Torres del Paine - Circuito Grande

110 stürmische Kilometer und ein Weihnachtsmenü am Gletscher

Gipfelsturm

21.12.2007-02.01.2008

21.12.: Flug und erste Nacht im Zelt
Campamento: Las Torres
Kilometer: <1
Wetter: sonnig und warm

Nachdem wir einen ganzen Tag mit packen zugebracht, jeden Gegenstand auf Gewicht und Nutzen durchdiskutiert haben und schließlich die gepackten Rucksäcke mit neuen Rekordgewichten (zwischen 15,5 und 22,5 kg) endlich gepackt im Flur stehen, verbringen wir eine letzte kurze Nacht im heimischen Bett. Heute geht es zu sechst mit unserem Besuch über Punta Arenas in den Nationalpark Torres del Paine. Team 1: Jürgen und Steffi, Team 2: Martin und Birgit und Team 3: Markus und Ann. Unser Flug startet bei bestem Wetter relativ pünktlich und während der nächsten 3 Stunden sehen wir Chile von oben in ganzer Länge bei wolkenlosem Himmel.
Fotostop auf dem Weg zum Park das Torres del Paine Massiv
Man erkennt unter anderem einige unserer bisherigen Reiseziele: die Laguna del Laja, das Skigebiet Caviahue in Argentinien, den Crater Navidad und wir haben einen unglaublichen Blick auf das nördliche Eisfeld mit dem Lago Carrera. Sogar die Carretera Austral und Details wie die Saltos del Rio Baker, an denen ich erst vor wenigen Wochen mit meinem Vater unterwegs war, sind deutlich zu sehen. Die Aussicht ist in jedem Fall spannender als der Film, der im Flugzeug gezeigt wird.
am Parkeingang junges Guanako
Nach etwas wackligem, weil windigem Anflug auf Punta Arenas landen wir auf dem kleinen Flughafen, wo unser Fahrer für den gebuchten Transfer wartet. Alles klappt reibungslos und kurz darauf fahren wir schon an der Magellanstraße entlang, in Richtung Puerto Natales und Torres del Paine, fast 400km entfernt vom Flughafen. Unterwegs sehen wir einige bemitleidenswerte Radfahrer, vollbepackt und in beeindruckender Schräglage gegen den Wind ankämpfen. Wenig später sollen wir sie etwas deprimiert in einem vorbeifahrenden LKW wiedersehen, die Räder hinten aufgeladen. Radfahren in Patagonien scheint nur etwas für Extremsportler. Unterwegs halten wir zu einem kleinen Imbiss und einmal in Puerto Natales, um letzte Vorräte für den Abend zu kaufen. Dann geht es mit einigen Fotostops, bei denen wir bereits die Torres, viele Guanakos, einige Nandus und Andengänse mit Jungen sehen, weiter in den Park. Markus und ich haben Glück und gehen beim Eintritt als Einheimische durch, endlich zahlt sich die Umstände unserer "Einwanderung" einmal aus und wir sparen pro Nase 11.000 Peso gegenüber ausländischen Touristen, die zahlen nämlich 15.000 Peso. Der Fahrer bringt uns bis zum schönen Campingplatz Las Torres, wo die Zelte schnell aufgebaut werden und wir den Grill vorbereiten.
erstes Zeltlager und noch einmal richtig essen!
Luxuriöserweise gibt es hier für alle frei verfügbar Grillplätze und Feuerholz, was im Rest des Park wegen Feuergefahr streng verboten ist. Bald duften 2,5kg Rinderfilet und Gemüse um die Wette, das Wetter ist immer noch sonnig und warm und der Blick auf die Torres vom Tisch aus stimmt auf die nächsten 10 Tage ein. Trotz vieler Zelte ist es erstaunlich ruhig, hier liegen alle früh im Schlafsack, obwohl es für uns ungewöhnlich lange hell bleibt.

22.12.: Aufwärmetappe und erster Regenjackentest
Campamento: Seron
Kilometer: 9
Wetter: sonnig bis wolkig, warm, windig und ein kleiner Regenguss

Alle schaffen es früh aufzustehen, aber wir kommen trotzdem erst um 10:30 los. Team 3 führt deutlich in der Disziplin Zeltabbau und Packen. Team 1 und 2 bekommen dafür beste Noten bei der Ordnung im Rucksack.
das erste Frühstück wie hat das alles bloß in den Rucksack gepasst?
Dann geht es endlich los. Die Rucksäcke fühlen sich erst noch leicht an, das ändert sich aber schlagartig am ersten Anstieg. Dank der Sonne kommen wir gleich ganz schön ins Schwitzen. Wie schon bei unserer ersten Wanderung im Torres ist auch diesmal die Karte in Bezug auf Höhenlinien und Wegstrecke ziemlich ungenau und wir schnaufen auf und ab mit dem ungewohnten Gewicht auf dem Rücken. Jeder trägt noch ein knappes Kilo extra für unser Weihnachtsmenü, zum Glück nur auf den ersten drei Etappen.
endlich geht es los dem Wind trotzende Reste eines Baums
Der Wind treibt die Wolken zu schönen Formen und mit vielen Fotopausen brauchen wir ziemlich lange an diesem Tag bis zu unserem Ziel. Andere Wanderer sehen wir kaum. Nach einer Mittagspause im Schatten erwischt uns ein ausgiebiger Schauer mit heftigen Böen, der uns nicht nur den Regen sondern auch dicke Staubwolken ins Gesicht bläst. Wenigstens haben sich Regenhose und -jacke jetzt schon gelohnt - wir wollen schließlich nichts "umsonst" durch den Park schleppen.
der Río Paine im Regen Refugio Seron
Durch endlose weißleuchtende Margaritenwiesen legen wir die letzten Kilometer zurück. Steffi ist nicht zu bremsen und will endlich ankommen und so erreichen wir recht schnell das Campamento Seron. Ein altes windschiefes Häuschen und einige Zelte auf der Wiese erwarten uns. Nach dem Aufbau setzen wir uns zum Aufwärmen in die Küche, wo der nette Wirt gerade mehrere Brote backt, und trinken Kaffee.
zweites Zeltlager Essensvorbereitungen
Dieser Bereich samt Camp ist Privatbesitz und gehört zu einer Estancia. Daher gibt es einige Lebensmittel zu kaufen, darunter sogar Bier, und das haben wir uns heute schon verdient, finden wir. Während wir in der Küche Karten spielen weht es draußen dem Hüttenwirt die Wäsche vom Zaun. Er ist aber nicht weiter beunruhigt, bisher ist alles wieder aufgetaucht wie er sagt, wahrscheinlich wenn der Wind die Richtung wechselt. Später kochen wir uns draußen unsere erste Trekkingmahlzeit und wir freuen uns, daß der Rucksack schon ein paar hundert Gramm leichter wird.
malerische Margaritenfelder Cara-Caras
Viele Vögel, darunter Andengänse und Cara-Caras, Hasen und ein Fuchs streifen in der Dämmerung um das Camp herum. Das Spülen gestaltet sich langwierig - einige Traveller übertrumpfen sich am Spülbecken gegenseitig mit ihren erlebten Superlativen, und kratzen dabei in Zeitlupe an dreckigen Töpfen und Tellern herum. Aber irgendwann geht ihnen der Nachschub an Geschichten und Geschirr aus und wir kommen endlich zum Zug. Nach einem letzten Tee verziehen wir uns früh in die Zelte und schlafen trotz im Wind laut flatternder Zeltwände sofort tief und fest. Die ungewohnte Anstrengung treibt hier jeden früh ins Bett.

