Rodeo in La Cisterna & Templo Votivo de Maipú

3.& 4.02.2007

Auf geht die Jagd!
Das Rodeo ist eine der Nationalsportarten Chiles und gerade jetzt im Sommer ist Rodeosaison. Markus war etwas skeptisch aber ich wollte mir das Erlebnis nicht entgehen lassen, zumal an diesem Wochenende ein Rodeo in Santiago stattfinden sollte.
Von Markus Kollegen war noch kein einziger bei einem Rodeo gewesen und alle schauten ihn ziemlich komisch an, als er sie dazu befragte. Anscheinend ist das eher etwas für die Landbevölkerung, also für alle die nicht in der Hauptstadt wohnen.
Samstag morgen nahmen wir also mit Stadtplan bewaffnet die Metro und fuhren 17 Stationen mit 2x umsteigen in den Süden der Stadt. Da man hier nie weiß wie die Stadtviertel aussehen, bzw. ob sie "sicher" sind, hatten wir uns möglichst "unauffällig" gekleidet, obwohl wir uns wohl nie als Chilenen tarnen werden können.
Hier kommt der Stier! entwischen darf er nicht...

Als wir aus dem Metrobahnhof herauskamen begegneten uns als erstes zwei Pferdekarren auf der Straße, dies war also eins der ländlicheren Viertel. Ein mittels einer großen Kette an einer Laterne festgebundenes altes Auto gab uns zu denken. Nachdem wir 25 Minuten durch die Sonne gelaufen waren und schon nicht mehr daran glaubten überhaupt richtig zu sein, sahen wir in der Ferne ein Plakat auf dem das Rodeo angekündigt wurde. Erst einmal gingen wir unauffällig am Eingang vorbei um zu sehen, ob wir dort wirklich hineinwollten. Touristen sahen wir nicht, eigentlich waren eher wenige Menschen unterwegs. Immerhin unterhielten sich in der Zufahrt gemütlich drei Polizisten, so schlimm konnte es also nicht werden. Bei zwei in bunte Ponchos gekleidete Frauen bezahlten wir den Eintritt und gingen gleich zur Medialuna. Das Gelände war ziemlich groß, überall standen Pferde, Transporter und Reiter herum, die ersten Asados (Grillfeuer) rauchten schon.
Ein Huaso mit seinem Criollo im Rodeodreß
Das unauffällige Kleiden hätten wir uns sparen können! Ausnahmslos alle Männer (ich sah überhaupt nur etwa 5 Frauen) waren in den obligatorischen Poncho gekleidet, darunter Hemd und Jackett, dunkle Hose, halbhohe Stiefel mit hohen Absätzen und riesige in der Sonne glitzernde Sporen. Unverzichtbar war auch der breite flache Hut. Wir sahen also aus wie die Touristen par excellence! Es schien sich aber niemand daran zu stören, obwohl es sich eher um ein kleineres Clubturnier statt eines öffentlichen Rodeos zu handeln schien.
schön hiergeblieben! da hinten muß er jetzt durchs Tor

Die Medialuna (Halbmond) ist eine runde Arena, die in einen kleineren und einen größeren Teil getrennt ist. Außenherum führt die wackelige Tribüne, die eigentlich nur aus vor Urzeiten auf ein dünnes Gerüst aufgenagelten Brettern besteht. Man mußte vorsichtig gehen, teilweise hielten die Bretter nur durch jahrelang angehäuften Staub zusammen wie mir schien. Wir fanden einen Platz im Schatten und ließen uns vorsichtig auf den Sitzreihen nieder. Unter uns brüllten die Bullen - wir bewegten uns vorsichtshalber gar nicht mehr, denn wenn die Bretter nachgegeben hätten würde man sich zwischen den gerade aus der Arena entlassenen Bullen wiederfinden - und so wie die schnaubten waren sie sicher gerade nicht gut auf Menschen zu sprechen!
der Stier muß immer zwischen den Pferden gehalten werden ...hier haut er gerade ab...

