Termas del Flaco

...von Dinosauriern und Schafen

27.-28.03.2009

der wahre Jurassic Park
Freitag abend kommen wir doch wieder etwas später los als geplant und schieben uns erstmal mit einer gefühlten Million anderer Autofahrer quer durch die Stadt. Stau, bzw. Stop-and-go-Verkehr ist schon anstrengend genug, aber in Chile wird es allein durch die Tatsache noch anstrengender, dass grundsätzlich niemand dem anderen einen halben Meter Straße gönnt und ein ständiges Geschiebe auf die vermeintlich bessere Spur sowie prinzipielles schließen sämtlicher vorhandener und nicht vorhandener Lücken das Fortkommen zusätzlich hemmen. Blinken ist dabei verpönt, sonst würde der Hintermann oder Nebenmann ja wissen, dass man die Postion wechseln will und das nach besten Kräften verhindern. Wie das ganze meistens ohne Kratzer und Beulen vonstatten geht, ist uns ein Rätsel, dafür ist die Hupe natürlich ständig im Einsatz.
Endlich auf der Ruta 5 Sur erreichen wir nach 2 Stunden Fahrt den Anzweig zu den Termas del Flaco, ein Thermalbad mit dürftiger Infrastruktur in den Bergen kurz vor der argentinischen Grenze. Das ganze ist nur im Sommer geöffnet, also von Dezember bis nach der Semana Santa (Ostern, die heilige Woche), danach wird angeblich eine mobile Brücke entfernt, der Zugang zum Ort so versperrt, und alles versinkt im Winterschlaf.
Markus mit Teekocher ein Schaf mit kurzer Lebenserwartung
Da der Weg ab der Ruta 5 gute 70 Kilometer schlechte Schotterstraße beinhaltet und zudem an einigen Stellen die Straße schmal und hoch über dem Tal des Río Tinguirirrica am Felsen klebt, ist die Zufahrt polizeilich geregelt: Freitag abends darf man hoch, Samstag vormittags aber nur runter. Also bleibt uns nur die Fahrt im Dunkeln am Freitag abend. Was auch besser ist, da können wir die notdürftig sandhaufenbegrenzten Abgründe nicht so gut erkennen.
Tatsächlich scheint die Polizeikontrolle zu funktionieren wie beschrieben: ein taschenlampen-schwenkender Carabinero winkt uns durch. Wir wähnen uns allein auf den nächsten 50 Kilometern, aber wir haben nicht mit der gigantischen Baustelle eines neuen Stausees gerechnet, der hier zur besseren Stromversorgung angelegt wird. Immer wieder passieren wir nächtliche Baustellen an den zukünftigen Staumauern, den Anlagen zur Stromerzeugung etc., nicht zu vergessen die vielen großen LKW. So wird die Fahrt im Dunklen wenigstens nicht langweilig.
Der Seniorenbadetag beginnt schon früh... ...hält sich aber auch streng an die Mittagsruhe.
Irgendwann kurz vor Mitternacht sehen wir ein paar Lichter in der Ferne - da liegt das Örtchen und die Straße hört hier auf. Um diese Uhrzeit scheinen gerade die Thermalbäder geschlossen zu haben, denn durch die beiden Straßen des Orts laufen Senioren in Badekleidung und Handtüchern zurück zur Unterkunft.
hier entlang zum Blutdruck messen keine Reiter in der Fußgängerzone
Wir sehen ein Schild zur "Zeltwiese" und Markus meldet uns an. Da das Unterkunftsangebot im Internet gar nicht überzeugte, haben wir beschlossen, im Auto zu übernachten, aber außer dem rudimentären Campingplatz gibt es hier keine Möglichkeit dazu. Also zahlen wir wohl oder übel den absoluten Wucherpreis von 8000 Peso pro Nacht (12 Euro) und suchen uns den strategisch ruhigsten Platz. Außer uns sehen wir fünf bis sechs Gruppen von Campern, die allesamt nach Kräften den Lärmpegel hochhalten. Wir fühlen uns nicht gerade wohl hier, aber es bleibt uns für heute keine andere Möglichkeit.