23.12.: ein Pass zum üben und eine stürmische Nacht
Campamento: Dickson
Kilometer: 19
Wetter: noch mehr Sonne und noch mehr Wind

Nach unserem kurzem Kampf mit Milchpulver und Müsli bei stürmischen Böen klappt das Abbauen und Packen bei Team 1 heute schon etwas schneller und so verlassen wir nur als vorletzte den Campingplatz. Aber wir haben ja Urlaub und den ganzen Tag Zeit. Am Río Paine geht es bei bestem Wetter durch wiederum endlose Margaritenwiesen bis zu unserem ersten Anstieg. Auf der Karte ist an diesem kleinen Pass eine pustende Wolke eingezeichnet, wir sollen also mit starkem Wind rechnen. Noch ist nichts davon zu spüren, im Gegenteil, es wird bald so heiß daß wir uns aus einigen Schichten schälen müssen.
und noch mehr Blümchen Flußlandschaft
Beim Aufstieg gehe ich im Kopf schon alle potenziell unnötigen Dinge im Rucksack durch, finde aber leider keine. Endlich oben angelangt, machen wir noch einige Fotos, ich biege etwa 10m weiter um die Kurve - um sofort von einer Sturmböe fast niedergeweht zu werden. Mit den Stöcken kann man sich gerade noch am Hang abstützen, dann muß man sich kräftig gegen den Wind legen, um das nächste Stück Weg zu laufen.
über dem Río Paine Aufstieg zum Pasito
Unglaublich - und das mit dem Extragewicht auf dem Rücken. Der Rucksack macht es aber gerade nicht einfacher: sobald eine Böe uns schräg von der Seite erwischt, fungiert er noch zusätzlich als Segel.
windanfällige Kurve außer uns niemand unterwegs
Der Blick auf die ersten schneebedeckten Berge entschädigt jedoch und am nächsten Bach machen wir eine windgeschützte Pause. Die restlichen 10 Kilometer der heutigen längeren Etappe ziehen sich durch endlose und teils sumpfige Wiesen, wo Markus fast einen Stock im Morast einbüßt. Es ist sommerlich warm und die Füße machen sich auch schon bemerkbar.
Río und Lago Paine morastige Wiesen
Nach mehreren Hügeln erklimmen wir endlich den letzten, werden mit toller Aussicht, noch mehr Böen und einem waagerechtem Regenschauer belohnt und machen uns an den Abstieg zum Campamento Dickson. Team 2 gewinnnt heute zwar nicht im packen aber dafür im Endspurt, da Jürgen lieber nochmal die Regenmontur anzieht.
und noch mehr Margariten Campamento Dickson mit Glaciar im Hintergrund
Im Refugio trinken wir ein Feierabendbier, dann bauen wir die Zelte sturmsicher auf. Mein Gewichtssparwahn macht mir kurzfristig ein schlechtes Gewissen, habe ich doch noch zwei Heringe wieder ausgepackt. Aber wir haben gerade genug um alle Schnüre zu sichern.
Hütte und Regenbogen am Campamento Dickson aufwärmen am Kocher
Nach einer verdienten Siesta (komischerweise behaupten alle immer, es wäre überhaupt nicht anstrengend, liegen dann aber verdächtig still eine Stunde im Zelt) kochen wir im Sturm das Essen. Das Spülen gestaltet sich wiederum schwierig, diesmal aber durch die unberechenbare Kurve, die der Wasserstrahl macht. Oft landet das Wasser im Nachbarbecken oder endet gleich als Sprühregen.
Handtuch trocken in 30 Sekunden Spülen im Sturm
Gleiches passiert als der Waschbecken-Nachbar sich neben Markus später die Zähne putzt. Das ganze Refugio in dem wir noch einen Tee trinken, wackelt, aber unsere Zelte stehen wie eine Eins. Noch vor 22 Uhr liegen wir in tiefem Schlaf, selten haben wir beim campen so gut geschlafen!

24.12.: ein Weihnachtsmenü mit "Gato Negro"
Campamento: Los Perros
Kilometer: 9
Wetter: sonnig bis wolkig, kühler, windig

