Was wir nicht mehr vermissen.

Gewöhnung oder Fortschritt?

04.06.2008

Heute blätterten wir ein wenig durch unsere Berichte vom Beginn unseres Chileaufenthalts und stießen auf den Artikel: Was uns fehlt. Dabei fiel uns auf, dass wir mittlerweile unsere Meinung ein wenig geändert haben. Vielleicht haben sich aber auch nur die Umstände geändert. Wir haben die Liste der damaligen Vermissten einmal diskutiert und revidiert:

Frischmilch? Gab's in Peru und wir haben ein paar Liter auf Vorrat getrunken. Vermissen wir aber immer noch ein bisschen.

Duschgel? Unser gutes altes Palmolive gibt's auch bei Jumbo. Und immer neue Sorten.

Nahrung ohne Zusatzstoffe? Mit ein bisschen suchen und unter Inanspruchnahme der reichhaltigen saisonalen Obst-, Gemüse- und Fischtheke ist die gesunde Ernährung gesichert.

Käse? Bei Jumbo gibt's seit kurzem 4 Sorten Oldenburger Käse "importado de Alemania"! Und das sogar noch billiger als die pseudo-französischen nachgemachten Geschmacksnieten.

Joghurt? Wir essen eben nur den ohne Farbe und Chemie.

Schuhspanner? Gibt's zu horrenden Preisen, aber so wichtig sind sie dann doch nicht.

Ebay und Amazon? Ok, zugegeben, die fehlen uns immer noch. Manchmal stöbern wir wehmütig abends durch das Angebot. Aber irgendwie kann man sich auch anders behelfen. In Peru gibts tolle Wollsachen. In USA dank des billigen Dollars Outdoorartikel ohne Ende und irgendwer kann immer etwas mitbringen. Bücher? Mittlerweile lesen wir einfach spanische Bücher und freuen uns ab und zu über ein deutsches Buch, das man sich leihen oder schicken oder mitbringen lassen kann.

Sushi? Das beste Sushi außerhalb Düsseldorfs haben wir in Peru gefunden. Den do-it-youself-kit für Sushi gibt's auch bei Jumbo, aber dazu sind wir noch zu faul. Statt dessen essen wir 3cm dicke Thunfischsteaks, die von beiden Seiten nur ganz kurz in die Pfanne gefallen sind. Reis und Algen lassen wir einfach weg.

Friseur? Dank einem Geburtstagsspäckchen von Markus' Eltern haben wir uns autodidaktisch zum Aushilfsfriseur fortgebildet. Im Salon "donde Ann y Marke" bekommt man einen super Schnitt mit "Tatort" und grünem Tee gratis.

Tja, und sonst?

Gummibärchen, Ritter Sport, Aurora Brotbackmischung, Erdinger Weissbier, Hengstenberg Senf, Mildessa Sauerkraut - alles vorhanden.
Steaks aus Argentinien, Uruguay und Brasilien.
Carmenere und Malbec aus Chile und Argentinien.
Reineta, Corvina und Sierra frisch aus dem Pazifik.
Palta und Fujiäpfel aus dem Valle Central, Limonen aus Pica, Kaki aus dem Elquital, Himbeeren aus dem Seengebiet.
Chilenische Erdbeeren gibt's fast das ganze Jahr.
Melonen bis zum Abwinken und unglaublich günstig.

Ach ja... weißen Spargel! Den vermissen wir immer noch. In Chile gibt's nur grünen, der ist zwar auch lecker, passt aber nicht zu Schinken, Butter und neuen Kartoffeln.

Aus aktuellem Anlass, meinem Flug nach Deutschland im Juni, haben wir lange überlegt, was ich alles mitbringen soll. Aber: nichts wichtiges fiel uns ein. Auf der Liste herrscht gähnende Leere!
Was bedeutet das nun? Haben wir uns endgültig eingewöhnt? Sind wir anspruchslos geworden? Haben wir alles vergessen?
In Chile gefällt uns, dass es gewisse Dinge eben nicht immer gibt. Obst und Gemüse hat tatsächlich noch Saison. Man kann sich auf die Kakisaison freuen, auf die Melonensaison, auf die Himbeersaison. Momentan gibt's eben nur Äpfel und Kiwis zum Frühstück - dafür schmecken die aber auch. Und wenn man Lust auf gegrillte Ziege hat, fährt man eben nach Mendoza. Tropische Früchte gibt's in Peru. Machas a la Parmesana nur in Chile. Dafür kann ich aber auch solange in der Kiste mit den frischen Muscheln wühlen, bis ich jede einzelne darauf geprüft habe, ob sie denn noch lebt. Niemand hetzt oder drängelt. Zuhause dürfen sie noch ein bisschen im Spülbecken schwimmen, bevor sie gegessen werden.

Hetze und Gedrängel gibt es hier selten, eigentlich nur im Verkehr und in der Metro. Man hat sich eine andere Einstellung zugelegt. Wir haben schon Angst, dass wir in Deutschland nicht mehr einfach zu Aldi einkaufen gehen können. Das werden wir wohl zu zweit tun müssen: einer packt ein, der andere sucht das Geld heraus. Trotzdem - allein der Gedanke ist schon ein Stressfaktor.

Man gewöhnt sich daran, alle Eventualitäten einzuplanen, nichts als gegeben hinzunehmen und nie etwas dem Zufall zu überlassen. Regentage eignen sich besonders, um komplizierte Dinge zu erledigen, denn kein Chilene (Santiaguino!) geht bei Regen vor die Tür, wenn es sich vermeiden lässt. Man muss eben einfach ein bisschen flexibel sein.

Auch an andere Widrigkeiten haben wir uns gewöhnt. Lärm ist eine relative Größe, wenn man einige Zeit in Lima verbracht hat. Undichte Fenster und Balkontüren werden ganz chilenisch mit Tesafilm abgedichtet. Undichte Decken bekämpft man mit einer Tupperdose und einer aufgeschnittenen Plastikflasche ganz wirkungsvoll. Stromausfall und Wasserknappheit? Mit ein paar Litern in Reserve und den Stirnlampen auf dem Nachttisch sind wir auch darauf vorbereitet. Auch winterliche 15,5° Innenraumtemperatur lassen sich mit ein paar peruanischen Alpakaponchos gut aushalten. Bei 18°C schalten wir den Gasofen aus, das empfinden wir als unangenehm. Im auf Aussentemperatur heruntergekühlten Schlafzimmer behelfen wir uns mit einer schmalen Heizdecke für die Füße aus deutscher Produktion. Ein wenig Luxus muss schliesslich sein.

Wie lange braucht man wohl, um sich deutschlanduntauglich zu machen? Ich bin jedenfalls gespannt, wie mir 2,5 Wochen Heimaturlaub bekommen werden.