Aufstieg zur Saurierweide Termas del Flaco von oben
Unsere Theorie, dass, wer abends lange grölt, morgens länger schläft, trifft hier nicht zu. Noch vor halb acht geht das ganze wieder los. Also raus zum Frühstück. Im hellen sieht die verlotterte Wiese mit dem rostigen Wasserhahn auch nicht viel besser aus. Der spartanische Toilettenverschlag (das Wort "Sanitäranlage" wäre eine Beleidung unserer Hygienestandards) hatte uns im Dunklen schon abgeschreckt, und die Nachbarn sehen auch nicht alle so vertrauenerweckend aus.
der aufgefaltete Untergrund mit den Spuren von oben hoffentlich hat hier nirgendwo einer überlebt...
Eine Gruppe Camper gegenüber hat ein lebendes Schaf neben dem Zelt angebunden, das nicht allzu glücklich aussieht und vermutlich als lebender Proviant mitgebracht wurde. Ob es den Tag noch überlebt? Trotz allem lassen wir unser Auto nach dem Frühstück hier stehen und machen uns zu Fuß zu den beiden Attraktionen des Ortes auf. Zunächst wären da die Thermalbäder, die hauptsächlich von Senioren heimgesucht werden. Überhaupt kommen wir uns wie in einer Mischung aus Rüdesheim am Rhein (wegen der Schunkelatmosphäre und der Blutdruckmessstation) und den damals in Argentinien besuchten Thermen des Grauens vor. Wir sind bezüglich der Wasserqualität noch skeptisch und nehmen daher lieber Attraktion Nummer 2 in Angriff: die Dinosaurierspuren. Ein ausgetretener Weg führt im Zickzack einen steilen Hang hinauf und einen weiteren Kilometer in die nächste Quebrada. An einer schrägen Wand des ausgetrockneten Bachtals erkennen wir gleich mehrere große und kleine Fußabdrücke der Saurier, die hier kreuz und quer über den ehemals feuchten Boden liefen.
bis zu 14 Meter Länge erreichte dieser Saurier von rechts kreuzt eine kleinere Spur
Die nun versteinerten Spuren wurden von Vulkanasche verschüttet, dadurch konserviert, und nach einiger Auffaltung der Anden und ein paar Millionen Jahren durch Erosion wieder freigelegt. Einige der Fußabdrücke sind groß wie ein Mülltonnendeckel und den Besitzern würde man nur ungern in Lebensgröße begegnen. Nach einer Pause mit Picknick im Schatten machen wir uns auf den Rückweg und besichtigen noch das alte, verfallende Sanatorium des Ortes. Zumindest von außen, da der Bauzustand nicht mehr allzu Vertrauen erweckend wirkt und der Ort ein wenig an einen Stephen-King-Film denken lässt.
die aufgefaltete Seitenwand der Quebrada das verfallende Sanatorium
Nebenan haben sich die beiden neueren Thermalhotels angesiedelt, die zweifelhaften Charme zu ebenfalls horrenden Preisen ausstrahlen. Zurück am Auto stellen wir fest, dass uns noch wenige Minuten bleiben, die Abfahrt bis 14 Uhr anzutreten, bis die Strecke für den Verkehr in die Gegenrichtung gesperrt wird. Eine weitere Nacht wollen wir hier nicht verbringen, denn auch das Schaf hat diesen Tag nicht überlebt. Statt dessen zieht Grillduft über den Platz...
Also beeilen wir uns und treffen schon am späten Samstagnachmittag wieder in Santiago ein. Zur Entschädigung für den entgangenen Sonntag in der Natur gehen wir am Abend noch ausgiebig peruanisch essen.

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