Morgens herrscht totale Windstille. Da wir heute nur eine kurze Etappe vor uns haben, schaffen wir es erst um 11:30 auf den Wanderweg. Gegen 2 Uhr morgens sind noch drei indische Wanderer eingetroffen, die sich drei Etappen auf einmal vorgenommen hatten und sich so bei Mondlicht durch den Morast schlagen mußten. Nicht gerade beneidenswert.
Gletscher gegenüber dem Campamento und etwas später noch näher
Unser Weg führt mal wieder kräftig bergauf und bergab und wir sind alle etwas unfit heute. Die knapp 9 Kilometer ziehen sich endlos, trotz Sichtung eines Spechts und eines Papageis, und schönen Aussichtspunkten auf den Glaciar Dickson und einen großen Salto am Wegrand.
Salto am Wegrand
Zuletzt kämpfen wir uns die Endmoräne des Glaciars Los Perros hinauf und werden an der Kante vom Sturm fast wieder zurückgeblasen. Kurz hinter dem Gletscher liegt geschützt in einem Waldstück das Campamento Los Perros. Selbst hier, am entferntesten Ende des Wegs gibt es noch ein paar Dinge zu kaufen. Der Refugiowirt erzählt, daß öfter völlig unvorbereitete und unausgerüstete Wanderer hier stranden, besonders bei Schnee und schlechtem Wetter, die er dann in seiner winzigen Küche auftauen und versorgen muß.
Markus vor Kulisse windgeformte Bäume vor dem Gletscher
Aus dem Grund gibt es auch mittlerweile in allen Camps einige Mietzelte, um das Wetter abwarten und sich etwas erholen zu können. Wir bauen schnell auf und begeben uns dann ins "Küchenzelt", ein Unterstand aus Balken und Plane, mit einfachen Tischen, Bänken und einem wärmenden Holzofen. Hier haben sich bereits die restlichen wenigen Camper versammelt, um ihr Weihnachtsmahl zu kochen. Man trifft alle "alten" Bekannten von unterwegs wieder.
Glaciar Perro improvisierte Spätzlepresse
Wir kochen heute Linsen mit Spätzle und Würstchen, die wir die letzten Tage bis hierher getragen haben. Da die Linsen erst quellen und der Spätzleteig noch angerührt werden muß (sogar die 8 Eier in Markus' Rucksack blieben heil) brauchen wir ziemlich lange und trösten uns solange mit Gato Negro, dem einzigen hier erhältlichen Rotwein, aus dem Tetrapack. Der Gato Negro (schwarzer Kater) kommt uns sicher morgen früh noch einmal besuchen.
unsere Weihnachtshütte Essensvorbereitungen
Je länger wir brauchen desto neugieriger werden die Blicke im Zelt. Ein französisches Paar läßt anfragen, was wir denn wohl kochen. Nach über zwei Stunden und unter neidischen Blicken der Anwesenden können wir endlich zuschlagen, unser Weihnachtsmahl schmeckt bestens und war das Extragewicht wert!
die Linsen bleiben warm endlich zuschlagen!
Mit dem Refugio-ero tauschen wir einen Schluck Birnenschnaps gegen seinen Punsch und den Kaiserschmarrn darf er auch probieren. Die zweite Caja Gato Negro wird geleert, dann leert sich auch das Zelt und alle liegen für weihnachtliche Verhältnisse wieder früh im Bett. Martin badet noch schnell im Bach direkt neben dem Campamento (O-Ton: Ja, es war bitterkalt!) Markus muß ich vom Partypunsch loseisen bevor er den ganzen übrigen Schnaps an die anderen verschenkt. Am nächsten Morgen wird er es mir danken.

25.12.: der "gefürchtete" Paso, Suppe mit Aussicht und der endlose Abstieg
Campamento: Paso
Kilometer: 12
Wetter: Bilderbuchwetter, besser geht nicht

Alle sind etwas geknittert vom schwarzen Kater. Dagegen hilft nur waschen im eiskalten rauschenden Fluß. Markus braucht einige Überredung und vermeidet übermäßigen Wasserkontakt. Heute steht die (von mir) gefürchtete Paso-Etappe bevor. Der Rucksack ist allerdings merklich leichter und ich darf Markus noch ein paar Gramm (Anm. des Redakteurs: Kilo?) abgeben.
da hinten müssen wir rüber Blick zurück ins Tal
Der erste Teil des Weges verläuft durch einen wunderschönen dichten Wald und über viele sumpfignasse Stellen. Einige nehmen ein unfreiwilliges Fuß-Moorbad, ich als erste, dann Birgit sogar fast bis zum Knie. Der Wald wird immer niedriger und bald stehen wir sozusagen am Ausgang und sehen uns vor dem ersten Geröllfeld. Am Horizont erahnen wir den Pass.
der Wald wird immer niedriger
Wir durchqueren abwechselnd Geröllfelder und kleine Waldstücke, dann queren wir die Baumgrenze. Die Bäume werden allmählich immer kleiner, sozusagen aerodynamisch dem Wind angepaßt, und in Kniehöhe hören sie schließlich ganz auf. Man sieht ihnen an, dass sie es hier nicht leicht haben.
ganz hinten links ist unser Pass es wird kälter
Wir machen eine letzte Futterpause in der Sonne, jeder Energieriegel weniger auf dem Rücken motiviert. Allen Befürchtungen zum Trotz herrscht strahlender Sonnenschein und wir freuen uns schon auf den Blick auf den Gletscher. In sämtlichen Reisebeschreibungen hatten wir bisher nur von schlechtem Wetter am Pass gelesen, heute ist weit und breit kein Wölkchen zu sehen.
da hinten am See haben wir übernachtet das letzte Schneefeld Steffi und ich beim Endspurt
Wir queren Steine, Bäche und Schneefelder und hinter einer Biegung vermuten wir das Ende, aber nein, es geht noch weiter. An den Felsen gepinselt können wir gerade noch lesen: Don't give up!
Endlich haben wir das letzte Stück geschafft und sehen die Reste des Chile-Fähnchens an der Passhöhe in den Steinen stecken. Kurz darauf leuchtet der Glaciar Grey strahlendweiß in der Sonne unter blauem Himmel. Endlich oben!!!
Soweit man links und rechts sieht: nur ein kilometerlanger Gletscher! Bei dem Blick vergessen wir sofort jede Anstrengung und machen ausgiebig Gipfelfotos, die Inder winken uns begeistert zu. Dann suchen wir uns ein windgeschütztes Plätzchen und kochen eine wohlverdiente Suppe. Nach langer Mittagspause geht es weiter.
Eis wohin das Auge blickt!
Der Abstieg soll schlimmer sein als der Aufstieg und das können wir bald bestätigen. Es geht viel steiler bergab als bergauf, scheinbar endlos, und der Weg ist wohl nur dank des trockenen Wetters in einem recht guten Zustand. Bald schmerzen die Knie und wir legen eine Pause ein. Am Wegrand liegen verstreut Bauteile, die auf weitere Verwendung warten. In unbestimmter Zukunft wird vielleicht eine Art Treppe gebaut werden.
letztes Gipfelfoto Abstieg entland des Eises
Das letzte Stück kann man sich an Seilen und Ästen entlanghangeln, dann sind wir unten und haben erneut einen schönen Blick auf den Gletscher. Nachdem die 700 Höhenmeter geschafft sind, geht es gleich wieder hoch und runter bis wir endlich am Campamento Paso ankommen. Hier ist es nun wirklich rudimentär, es gibt nur ein Klohaus mit Loch im Zementboden (endlich finden auch die mitgebrachten Klorollen Verwendung!) und einen Unterstand zum Kochen.
Campamento Paso das Klohäuschen
Außerdem zahllose Stechmücken. Der Conaf-Angestellte wohnt hier 6 Monate am Stück ohne Strom aber mit einer eigenen Dusche, die vom Ofenrohr beheizt wird und immerhin für 2 Minuten warmes Wasser bietet. Alle schlafen eine Weile, dann kochen wir und gehen noch früher als sonst ins Bett. Vom Abstieg habe ich geschwollene Knie, die sich nicht mehr biegen wollen und hoffe, daß sie sich bis morgen wieder erholt haben. Der Pass hat wohl jeden von uns ein bißchen geschafft, auch wenn er um einiges einfacher war als erwartet.

