Vorsicht Schlangen (ungiftig)

Wo man geht und steht trifft man auf Schlangen

Der Großteil der Leute zahlt Rechnungen nicht per Banküberweisung, sondern an eigens eingerichteten Zahlstellen, wie "Servipag", bar oder per Scheck. Man zieht eine Nummer, reiht sich ein und schiebt dann seine Rechnung sowie den Betrag durch das Kassiererfenster. Man muß nicht sprechen, was für Ausländer von Vorteil sein kann. Gegen eine geringe Gebühr erhält man dann den Nachweis über die Zahlung und hat erfolgreich 1-2 Stunden sowie 2 Metrofahrscheine für das Bezahlen einer Rechnung aufgewendet.

Die Schlangen sind manchmal bis zu 50m lang und werden im Geschäft noch um mehrere Absperrungen geleitet. Das kann man besonders zu gewissen Stosszeiten mitverfolgen. Vor allem Mittags (13:00 - 15:00) und Feierabends (ab 17:30 - 19:30). Hinzu kommen dann noch:
- die Superstosszeit: Mittags am Monatsanfang
- die unglaubliche Stosszeit: Feierabends am Monatsanfang
- die schon lächerliche Stosszeit: Metrofahrkarten gratis an der Sperre zum Bahnsteig oder der Lottoverkaufsstand bei erhöhtem Jackpot

Hier noch ein praktisches Beispiel für Schlangen: der Postbesuch!
Wir mußten die Nebenkostenabrechnung ausnahmsweise per Scheck an den Vermieter bezahlen. Kein Problem, da schicken wie den Scheck mit der Post!
Auf dem Weg nach Hause wurde mein Bus im Vorbeifahren von einem anderen leicht gerammt und wir mußten pausieren um die Sache zu klären und die abgefallenen Teile der hinteren Fahrzeugverkleidung von der Straße aufzusammeln. Aus dem Fenster hatte ich ein "Correos Chile" erspäht und beschloß auszusteigen und mal eben den Brief aufzugeben. Der Begriff "einen Brief aufgeben" bekam nun aber eine ganz neue Bedeutung, das Wort "Aufgabe" ist nicht umsonst darin zu finden...
Ich reihte mich in die Schlange ein, die bereits aus ca. 25 Menschen bestand. Da hier nicht nur Briefmarken verkauft werden, dauerte es pro Person durchschnittlich 5-7 Minuten. Zwischendurch fragten sich die Angestellten gegenseitig um Rat, was die Sache auch nicht beschleunigte. Wenn jemand einen Stapel Briefe aufgab, wurde ein wartender Bote herangewunken, die Etiketten aufzukleben und die Briefe weiter zu bearbeiten. Solange wurde auch niemand anders bedient, der Angestellte und der Kunde standen geduldig wartend daneben.
Nach ca. 25 Minuten des Wartens war ich endlich an der Reihe und reichte den Brief über den Tresen. Nachdem mir eine Expresssendung ans Herz gelegt worden war, die am nächsten Tag zugestellt werden sollte (wer weiß wie lange normale Briefe benötigen), wurden zunächst alle Daten der Anschrift und des Absenders minutiös in den Computer übertragen, ich mußte die Hälfte nochmal buchstabieren.
Auch unsere Telefonnummer mußte ich angeben. Der Brief wurde sorgfältig gewogen und vermessen (mit dem Maßband!), dann in eine große Plastiktasche gepackt und mir eine zweiseitige DIN A 4 Quittung ausgedruckt, mit mehreren Stempeln und Unterschriften versehen.
Nach ca. 8 Minuten war ich fertig und war zu schwach um noch nach "Standard" Briefmarken zu fragen.

Die chilenische Vorsicht

Nachdem wir letzte Woche gelernt haben, daß der Chilene an sich aufgrund eines mangelnden Grundvertrauens eher auf Nummer sicher geht, macht vieles wieder Sinn.
Das mit dem fehlenden Grundvertrauen ist ungefähr so zu erklären: Wenn ich in Deutschland ein Auto kaufe dann unterschreibe ich den Vertrag, zahle und nehme den KFZ-Brief inklusive Auto mit nach Hause. Transaktion abgeschlossen.
Hier hat der Verkäufer anscheinend berechtigte Angst, daß der Käufer hinterher behauptet er habe für sein Geld nichts bekommen! Die Unterschrift sei falsch und er hätte jetzt gerne sein versprochenes Auto bekommen. Aber Pronto! Handschlag, Unterschrift und mündliche und schriftliche Verträge sind nicht viel wert und auch nur schwer vor Gericht einzuklagen. Das geht so weit, daß Kreditkarten nicht auf der Rückseite unterschrieben sondern nur in Verbindung mit dem Ausweis benutzt werden. Die Unterschrift könnte ja nachgemacht werden, aber auf dem Ausweis befindet sich das Foto und zur Not noch der Fingerabdruck. Daraus resultieren die seltsamsten Konstrukte um "Vertrauen" zu schaffen:

- Es werden Bürgen eingefordert
- Es wird bei jeder Gelegenheit der Fingerabdruck abgegeben
- Es werden alle möglichen Dokumente eingefordert:
- Gehaltsnachweis (um zu bestätigen, daß man Arbeit hat)
- Es wird bei jeder Gelegenheit die RUT (die wohl wichtigste Nummer im chilenischen Leben) angegeben
- Es gibt auch die "Dicom" (eine Art Schufa): Wer hier einen Eintrag hat bekommt 3 Jahre gar nichts mehr, keinen Kredit, kein Bankkonto, keine Schecks!
- Doch der beste Weg Vertrauen zu schaffen ist noch der Gang zum Notar. Der ist z.B. für den Mietvertrag notwendig und natürlich für einen Autokauf.