Talca y Constitución

16.-18.02.2007

Freitag abend

Ein Wochenende in der chilenischen staatlichen Eisenbahn steht bevor. Frühzeitig hatte ich über das beeindruckende Online Reservierungssystem der Bahn Karten und Plätze gebucht. Markus und ich treffen uns am Bahnhof und wollen diese nun abholen. Nachdem die Reservierung jetzt plötzlich unauffindbar ist und mich die Mitarbeiterin 2x fragt, ob ich denn auch ganz sicher sei, daß ich sie nicht annuliert habe, schwindet mein Vertrauen in die Technik ein wenig. Wir werden zum "Servicio al Cliente" geschickt, der damit aber völlig überfordert ist und mir auch nichts anderes sagen kann. Leicht genervt gehen wir zurück zum Schalter um neue Karten zu kaufen - jetzt ist besagter Zug aber ausgebucht! Nach kurzer Überlegung, doch lieber zu Hause zu bleiben da der Zeitplan knapp wird, nehmen wir schließlich den Zug eine Stunde später.
Der TerraSur 1. Klasse bitte einsteigen
Als dieser schließlich einige Zeit vor der geplanten Abfahrt einrollt und wir im Abteil "Preferente" (1. Klasse) unsere Plätze einnehmen, hebt sich die Stimmung wieder. Wir glauben uns auf einem Businessclass Langstreckenflug. Nach ausgiebigem Einstellen der Position können wir fast ausgestreckt liegen, selbst wenn sich der Vordermann zurückklappt bleibt noch viel Platz und die Sessel würden auch einem übergewichtigen Amerikaner Raum bieten. Nachdem wir uns für die 2,5stündige Fahrt eingerichtet haben, wird sogar alle Viertelstunde der Barwagen mit Snacks, Drinks und Lesestoff durchgeschoben. Markus kauft eine Zeitschrift, die immerhin aus März 2006 stammt, also noch kein Jahr alt ist.
Warten auf die Abfahrt
Nachdem wir ausgiebig die verschneiten Anden unter tiefhängenden grauen Wolken betrachtet haben und es dunkel wird, schläft Markus wie immer bei solchen Gelegenheiten (in jeglichen Verkehrsmitteln) sofort ein. Um 22:10 kommen wir pünktlich in Talca an, und suchen unser Hostal "Puente del Río". Obwohl Talca eine Kleinstadt ist müssen wir 13 Blocks (Cuadras) laufen da wir am Bahnhof zu geizig für ein Taxi gewesen sind. In Talca sind die Straßen nur mit Himmelsrichtung und Nummer benannt, unser Hostal liegt in der "2 Sur". Endlich kommen wir an, nach der Zugticket geschichte habe ich schon befürchtet, daß unsere Reservierung auch hier untergegangen ist. Sie liegt aber vor, sogar doppelt, denn kaum sind wir im Zimmer ruft die Rezeption auf dem Handy an um zu fragen ob wir noch kämen?! Da wir am nächsten Morgen früh raus müssen gehen wir gleich ins Bett, um uns noch einige Stunden an diversen Anreisen, Autoalarmanlagen und angeregter Unterhaltung vor unserer Tür zu erfreuen.