26.12.: Gletscherblick und Flußquerungen mit Seil und Leitern
Campamento: Grey
Kilometer: 10
Wetter: nochmal Bilderbuchwetter

Meine Knie biegen sich wieder, fühlen sich aber komisch an. Markus nimmt nochmal ein paar Gramm, denn heute geht es wieder hoch und runter und durch zwei Quebradas (kleine Schluchten). Wir laufen den ganzen Tag am Gletscher entlang und haben immer wieder tolle Ausblicke. Entsprechend langsam kommen wir voran. Der Weg führt an einem steilen Hang entlang und bald stehen wir vor der ersten Quebrada mit Flußquerung. Abhang hinunterrutschen, auf den Felsen durch den Fluß balancieren und auf der anderen Seite eine alte Leiter wieder hoch.
Markus vor kühler Kulisse die erste Quebrada
Mehrere Sprossen und Längsstücke fehlen schon und sind mit Seilen geflickt. Die "neue" Leiter aus Metall liegt in Einzelteilen am Ufer, wer weiß wann die wohl aufgebaut wird, etwas rostig wirkt sie bereits. Die 2. Quebrada ist schon spannender: erst geht es eine wackelige Holzkonstruktion hinunter, dann muß man sich in Ermangelung einer weiteren Leiter mehrere Meter an einem Seil hinunterlassen (die alte Leiter liegt wenig vertrauenerweckend kaputt im Gebüsch) und über den relativ reißenden Bach balancieren. Auf der anderen Seite einen steilen Hang hinauf und dann haben wir es geschafft.
Aufstieg auf morscher Leiter Abstieg am Seil
Kurz darauf im Wald passieren wir das Campamento Los Guardas, hier ist niemand zu sehen. Da wir noch keinen Hunger haben laufen wir weiter und erreichen in einer guten Stunde das Campamento Grey. Hier treffen wir nach der relativen Einsamkeit der letzten Tage erstmals auf wahre Touristenmassen. Viele Tagestouristen kommen mit dem Boot und laufen von hier aus eine Etappe zurück. Entsprechend voll ist das Refugio und der Campingplatz.
der Weg führt immer oberhalb des Gletschers das Ende des Gletschers
Markus und ich belegen den gleichen Platz wie schon vor fast drei Jahren und stehen direkt am See mit Blick auf die vorbeitreibenden Eisstücke vom Glaciar Grey. Martin und Birgit haben sich unwissentlich auf den Wasserpumpenstandort gestellt und müssen leider noch einmal umziehen, als das Duschwasser aufgefüllt werden muß. Markus versucht für den nächsten Tag eine Gletscherwanderung zu organisieren, es scheint jedoch alles ausgebucht. Wir sollen es morgen nochmal versuchen.
Alle machen Mittagsschlaf und duschen endlich einmal wieder ausgiebig und heiß, dann leert es sich zum Glück und wir gehen essen. Nach all den Trekkingmahlzeiten haben wir uns das verdient. Das Menü ist zwar ausreichend aber man könnte durchaus noch mehr essen, irgendwie haben wir das vom letzten Mal besser in Erinnerung.
Eiswürfel treiben am Zelt vorbei Zeltplatz am Fuß des Gletschers
Wir spielen noch ein bißchen Karten und gehen gegen 22 Uhr ins Zelt, nachdem wir erfolglos ein paar fotogene vorbeitreibende Eisberge gesucht haben. So dicht am Gletscher ist es selbst nachts überhaupt nicht kalt im Zelt.

27.12.: stürmische Gratwanderung und ein Kondor
Campamento: Paine Grande
Kilometer: 11
Wetter: immer noch Bilderbuchwetter

Leider ist die Gletscherwanderung immer noch ausgebucht, wie Markus erfährt. Also wandern wir ohne Rucksack bis zum Mirador auf der kleinen Landzunge gegenüber dem Gletscher. Ohne Rucksack laufen fühlt sich jetzt komisch an. In einer kleinen Bucht liegen jede Menge Eisberge herum, die sich dort wohl festgefahren haben.
festgefahrene Eisberge
Wir klettern auf die Felsen und lassen uns von einer Gruppe chilenischer Detektive fotografieren. Die sind hier um den seit 6 Wochen verschwundenen Iren zu suchen und haben auch zwei vierbeinige Kollegen in Uniform mitgebracht. Vorerst machen sie aber lieber Sightseeing und viele Fotos von sich selbst vor dem Eis.
Markus mit einigen Eiswürfeln hier war früher auch mal Gletscher
Die heutige Etappe führt immer oberhalb des Lago Grey entlang und wird mal wieder so richtig stürmisch. Zum Glück haben wir Rückenwind, der uns aber trotzdem immer wieder von der Seite erwischt und mich fast zu Boden weht. Ich kann immer noch nicht glauben wie stark dieser Wind sein kann. Markus läuft hinter mir und gibt mir so ein bißchen Windschatten.
Detective windiger Anstieg
Im Gegensatz zu unserer Wanderung Anfang 2004 sind viele der schwierigen Stellen entschärft und die Wege teilweise umgeleitet, sodass es ein Tageswanderer jeden Alters schaffen kann. Davon sehen wir heute ziemlich viele, einige weibliche in T-shirts, die der ersten Böe wohl kaum standhalten werden. Auch das abenteuerlichste Schuhwerk ist unterwegs. In einer breiten Schlucht kurz vor dem Camp sehen wir sogar einen Condor in den Felsen gegenüber sitzen.
Kurz darauf taucht der türkisblaue Lago Pehoé vor uns auf und schnell sind wir im Campamento Paine Grande. Hier steht jetzt ein riesiges neues Hotel, das nicht wirklich in die Landschaft passt, aber für die vielen Bootstouristen genug Kapazitäten bietet.
letzte Eisstücke im See Postkartenmotiv und -wetter
Der angrenzende Zeltplatz ist von allen Seiten windanfällig und wir brauchen lange um einen Platz zu finden. Die Isomatte eines Nachbarn, unvorsichtigerweise losgelassen, fliegt meterhoch durch die Luft und der Zeltaufbau gestaltet sich schwierig. Einer hält das Zelt am Boden während der andere die Heringe einschlägt. Nebenan müssen zwei Camper ihr vom Wind zerstörtes Zelt aufwändig nähen, geben später aber auf und buchen sich ins Hotel ein. In einer Mülltonne finden wir ein weiteres Zelt, dieses Schicksal scheint hier also weit verbreitet. Der Wind fegt von allen Seiten und die niedrigen Büsche bieten keinen Schutz.
und nochmal weil's so schön ist beste Aussicht aus dem zelt
Hier sind uns definitiv zu viele Leute. Als Entschädigung gibt es einen recht gut ausgestatteten Laden, nach 6 Etappen Trekkingmahlzeiten und Müsliriegeln werden wir schwach und kaufen Chips und Bier. Damit gehen wir an den See, wo wir dem Abtransport der Tagestouristen zuschauen. Das Wetter ist immer noch wie aus dem Bilderbuch und die Cuernos sehen aus wie auf einer Postkarte.
die Cuernos mit Wolken
Abends kochen wir Tütenchili in einem windgeschützten Pavillon, in dem es sogar einen Gasherd mit zwei Platten und heißes Spülwasser mit Spüli und Schwämmen gibt - welch ein Luxus! Wir leihen einem anderen Pärchen Topf und Kochlöffel, die ihre Suppe sonst wohl kalt hätten essen müssen. Ob denen der Kocher weggeweht wurde?

