Wohnen in Santiago

Jetzt wohnen wir seit einer Woche im "Edificio Isidora", und erwarten täglich unsere Kartons, die mittlerweile an Peru vorbeigeschippert sein sollten. Eine 4 Zimmer Wohnung mit dem Inhalt von 10 Gepäckstücken füllen zu wollen bedeutet mehr Improvisation als Camping! Es fehlt vor allem eine grössere Auswahl an Klamotten zum Anziehen, ganz dringend der Staubsauger und mehr als eine Arche Noah in der Küche (= genau 2 Stück von allem, man muss also ständig spülen!)

Am Tag nach dem Einzug hatten wir die Schwester der Putzfrau von Markus' Chef vermittelt bekommen, da wir alleine der schwarzen Staubablagerungen nicht Herr geworden wären. Um 10 Uhr kam also Lucy, krempelte die Ärmel hoch, fragte "Todo?" und legte los, sobald sie sah wo die Putzmittel standen. Vergeblich boten wir ihr mittags Kaffee und Wasser an. Auch als wir für 3 Stunden unterwegs waren, eine Waschmaschine und einen Kühlschrank zu kaufen, hat sie kaum eine Pause gemacht. Man musste aber auch jeden Raum und jede Oberfläche mindestens 3x wischen. Gegen 16 Uhr überlegten wir, wann sie wohl gehen würde. Mittlerweile hatten wir keine Lust mehr zum putzen und warteten den Lauf der Dinge ab. Um 16:30 fragte ich sie, wie lange sie denn arbeiten würde. Verständnislose Blicke. Also sagte ich, um 17 Uhr sei Schluss. Um 17:30 wischte sie zum 4. mal den Flur. Markus und ich überlegten wie wir sie am besten zum Feierabendmachen überreden könnten. Mutig ging ich gegen 17:45 in die Küche und fragte wieviel Geld sie denn bekäme. Verständnislose Blicke. Nach hartnäckigem nachfragen und herumgedruckse rückte sie mit einem Betrag heraus. Also legte ich noch etwas drauf und sie verschwand. Anscheinend sind chilenische Haushaltshilfen nicht gewohnt, gefragt zu werden, sondern mit klaren Anweisungen betraut zu werden. Das ist noch gewöhnungsbedürftig!

Eine chilenische Wohnung zeichnet sich zudem in folgenden Punkten aus: Der Conserje sitzt in 3 Schichten 24 Stunden am Tag im Empfangsraum an der Haustür und öffnet nur Bewohnern oder angemeldeten Besuchern. Unsere Conserjes sehen sich so ähnlich, dass wir anfangs dachten, er würde sich nur jeden zweiten Tag anders rasieren! Anscheinend sind es aber zwei Brüder und ihre Mutter putzt das Haus. Die Mutter verstehen wir überhaupt nicht, die Söhne einigermassen. Daher ist die Konversation eher schwierig! Nachts ist nochmal jemand anders da. Uns kennen anscheinend schon alle, denn wir wurden immer freudig eingelassen. Die Mieter haben übrigens keinen Schlüssel für die Haustür.
Neben unserer Wohnungstür befindet sich ein Müllschacht, der im Container im EG endet. Es bedurfte etwas Überwindung, die vollen Tüten mit Getöse 4 Etagen nach unten fallen zu lassen. Sperrigen Müll stellt man abends einfach vor die Wohnungstür, der wird nachts abgeholt.
Es gibt zwei Aufzüge: einen für die geraden Etagen und einen für die ungeraden. Wir nehmen immer die Treppe, das machen sonst wohl nur die Hausangestellten.
Die Wohnung hat Einfachscheiben, was an sich nicht so schlimm wäre, aber aufgrund der Bauweise lassen sich die Fenster teilweise noch nicht einmal schliessen. Überall sind Ritzen - im Winter zieht es hier wahrscheinlich wie Hechtsuppe! Auch mit der Feuchtigkeit nimmt man es nicht so genau: An den Wänden über denen sich ein Balkon befindet, schlägt die Farbe schon mal Blasen oder blättert gar ab. Auch das Parkett hat an der Balkontür schon leichte Wellen geschlagen. Lärmtechnisch ist es eigentlich egal ob die Fenster zu sind oder nicht, Lärmschutz ist hier unbekannt!
Es gibt zwar einen Thermostat im Schlafzimmer, angeblich hat die Wohnung teilweise Fussbodenheizung, keiner weiß aber wo genau, aber bei den Gaspreisen kann man sich besser mal warm anziehen. Anscheinend muss man aber nur 3 Monate im Jahr heizen, und das frühestens nächstes Jahr.
Einen Telefonanschluss haben wir (hoffentlich) erfolgreich beantragt. Da wir uns den Antrag per Telefon nicht zugetraut haben und es per Internet nicht ging, fanden wir zufällig in der Metrostation einen Telefonica-Vertreter, der es aufgrund unserer Sprachkenntnisse bestimmt gleich bereut hat, an dem Tag Dienst zu haben. Wenn also in 10 Tagen niemand hier klingelt, dann hat irgendwas nicht funktioniert.

Unser Mobiliar hat sich mittlerweile um 2 Stühle erweitert. Nach tagelangen erfolglosen Wanderungen durch Möbelgeschäfte, fanden wir endlich eine angemessene Stuhlauswahl und nahmen nach ausgiebigem Probesitzen 2 gleich mit. Der Verkäufer schaute recht pikiert als wir auf das Anliefern innerhalb von 2 Tagen zugunsten der sofortigen Mitnahme verzichteten, aber wir wollten keinen weiteren Tag ohne Sitzmöglichkeit verbringen.
Also draussen das erste Taxi herangewunken, der Fahrer verlangsamte die Fahrt, erblickte unser Gepäck - und gab Gas! Ok, hier gibt es keine geräumigen Mercedes, sondern nur alte Nissan-Taxen, zudem noch mit Gastank im Kofferraum, aber wir hätten auch zwei genommen. Doch ich war so euphorisch bei der Aussicht auf den ersten Abend im Sitzen, dass ich meinen Stuhl und Markus unter den Arm klemmte und wir uns zu Fuss auf den Weg machten. Markus protestierte zwar anfangs aber schliesslich waren es nur 2 Metrostationen zu laufen.

vorher nachher


Markus bei der Arbeit Blick aus Büro
Parilla für 2 Personen Selten: schlechtes Wetter im Anzug