrscht Semana-Santa-Reise-Chaos. Ein Pullman-Angesteller ruft daher über Megafon die Abfahrten aus, was man aber nur dann versteht, wenn man zufälligerweise in unmittelbarer Nähe des entsprechenden Bussteigs wartet. Aber das hat unser Fahrer wohl mit einkalkuliert, denn wir verlassen erst 1,5 Stunden später als geplant das Terminal, als alle Fahrgäste auf seiner Liste auch tatsächlich erschienen sind. Südamerikanische Gelassenheit eben, die sich auch bei uns einstellt, als wir den Osterstau an den Mautstellen schläfrig durchs Fenster beobachten.

Freitag

Bei strahlendem Sonnenschein treffen wir pünktlich zum Frühstück in Pucón und kurz darauf in unserem gemütlichen Hostal "La Tetera" (die Teekanne) ein. Dank deutscher Leitung gibt es besten Kaffee und selbstgebackenes Brot, was Valeria und Steffen im bevorzugten Aparthotel auf der Hauptstraße schmerzlich vermissen.
Vulkan Villarrica und die Municipalidad Hostal La Tetera
Wir treffen uns daher wenig später zu weiterem Kaffeetrinken in der Sonne und planen den Tag. Die beiden gehen raften, wir werden faul am Strand des Lago Villarrica bummeln, "echt" schweizer Kuchen essen (seit 1,5 Jahren die erste Buttercremetorte - solche Gelüste entwickelt man nach längerer Abwesenheit von Zuhause) und ein Mittagschläfchen halten. Pucón ist wie erwartet voll von Semana-Santa-Chilenen (neben den Sommerferien DIE Reisezeit in Chile, die übrige Zeit des Jahres bleibt man zuhause) und ausländischen Aktivurlaub-Touristen. Trotzdem genießen wir es, einmal ohne den sonstigen Besichtigungs- und Unternehmungsdruck zu bummeln und nichts besonderes zu tun.
Lago Villarrica Osterfrühstück
Da wir uns für die morgige Vulkanbesteigung angemeldet haben, müssen wir um 19 Uhr noch zur Anprobe der kompletten Ausstattung in unserer Agentur, und anschließend zum Provianteinkauf in den Supermarkt. Zum Abschluß des Tages speisen wir äußerst gut im Restaurant Madre Tierra.