28.12.: fliegende Wasserteufel und eine Zeltkuhle im Gebüsch
Campamento: Los Cuernos
Kilometer: 13
Wetter: alles außer Winter

Heute wollen wir wirklich einmal ganz früh los. Ich wache tatsächlich um 6:30 auf, bin damit aber die einzige. Das für 8 Uhr geplante Frühstück in der Cafeteria des Hotels fällt wegen Stau an der Ausgabestelle aus. Die Schlange windet sich in viel zu vielen Kurven durch das halbe Erdgeschoß und bei der Durchschnittsgeschwindigkeit des Zeitlupen-Kassierers bräuchten wir noch etwa zwei Stunden Geduld.
Los Cuernos noch bei gutem Wetter es zieht sich schon zu
Also kaufen wir Brot, Wurst und Saft im Laden und frühstücken draußen. Nach soviel Müsli eine angenehme Abwechslung. Es ist windstill und im Stechschritt marschieren wir bald darauf los. Der Weg wirkt frisch ins Dickicht geschlagen und ist eher unspektakulär, bis auf einige Aussichten über den Lago Skottsberg und die Hängebrücke über den Río del Francés.
nur von zwei Personen gleichzeitig begehbar Wasserteufel auf dem See
In Rekordzeit erreichen wir daher das Campamento Italiano, wo Martin, Birgit und Steffi sich auf den Weg zum Mirador im Valle del Francés machen, während der Rest im Camp eine ausgiebige Pause macht. Da es sich zuzieht wird man die Cuernos sowieso nicht sehen können und der Weg hatte uns beim letzten Mal schon nicht so beeindruckt. Nach 2 Stunden kehren die anderen zurück und wir essen noch eine Suppe zusammen, bevor der letzte Teil des Wegs angegangen wird.
Hängebrücke über den Río Francés Los Cuernos - die Hörner
Pünktlich am Nachmittag kommt wieder Wind auf, der uns in heftigen Böen vorantreibt. An einem kurzen Stück am Strand entlang bekommen wir einige kleinere Duschen ab, während auf dem Wasser der Wind die Gischt in meterhohen Spiralen hochzieht. Diese Wasserteufel "rennen" mit Windgeschwindigkeit den gesamten See entlang. Selbst auf den weiter entfernten Seen kann man das noch beobachten. Im Campamento Los Cuernos suchen wir lange nach einem geeigneten Zeltplatz, die hier alle in einer Kuhle zwischen dichtem Gebüsch liegen. Auf unserer Suche finden wir einige Zelte, die in Einzelteilen in den Büschen festhängen. Unser Zelt ist für alle Plätze zu lang und so bauen wir Ein- und Ausgang notgedrungen in die Büsche, damit wir einigermaßen flach liegen können.
Zeltplatz im Gebüsch Abendstimmung
Mit allen Heringen wird gesichert, denn der Sturm pfeift ganz schön über den Platz. Daher essen wir heute auch noch einmal im Refugio, hier ist es ganz gemütlich und es gibt Pastel de Papas, Kartoffel-Hackfleischauflauf. Wir gönnen uns den Luxus einer Flasche Rotwein (kein Tetrapack), davon gibt es hier eine große Auswahl.
Als der Wind abends etwas nachläßt, trinken wir draußen noch einen Tee mit See- und Sonnenuntergangsblick und verschwinden dann in den Schlafsäcken.

29.12.: Aufstieg ins Valle Ascencio und ein wahrhaft überfülltes Klo
Campamento: Chileno
Kilometer: 14
Wetter: Regenschauer, Sonne und mal wieder Wind

