Regen!

Chronik des ersten Regentages im Jahr 2007

16.02.2007

Heute ist ein denkwürdiger Tag: Es regnet!

An eine letzte solche Wetteräußerung in Santiago, aus Deutschland zur Zeit aus Erzählungen hinreichend bekannt, können wir uns nur vage erinnern. Wir haben uns wirklich angestrengt, aber das Datum ist uns entfallen, es müßte irgendwann im Oktober 2006 gewesen sein.
Wolkenangriff aus Argentinien
Nachdem also schon seit mehreren Tagen das Barometer mit Niederschlag drohte und sich allmorgendlich die Wolken über den Anden zahlreicher und dunkler zusammenballten, war es heute endlich soweit! Gegen 9:36 Uhr Ortszeit schaute ich ungläubig aus dem Schlafzimmerfenster und entdeckte den ersten verräterischen Tropfen an der Scheibe! Er hatte sich ganz hinterlistig dort niedergelassen und rollte nun langsam außen am Glas nach unten. Noch konnte er gegen den dort angesammelten Santiago-Staub nicht viel ausrichten, er drohte schon zu versanden. Sofort kamen ihm jedoch ein paar treue Gefolgstropfen zu Hilfe und gemeinsam flossen sie die Scheibe entlang.
die Tropfen mehren sich
Sollte ich nun erst Markus anrufen oder doch gleich die Kamera holen? Ich entschied, daß Markus zunächst von diesem Ereignis in Kenntnis gesetzt werden müsste und wählte seine Nummer. Er wollte es mir nicht glauben - bei ihm seien noch keine Tropfen in Sicht. Mit den Worten "Ich muß das fotografieren und die Wohnung sichern!" warf ich Telefon aufs Bett und rannte los. Nachdem die ersten Tropfen fotografisch festgehalten waren, ging es erst richtig los. Die grauen Wolken hatten endlich genügend Stärke gesammelt, um dem heftigen Wind vom Meer zu trotzen. Diesmal würden sie sich nicht wie üblich wieder über die Anden nach Argentinien zurückschieben lassen. Nachdem sich die Bäume vor dem Haus einige Zeit heftig vom Wind hatten schütteln lassen, gab sich dieser endlich geschlagen und überließ den Wolken den Luftraum. Die dicken Tropfen mehrten sich schnell und klatschten bereits nach wenigen Minuten ungemütlich gegen die Scheiben. Ich rannte durch alle Zimmer und schob die Fenster zu - schon waren die ersten dicken Tropfen nach innen gedrungen! Als alles hinreichend gesichert schien, beobachtete ich vom Wohnzimmer aus den Angriff der Wolkentürme. Sie hatten sich bereits über den ganzen Himmel ausgebreitet und schienen sich dort für längere Zeit festzusetzen.
heftige Regenfront
Der Regen schlug immer heftiger gegen die Scheiben und nach einem weiteren Kontrollgang entdeckte ich bereits die ersten Schwachstellen in unserer Festung. Wenn das Wasser nur hart genug in die Schienen der Schiebefenster schlug, drang Wasser unter dem Fenster her nach innen, und in den inneren Rahmen sammelten sich bereits kleine Pfützchen. Dazu kam, daß bei genügender Fallstärke mit jedem Aufschlagen eines dicken Tropfens innen ein winziger Sprühnebel zu verzeichnen war! Ein Wolkenbruch wäre also ein fataler Angriff auf unsere Vorhänge und Böden, je nachdem wie lange er andauern würde.

Bald schon hatten sich die finsteren Wolkenberge zu einer den ganzen Himmel bedeckenden grauen Schichtwolke ausgebreitet. Aus dieser Position gaben sie alles und Wind und Staub mußten sich geschlagen geben. Innerhalb kurzer Zeit schwamm der Balkon, überall breiteten sich dünne braungraue Staubrinnsale aus. Wenn das mal keine Schlammlawine unten auf der Straße gab! Die nicht zu verschließende Loggia wurde schnell zu einem äußerst ungemütlichen Aufenthaltsort, durch Fenster ohne Fensterscheibe und zwei ebenfalls offene Oberlichter spritzte der Regen nur so auf den Boden und die Waschmaschine. Ich konnte nur hoffen, sie würde dem Angriff standhalten. Auf der gegenüberliegenden Baustelle brach Panik aus. Die Arbeiter rannten schreiend durcheinander, teilweise mit übergezogenen Mülltüten geschützt, teils auf der Suche nach einem dichtbelaubten Baum. Alle Arbeit kam zum Erliegen, der übliche Lärm verstummte. Aus den oberen Etagen des Rohbaus verfolgten mutige Arbeiter das Schauspiel.
Staub und Regen werden zu Schlammlawinen
Um 12:18 Uhr Ortszeit erschütterte ein Donnergrollen die Straße. Ich fragte mich, ob es hier wohl Blitzableiter gäbe. Der erste Donnerschlag sollte aber glücklicherweise auch der letzte bleiben. Mittlerweile hatte sich der Regen zu einem nachhaltigen Landregen entwickelt. So schnell schien er nicht aufgeben zu wollen. Draußen war die Temperatur innerhalb kurzer Zeit um mehr als 8°Celsius auf nur noch 8,7°C gesunken. Die Innentemperatur lag noch bei 21,7°C, sie sank zwar langsam aber ich rechnete schon damit demnächst die Winterdecken aus dem Sommerschlaf holen zu müssen.

Kurz vor Ende des Regens zeigte das Thermometer aber bereits wieder 9,6°C, der Trend geht also aufwärts:
nach dem Regen kommt die Sonne
Heute abend werden wir aus der Stadt in Richtung Süden fliehen. Der Zug ist gebucht, ich erwarte Markus um 18:30 Uhr mit gepackten Koffern am Bahnhof. Die Fahrt führt uns 200km südwestlich an die Küste. Dort hoffen wir auf besseres Wetter!

Die chilenische Tageszeitung berichtet übrigens ebenfalls von diesem Wetterphänomen:



Hier die dazugehörigen Bilder aus www.elmercurio.cl :

Nachtrag:
Die Schneefallgrenze ist heute auf ca. 1000m gesunken. Das heißt, vorher gab es gar keine, wir befinden uns schließlich noch mitten im Sommer. Der Regen hat gegen 14:00 Uhr aufgehört und die Wolkendecke wird dünner. Vom Wohnzimmer aus sehe ich einige hundert Meter oberhalb der etwas höher gelegenen Stadtteile eine geschlossene Schneedecke! Man bedenke - dieser Monat entspricht dem deutschen August...