Samstag

Um 6:30 klingelt der Wecker, nur mit Mühe bekomme ich Markus aus dem Bett. Bisher waren südamerikanische Reisen ja meistens von frühem Aufstehen geprägt. Der abends noch von der Besitzerin zähneknirschend versprochene Kaffee (statt Frühstück) wird uns von ihrem Sohn an die Tür gebracht. Um 6:45 machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof, da um 7:30 der Zug nach Constitución fahren soll. Nach 8 Cuadras erwischen wir auf völlig menschenleerer Straße doch noch ein Taxi. Der Fahrer weiß schon wohin es geht, denn die einzige Attraktion um diese Uhrzeit ist der alte Schienenbus, der zweimal täglich an die Küste und zurück fährt.
In der Schalterhalle sind ziemlich viele Menschen unterwegs. Es herrscht fast Volksfeststimmung. Alles ruft und läuft durcheinander, überall stehen Kisten und Taschen und viele Leute rennen schon zum Gleis, auf dem der "Ramal" bereit steht. Als wir endlich an der Reihe sind wissen wir warum! Das System ist: einer kauft die Fahrkarten, die restliche Familie besetzt mit dem Gepäck die Plätze. Wer noch reinpaßt wird auch mitgenommen. Die Frau am Schalter schlägt vor zu schauen, ob wir noch reinpassen und dann Karten zu kaufen. Bei näherer Betrachtung ist der Zug aber so voll, daß die Leute schon wie die Sardinen stehen. Die Aussicht auf knapp 3 Stunden Fahrt im Stehen, den Ausdünstungen der Nachbarn ausgesetzt ist nicht verlockend. Als wir noch überlegen steigt jemand aus und erklärt uns, wir könnten auch den Bus nehmen und mit dem Zug zurückfahren. Gute Idee! Mittlerweile haben wir sogar eine Frau mit einer Plastiktüte aus der eine große, weiße, lebende Gans schaut einsteigen sehen. Auf dem Rückweg am Gleis entlang ruft uns jemand nach, es sei doch noch Platz, während zwei deutsche Touristen aus der Schalterhalle kommend gerade noch den Zug stürmen.
Das wäre er gewesen...
Am Busbahnhof wenige Straßen weiter buchen wir den nächsten Bus nach Constitución, steigen ein und haben den halben Bus für uns. Er ist nur 100 Peso teurer und sogar schneller am Ziel. Der Busfahrer hat es nicht eilig und wir schaukeln die Panamericana entlang. Markus schläft schon bei Verlassen des Busbahnhofs. Einige Zeit später füllt sich der Bus, kurz vor dem Ziel müssen schon viele Leute stehen. Die Landschaft hat sich von den gewohnten fast kahlen, trockenen Hügeln in einen dichten Kiefernwald verwandelt. In der Ferne sieht man das Meer und kurz darauf sind wir da. Beim Aussteigen holt der Busfahrer aus dem Gepäckabteil eine Jutetasche, in die zwei Löcher geschnitten sind aus denen zwei Hühner schauen! Die haben heute wohl noch einen schweren Tag vor sich...
die Kirche von Constitución
Wir schlendern erst einmal zum Markt. Hier also ist das Ziel all jener aus dem Zug! Für den kleinen Ort ist der Markt beeindruckend groß: Berge von Obst, Gemüse und Eiern, lebendes Geflügel, Second Hand Kleidung und Stände mit Fressalien. Im Gegensatz zu Santiago ist alles unglaublich billig und hat erst vor ein oder zwei Stunden den Acker verlassen. Markus kann mich gerade noch bremsen kiloweise aufzukaufen. Nach diversen Snacks wandern wir zum Hotel das am Río Maule liegt, kurz vor dessen Mündung ins Meer. Laut Reiseführer das beste am Platz, hat es durchaus schon bessere Zeiten gesehen, besonders der Anstrich und die Teppiche. Der Restaurantteppich könnte einen Preis für die meisten Flecken pro Quadratdezimeter gewinnen. Das Zimmer hat dafür Blick auf den Fluß. Nach ausgiebiger Siesta setzen wir per Boot über auf eine Insel, wo wir faul im Schatten zwischen Eukalyptusbäumen sitzen, picknicken und die gegenüber liegende große Pelikankolonie beobachten.
Aussicht aus dem Zimmer Picknick auf der Insel
Anschließend besichtigen wir noch den Strand mit seinen Felsformationen, der durch die anliegende Zellulosefabrik etwas an Reiz verloren hat. Daher auch die ringsum in Reih und Glied gepflanzten Kiefernwälder.
Wellen zwischen Felsen Piedra de la Iglesia
Zurück im Hotel können wir nach einem Bier auf der Terrasse gleich das Abendessen in Angriff nehmen, welches im Vergleich zum Teppichboden den verblichenen Glanz wieder wettmacht. Während es draußen dunkel wird drehen verschiedene Vogelschwärme ihre Runden um die Insel. Die großen, gemächlich vor sich hinschwebenden Pelikane sind ziemlich beeindruckend. Leider wird die vorher so gelobte ruhige Lage mittlerweile durch eine Live-Band an der angrenzenden Mole gestört. Die Musik ist zwar gut, aber wir müssen morgen schon wieder um 6:00 aufstehen um diesmal definitiv den Zug zu bekommen.
Zellulosefabrik am Strand Abendstimmung am Río Maule>

