Nächster Halt Valdivia

Otto, Fritz und das Pudú

der Weg zum Bier

26.+ 27.01.2008

Samstag

Unser Nachtbus nach Valdivia verläßt pünktlich um 22:30 Uhr das Tur-Bus Terminal in Santiago. Diesmal haben wir uns das "non plus ultra" unter chilenischen Busreisen gegönnt: Premium Cama. Auf den 850 Kilometern gen Süden residieren wir im unteren Teil des neuen Doppeldeckerbusses, in dem es nur ganze 6 Schlafsessel gibt, die man komplett in die Waagerechte bringen kann. Der Bus fährt ohne Zwischenhalt direkt nach Valdivia und ist angenehmerweise auch nicht ganz voll, nur 3 Plätze sind belegt.
Wir warten bis wir auf die Ruta 5 einbiegen und prosten uns dann mit unserem mitgebrachten Austral zu. Daraufhin ernten wir gleich einen vorwurfsvollen Blick und den Hinweis, daß Bier im Bus verboten ist. Wir bekommen trotzdem eine Ausnahmegenehmigung. Gegen Mitternacht richtet der Busassistent die Betten, auf die Sitzfläche werden dünne, weiche Matratzen gelegt und man bekommt Kissen, Augenmaske, Kopfhörer und Socken und wird schließlich sorgsam zugedeckt. Wir lesen noch ein Weilchen, dann schlafen wir mehr oder weniger durch bis es draußen wieder hell wird und wir die Ruta 5 schon verlassen haben. Draußen ist es noch nebelig aber schon ziemlich grün und wir queren ständig Feuchtgebiete und Flüsse, die hier tatsächlich richtig voll sind, keine solch kümmerlichen Rinnsale in überdimensionierten Bachbetten wie weiter oben im Norden. Hier regnet es also öfter, aber dieses Wochenende nicht, die Wettervorhersage kündigt 30°C und Sonne an.
Gegen 9 Uhr fahren wir in Valdivias kleinem Busbahnhof ein und gelangen per Taxi zur Wohnung unserer Freunde, wo wir mit Blick auf den Fluss frühstücken und anschließend den Camper beladen.
vollgefressene Seelöwen und ein Geier ein Häppchen für den Löwen
Bevor es richtig losgeht halten wir noch am berühmten Seelöwentreffpunkt Valdivias: dem Fischmarkt, der direkt neben der Flusspromenade aufgebaut ist. Es gibt Fisch und Meeresfrüchte satt und auch noch viel günstiger als in Santiago: die etwa 3kg schwere Sierra die wir kaufen, kostet nur etwas mehr als 5 Euro. Die Auswahl ist riesig und und wir entdecken immer noch uns unbekannte Meeresbewohner die hier in den Kochtopf wandern, auch wenn sie für meinen Geschmack doch zu exotisch aussehen. So zum Beispiel Piure, hier wird das leuchtend rote, weiche Innere aus einer Art Seeschnecke herausgekratzt, was dann einen Geschmack wie pures Jod haben soll. Die Ultes auf dem rechten Bild (vorne) sind wohl der unten verdickte Stamm einer großen Wasserpflanze und die Huepos (rechtes Bild hinten) sind lange schmale Muscheln, deren Bewohner auf dem Bild wohl unauffällig versuchen zu flüchten.
Piure... ...und andere Leckerbissen
Zwischen Markt und Fluß verläuft ein hohes Gitter, nicht um die Marktleute daran zu hindern ins Wasser zu fallen, sondern um die zahlreich herumlungernden Seelöwen daran zu hindern sich die Fische aus der Auslage zu schnappen. Fischmarkt bedeutet für die Seelöwen so etwas wie Selbstbedienungsrestaurant und so liegen sie jetzt vor dem Gitter auf den Steinstufen und warten auf Abfälle. Markus macht Fotos und ein Verkäufer drückt ihm die Reste eines frisch filetierten Lachses zum Füttern in die Hand. Den Part übernehme ich und halte dem riesigen alten Seelöwen sein Leckerchen vor die Nase, was er nach ausgiebigem Beschnuppern gnädig frißt. Sein Kopf ist deutlich größer als der einer großen dänischen Dogge, mit winzigen Öhrchen und dicken langen Barthaaren. Herumliegende Reste anderer Fische lehnt er ab, die schmecken ihm wohl nicht. Aber da er und seine Artgenossen hier nicht sehr verhungert aussehen, können sie es sich wohl leisten, wählerisch zu sein. Die Kormorane, Möwen und Truthahngeier haben es auch nicht eilig. Der Nachschub scheint gesichert.
