Viña del Mar

06.& 07.10.2007

Samstag

Nach über einem Jahr in Chile kennen wir immer noch nicht die Stadt, in die jeden Sommer die Santiaguinos zu hunderttausenden pilgern um sich dort Seite an Seite an einen der vielen Strände zu legen. Im letzten Sommer hatten uns die Fotos in der Zeitung abgeschreckt, die an überlaufene spanische Urlaubsorte erinnerten. Jetzt aber siegt die Neugier und außerdem müssen wir wieder einmal ein neues Fähnchen in unsere Chilekarte pieken. Nachdem wir nun schon die Hälfte unseres Aufenthalts überschritten haben, drängt die Zeit und noch so viele Reiseziele rufen.
ein buntverglaster Sommersitz Eingang zum Hotel
Die 101km auf dem teuersten Mautstraßenabschnitt Chiles sind schnell zurückgelegt und wir erwarten vergeblich den üblichen Wolkenschleier kurz vor der Küste. Heute herrscht von den Anden bis zum Meer strahlend blauer Himmel. Unser Hotel liegt auf dem Cerro Castillo, einem kleinen Hügel zwischen dem Strand und der Innenstadt.
manche wohnen in einer Burg... ...andere haben nur ein Bild davon.
Im Internet hatte ich bei der Hotelsuche den "Offenbacher Hof" gefunden, der uns natürlich gleich neugierig gemacht hat, es hörte sich so altehrwürdig an. Auf dem Cerro Castillo stehen noch viele schöne alte, verschachtelte Häuser aus den 30er Jahren, die größtenteils restauriert sind. Unser Hotel sticht durch seinen dunkelroten Anstrich hervor, auf vier Etagen verteilt liegen etwa 20 Zimmer, die durch unendlich hohe Decken und Türen und schöne alte Möbel sehr gemütlich sind. Dazu gibt es ein Café mit Sonnenterrasse und schöner Aussicht.
Offenbacher Hof unser Turmzimmer
Unser Zimmer liegt ganz oben im Turm, mit drei riesigen Fenstern und weitem Blick auf die Stadt bis zu den Hügeln mit den buntverschachtelten Häusern. Allein die Aussicht ist schon den Preis wert.
Kurz nach der Ankunft treffen wir uns mit Bekannten zum grillen im botanischen Garten, wo wir noch einen Spaziergang machen. Nach dem trockenen Santiago ist der alte botanische Garten ungewohnt schattig und grün. Den Geruch nach Wald ist man gar nicht mehr gewohnt, auch wenn hier der Eukalyptusgeruch vorherrscht.
Pato Punk die wichtigsten Statisten beim Grillen
Unter den weißgefiederten Teichbewohnern sticht ein Enterich mit auffallender Puschel-Frisur hervor. Allerdings scheint er bisher als einziger diesem Trend zu folgen. Der Grillplatz ist ziemlich bevölkert, kein Wunder bei dem Wetter, auch wenn später der Wind so auffrischt, daß ganze Sandwolken über den Platz fegen und wir das gegrillte Fleisch durch möglichst schnelles Aufessen vor ihnen schützen müssen.
hungrige Zuschauer die Grillmeister
Abends planen wir noch einen Strandspaziergang, werden aber durch akute Müdigkeit beim Betreten des Hotelzimmers daran gehindert. Als wir nach einem kleinen Nickerchen wieder aufwachen, ist es draußen schon dunkel.