Sonntag

6:00 Uhr ist noch weniger unsere bevorzugte Uhrzeit, aber heute gibt es schon Frühstück für uns. Diesmal bin ich fest entschlossen die erste am Schalter zu sein, was wir auch problemlos schaffen. Noch vor Sonnenaufgang treffen wir am Bahnhof ein, wir hätten uns aber gar nicht beeilen müssen, denn der Andrang ist eher spärlich zu nennen.
vor Sonnenaufgang am Zug
Der Schalter öffnet eine Viertelstunde vor Abfahrt um gleich danach zu schließen, mehr Züge verkehren hier nicht mehr. Bei den vielen freien Plätzen haben wir die Qual der Wahl. Der uralte Zug besteht aus einem Triebwagen mit einem kleinen Anhänger und wird von einem Mechaniker mit Werkzeugkoffer ein letztes Mal begutachtet. Er wandert mit prüfendem Blick um das ganze Gefährt herum, dann stellt sich heraus, daß er der Fahrer ist. Er läßt den Motor an und wir werden allmählich von Dieselgeruch eingehüllt. Der Fahrer rückt seinen Sitz, einen alten Bürodrehstuhl, ziemlich umständlich zurecht und los geht es. Ein langgezogener Hupton weckt auch den letzten Dorfbewohner.
Blick nach unten bei der Fahrt über die Brücke
Langsam und unüberhörbar keuchen wir aus dem Dorf, an jeder Straßenkreuzung wird aufgrund fehlender Signale ausgiebig gehupt, wir passieren eine alte Drehscheibe, wo der 17 Tonnen schwere Zug noch per Handbetrieb gedreht wird, dann verlassen wir bergab die letzten Häuser rechts und links, fast durch die Vorgärten pflügend. Die Schienen allein sind schon sehenswert und wir fragen uns, wie man auf diesen krummen, überwucherten Modellbahngleisen jemals schneller als Schrittgeschwindigkeit fahren soll. Viel schneller werden wir aber auch nicht. Die Gleise stammen ursprünglich aus 1892 und die beiden letzten noch verkehrenden Schienenbusse etwa aus 1950.
Über eine rostige aber beeindruckend hohe Eisenbahnbrücke überqueren wir den Río Maule, den wir nun flußaufwärts bis nach Talca begleiten werden, 88km in knapp dreistündiger Fahrt. Es gibt entlang der Strecke keine Straße, nur insgesamt 9 winzige Haltepunkte an denen verstreut einige Häuser liegen.
Der Fluß im Morgennebel
Aufgrund des frühen Morgens und des durch alle Ritzen pfeifenden Windes ist es ziemlich kalt im Zug. Die Fahrt verläuft auf der Schattenseite des Tals, dafür können wir nun beobachten, wie die Sonne über dem breiten Flußtal aufgeht. Der Río Maule schlängelt sich gemächlich in großen Schleifen dahin, rechts und links erstrecken sich breite Kiesbänke, Häuser sieht man nicht, dafür ein einsames Boot und ein Zelt am gegenüberliegenden Ufer.
einsames Boot am Ufer leere Strände
kein Mensch weit und breit Pappeln und kahle Hügel
Der erste Halt naht, angekündigt durch langgezogenes Hupen. Der Bahnhof besteht nur aus einem einzigen Haus, und wie es scheint haben sich alle Bewohner draußen versammelt. Auf der weiteren Strecke treffen wir nur noch einen Bauern zu Fuß, eine Gruppe freilaufender Pferde, drei Kühe, eine kleine Herde Ziegen, mehrere Hühner und einen Reiter mit zwei Hunden, sie werden pflichtbewußt von den Gleisen gehupt. Da es hier keine Straße gibt und rechts und links kaum ein Durchkommen durch das dichte Gebüsch ist, laufen alle die Gleise entlang. Die Pferde haben es nicht eilig und traben gemächlich vor uns her, eine junge Kuh hingegen versucht wild galoppierend zu fliehen bis sie schließlich die steile Böschung hochklettert um uns auszuweichen.