Muschelberge auf dem Fischmarkt Reineta, Salmón und Sierra
Auf dem Weg nach Süden aus der Stadt hinaus müssen wir unsere persönliche Rangfolge der schönsten chilenischen Städte revidieren: Punta Arenas rutscht nach kurzem Ruhm an vorderster Position jetzt hinter Valdivia an die zweite Stelle. Valdivia, Hauptstadt der neuen Région de los Ríos mit seinen gut 140.000 Einwohnern macht gleich auf den ersten Blick einen sympathischen Eindruck. Die beiden großen Flüsse Calle Calle und Cruces vereinigen sich zum Río Valdivia, der hinter der Stadt ins Meer mündet. Die schon recht alte Stadt am großen Fluß in bewaldeter Umgebung erinnert ein klein wenig an Deutschland. Wir verlassen Valdivia entlang des Flussufers Richtung Küste bis kurz vor Niebla, wo wir die Fähre nach Corral nehmen wollen. In beiden Orten gibt es Überreste der vielen alten spanischen Forts zu sehen, die früher Valdivia uneinnehmbar machen sollten. Unsere Fähre verläßt gerade den Anleger und nach Zählung der wartenden Autos wird es schon knapp die nächste zu erwischen. Als sie nach einer Stunde endlich zurückkehrt, hat der gerade eingefahrene Tanklaster leider Vorrang und wir warten weiter, ich halte Siesta im Auto. Nach fast zwei Stunden sind wir dran und rollen als letzte auf die Fähre. Nach etwa der Hälfte der Fahrzeit werden Schwimmwesten verteilt, allerdings nicht aus aktuellem Anlass, sondern weil erst kassiert werden muss, das ist schließlich wichtiger.
der Río Valdivia auf dem Transbordador
In Corral angekommen fahren wir die Küstenstraße weiter zur Reserva Costera Valdivia, die etwa 20 löchrige und holprige Kilometer entfernt ist. Die 60.000ha wurden einer jegliche Gesetze missachtenden Holzwirtschaft entrissen, die sogar für chilenische Verhältnisse zu weit ging. Seitdem werden die verbleibenden Urwälder durch Umweltorganisationen als Reserva geschützt, nur die noch angepflanzten Eukalyptusbestände wollen nicht so ganz ins Bild passen.
Forstweg in der Reserva Zeltplatz mit Grillfeuer
Der ehemalige Forstweg wird immer schlechter und enger und wir schlittern durch tiefe matschige Stellen, zum Glück ohne stecken zu bleiben. Schließlich erreichen wir den Aussichtspunkt an dem wir übernachten wollen. Erfreulicherweise muss man hier weder Eintritt noch eine Gebühr für den Zeltplatz bezahlen, dafür gibt es aber auch weder Wasser noch Tische und Bänke.
Markus zwischen Farnen Aussichtspunkt auf eine Laguna
Als erstes laufen wir den kleinen Rundweg durch den sattgrünen Wald, mit Aussichtspunkten auf das Meer und eine kleine Lagune, bevor wir hinunter zum Strand spazieren und diesen bis zu einem trockenen Bachbett entlanglaufen, an dem wir Zugang über einige große Dünen zu einem kleinen See haben. Gischt und Nebel legen sich über den Strand und die Umgebung aber es ist immer noch warm.
Playa Colún einsamer Strand
Außer Wasservögeln treffen wir fast niemanden und die 15km lange Playa Colún liegt verlassen da.
einsamer Strandläufer Dünen hinter der Playa Colún
Zurück am Auto bauen wir das Zelt auf und fällen zwei tote Eukalyptusstämme, die hier sowieso nicht hingehören, für das Lagerfeuer.
Zugang zum See über Bachbett See hinter den Dünen
Dann bereiten wir den riesigen Fisch vor, den wir in vier Teile zerlegen, damit er auf den Grillrost passt. Dazu gibt es Muscheln, Maiskolben, Kartoffen und Olivenöl mit reichlich Knoblauchzehen - kurz bedauern wir die armen Mitfahrer morgen im Bus. Die Sierra schnellt auf meiner Lieblingsfischliste sofort an erste Stelle, leider ist sie in Santiago kaum auf den Fischmärkten zu finden. Da müssen wir wohl noch einmal wiederkommen.
Sonnenuntergang vor unserem Lagerplatz ...und noch schöner!

