El Teniente und Sewell

25.02.2007

Codelco, die chilenische staatliche Kupfergesellschaft betreibt die Mine "El Teniente" (der Oberleutnant), die in der Nähe der Stadt Rancagua auf etwa 2200m in den Anden liegt. Da man die Mine und die verlassene Bergarbeiterstadt Sewell nur im Rahmen einer geführten Tour besichtigen kann, besteigen wir also am Sonntag um 8 Uhr (warum muß man dafür nur immer so früh aufstehen?) den Bus von VTS Tours in Santiago.
Minengelände Mondlandschaft in den Anden
kein Grashalm wächst hier Minenanlagen 2
Nach etwa 90 Minuten Fahrt über die Panamericana nach Süden bis Rancagua und dann noch einmal etwa 45 Minuten Fahrt entlang der Carretera del Cobre (die Kupferstrasse, angeblich die beste Straße Chiles) hoch in die Berge, kommen wir am Kontrollpunkt Maitenes an. Dort wird uns nach ausgiebigen Einweisungen eines extrem nuschelnden Mitarbeiters und der Vorführung eines Sicherheitsvideos unsere Ausrüstung für den Tag übergeben: Gummistiefel mit Stahlsohle, eine orange Warnjacke in Grösse XXXL, Helm mit Lampe und am Gürtel befestigtem Akku, Schutzbrille, ein Autorespirator, Staubmaske und Ohrenstöpsel. Nach Anlegen der kompletten Ausrüstung wiege ich mindestens 10 Kilo mehr. Da das meiste Gewicht am Helm und um den Hals liegt, war das weitere Fortkommen schon etwas eingeschränkt und morgen haben wir bestimmt Muskelkater im Nacken.
Kumpel Markus bereit zur Führung Achtung Staub!
Mit einem Kleinbus geht es sodann durch das riesige Gebiet der Minengesellschaft, überall sieht man grosse Anlagen, eingerahmt von absolut kahler und unwirtlicher Bergwelt. Kein Baum und kein Strauch wächst hier, man sieht nur vereinzelt Kondore und andere Vögel am Himmel kreisen. An den braungrauen Berghängen schimmert es immer wieder grünlich durch den Kupfergehalt.
Infotafel
Auf einmal müssen wir im Bus schon die Helme aufsetzen und fahren mit dem gesamten Bus schwungvoll in einen Tunnel ein - wir sind in der weltgrössten unterirdischen Kupfermine! Das man allerdings mit dem Auto einfahren kann wussten wir nicht, es gibt hier ein 2400km Straßen-, Gänge- und Schienennetz. Nach einigen Kilometern durch vollkommen dunkle Tunnel, man sieht nur die Ampelanlagen und ab und zu ein entgegenkommendes Fahrzeug, parken wir in einem Seitenarm und steigen alle aus. Hier riecht es ein wenig komisch, es ist ziemlich kühl und wir befinden uns in durch Tunnel 7. Nach mehren hundert Metern durch leere, fast dunkle Gänge und unheimliche große Tore die sich zischend mit Druckluft und lautem Warnsignal öffnen und schliessen, kommen wir schliesslich zur Caverna de los Cristales. Hier wurde bei den Grabungen zufällig eine grosse Höhle mit riesigen glasklaren Blöcken aus Silizium gefunden, einer der Bergkristalle soll 100m lang sein. Mit ein bisschen dezenter Beleuchtung macht das ganz schön was her.
Siliziumblöcke 1 Siliziumblöcke 2
Nach einigen Erklärungen zum Aufbau der Mine geht es weiter in einen Bereich, in dem das abgebaute Gestein in riesigen Mörsern zermahlen wird. Hier legen wir die Atemmasken, Brillen und Ohrenstöpsel an. Rechts und links werden permanent tonnenweise Gestein in eine überdimensionale Mühle gekippt und ohne weiteren Widerstand auf beeindruckende Weise zerkleinert.
Die Atemmasken ziehen sich beim Einatmen sofort fest um das Gesicht zusammen, dazu wiegen sie bestimmt ein gutes Kilo, sodass man das ganze Gewicht sozusagen an der Backe hängen hat, was ziemlich unbequem ist und der Hautelastizität sicher nicht zuträglich ist. Aber hier arbeiten ja auch nur Männer.
Minera Ann Minero Markus
Nach einer Fotopause geht es ins Kontrollzentrum, an der ein Mitarbeiter in 12-Stunden Schichten die ganze Sache beobachtet. Rechts hängt ein Kalender mit einem Bild vom Eiffelturm und links der Papst, allerdings noch der alte. Vielleicht hat der Neue noch nicht den Weg nach Chile gefunden? Von hier aus geht es zurück zum Auto. Markus ist etwas enttäuscht, daß er nicht direkt an den Arbeitern im Stollen vorbeigehen durfte um dort eine Probebohrung vorzunehmen.
Die Steinmühle
Wir verlassen die Mine und fahren weiter nach Sewell. Die ehemalige Bergarbeiterstadt die 1905 hier aufgebaut wurde ist heute verlassen. Zu Hochzeiten lebten hier 15000 Menschen, die Arbeiter mit ihren Familien und die höheren Angestellten. Im letzten Jahr wurde Sewell zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt. Die Stadt gilt als Beispiel für eine Arbeiterstadt in entlegener Gegend, in der lokale Arbeitskraft mit Ressourcen einer Industrienation in der Mine optimal vereint wurden. Sie wurde das ganze Jahr genutzt, trotz der harten Winter in den Anden.
Sewell von oben
Die Stadt ist zu steil für Straßen, weshalb sie auch "Stadt der Treppen" genannt wird. Es gibt eine zentrale große Treppe, von der aus kleinere die Häuser untereinander verbinden. Die Häuser sind aus Holz und sind in verschiedenen bunten Farben gestrichen, wahrscheinlich um das Feheln von Gärten in dieser unwirtlichen Lage wettzumachen.
Familienwohnungen 2 Zimmerchen pro Familie
Als ausserordentlich fortschrittlich galt damals das Krankenhaus als das beste in ganz Südamerika, Schulen, Clubs, ein kostenloses Kino in dem amerikanische Filme 3 Monate früher als in Santiago gezeigt wurden, und eine Bowlingbahn, in dem die chilenische Nationalauswahl fast nur aus den Mitarbeitern gebildet wurde. Die Holzhäuser lassen heute allerdings jeglichen Komfort vermissen.
Wohnhäuser für Familien Das Rathaus
Der Teil in dem die Nordamerikaner (Ingenieure und ihre Familien) wohnten ist bis auf ein paar Ruinen fast gar nicht mehr erhalten. Dieser Bereich war den Chilenen verboten, es gab Kontrollen und Wachen und hier hatte man jeglichen Komfort. Gärten wurden angelegt und auch die Luft war um einiges besser, wohingegen die Siedlung der Arbeiter dem permanenten Staub aus der Mine ausgesetzt war.
Eingang zur Bowlingbahn Die Haupttreppe
Es ist heute alles ziemlich verfallen und wird nun allmählich wieder aufgebaut. Von der ursprünglichen Stadt wurde viel abgerissen und als Feuerholz verbrannt, bis Chile die Stadt vor einigen Jahren zum Monumento Nacional ernannte. Es sind nur noch das Zentrum und die Kirche erhalten. Führungen gibt es leider nur auf Spanisch, und diesmal haben wir alle irgendwann abgeschaltet wegen der unverständlichen Nuschelei des Führers.
Kirche mit Glocke Kirche mit Ann