Da rennt die Kuh!
Etwas später halten wir auf freier Strecke, wegen Reparaturarbeiten müssen alle aussteigen und hundert Meter laufen. Die Böschung hat nachgegeben und wird nun wieder aufgebaut. Es gibt kein Dorf, keine Autos, nur ab und zu vereinzelt Häuser mit ein wenig Gemüseanbau und ein paar Hühnern. Die Menschen die hier wohnen haben keine andere Verkehrsanbindung als den Zug, den sie teils nur in ein oder zwei Stunden zu Fuß oder per Pferd erreichen. Trotzdem ist jedes Jahr wieder unsicher, ob die Strecke aufrecht erhalten wird.
Streckenarbeiten 100m zu Fuß entlang der Schienen
improvisierter Bahnsteig
Auf der Hälfte des Wegs treffen wir den anderen Zug aus der Gegenrichtung. Hier findet ein etwas längerer Halt statt, ein alter Mann läuft mit Nescafé und Wasser in der Thermoskanne durch den Zug, draußen verkaufen die Bäuerinnen noch warmes Brot und gekochte Eier. Als alle versorgt sind wechseln die beiden Fahrer, damit sie so wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehren können. Unser neuer Fahrer breitet erst einmal sorgfältig sein Frühstück aus Kaffee, Brot und Eiern zwischen den Schaltern und Hebeln aus, und hupt dann zur Abfahrt.
Urlaubscamp und Drehscheibe mit Handbetrieb
Die weiteren Bahnhöfchen sind teilweise nur Schuppen mit einem Holzschild, auf dem wenige Buchstaben des Namens erhalten geblieben sind. Trotzdem wundern wir uns wieviele Leute ein- und aussteigen.
Haltepunkt mit Maiskolbentrockenanlage Bahnhofsbauernhof
Die Landschaft erinnert erst an Schweden, dann wieder an Patagonien. Der breite Fluß, dunkelgrüne Wälder, blauer Himmel, vereinzelt Pappeln am Ufer, nur Vögel und vereinzelte Kühe oder Ziegen sind rechts und links zu sehen, keine Menschen.
Nach zwei Stunden wird das Tal zur Ebene, rechts und links sieht man endlose Weinfelder, dann tauchen immer mehr Häuser auf, wir überqueren die ersten kleinen Straßen und näherten uns Talca. Hinter einer Kurve treffen wir auf die schnurgeraden Schienen der Eisenbahn und ziemlich durchgeschüttelt erreichen wir bald darauf den Bahnhof von Talca, vor dem wir auf einem Abstellgleis anhalten.
ganz schön krumm ein Schienenvergleich
Nach der gemächlichen Fahrt durch das urwüchsige Tal des Río Maule haben wir wenig Lust das staubige Talca zu erkunden und buchen auf einen früheren Zug nach Hause um. Die Rückfahrt verläuft genauso komfortabel wie die Hinfahrt, diesmal allerdings schlafen wir beide durch bis Santiago, wo der Schaffner uns kurz vorher aufweckt. Zugfahren ist auf jeden Fall Markus neues Hobby, nirgendwo kommt man so erholt aus dem Wochenende zurück wie bei der chilenischen Eisenbahn!
fast wie im Bus, nur unbequemer! Endstation Talca


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