Regen auf dem Zeltdach weckt uns und so haben wir es nicht gerade eilig aus dem Schlafsack zu kommen. Wir frühstücken notgedrungen im Refugio, wo wir sogar umsonst heißes Wasser für Tee und Müsli bekommen. Als der Regen etwas nachläßt, machen wir uns auf den Weg, der wie immer ausgiebig bergauf und bergab führt. Immer so steil, daß man bergauf gleich ins Schwitzen kommt und bergab meine Knie wehtun.
wolkenverhangen bewölkt und kühl
Die Flußquerung, die mir bei unserer ersten Tour noch so dramatisch vorkam, ist irgendwie leichter geworden, obwohl einige andere Wanderer auch damit noch ihre Probleme haben, sodass Markus aushelfen muß. An der Laguna Inge zweigen wir ab Richtung Torres und machen bei wieder schönem Wetter eine Pause in einer Blumenwiese, die aber von einem Schauer abgebrochen wird. Dann beginnt der Aufstieg ins Valle Ascensio, den ich vom letzten Mal noch als äußerst schweißtreibend in Erinnerung habe. Auf halbem Weg sehen wir weiter unten große Gruppen mit Rucksäcken herankommen.
die Laguna Inge steiler Aufstieg
Da wie wir wissen die Zeltplätze knapp sind, beeilen wir uns lieber und Markus rennt mit Martin, Birgit und Jürgen los, um einen guten Platz zu sichern während Steffi und ich uns um die Fotos kümmern. Das war auch nötig, wir erwischen die letzten Plätze: Team 1 am Ende des Hangs wo Pfadfinder-Steffi vorsichtshalber einen Wassergraben zieht, Team 2 neben dem Pferdeäpfelwall unter einem knarrenden Baum und Team 3 mit einem spitzen Wurzelhügel quer durch die Liegefläche. Alle nachfolgenden Zelter müssen nun entweder in Hanglage oder dem Wind ausgesetzt am Fluß ihr Haus aufschlagen.
das Valle Ascencio es wird immer unwirtlicher
Das Refugio ist prallgefüllt und wegen des Wetter ist kaum ein Platz zu bekommen. Fußfaule Touristengruppen werden mit Pferdetrecks hierher geführt und wärmen sich nun im Refugio auf. Es ist zudem das dreckigste bisher: die einheimischen Pferdetreiber sehen es wohl als unter ihrer Würde an die Schuhe auszuziehen, und die Reste der Mahlzeiten bedecken noch den Boden. An den Toiletten stehen Schlangen und irgendwann ist die Füllmenge erreicht. Manche Leute kapieren immer noch nicht, daß das Klopapier nicht in die Schüssel gehört und jetzt steht das Wasser buchstäblich bis zum Rand. Auf Duschen verzichten Markus und ich daher auch gleich freiwillig. Nach einer kurzen Kaffeepause gehen wir lieber wieder raus. Beim Abendessen wird heute jeder Platz besetzt, da haben wir keine Chance. Die lärmende Gruppe, die schon in Paine Grande den halben Zeltplatz unterhalten hat, ist gerade mit weiterer Verstärkung eingetroffen und kocht lautstark direkt neben unserem Zelt. Ich zähle schon die verbleibenden Zeltplätze, aber zum Glück laufen sie trotz Regen einer nach dem anderen weiter ins nächste Camp. Glück gehabt!
beeindruckende Geröllhalde Blick zurück
Wir kochen bei waagerechtem Sprühregen und legen nacheinander alle Kleidungsschichten an, so kalt und ungemütlich ist es. Selbst die lange Unterwäsche kommt heute endlich zum Einsatz. Da das Refugio voll ist und wir uns draußen nicht weiter aufhalten wollen, gehen wir notgedrungen extrafrüh ins Bett und Markus und ich spielen noch ein bißchen Karten. Gegen Mitternacht wache ich von einer besonders lauten Böe auf, die heftig am Zelt reißt. Man hört den Wind sozusagen oben an den Torres Schwung nehmen und dann mit aller Kraft das Tal hinunterbrausen, wo er dann die Bäume um uns herum durchschüttelt und das Zelt vermeintlich komplett aus dem Boden reißen will. Äste knirschen, Blätter rauschen und der Zeltstoff knattert - aber alles hält. Trotzdem wachen wir stündlich bei den extralauten Böen auf und ich gehe im Geist die umstehenden Bäume auf Standfestigkeit und Größe durch. Nebenan bläst der Wind bei Martin und Birgit den Staub und Geruch des Pferdeäpfelbergs direkt ins Zelt und ein Baum über ihnen knirscht bedenklich bei jeder Böe. Dies ist die wohl stürmischste Nacht von allen.

30.12.: verregnete Türme und 2x umsteigen nach Punta Arenas
Campamento: Hostal Taty's House
Kilometer: 11 laufen und 400 im Bus
Wetter: Regen, Schneeregen, Sonne von vorn, Regen von hinten.

Der Wind ist weg aber die Wolken bleiben uns erhalten. Trotzdem lassen wir nach einem schnellen Frühstück alles stehen und laufen die 1,5 Stunden bis zum Abzweig zum Mirador unterhalb der Torres. Je weiter wir kommen umso mehr nimmt der Regen zu. Kurz vor dem Abzweig zum Geröllfeld unterhalb der Torres geht der Regen in Schneeregen über und es wird kalt.
auf dem Weg zum Mirador erste Regentropfen
Nach kurzer Diskussion (Markus will nicht weiter) beschließen wir umzukehren und die wolkenverhangenen Türme nicht mehr zu besuchen. Alle uns entgegenkommenden Wanderer wirken deprimiert und Schneeregen und Kälte nehmen zu.
das Wetter wird immer schlechter ein letztes Regenfoto
Ein letztes Foto, dann kehren wir um und sind in Rekordzeit zurück im Camp. Kaum dort angekommen, klart der Himmel auf und die Sonne scheint, allerdings nicht über den Torres. Wir packen die nassen Zelte ein und machen uns auf den Rückweg zur Hosteria Torres. Unterwegs hat der Wind sämtliche Wolken vertrieben und bei strahlendem Sonnenschein erreichen wir eine gute Stunde später die Hosteria, jetzt sind auch die Torres wieder gut zu sehen.
seltene Blümchen ganz hinten das Refugio
Eine halbe Stunde später fährt schon der Shuttlebus zur Laguna Amarga und solange gönnen wir uns den langvergessenen Luxus eines Eis am Kiosk.
wolkenfreier Blick die Torres wieder wolkenfrei
Der Shuttlebus spuckt uns vor der Brücke an der Administracion aus, mit uns wäre er zu schwer, und schiebt sich dann zentimeterweise über die Brücke. Selbst mit eingeklappten Spiegeln streift er fast das Geländer. An der Administracion warten schon die Busse nach Puerto Natales und wir steigen direkt um.
schmaler Pfad Blick zurück ins Valle Ascencio
Während der Fahrt schlafen wir bis zur Kaffeepause am Abzweig nach Argentinien und dann durch bis Puerto Natales. Dort suchen wir kurz den nächsten Bus nach Punta Arenas, wozu wir in Ermangelung eines zentralen Busbahnhofs alle weit vertreut liegenden Agenturen abklappern müssen. Wir picknicken im Warteraum bis zur Abfahrt des Busses, in dem wir die allerletzten Plätze erwischt haben.
der letzte Anstieg massgeschneiderte Brücke
Zuerst gibt es nur fünf, aber der Ticketverkäufer setzt kurzerhand zwei Kinder zusammen auf einen Sitz, sodass wir alle Platz finden. In Punta Arenas finden wir schnell ein Hostal und lassen uns dort trotz vorgerückter Stunde noch ein Restaurant empfehlen. In Chile kann man schließlich auch um 23 Uhr noch essen gehen. Auf die geleisteten 110 Kilometer (gefühlte 220!) stoßen wir mit Pisco Sour erst einmal wohlverdient an.

