Valle del Melado

...viele Wege führen ins Nichts

04.-05.04.2009

Valle del Melado
Samstag früh brechen wir nach Süden auf und erreichen 3 Stunden später Linares, von wo aus es nicht mehr weit bis zu unserem Ziel, dem Valle del Melado ist. Auf dem Weg dorthin (laut Karte) wollen wir noch die Reserva Nacional Los Bellotos besuchen, deren Südbuchenwälder jetzt im Herbst besonders schön verfärbt sein sollen. Wir nehmen den im Turistel, unserem bisher unfehlbaren chilenischen Reiseführer, beschriebenen Abzweig und wundern uns noch, dass gar nichts ausgeschildert ist. Auch die beiden Carabineros, die wir im gleichen Örtchen nach dem Weg fragen, haben von unserem Ziel gar noch nie gehört, was uns vielleicht stutzig machen sollte.
es wird Herbst klarer Bach in der Reserva Los Bellotos
Trotzdem, der Weg führt in die richtige Richtung und die ersten herbstlich gelben Pappeln säumen schon den Straßenrand. Nach einer halben Stunde und einer großen Apfelplantage verengt sich die Straße schließlich (in Chile immer ein schlechtes Zeichen) und nach einer Furt stehen wir fast schon im Nichts. Eine Frau erzählt uns, wir seien hier falsch und der richtige Abzweig liege weiter nördlich. Diesmal gehen wir lieber auf Nummer sicher und nehmen den südlichen, im Turistel eingezeichneten Weg, der zwar länger aber dafür auch als besser ausgebaut eingezeichnet ist.
hier kommen wir auch nicht weiter wenigstens die Bäume färben sich
Also wieder zurück nach Linares, einen Riesenbogen südlich geschlagen, dann biegen wir auf die Straße zum Stausee ab. Da die Höchstgeschwindigkeit auf diesen Straßen 40 km/h beträgt, tendenziell eher weniger, kommen wir nur langsam voran. Zusätzlich erschweren das Fortkommen die zahlreichen Ochsengespanne und die entgegenkommenden kleinen Viehherden, die gerade von den Sommerweiden herunter getrieben werden. Nach passieren einer Pferdeherde, mehrerer Rinderherden und zu guter Letzt noch einer Ziegenherde (ganz zu schweigen von den vielen Hühnern auf der Straße) sind wir immer noch nicht am Ziel. Zu bemerken ist, dass Pferde von selbst Platz machen, Ziegenherden sozusagen um das Auto herum vorbei "fließen", aber Kühe sich überhaupt nicht um den Gegenverkehr scheren und immer mit dämlichem Blick genau vor der Kühlerhaube stehen bleiben und nicht wissen, wohin. Da bedarf es des Gauchos mit seinem Stock, um endlich etwas Ordnung zu schaffen. Auch sollte man aufpassen, dass sie im vorbeischlendern nicht mit den Hörnern am Auto entlang schaben. Vorbei an diversen Straßenbaustellen (auch hier hält der Fortschritt Einzug) entdecken wir schließlich das erste Schild zur Reserva. Wir scheinen auf dem richtigen Weg, auch wenn dieser jetzt extrem schlecht wird. Die Höchstgeschwindigkeit fällt auf 20 km/h und wir zweifeln sehr am Gelingen dieses Wochenendes, als wir endlich gegen Nachmittag in der Reserva ankommen.
Ruine eines Hauses jetzt ein schönes Feuer...
Zunächst suchen wir den Guardaparque, der gerade Walnüsse vom Baum schlägt. Er ist völlig verdutzt, hier Menschen zu sehen, die auch noch wandern wollen. Nein, Wege gibt es hier nicht, nur einen, aber der führt über den Berg dahinten - viel zu steil! - und außerdem treiben gerade die Huasos ihre Herden da hinunter. Und die Straße, nein, die führt nicht weiter. Der Tunnel ist doch im Sommer gar nicht passierbar! Da haben wir wohl ein Problem, denn unser Nachtquartier liegt 12 Kilometer auf der anderen Seite des Tunnels, von dessen jahreszeitlicher Unbefahrenheit im Straßenführer auch überhaupt nichts erwähnt wird. Ungläubig machen wir uns zu Fuß auf den Weg, nur wenige hundert Meter weiter führt ein kleiner Abzweig hinunter zum Fluss, der vor einem geschlossenen Tor mit dem Schild "Tunnel Melado" endet. Wir gehen daran vorbei bis zum Ende des Zuweges, der wie eine kleine Rampe in einem reißenden Wildwasser verschwindet. Immerhin ist er mit Steinen versperrt, aber freiwillig würde da eh niemand hineinfahren.
Einfahrt zum gesperrten Tunnel
Wie wir erfahren, wird seit fast hundert Jahren auf diese Art Wasser aus dem benachbarten Tal hier herüber geleitet um das Tal von Linares bewirtschaften zu können. Zwischen Mai und September, wenn im Winter genügend Regen fällt, wird das Wasser abgedreht und der Tunnel kann mit Autos befahren werden. Er ist 4,2 Kilometer lang, schnurgerade, stockdunkel und schmal, und in der Mitte ist ein 60cm tiefer Kanal, durch den immer ein Rest Wasser läuft, und den man tunlichst genau zwischen die Räder nehmen sollte. Ansonsten droht ein Totalschaden und das Auto müßte wohl umständlich per Ochsengespann geborgen werden. Neben dem Auto bleiben links und rechts gerade ein paar Handbreit Platz.
die Straße endet im Wasser da kriegen wir den Jeep wohl nicht durch