Samstag

Der Wecker klingelt um 6:15 und draußen ist es noch dunkel. So früh stehen wir immer nur im Urlaub auf. Nach einem kurzen Vulkanbesteiger-Frühstück, das uns extra hingestellt wurde laufen wir mit den gepackten Sachen rüber zur Agentur. Da es ziemlich windig ist müssen wir warten bis es hell genug ist, damit man sehen kann, ob die Rauchsäule des Villarrica steil nach oben weht (kein Wind am Gipfel) oder nicht zu sehen ist (viel Wind am Gipfel). Ich hätte erwartet, dass man die Daten einer Wetterstation abfragt, aber man entscheidet auf Sicht. In ganz Pucón stehen zu dieser unerfreulichen Uhrzeit also hunderte von Menschen in Wanderschuhen und schauen gebannt zum Villarrica. Nach einer halben Stunde dürfen wir uns entscheiden, ob wir trotz schlechter Aussichten bis zur Skiliftstation fahren oder gleich hierbleiben wollen. Da der Wind die ganze Nacht schon unser Holzhaus durchgeschüttelt hat und immer noch nicht nennenswert nachläßt, entscheiden wir uns dafür, gleich ins Bett zu gehen. Wie sich zwei Stunden später herausstellt, genau die richtige Entscheidung. Nur eine einzelne Gruppe hat den Aufstieg gewagt, mußte kurz darauf wegen Wind umkehren und kassierte noch eine Strafe. Valeria und Steffens Agentur hat die Fahrt zum Lift gemacht ohne vorher anzusagen dass die Chancen schlecht stehen. Daher konnten die beiden nicht wie wir noch eine Runde schlafen und sind entsprechend müde, als wir sie mittags treffen.
chilenischer Brückenbau wenig vertrauenerweckend...
Wir beschließen, mit dem Mietwagen durch den Villarrica Nationalpark zu fahren und anschließend die Termas Geometricas zu besuchen. Die ersten 25 der insgesamt etwa 55km legen wir auf der bestens ausgebauten Straße Richtung Argentinien zurück. Dann biegen wir rechts ab und eine gute Schotterstraße führt in den Park. Steffen, der den Mietwagen fährt, kann nicht fassen, dass es solche Straßen gibt und diese sogar noch auf Karten verzeichnet sind. Markus und ich geben gleich ein paar Geschichten von chilenischen Straßen zum Besten, als ein Schild avisiert, dass die Parkdurchquerung nur im Sommer und nur für 4x4 Fahrzeuge möglich ist. Der Spaß fängt also gerade erst an.
Fahrertraining Markus im Einsatz
In Chile sollte man solche Schilder immer ernst nehmen. Bald sehen wir warum. Die folgenden 12km fallen in die Kategorie "anspruchsvoll", aber heute bei trockenem Wetter sind sie problemlos befahrbar. Trotzdem kommen wir über den ersten Gang nicht hinaus. Stellenweise lotst Markus den Fahrer vorneweglaufend über die schwierigen Stellen und Valeria und ich schlendern hinterher. Nach einigen Kilometern Schritttempo erreichen wir das Conafhaus und erkundigen uns bei dem netten Parkverwalter nach der weiteren Strecke. Es sei noch einige Kilometer schlecht, aber sobald wir den Araukarienwald erreichen, würde es etwas besser. Nach dem Park sei die Straße wieder gut befahrbar. Nach einem Blick auf unser Auto winkt er uns aufmunternd durch.
gemächlich durch den Park stachelige Ausblicke
Wir schleichen im ersten Gang weiter und passieren einige schwierigere Stellen. Als wir endlich nach einer Picknick- und Kupplungsabkühlungspause den Araukarienwald erreichen wird aus der felsigen Piste eine marginal besser befahrbare Erdpiste. Waghalsig beschleunigen wir auf Schrittgeschwindigkeit und rechnen vorschnell mit baldiger Ankunft in den Thermen. Ein entgegenkommender Pickupfahrer warnt uns vor der kommenden Steigung. Der hat noch nicht gesehen, was ihn gleich erwartet. Kurz darauf biegen wir um einige Araukarien und sehen einen scheinbar verlassenen Pickup mitten auf dem Weg stehen, den wir nicht passieren können. Auf der Ladefläche liegt der Grill, einige gebratene Würstchen sind mit Alufolie abgedeckt. Rucksäcke, Gepäck, Papiere, Werkzeug liegen offen herum und das Auto ist nicht abgeschlossen, als wäre die Familie nur kurz zum Pilzesammeln ausgestiegen. Warum man den Wagen nicht einfach an die Seite gefahren hat ist uns unerklärlich. Etwas ratlos stehen wir herum.
verlassener Pickup erste Versuche
Zwei Fußgänger erzählen, dass sich bereits 3 Pickups über die Böschung vorbeigezwängt haben. Wir versuchen das gleiche aber Steffen läßt sich durch den Neigungswinkel abschrecken, den man mit zwei Rädern auf der Böschung bekommt, viel Platz haben wir auch nicht gerade. Auf Valerias Frage, wen wir jetzt am besten anrufen müssen wir sie mit dem Hinweis auf das fehlende Mobilfunknetz enttäuschen. Ein Geländewagen mit einem Norweger und seiner chilenischen Familie nähert sich, dessen Fahrer beim ersten Versuch ebenfalls aufgibt, sein Wagen ist tatsächlich zu groß. Dank Lenkradschloß und ungünstig ausgerichteter Reifen läßt sich der Pickup nicht bewegen ohne die Engstelle noch enger zu machen. Bald stehen die Insassen von 4 Fahrzeugen herum und beratschlagen. Valeria und ich versuchen mit Hilfe einiger Chilenen die Böschung zu begradigen und zu erweitern, was eine nachmittagsfüllende Aufgabe zu werden verspricht. Der Parkwächter erscheint auf seinem Motorrad, dem einzig sinnvollen Gefährt im Park, und gesellt sich zu uns. Die Fahrer dreier Quads werfen uns im vorbeifahren mitleidige Blicke zu.
...passt aber nicht efolgreiche Hebelkonstruktion
Gemeinsam versuchen wir jetzt das Heck anzuheben um es zur Seite zu bewegen, aber vergebens. Schließlich erscheint einer der Chilenen mit zwei Baumstämmen unter dem Arm und legt einen unter die vordere Stoßstange. Er will mit dem zweiten Baumstamm als Hebel die Vorderachse anheben, damit die anderen dann den Wagen zur Seite drücken können. Nach einigen Versuchen schaffen wir es endlich den Pickup um die nötigen 20cm zu verschieben. Alle beglückwünschen sich gegenseitig und dann passiert unter Applaus als erster der Norweger. Wir beobachten noch einige weitere Wagen, die jetzt problemlos vorbeifahren, bis Steffen sich überzeugen läßt ebenfalls loszufahren. Valeria und er sahen sich wohl schon die über zweistündige Fahrt zurück in Angriff nehmen, Markus wäre am liebsten selbst gefahren und ich wurde vom erhofften Einfallsreichtum der Chilenen nicht enttäuscht. Die restlichen Kilometer zur Therme schaffen wir in Rekordzeit, dann biegen wir endlich auf den Parkplatz ein, der voller Autos steht, auch hier herrscht Semana-Santa-Tourismus.
wohlverdient im heissen Wasser Termas Geometricas
Allerdings werden wir nicht enttäuscht: die vielen Leute verteilen sich auf 17 Heißwasserbecken (35-39°) und 5 Kaltwasserpools (6°C, gefühlt 0°), die entlang eines schmalen langen Bachtals aufgereiht und mit hölzernen Stegen verbunden sind. Ringsherum wuchert es üppig-grün, Farnwedel hängen bis ins Wasser und überall steigt Wasserdampf auf. Das kochendheiße Wasser entspringt an verschiedenen Stellen den Felsspalten. Wir ziehen uns um und Markus und ich wandern bis zum Ende der Schlucht, wo ein Wasserfall plätschert.
eiskalte Dusche üppig-grünes Bachtal
Das Wasser ist so kalt, dass man sofort nach Luft schnappt und die Füße noch schmerzen wenn man schon wieder draußen ist. Stillhalten für die Fotos grenzt an Tortur. Danach liegen wir die nächsten 2 Stunden im heißen Wasser, nur unterbrochen von einer Pause im Café, wo es am offenen Feuer leckere hausgemachte Suppen und Kuchen gibt.
gemütliche Cafeteria fast schon zu heiß im Wasser
Zwischendurch schlägt Markus sich schmerzhaft den Zeh an einem gemein aus dem Boden ragenden Unterwasserfelsen an und ein riesiger Bluterguss kündigt sich an. Wenn das mal nicht das Aus für die Vulkantour morgen ist.
Zum Schluß springen wir nacheinander noch unter den kleinen kalten Wasserfall im Abkühlbecken (gefühlte Temperatur: 0°!) bevor wir uns wieder umziehen.
Abtauchen für's Foto jetzt aber raus!
Die Rückfahrt über Coñaripe, Lican Ray und Villarrica ist zwar doppelt so lang aber unvergleichlich schneller, da es fast nur über geteerte Straßen geht. Als wir um 21 Uhr in Pucón eintreffen, zieht es unsere erschöpften Mitfahrer sofort ins Hotel. Markus und ich kehren noch auf ein Steak ins Restaurant ein, bevor wir zurück zur La Tetera gehen.
nach der Kollision mit einem Felsen Sonnenuntergang am Lago Calufquén