31.12.: Silvester und Pinguine in Punta Arenas
Campamento: Hostal Taty's House
Kilometer: wenige
Wetter: ein kalter Sommer am Ende der Welt

Endlich wieder ein Bett und ein eigenes Bad! Wir sind die einzigen Gäste und haben das Haus sozusagen für uns. Nach dem Frühstück und einer Dusche, bei der das Wasser nicht nur heiß sondern auch reichlich aus der Brause kommt, gehen wir mit Turistel und Stadtplan bewaffnet auf die Suche nach einem Restaurant für heute abend. Die wenigen Hotels bieten Buffet mit Programm und darauf haben wir wenig Lust. Von den neun Restaurants die wir ablaufen, haben fast alle heute abend geschlossen. Im "Estribo" können und sollen wir zwar fest buchen, aber der schmalzlockige Kellner braucht dafür weder Uhrzeit noch Namen und es scheint als wären wir sowieso die einzigen. Etwas zweifelnd versuchen wir es weiter und werden schließlich im letzten auf der Liste fündig: im El Remezón gibt es ein überzeugendes Menü ohne Tanzfläche.
auf dem Weg ins Geschäft HUNGER!
Nachdem dies erledigt ist laufen wir durch die Stadt zurück und futtern im Lomit's vorsichtshalber noch Churrascos und Lomitos, da in unserem Reiseführer steht, die Portionen im El Remezón seien eher klein. So gefüllt wird es auch schon Zeit, den Bus am Hostal zu treffen, der uns zur Pinguinkolonie am Seno Otway bringen soll. In einem Minibus mit sechs Mitfahrern fahren wir 70km und zahlen zusätzlich zum Tourpreis pro Nase noch eine Straßennutzungsgebühr der Estancia, auf deren Gebiet die Pinguine nisten und eine Eintrittsgebühr von 4500 Peso. Hier fühlt man sich als Tourist doch etwas ausgenommen und wir nehmen uns vor, beim nächsten Mal alles mit dem eigenen Auto zu unternehmen.
Pinguine unterwegs Pinguine am Strand
Nach der 2-stündigen Fahrt haben wir eine Stunde "Auslauf" um die Pinguine zu suchen und rennen besser gleich los. Auf den ersten hundert Meter geraten wir schon etwas in Panik, da noch kein Vogel in Sicht ist und wir bei dem Preis mindestens alle 2.500 Brutpaare vor die Linse bekommen wollen. Wenig später aber werden wir belohnt: überall sieht man die Höhlen aus denen jeweils ein Pinguinjunges mit Pinguinmama schaut und schreit. Einige haben für uns strategisch günstig direkt am hölzernen Laufsteg gebaut und man kann direkt in die Wohnung schauen. Sie wirken überhaupt nicht scheu, allerdings laufen auch einige Guardias herum, die aufpassen, daß niemand rennt oder schreit oder gar einen Pinguin einsteckt.
Papa putzt sich und Mama kämpft mit dem Nachwuchs ein pinguinhoher Abgrund
Man könnte stundenlang zuschauen, wie sie ernsthaft und zielstrebig auf dem Weg vom und zum Strand ihren Geschäften nachgehen, die älteren gemessen im Gänsemarsch, die jungen noch etwas unbeholfen und ungeordnet. An einem Wassergraben kommt die Kette ins stocken: der kleine, etwa pinguinhohe Absatz, der in den Graben hinunter überwunden werden muß, bringt so manches der Jungtiere ins straucheln. Nach angemessener Betrachtung sämtlicher Möglichkeiten, so scheint es, schaffen sie es doch, wobei mancher aber eine Bauchlandung im Matsch hinlegt. Am Strand gibt es einen Mirador, von dem aus wir unter abenteuerlichen Wolkenformationen unzählige Pinguine im Sand liegen und im Meer schwimmen sehen.
Pinguin mit nassen Füßen Pinguinmama mit Nachwuchs
Nachdem wir uns endlich losgerissen haben und im Laufschritt zum Ausgang eilen, bekommen wir dort noch einen Kaffee und einen winzigen Mango Sour. Ob das den Preis der Tour wettmachen soll? Auf der Rückfahrt erspäht unser Busfahrer allerdings noch einige Highlights: einen Nandu-Papa mit etwa 12-14 Jungen, die er mit geplusterten Flügeln von uns wegtreibt und insgesamt drei schwarz-weiße Stinktiere. Zurück in Punta Arenas liefert er uns direkt am Restaurant ab, damit wir nahtlos zum Silvesteressen übergehen können. Nur ein Tisch Engländer ist kurz vor uns eingetroffen, ansonsten ist es noch ruhig. Nach einem Pisco Sour mit Calafatebeeren als Aperitif geht es gleich los mit dem Gruß aus der Küche: Jacobsmuscheln auf Camembert und Centollahäppchen (Königskrabbe oder Seespinne).
2007 liegt in den letzten Zügen
Darauf folgen zwei Vorspeisen pro Person: Crema de Centolla y Melón und die 7 Köstlichkeiten (Lamasteak, Lamapaté, Bibercarpaccio, eingelegte Andengans, Rhea (Nandu), Krill (kleine Krabben) und Centolla auf Palta. Das Essen schmeckt äußerst gut, nur der Biber ist etwas fettig. Als Hauptgang gibt es Merluza negra (Seehecht) auf schwarzen Nudeln und anschließend Lamm mit Kartoffelgratin. Kurz bevor wir uns erschöpft zurücklehnen bekommen wir noch das Dessert und dann wird es auch schon fast Zeit, die Minuten bis Mitternacht zu zählen. Sehr chilenisch kommen Sekt und Gläser erst danach, was aber niemanden stört. Die um 23 Uhr eingetroffenen Chilenen am Nachbartisch sind gerade mit den Vorspeisen fertig, als auch schon die Tröten geblasen werden.
Willkommen in 2008!
Als es dann doch Musik gibt, werden alle außer Markus und mir (zum Glück) zu einem Spontantänzchen vom Stuhl gezogen und die daraufhin das Restaurant verlassenden Tischnachbarn überlassen uns großzügig ihre angefangene Flasche Sekt. Eine Stunde später reißen wir uns los und wanken mit Hut und Tröte zurück ins Hostal.