Sonntag

Die Sonne treibt uns endlich aus dem Zelt, heute ist es viel klarer als gestern und es wird schnell warm. Wir frühstücken und entdecken dabei gleich eine Zwergeule (Chuncho) auf dem nächsten Baum, sowie zwei seltene Waldtauben. Das kommt man davon, wenn man mit Biologen unterwegs ist.
nebelige Aussichten Chuncho
Danach machen uns über einen anderen Weg an den Abstieg zum Strand. Kurz hinter unserem Zeltplatz raschelt es im Gebüsch und Vreni winkt möglichst unauffällig und geräuschlos: sie hat ein Pudú entdeckt! Diese sehr seltenen chilenischen Zwerghirsche sind die kleinsten ihrer Art und erreichen nur etwa 40cm Schulterhöhe.
das Pudú
Es gilt als gefährdet und ist normalerweise schwer zu erspähen, heute haben wir aber Riesenglück und können es ein paar Minuten beobachten wie es im Gebüsch steht, uns anschaut und wohl überlegt ob wir gefährlich seien. Es läßt sich auch von der Kamera nicht beeindrucken und zieht schließlich weiter ins Gebüsch. Dies scheint allgemein ein Problem einiger einheimischer Tierarten zu sein, sie sind einfach nicht sehr scheu und lassen sich ohne grosse Anstrengung jagen. Wenn sie dann auch noch gut schmecken kann man sich denken, wie lange die Art noch durchhält.
Brandung und Gischt vor Valdivia perfektes Strandwetter
Egal wie steil ein Weg auch ist, immer findet man unten ein parkendes Auto, wenn nicht gar den Bus. Mit dem Wohnmobil hätten wir die Strecke zwar runter aber wohl nur unter Anstrengungen hoch geschafft, trotz Allrad. Vielleicht macht die Seilwinde, die man an vielen Autos sieht, doch Sinn.
ganz allein für uns der gemeine Tábano
(Bild rechts: http://www.onfocus-std.com.ar/gfx/tabano-gfx.jpg)
Mittlerweile brennt die Sonne und der Himmel ist strahlendblau. Zu dem guten Wetter gesellen sich zu dieser Jahreszeit hier die Tábanos, eine wahre Plage die wir bisher noch nicht kannten. Tábanos sind eine Art Pferdebremse, etwa 3,5 cm groß, schwarz mit orangefarbenem Hinterteil. Sie tauchen im chilenischen Sommer etwa für 6 Wochen im Süden auf, überall wo es Wasser gibt. Gestern sahen wir nur vereinzelt diese Biester, heute fliegen sie in ganzen Trupps um uns herum. Man soll möglichst helle oder weiße Kleidung tragen und sich am besten nicht bewegen, da sie dadurch angezogen werden. Leichter gesagt als getan, denn zumindest mir reisst immer der Geduldsfaden, wenn wieder fünf bis acht gleichzeitig um meinen Kopf kreisen. Die anderen laufen dagegen meist ziemlich unbeeindruckt inmitten einer laut brummenden Wolke. Zum Glück brauchen sie sehr lange, bis sie sich irgendwo setzen und anfangen Blut zu saugen. Herkömmliche Bremsen sind da schon erfahrener, aber auch weniger zahlreich.
Markus mit Bodyboard Warten auf die Welle
Wir machen es uns unter dem Sonnenschirm gemütlich, und Vreni und Markus probieren das mitgebrachte Bodyboard aus. Die Wellen sind beeindruckend hoch, aber da der Strand recht flach ist bleiben die richtig großen Brecher etwas weiter draußen. Ich lasse mich auch zu einer Runde bodyboarden überreden, allerdings ist die Überwindung, den eiskalten Pazifik mit seinem maximal 16° zu betreten ziemlich groß. Nach einer Weile spürt man die kälteschmerzenden Füße jedoch nicht mehr und so schlimm ist es gar nicht.
Flussmündung ins Meer chilenisches Fischerboot mit Kormoranbesatzung
