Valle de las Arenas

Laguna Congelada - die gefrorene Lagune

23.02.2008

Freitag

Ein denkwürdiger Tag: ganz im Gegensatz zu unserer sonstigen Arbeitsaufteilung präsentierte Markus plötzlich einen Plan für das Wochenende. Ein Kollege hatte ihm einen Ausflugstip in der Nähe Santiagos gegeben und nach endloser Internetrecherche über dieses anscheinend wenig bekannte Ziel besaß er eine handgezeichnete Karte des Tals und eine vage Beschreibung. Ich war gespannt.
Freitag abend hole ich Markus mit gepacktem Auto von der Arbeit ab und wir fahren in den Cajón de Maipo, ein Tal, das sich südöstlich von Santiago in die Anden bis hin zur argentinischen Grenze zieht, wo es allerdings keinen Übergang gibt, nur alte Maultierpfade. Hinter El Volcán, dem letzten Örtchen im Cajón wird die Straße schlecht und wir schleichen mit der üblichen Geschwindigkeit dahin, während es schon allmählich dunkel wird. Wir passieren die Thermen Baños Morales und das Refugio Lo Valdés, das schon auf 1.865m liegt, dann geht es immer weiter bergauf. Hinter einer Brücke biegen wir links ins Valle de las Arenas (Tal des Sands) ab und müssen erst einmal eine große Ziegenherde vorbeilaufen lassen. Der Ziegenhirte wohnt anscheinend im Sommer hier oben unter einigen großen Felsen, jedenfalls sehen sie bewohnt aus und ein Schild kündigt frischen Ziegenkäse an.
Ziegenherde unter Geröllhalde
Nach diversen Serpentinen im schwindenden Tageslicht geht es steil bergauf und einige tiefe Rinnen ziehen sich über den Weg, hier wäre für normale Autos die Endstation. Wir kriechen weiter und winden uns durch einige herabgefallene Felsbrocken, es ist gerade genug Platz für unser Auto. Jetzt sieht man fast schon nichts mehr außer steil aufragenden Felswänden rechts und links. Ganz am Ende erkennen wir Licht, da scheinen noch andere zu campen. Wir kehren aber um und parken ein Stück weiter am Wegrand. Markus macht Feuer und wir grillen unsere Würstchen im Dunkeln. Als wir gerade essen, taucht der Vollmond über den Bergen auf und plötzlich ist es sozusagen taghell, fast schon zu hell zum schlafen. Wir bringen noch schnell unser neuestes Assessoire, ein selbst entworfenes Mückennetz mit Magnetbefestigung an, um ungebetene Gäste zu verhindern.
Frühstück am Wegrand unser neuer Mückenschutz

Samstag

Um kurz nach sieben weckt uns schon die aufgehende Sonne. Jetzt sieht man unser Tal endlich im Hellen. Wir waren gar nicht allein, zwei Pferde mit Nachwuchs grasen nebenan. Nach dem Frühstück fahren wir den Rest des Wegs bis zum Parkplatz an dem drei Zelte stehen, in denen sich aber noch nichts rührt. Wir lassen das Auto stehen und folgen der alten Minenzufahrt.
Beginn des Wanderwegs Blick zurück ins Tal
Der Weg ist noch in relativ gutem Zustand und so kann man gemütlich wandern. Ich merke schon, dass die Luft hier oben doch etwas dünner ist. Unser Ziel liegt auf 2.800m und wir dürften hier etwa auf 2.200m laufen. Der Weg führt immer die alte Minenstraße und dem raschenden Bach. Bis auf einen nagelneuen Geländewagen, der sich unbedingt noch 800m weiter vorkämpfen muss, und dabei sein Reifenprofil der Trägheit der Insassen opfert, sind wir ganz allein unterwegs. Dann endet der bequeme Weg und wir klettern über ein mit Geröll zugeschüttetes Schneefeld.
blühendes Bachufer Suchbild: drei Maultiere in der Steinwüste
Weiter oben erkennt man den Maultier- und Wanderpfad und folgt immer dem Bach. Geradeaus thront der Mesón Alto mit seinen Gletschern und 5.257m Höhe, rechts der Cerro Arenas (4.360m) und links der Morado Principal (4.647m). Als wir einen letzten Bergrücken erklimmen brauche ich einige Pausen um nach Sauerstoff zu schnappen, Markus ist ungerechterweise von der Anstrengung unbeeindruckt. Meine Lunge scheint dafür auf unerklärliche Weise geschrumpft.
Bergpanorama
Endlich erreichen wir den höchsten Punkt des Pfads und finden uns ganz unerwartet direkt unterhalb des Glaciar colgante von El Morado (hängender Gletscher) und vor uns leuchten die treibenden Eisstücke in der matschigbraunen Laguna Congelada (gefrorener See). Nach unzähligen Fotos picknicken wir wohlverdient gleich am Ufer. Überall gluckst das Wasser unter der Eiskante und kleineres Geröll rutscht vom Gletscher ins Wasser. Weiter oben bricht mit lautem Getöse sogar eine winzige Geröll- und Eislawine los.
Glaciar colgante mit Laguna congelada
Wir liegen faul in der Sonne, bis es sich eine gute Stunde später allmählich zuzieht, dann machen wir uns auf den Rückweg. Von Sauerstoffmangel keine Spur mehr! Wir bedenken zwei ankommende Touristen auf Mulis mit ihrem Führer mit einem mitleidigen Blick, nur auf den eigenen Beinen zählt der Aufstieg wirklich, und die beiden sind auch noch jünger als wir.
Ann vor Kulisse Markus auf Eisberg
Es wird im Schatten schon merklich kühl und der Wind fegt von Argentinien herüber. Wir bemerken sogar einige Regentropfen, die zwar ihr bestes geben, aber aufgrund fehlender Dichte nicht als Schauer durchgehen. Nach gut zwei Stunden sind wir wieder am Auto.
der Weg zurück Felsenslalom
Wir finden am Wegrand noch kuriose Felsblöcke mit einem Muster wie ein überdimensionales Spinnennetz. Mittlerweile ist im Tal einiges los, mehrere Motorradfahrer am Parkplatz und zehn bis fünfzehn Zelte weiter unten im Tal. So unbekannt scheint das Tal also nicht, obwohl es noch nicht einmal im Turistel aufgeführt ist. Zurück im Cajón de Maipo ist von Regen und kühler Luft keine Spur. Die Sonne brennt wie üblich und wir müssen zu einem Boxenstop im Café Vienés anhalten, dem Wiener Café, wo wir unter anderem eine richtig gute Sachertorte bekommen.
seltsame Gesteinsschichten
Währenddessen versucht der selbsternannte Parkwächter, Ein- und Auswinker und Scheibenputzer in einem, mit einem winzigen, fadenscheinigen schlammbraunen Lappen unsere Fenster zu putzen, was natürlich dank des chilenischen Staubs völlig schief geht. Als er aber anfängt das komplette Auto mit seinem sandigen Feudel abzuwischen und die braune Brühe zu verteilen, renne ich los und bitte ihn damit aufzuhören. Und dass, nachdem wir uns endlich erst diese Woche einmal dazu aufgerafft haben, das Auto durch die Waschstraße zu fahren.
Wetterumschwung über dem Valle de las Arenas

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