Sonntag

Markus' Zeh ist zwar nicht so sehr geschwollen, aber druckempfindlich und blau genug um nicht in einen Wanderstiefel gezwängt zu werden. Totzdem stehen wir wieder um 6:30 auf, um uns in der Agentur notgedrungen abzumelden, dabei wäre heute bestes Wetter. Zur Entschädigung legen wir uns noch mal 2 Stunden hin und frühstücken dann gemütlich. Unser Besuch fährt heute nach Talca, daher haben wir den Tag für uns alleine. Wir nehmen vormittags den Bus nach Caburgua am gleichnamigen See, im Gepäck ein Picknick.
Lago Caburgua Badewannentemperatur
Von Caburgua, einem kleinen Badeort der nur im Sommer bewohnt scheint, wandern wir am See entlang bis zu Playa Blanca, die im Gegensatz zu allen anderen Stränden der Umgebung nicht lavaschwarz ist, sondern aus hellem Sand besteht. Das Wasser ist dank einiger unterseeischer heißer Quellen angenehm badetemperiert. Wir finden winzige Fische, kleine und große Krebse, und einen riesigen fliegenden Käfer, den Markus aus dem Wasser rettet. Auch hier macht sich die anhaltende Trockenheit durch einen erheblich niedrigeren Wasserspiegel bemerkbar.
Ergebnis des gesunkenen Wasserspiegels wieder aufgetauchte Baumstämme
Zurück in Pucón gönnen wir uns im Café einen leckeren antarktischen Krill auf Tomate-Palta-Bett, womit wir jetzt wissen wovon sich Wale, Robben und Pinguine im Südpolarmeer täglich ernähren. Anschließend spazieren wir hoch zum Monasterio von Pucón, einem bevorzugten Fluchtpunkt bei akuten Vulkanausbrüchen, denn die Schlammlawinen aus abschmelzendem Schnee reichen nicht bis hier hinauf. Der angepriesene Blick beeindruckt uns weniger. Zurück am Hostal sitzen wir noch bei einer Kanne Tee auf der Terrasse, dann wird es Zeit, die Rucksäcke zu packen und zum Busterminal zu gehen.
einarmiger Krebs Boote vor Caburgua
Leider haben wir für die Rückfahrt nur noch Plätze im oberen Teil des Busses bekommen, was eine weitaus unbequemere Fahrt zu werden verspricht. Ganz Santiago reist aber heute wieder zurück und wir haben keine andere Wahl. Widerwillig beziehen wir die Plätze und hoffen, daß die nächsten 10 Stunden so schnell wie möglich vorbei sind.
Vulkan-Warnampel die Erklärung zur Ampel
Markus erreicht das, indem er sofort einschläft und erst kurz vor Santiago wieder aufwacht. Ich komme schlaflos in den zweifelhaften Genuß von sämtlichen Feuchtigkeits- und Temperaturzonen (unter meinem Sitz bullert die Heizung und kein Busmitarbeiter ist erreichbar, um sie wieder auszuschalten, kollektivem Schnarchen, Toilettengeruch und Handyklingeln. Wenigstens kommen wir pünktlich um 7 Uhr in Santiago an und sind mit dem schnellsten aller Rallye-Taxistas bald darauf zuhause.

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