Als kalter Wind aufkommt wandern wir zurück, wiederum in eine Tábanowolke gehüllt und üben uns in Geduld, nicht gleich zuzuschlagen. Nach einem letzten Picknick in der Sonne packen wir zusammen und beladen das Auto. Auf dem Rückweg müssen wir ein Matschloch notdürftig mit Baumstämmen ausfüllen, damit der Camper nicht zu sehr in Schräglage gerät.
Am Hafen passieren wir eine Holzschnipselfabrik, die gerade einen riesigen chinesischen Frachter mit gehäckselten Kiefern und Eukalyptus belädt. Das Schiff ist sogar nach diesem winzigen Örtchen benannt.
Diesmal haben wir Glück, die Fähre ist schon im Anmarsch und nach einiger Rangiererei mit den wartenden Autos dürfen wir auffahren. Wie auch bei der Herfahrt müssen wir diskutieren bis wir den Preis für eine Camioneta und nicht den für LKW zahlen dürfen, dafür bekommen wir diesmal aber keine Schwimmwesten. Wahrscheinlich sieht der Kassierer sich um seinen Lohn betrogen.
chinesisches Holzschnipselschiff der Transbordador zurück
Wir kommen trotzdem gut ans andere Ufer und legen wir noch einen kurzen Stop an einem schönen Grundstück ein, das Vreni und Fossi überlegen zu kaufen. Dann nehmen wir Kurs auf die Brauerei Kunstmann, eines der touristischen Highlights der Region.
Kurs auf Kunstmann chilenisch-bayerische Brauereideko
Im Gegensatz zu den sonst eher verlassenen Attraktionen pilgern hier am heutigen Sonntag die Familien zum Mittagessen hin. Wir lassen uns auf die Warteliste setzen, bewundern das bayerische Brauhaus-Ambiente und bekommen schließlich einen Tisch am Fenster. Nach der Bierdegustation mit sieben verschiedenen Bieren von hell, dunkel und Bockbier über Honigbier und ungefilterte Sorten (alles nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut) gehen wir über zu Hirschragout mit Spätzle und Kasseler Rippchen mit Sauerkraut, dann finde ich auf der Karte sogar chilenische Mettbrötchen - für Markus und mich nach anderthalbjähriger Abstinenz schon fast ein Festmahl.
Otto und Fritz PROSIT!
Als dann noch Otto und Fritz mit der Bierkutsche vom Bierfest in Valdivia zurückkehren, rennen wir zum letzten touristischen Triumph nach draußen um sie zu fotografieren. Ob es für die beiden wohl auch eine zweite Besetzung gibt?
Dass der Souvenirladen wegen Überfüllung ausfällt, können wir daher gerade noch verschmerzen. Wir müssen ja sowieso nochmal herkommen, wegen dem Fisch und den Seelöwen und dem Wildschweinbraten, den es hier leider nur in der Wintersaison gibt. Vreni und Fossi setzen uns kurz darauf am Busbahnhof ab und um 21:35 verläßt unser Turbus-Express pünktlich Valdivia. Wir sind wieder nur zu dritt in unserem Schlafabteil, bis irgendwann mitten in der Nacht noch jemand zusteigt. Leider kennt unser Busfahrer nur die beiden Endpunkte der Reglerskala der Klimaanlage, so wachen wir nachts bei gefühlten 30° im Innenraum auf und müssen die Fenster öffnen um wieder einschlafen zu können. Trotzdem kommen wir relativ ausgeschlafen in Santiago an und werden von Patricio nach Hause gefahren, damit Markus duschen und frühstücken kann, bevor er schon zur Arbeit muß.

Sortiment bei Kunstmann ein typisch deutsches Abendbrot?
(Fotos: www.lacerveceria.cl)


Anbei haben wir die aktuellen Wassertemperaturen des Pazifiks im chilenischen Hochsommer gefunden. Demnach kann sich die Küste vor Valdivia momentan einer Temperatur von etwa 16-18°C rühmen. Wer darin schwimmt ist abgehärtet!
Wassertemperaturen
(Quelle: http://polar.ncep.noaa.gov/)

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