Wintereinbruch in Chile

Im April dachten wir noch, es wird gar nicht so schlimm. Im Mai haben wir schon etwas gefroren. Im Juni fragten wir uns wer eigentlich auf die Idee kam, nach Chile zu gehen…

Der offizielle Winterbeginn ist der 21.Juni, aber wir denken, daß es ungemütlicher kaum noch werden kann! Winter in Chile bedeutet bisher:

-noch kürzere Tage, von 18 bis 8 Uhr ist es dunkel
-man trägt Vollausstattung wie zuhause: Mantel, Schal, Mütze, Handschuhe
-die Sonne scheint kaum noch, meist herrscht eine mehr oder weniger dichte Wolken- oder Smogdecke vor
-es gab sogar schon den ersten Bodenfrost!
-die Straßenhunde überleben zum Erstaunen aller Pullover-Pudel-Besitzer immer noch
-manche Hunde tragen sogar einen Schal zum eleganten Cape
-die Taxen (wie fast alle Autos) fahren mit Umluft, d.h. alle Scheiben sind immer beschlagen
-morgens zeigt das Thermometer 2-6°C draußen und 13°C drinnen
-mit unserem Heinz heizen wir abends nur noch auf maximal 17°C hoch
-die heiße Dusche ist das Highlight des Tages
-dagegen ist die Badewanne so kalt, daß trotz Heißwasser der Hintern anfriert
-das Wort "Kältebrücke" bekommt eine ganz neue Bedeutung
-auf die neue Gaslieferung muß man schon mal einen Tag warten (und frieren)
-im Büro rüste ich mit Thermounterwäsche auf - es kann ja immer mal das Gas ausgehen...
-im Restaurant sitzen alle Leute in Mantel oder Daunenjacke beim Mittagessen
-dabei macht es keinen Unterschied, ob man drinnen oder draußen sitzt
-scheint mittags einmal die Sonne, sitzen alle wieder zum Essen draußen (auch im Mantel)
-ohne Schneeketten sollte man sich nicht mehr in die Berge wagen, oder wird ohne gar nicht erst hochgelassen
-dank niedriger Temperaturen ist die Party- und Grillaktivität der Nachbarn gen Null zurückgegangen.

Am Dienstag wurde die zweite Regenfront des Jahres angekündigt. Deren Verlauf kann man im Internet detailliert mitverfolgen. Dazu werden Ratschläge gegeben, wie man sich verhalten soll:
-langsam fahren und auf Fußgänger achten (immer eine gute Idee!)
-den Abstand zum Vordermann verdoppeln
-sich entsprechend warm anziehen (auf die Idee kamen wir schon selber)
-Hände waschen um die Grippe zu vermeiden
-große Temperaturunterschiede vermeiden und die Wettervorhersage beachten (die Temperaturstürze haben wir schon beim Gang vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer oder Bad)
Andenglühen
Am Dienstag und Mittwoch freuten wir uns noch über den Regen. Draußen war es zwar extrem ungemütlich aber die Luft wurde merklich saubergewaschen und es kamen fast heimatliche Gefühle auf. In den Bergen schneite es heftig und schon am Mittwoch abend lagen 2 Meter Neuschnee auf dem Pass nach Argentinien. Auch in den tieferen Lagen sah man schon Schnee liegen. Dafür stieg aber auch wieder der Wasserpegel auf den Straßen, einige verwandelten sich in Flüsse. Bei uns waren nur einige Kreuzungen etwas überschwemmt, sodaß man als Fußgänger oft längere Umwege in Kauf nehmen mußte um die Straße zu überqueren. Die Busse zeigten sich teilweise unbeeindruckt und rauschten im wahrsten Sinne des Wortes die Straßen entlang, sodaß man sich ständig vor unfreiwilligen Duschen in Sicherheit bringen mußte.

Am Donnerstag morgen fanden wir den langanhaltenden, teilweise heftigen Dauerregen schon ungewöhnlich. Die bisherigen großen Defizite in den Trinkwasserreservoirs in den Bergen hatten sich bereits in Wohlgefallen aufgelöst. Donnerstag abend kam ich von der Arbeit nach Hause und machte es mir bis zu Markus Ankunft mit einem Buch am Tisch gemütlich. Nach kurzer Zeit fragte ich mich allerdings wo das beständige Tropfgeräusch herkam. Mein Tee schwamm still in der Tasse und der Regenschauer vor dem Fenster rauschte ganz anders. Böses ahnend machte ich mich auf die Suche nach der Ursache und wurde schnell fündig. Hinter dem Sofa hatte sich eine Pfütze ausgebreitet und von irgendwoher kam beständig Nachschub! Dank der Erfahrung im Schlafzimmer suchte ich in den Schienen der Schiebefenster nach einem Leck. Dort schien alles mehr oder weniger dicht. Dann tropfte es mir großzügig auf den Kopf - ich sah nach oben und traute meinen Augen nicht: An einer Stelle knapp neben dem Fenster fielen dicke Tropfen aus der Decke, knallten auf die Fensterbank und sprangen dann in Einzelteilen auf den Boden und gegen die Sofarückwand! Ich rannte nach einer Schüssel und wischte dann erst einmal den Boden auf. Zum Glück schien es sich nur um diese eine Stelle zu handeln. Die Schüssel tauschte ich noch gegen eine hohe Plastikdose aus, denn auch aus der Schüssel sprangen die Tropfen nach der Landung wieder heraus und immer noch gegen das Sofa.
Nachdem das Wohnzimmer einigermaßen trockengelegt war, legte ich die feuchten Sofakissen optimal ausgerichtet vor die Heizung (der Vorteil des Rollofens) um sie zu trocknen. Die Sofarückwand mußte wohl von selber trocknen. Nachdem sich jetzt aber durch die zunehmende Wärme des Ofens das Wohnzimmer in eine Sauna zu verwandeln drohte (sämtliche aufsteigende Feuchtigkeit legte sich an den 4 großen Doppelfenstern nieder, wo sich schon die ersten Tropfen bildeten), mußte ich die beiden Badlüfter einschalten um die feuchte Luft aus der Wohnung zu ziehen. Danach griff ich zum Telefon und bereitete Markus auf die Überraschung vor, der zum Glück schon im Bus saß. Nach dieser Erfahrung konnte meine Laune nur noch durch ein ausgiebiges Essen beim Ecuadorianer gehoben werden.
Nachdem die Wand im Schlafzimmer nach dem Wasserrohrbruch vor 3 Wochen beim Nachbarn über uns sowieso schon schlecht trocknet (dank der Witterung) lohnt es sich jetzt wenigstens bei laufender Heizung die Fenster zu öffnen und den Stromverbrauch durch die beiden Badlüfter in die Höhe zu treiben…

Am Freitag morgen wachten wir bei blauem Himmel auf. Bei klarer Luft und dem bisher kältesten Morgen gab es eine beeindruckende Sicht auf die schneeweißen Anden. Auf den Grünstreifen lag noch Rauhreif, aber durch die Sonne hielt er sich nicht lange. Endlich konnten Markus und ich uns mittags mal wieder im Park treffen und in der Sonne eine Empanada auf der Bank essen.
der kälteste Morgen Frost in Santiago
Seit Einsetzen der Regenfälle ist der Pass nach Argentinien für den Schwerlastverkehr gesperrt und anscheinend stauen sich mittlerweile an die 6000 LKW, die darauf warten daß er wieder geöffnet wird.

Hier noch ein paar Eindrücke die wir aus dem Mercurio "entliehen" haben:
alternatives Heizen vermummter Radfahrer