Ein Samstag in Valparaíso

12.05.2007

Kachel
Markus und mir hatte Valparaíso bei unserem ersten Besuch eher nicht gefallen. Es erschien uns dreckig und laut und am attraktivsten von einem der oberen Hügel, also sozusagen aus der Ferne! Allerdings hatten wir damals einen Deutschen kennengelernt der jetzt bei der dortigen Feuerwehr arbeitet und nebenbei Stadtführungen anbietet. Bisher hatte Valparaíso uns nicht mehr gelockt, aber mit Markus Eltern zu Besuch war es eine gute Gelegenheit der Stadt eine zweite Chance zu geben. Schließlich gibt es etwa 45 Hügel, über die genaue Zahl streitet man, und davon wollten wir doch noch einige sehen.
Ascensor Artillería Trolleybus
Gegen Mittag treffen wir uns also an der Feuerwache und bekommen erst einmal eine Führung durch eben jene. Neben auf Hochglanz polierten Feuerwehrwagen mit deutscher Schrift auf der Tür sehen wir einiges zur Geschichte der deutschen Feuerwehrkompanie, unter anderem umfangreiche Fotoalben aus ihren Anfängen.
unten hui - oben pfui ob hier jemand wohnt?
Anschließend geht es zum Hafen, von dem nur ein vergleichsweise winziges Stück zugänglich ist. Hier wurde nach und nach künstlich Land aufgeschüttet um den Hafen überhaupt zu ermöglichen, an die ursprüngliche Küstenlinie erinnern in den Boden eingelassene Bronzetäfelchen.
Containerhafen Hafen und Stadt
Wir laufen auf den ersten der vielen Hügel, den Cerro Artillería, mit guter Aussicht trotz bescheidenen Wetters auf Hafen und Zentrum. Hier ist es anders als üblich: die (ehemals) "gute" Gegend liegt unten, darüber klammern sich zusammengezimmerte ärmliche Häuser an den steilen Hang. Oben ist einer der touristischen Anlaufpunkte, ein vor vielen Jahren aus Deutschland eingewanderter älterer Mann spielt uns deutsche Volkslieder auf seiner Geige vor.
einer der vielen Aufzüge beliebtes Fotomotiv
Mit dem klapprigen Holzaufzug "Ascensor Artillería" geht es wieder steil hinunter, an der historischen Aduana (Zoll) vorbei, mit malerischen in den USA gefertigten "Trolleybussen" aus den 40er Jahren davor, über die Plaza Echaurren, die bessere Tage gesehen hat, was man aber selbst heute noch erkennen kann.
ja, man kann durch die Ritzen schauen! Ascensor Artillería
Das nächste Viertel ist als Unesco Weltkulturerbe ausgewiesen aber leider erst vor kurzem durch eine große Gasexplosion teilweise zerstört worden. In der Calle Serrano sehen wir die ausgebrannten Überreste.
Folgen der Gasexplosion Calle Serrano
Gleich nebenan werfen wir einen Blick in ein guterhaltenes prunkvolles Gebäude, das heute als Wohn- und Bürohaus genutzt wird. Innen beeindrucken ein riesiger Marmoraufgang und ein Treppenhaus das noch aussieht wie vor 100 Jahren. Wer sich das erbaut hat, mußte definitiv nicht auf den Peso schauen!
Plaza Echaurren UNESCO Weltkulturerbe
verblichener Prunk
Der Weg führt über die Plaza mit dem Denkmal der Seeschlacht von Iquique und dem Gebäude der chilenischen Armada.
Armada de Chile ringsum die Plaza Sotomayor
die Helden der Seeschlacht
Mit dem Ascensor Peral rattern wir auf einen weiteren Hügel, den Cerro Alegre. Die städtischen Aufzüge kosten pro Fahrt 100 Peso, die anderen gehören einer deutschstämmigen Privatperson, welche die Preise vor kurzem erst auf 500 Peso erhöht hat, sehr zur Empörung der Bevölkerung.
kurz und steil Protest gegen Entgelterhöhung
Am Paseo Yugoslavo schlendern wir an einem riesigen peruanischen Pfefferbaum vorbei bis zum Palacio Barburiza. Dieser ist für die Öffentlichkeit eigentlich nicht mehr zugänglich und steht leer, aber unser Führer kennt den Hausmeister, der uns für einen kleinen Beitrag unauffällig hineinläßt und den ehemaligen Prunk bewundern läßt. Besonders beeindruckend ist das luxuriöse Badezimmer, das der damalige Salpeterfürst schon 1925 mit ausgeklügelter Technik ausstatten ließ.
peruanischer Pfefferbaum einsamer Wächter
Weiter geht's an hübschen ehemals herrschaftlichen Häusern vorbei und dem schmalsten Haus Valparaísos, das anscheinend aus diversen TV Spots bekannt ist.
noch ein Salpeterpalast Nizza? Cannes? Cote d'Azur?
das schmalste Haus
Immer höher führt eine steile Straße, parken kann man nur indem man die Vorderräder gegen den Bordstein lenkt, die Handbremse ist hier schnell ausgeleiert.
steiler Aufstieg steiler Abstieg
Kurz darauf stoßen wir auf eine Blechstraße. Hier sind die Häuser alle komplett mit Wellblech verkleidet und einige dann bunt angestrichen. Manche sind auch einfach nur "rostfarben".
rostiges Blech bunte Häuserzeilen
blaue Ausblicke die blaue Straße
Eines der Häuser ist schwer bewacht durch 3 Wachkatzen die sich auf einem alten Käfer niedergelassen haben, sowie 2 Wachkaninchen, die die Treppe eines anderen Hauses sichern.
bequemer Ausguck die Wachkaninchen
die Wachkatzen
Über den Cerro Concepción wandern wir auf dem Paseo Atkinson an englisch anmutenden Häuschen vorbei zum Hotel Brighton und zurück zur alten lutheranischen (deutschen) Kirche.
blühende Vorgärten Pastor Schmidt mit seiner Kirche
Agave alles bunt in Valparaíso
Kurz darauf winkt uns ein weiterer Conserge unauffällig in die ehemalige deutsche Schule, mit einem Prunkstück von Aula, in der alle 16 Bundesländerwappen an der holzgetäfelten Decke hängen. Nach einem Erdbeben wurde sie beschädigt, sodaß die deutsche Schule nach Viña del Mar umzog, wo ohnehin die zahlungskräftigere Kundschaft sitzt.
englisches Küstenstädtchen? steiler Abstieg
Hotelterrasse Terrasse des Café Brighton
Nach dem Abstieg mit dem Ascensor Reina Victoria laufen wir zurück in die Unterstadt zur Plaza de Aníbal Pinto, wo wir uns entschließen Mittagessen zu gehen.
links die Aula der dt. Schule Troleybus nach Hause
Nach 4 Stunden ausgiebiger Führung sind alle hungrig und wir fallen ins Restaurant "Hamburg" ein, zu echt importiertem Matjes, Goulasch, Hühnerfrikassee und schnödem chilenischen Seeaal für Markus. Entgegen des ziemlich touristischen Anscheins ist das Essen gut, reichlich und die Rechnung ist auch noch erfreulich niedrig.

Wieder einmal hat die Zeit nicht gereicht, Pablo Nerudas 3. und letztes Haus anzuschauen. Wir werden also doch noch einmal wiederkommen müssen!