Sonntag

Unser Bett ist der Logenplatz für den Sonnenaufgang heute morgen. So geweckt stehen wir ziemlich früh auf und frühstücken ausgiebig. Ausgiebig ist das richtige Wort, denn hier bekommen wir das bisher beste und umfangreichste Frühstück in ganz Chile, außerhalb unserer eigenen Wohnung. Man merkt, daß die Eigentümer viele Jahre in Deutschland gewohnt haben. Es gibt eine Prozession von diversen Gängen, alles Dinge, die wir sonst noch in keinem chilenischen Hotel zu sehen bekommen haben. So gestärkt und nach geduldiger Beantwortung aller Fragen unserer netten Hotelbesitzerin (ihre Tochter hatte am Vorabend schon Teil 1 des Fragenkatalogs abgearbeitet), fahren wir hinüber nach Valparaíso, um dort die Sebastiana zu besichtigen, Pablo Nerudas drittes Haus, das wir als einziges noch nicht kennen.
Sonnenaufgang Markus im Gespräch mit Pablo Neruda
Wir sind etwas zu früh und sind dann mit die ersten, die hineindürfen. Wie seine anderen Häuser ist dieses auch sehr verschachtelt gebaut, mit engen Gängen und Treppen und vielen großen Fenstern in Richtung Meer. Das Haus steht auf einem der vielen Hügel und hat daher einen beeindruckenden Blick über ganz Valparaíso und die Bucht. Auch hier gibt es ein Sammelsurium von Gegenständen zu sehen, die Neruda von seinen vielen Reisen mitgebracht hat. Als wir mit der Tour fertig sind, stehen schon brasilianische Busladungen im Anschlag, zum Glück waren wir so früh dran.
La Sebastiana hübscher Eingang
Im Laden nebenan gibt es handgewobene Wollsachen der Lavkenchefrauen (ein Mapuchevolk aus dem Süden) zu kaufen, Mützen, Socken, Schals und Teppiche in allen Größen. Vom Spinnen bis zum Färben mit Naturfarben aus Pflanzen ist alles handgemacht und wir können nicht wiederstehen, einiges zu kaufen. Vor allem riecht alles ganz authentisch nach der winterlichen Holzheizung der Häuser.
Krabbenbrötchen hungrige Seelöwen
Zurück in Viña parken wir am Strand und entdecken gleich einen Pinguin, der einige Meter weiter draußen taucht. Dazu schwimmt ein Seelöwe vorbei. An den Anblick kann man sich so schnell nicht gewöhnen!
Im Sand liegen zudem tausende winziger Krabben, leider alle tot, sonst könnte man sich sozusagen sein Krabbenbrötchen gleich befüllen. Markus fotografiert den Pinguin und entdeckt dabei eine kleine Seelöwengruppe am nahen Holzsteg, während ich ihn noch auf den einzelnen Vertreter aufmerksam zu machen versuche. Vor dem kleinen Fischerhafen von Caleta Portales füttert jemand die fünf oder sechs Seelöwen mit Fischresten, drumherum treiben etwa 50 hungrige Pelikane, die auch auf ein paar Bissen hoffen.
immer noch hungrig... ...und einer hat den Fisch geschnappt
Ich renne sofort mit der Kamera los um das nicht zu verpassen und mich erwischt vor lauter Faszination eine große Welle, die Schuhe und Socken füllt und völlig durchnäßt. Also doch lieber ausziehen. Das Wasser ist allerdings eiskalt, mit den Füßen hält man es nicht lange darin aus.
Lobo Marinos und ein Heer von Pelikanen immer schön im Wasser bleiben
Nach ausgiebiger Fotosafari ziehen wir die Schuhe wieder an und gehen im angrenzenden Restaurant essen, das uns die Hotelbesitzerin ans Herz gelegt hat. Wir bestellen die ebenfalls empfohlene Parrilla de Marisco, eine riesige Tonschüssel, in der diverses Meeresgetier vor sich hin brodelt.
2-Personen-Parrilla manche können es nie abwarten...
Nach erfolgreicher Völlerei machen wir noch einen Spaziergang über den Cerro Castillo, wo auch der Sommersitz der Präsidenten steht, allerdings ziemlich blickdicht abgeschirmt, und besuchen dann noch das Castillo Wulff, das einem deutschen Salpeterbaron gehörte. Heute fungiert es als Museum und man kann es umsonst besichtigen. Als kleine Besonderheit hatte Señor Wulff sein Castillo mit dem Türmchen über einen Gang verbunden, in dessen Boden Glasplatten liegen, um darunter das Meer und die Felsen zu sehen.
Sommersitz der Präsidentin Castillo Wulff
Da Markus seinen Mittagsschlaf nach dem Essen vermißt, machen wir uns anschließend auf den Heimweg nach Santiago. Vom Pisco Sour gefällt, schläft er schon am Ortsausgang. Da wir unser Pensum nicht ganz erfüllt haben an diesem Wochenende, werden wir wohl noch einmal wiederkommen.