Ohne den Tunnel muss man einen Umweg von gut 170 Kilometern in Kauf nehmen und genau das blüht uns jetzt. Notgedrungen verlassen wir die Reserva, wobei der Guardaparque uns im Losrollen noch zwei Infobroschüren in die Hand drückt, dann geht es den ganzen Weg wieder zurück. Alle Viehherden, die wir auf dem Hinweg durchquert haben, treffen wir nun wieder. Diesmal gehen sie vor uns her und wir haben wieder das Kuhproblem. Eine besonders störrische, die nicht aus dem Weg gehen will, schiebt Markus mit der Stpßstange ganz langsam an. Man sieht, wie sich ihr Hinterteil unter dem Druck hoch wölbt, aber vorne will sie immer noch nicht weichen, erst als der Huaso seinen Stock schwingt. Wir nehmen eine (diesmal ausgeschilderte) Abkürzung, die zwar einen Haufen Kilometer spart, aber so schlecht ist, dass hier eigentlich nur Pferde und Ochsengespanne unterwegs sind, Autos sind keine zu sehen. Trotzdem schaffen wir es irgendwann zurück auf die Straße, fahren ein drittes Mal durch Linares und auf die Ruta 5, wo wir kurz überlegen, einfach nach Hause zu fahren. Aber da wir letztes Wochenende schon verkürzt beendet haben, geben wir heute noch nicht auf. Endlose Kilometer später biegen wir in den winzigen Abzweig zur Lama-Lodge ein, wo wir endlich ankommen wollen. Es ist schon stockfinster und uns kommen mitten im Wald zwei Huasos zu Pferd entgegen, die den heutigen Viehabtrieb wohl mit einer Überdosis Rotwein gefeiert haben. Einer hat die 1,5-Literflasche noch im Arm, die Hälfte des Inhalts auf dem Hemd und reitet sein Pferd genau in unser mittlerweile stehendes Auto. Eigentlich waren unsere Scheinwerfer ja nicht zu übersehen, vielleicht dachte er auch, er sei schon zuhause. Jedenfalls beschimpft er Markus eine Weile, der gerade überlegt, in die Diskussion einzustimmen, als ich zur Eile treibe, bevor der Weinselige uns noch den Steigbügel in die Tür rammt.
Eine Stunde später sind wir im anderen Tal und entdecken zufällig im vorbeirollen die Lamalodge im Dunkeln. Wer hätte damit heute noch gerechnet? Der Arriero Jaime führt uns in die per Gaslampe beleuchtete Küche (Strom gibt es hier nicht), wo schon drei deutsche Urlauberinnen beim Essen sitzen, die sich eine Reisportion für das gesamte gekocht haben. Wir bauen schnell das Zelt neben der Hütte auf und kochen uns dann unser eigenes Mahl (hier gilt Selbstverpflegung). Zu unserem mitgebrachten Goulasch gibt es wohl zum ersten und einzigen Mal selbstgemachte Spätzle hier oben in der Einsamkeit. Bis kurz vor Mitternacht essen wir zusammen am Ofen geröstete Kastanien, dann fallen wir ins Zelt und die Mädels in die Stockbetten. Ich hoffe nur, dass die Lamas uns heute Nacht im Zelt keinen Besuch abstatten.
endlich wandern Picknick am Wasserfall
Am nächsten Morgen scheint die Sonne, aber im Schatten ist es eiskalt. Der Hahn hat uns seit 5 Uhr wie ein Wecker mit Wiederholungstaste geweckt. Es kostet Überwindung aus dem Schlafsack zu steigen, aber in der Hütte ist es genauso kalt. Wir frühstücken alle zusammen, dann machen sich die Mädels für ihre Reittour fertig und wir lassen uns noch einen Wandertip von Jaime geben.
der Fluss und darüber der Kanal Umkehrpunkt des Wanderwegs
Die Wanderung führt über einen alten Arrieropfad immer auf und ab hoch über dem Río Melado entlang, mit schöner Aussicht und ohne einem Menschen zu begegnen. Angeblich ist dieses Tal noch völlig unberührt und unerschlossen, aber unterwegs sehen wir unten am Fluss Straßenarbeiter und ganz am Ende sogar eine Polizeistation, obwohl es bis zur argentinischen Grenze noch sehr weit ist. Auch die Straße scheint noch eine ganze Weile weiter zu führen. Nach einem Picknick an einem kleinen Wasserfall steigen wir ab, hinunter zur Straße und laufen am Fluss entlang zurück. Von Herbst keine Spur, es haben sich zwar schon einige Bäume leicht verfärbt, aber die Sonne brennt wie im Hochsommer.
Wolken... ...und noch mehr Wolken!
Kurz vor dem Lama-Lodge stehen die beiden Lamas auf der Straße und uns im Weg. Sie sind uns sozusagen auf Augenhöhe und ich traue der Sache nicht ganz, ob sie uns so einfach vorbeilassen. Bis vor zwei Jahren gab es hier 9 Stück, die als Packtiere bei Wanderungen dienten, aber in dem harten und nassen Winter 2007 sind wegen der vielen Feuchtigkeit 7 der Tiere eingegangen. Zurück an der Lodge trinken wir noch einen Tee, bauen das Zelt ab und brechen auf.
Weg-Wächter ob es so zahm ist, wie es aussieht?
Wir wollen hinunter zum anderen Eingang des Tunnels, finden aber keine Zufahrt. Da wir auf weitere Irrfahrten heute keine Lust haben, kehren wir um und fahren lieber heim. Auf dem Rückweg zur Hauptstraße sammeln wir in einer Kastanienallee noch schnell das Abendessen ein: hier liegen tausende Esskastanien herum, die nur aufgesammelt werden wollen.
ich bin noch skeptisch... wir durften passieren


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