01.01.: ein Neujahrsspaziergang über Chiles schönsten Friedhof
Campamento: Hostal Taty's House
Kilometer: etwas mehr als gestern
Wetter: sommerliche 16° in Punta Arenas

Heute ist ausschlafen angesagt, was wir erfolgreich bis 11:30 praktizieren. Trotz Neujahr machen wir uns nach dem Frühstück auf den Weg zum Cementerio, der angeblich nur mit dem in Buenos Aires vergleichbar sein soll.
Friedhofseingang umzingelt von manikürten Hecken
In der Größe ist er das zwar nicht, aber es gibt viele alte und pompöse Gräber und Mausoleen. Dazwischen wachsen überall in gleiche Form manikürte Hecken, fast könnte man glauben die Friseurschule hätte hier geübt, einige stehen auch etwas schief.
nachdenklicher Engel trauriger Engel
Etwas unheimlich erscheinen uns die überall verteilten musikalischen Weihnachtskarten, die je nach Batteriezustand seit dem 25.12. unablässlich "Feliz Navidad" und "Stille Nacht" auf den Gräbern vor sich hin dudeln.
pompöse Gräber einsamer Engel
Neben den Gräbern der deutschen Krankenkasse und des Grafen von Spee gibt es hier das Syndikat der Kroaten, Franzosen, Spanier und Italiener und die Gräber der berühmten Sara Braun und ihrer Familie Braun-Menéndez, die halb Patagonien wirtschaftlich unter sich aufgeteilt hatten.
drohender Himmel über Friedhof Heckenallee
Anschließend laufen wir durch eine völlig verlassene Stadt zum Mirador mit Blick über die bunten Dächer und die Magellanstraße. Mittags treffen Touristen wie auch Einheimische sich notgedrungen im einzigen geöffneten Restaurant zu Completo und Kuchen. Punta Arenas ist im Vergleich zu allen anderen chilenischen Städten bisher die angenehmste und hübscheste, und zeichnet sich überall durch akkurat in Form manikürte Bäume und Büsche aus. Nur das Wetter ist recht speziell: selbst jetzt im Sommer werden es nur etwa 17° und immer pfeift der Wind, der auf Dauer an den Nerven zerrt. Immerhin hält sich der Regen nie lange, der Himmel läßt nur mal ein paar Tropfen fallen und beeindruckt zwischendurch immer wieder mit wilden Wolkenformationen.
Straße in Punta Arenas Mirador
Heute an Neujahr haben wir uns eine Siesta verdient und finden im Fernseher unseres Zimmers sogar Deutsche Welle TV. Wir erfahren alles über die Insel Hiddensee und ihre Bewohner bevor wir uns gegen Abend wieder in die Stadt aufmachen. Nach einem Abstecher an den etwas unschönen Strand am Ende unserer Straße landen wir schließlich im einzigen abends geöffneten Restaurant. Hier trifft man wiederum alle Touristen, Neujahr in Punta Arenas ist für gestrandete Reisende ein schwieriger Ort, den wir dafür aber jetzt gründlich kennengelernt haben.
bunte Dächer von Punta Arenas die Magellanstraße

02.01.: Kulturelle Abstecher und Heimreise
Campamento: Las Dalias - das beste Bett in ganz Chile
Kilometer: etwas weniger als gestern
Wetter: Punta Arenas windige 15°, Santiago sonnige 31°

Endlich wieder ein normaler Tag und Menschen auf der Straße! Wir besichtigen das Haus der Familie Braun-Menéndez und gleich danach die Kuriositätensammlung des Salesianerordens. In ersterem ist der wohnliche Luxus der reichsten Familie am Ort zu sehen und im zweiten eine Sammlung ausgestopfter patagonischer Tiere inklusive mehrere Pumas, Kondore, Guanakos, Nandus und vieler Fisch-, Vogel- und Insektenarten. Dazu ein Sammelsurium über die Antarktis, Feuerland, Patagonien und deren Geschichte.
Palacio Sara Braun Museum der Familie Braun
Hinterher trinken wir richtig guten Kaffee (sonst ist Patagonien sehr Nescafé und Milchpulver-geschädigt) bevor es für Markus und mich auch schon fast wieder nach Hause geht. Wir kaufen noch kurz etwas Obst im Supermarkt Abu-Gosch, da unser Essen die letzten zwei Wochen doch eher fertignahrungsgeprägt war. Kurz vor der Kasse sehen wir frische Lammhälften im Kühlregal baumeln, zum unglaublichen Preis von 14.990 Peso (22 Euro) - und die Lämmer sind hier bedeutend größer als zuhause.
Badezimmer der Brauns Glasdach bei Brauns
Leider haben wir keine Möglichkeit, eins mitzunehmen und zuhause in Pfanne oder Ofen zu zwängen. Wir werden uns den Laden aber merken und auf unserer nächsten Tour bestimmt eins kaufen. Die Metzinger haben sich mittlerweile einen Mietwagen organisiert, um die nächsten drei Tage auf Feuerland zu verbringen. Am Hostal verabschieden wir uns und warten auf unser Taxi zum Flughafen. Auf dem Rückflug sind wir gespannt auf einen Blick auf den Vulkan Llaima, der erst vor zwei Tagen überraschend ausgebrochen ist. Markus hofft, dicke Rauchwolken und fliegende Lava zu sehen, aber leider erkennt man nur ein dünnes weißes Rauchfähnchen und die ziemlich ascheverkohlte Spitze des ansonsten schneebedeckten Vulkans.
ascheverkohlter Vulkan Llaima
Zurück in Santiago drehen wir eine Ehrenrunde über den Flughafen. Da unser Flug in Ushuaia (Argentinien) gestartet ist, gelten wir als internationaler Flug, parken aber am Ende des nationalen Teils. Daher geht es mit dem Bus umständlich zurück und dann müssen wir wieder durch die Immigration, wobei wir natürlich keinen Pass dabei haben. Um den Zoll kommen wir nach kurzer Diskussion herum nachdem wir unsere Bordkarten vorgezeigt haben. Draußen wartet schon Patricio und erzählt von der Hitze der vergangenen Tage. 38° seien es in Santiago gewesen, während wir im kalten Punta Arenas gefröstelt haben. Willkommen zurück im Sommer!

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