Wir konnten eine Disziplin beobachten: Bullentreiben. Dazu warteten jeweils zwei Reiter im kleineren Teil der Arena auf den Bullen der durch eine Tür hineingelassen wurde. Dieser wurde dann 3x an der Wand entlang getrieben, anscheinend damit er etwas müde wurde. Nach der dritten Runde wurde das Tor aufgemacht und im großen Teil mußte er nun an der Wand entlang gescheucht werden um im günstigsten Fall an einer bestimmten gepolsterten Stelle umgeworfen zu werden. Danach mußte er kontrolliert wieder zurück durch ein Tor aus der Arena getrieben werden, wonach er dann außenherum zu seinen Kollegen laufen konnte, eben direkt unter uns vorbei.
Einige der Bullen kannten ihre Aufgabe schon so gut, daß sie bereits unauffällig versuchten schnellstmöglichst zum Tor (Ausgang) zu gelangen. Ein anderer ließ sich irgendwann fallen und stand nicht mehr auf. Er hatte eindeutig keine Lust mehr und erst ein Helfer konnte ihn durch Ziehen am Schwanz dazu überreden weiter mit zu machen. Einige waren offensichtlich nicht zum ersten Mal hier und mehr oder weniger kooperativ, zum Beispiel liefen manche eher gelangweilt im verhaltenen Galopp vor den Pferden her, andere versuchten ihre Treiber abzuhängen und schlugen immer wieder Haken.
noch ist der Bulle schneller... Wir haben es schon hinter uns!

Den Reitern darf natürlich weder der Hut vom Kopf fallen noch sonst ein Stilfehler unterlaufen. Auch dürfen Bulle und Pferd nicht rücksichtslos behandelt werden, das chilenische Rodeo hat nichts mit dem nordamerikanischen oder gar spanischen Stierkämpfen zu tun.
Anschließend gab es erst einmal Mittagspause, danach fanden wohl noch weitere Disziplinen statt. Da es sich aber nur um eine kleine Veranstaltung handelte, mit wenigen Zuschauern und ohne die erwarteten Freßstände, beschlossen wir daß wir für heute genug gesehen hatten.

Templo Votivo de Maipú

pompöser Kirchplatz
Sonntag stand ein weiterer Punkt auf dem Programm, der in keinem deutschen Reiseführer zu finden ist. Nach einer ewiglangen Busfahrt bei der wir die ganze Stadt einmal durchquerten, erreichten wir Maipú, einen Stadtteil im äußersten Südwesten von Santiago.
Hier steht eine monumentale Kirche, der Templo Votivo, an der Stelle wo die Schlacht von Maipú unter Bernardo O'Higgins mit seinem Befreiungsheer stattgefunden hat. Als Dank für den erfolgreichen Ausgang errichtete er damals eine Kirche, von der heute allerdings nur noch zwei Seitenwände erhalten sind.
die alte und die neue Kirche

1944 wurde ein spanischer Architekt mit dem aktuellen Bau beauftragt, welcher 1974 unter Anwesenheit aller chilenischen Bischöfe eingeweiht wurde. Die Kirche mißt heute 90x75m und hat eine Höhe von 88,6m inklusive Kreuz, was schon ziemlich beeindruckend ist.
Man sieht sie bereits von weither und wir stiegen also aus dem Bus, um die restlichen "paar Hundertmeter" hinüberzulaufen, die sich aber doch noch als guter Kilometer entpuppten, durch die Höhe sah der Bau einfach viel näher aus. Der Platz auf dem die Kirche erbaut ist ist ebenfalls riesengroß, hier finden mehrere religiöse Feste im Jahr statt.
Markus allein unterwegs

Wie immer wenn etwas nicht im deutschen Reiseführer zu finden ist, waren wir fast alleine unterwegs. In der Kirche trafen wir noch auf wenige einheimische Besucher. Leider leidet darunter auch immer die kulinarische Versorgung der Umgebung. Abgesehen von der Kirche ist der Ort eher uninteressant und wir fanden nur ein paar schlecht frittierte Empanadas. Also stiegen wir wieder in den Bus und machten uns auf den Heimweg, die Fahrt dauerte fast eine Stunde.
die Helden von damals
Bei 30 Grad auf Plastiksitzen kamen wir reichlich durchgeschwitzt zu Hause an und mußten im Wind erst einmal Hose und T-shirt trocknen lassen...
Da aber ab nächster Woche der neue "Plan Transantiago" in Kraft tritt, bei der alle Buslinien neu organisiert werden, sodaß man nur noch bis zur nächsten Metrostation fahren kann um dort umzusteigen, war es wohl die letzte Möglichkeit Maipú praktisch von Haustür zu Haustür mit ein und derselben Buslinie zu erreichen.
Ann allein mit Kirche