Eine Zweiwanderung

oder: Warum wir nochmal einwandern müssen

Meine Vorgesetzten in den USA kamen auf die Idee, daß der Teil der Firma, in dem ich arbeite besser eine eigene Firma wäre. Deshalb bekamen weltweit alle Mitarbeiter der NCR Teradata Corporation einen neuen Arbeitsvertrag um fortan nur noch in der Teradata Corporation zu arbeiten. Eigentlich nichts besonderes, in unserem Fall allerdings schon: Mein Visa ist abhängig vom Arbeitsvertrag, d.h. ein neues Visum ist fällig.

Ich fange besser ganz von vorne an.
Schon als verkündet wurde, daß sich NCR und Teradata trennen, habe ich vorsichtig bei der Personalabteilung nachgefragt ob ich dabei etwas zu beachten hätte. Das wurde lächelnd verneint, "no te preocupes", wie es hier so schön heißt. Da wir uns schon ein wenig eingelebt haben gingen gleich die Alarmglocken los: das wird immer gesagt, wenn man als übervorsichtiger Ausländer nochmal nachhakt um sicher zu gehen. Bisher traf "mach dir keine Sorgen" leider nur selten zu und wir hätten uns besser Sorgen gemacht. Aber man lernt ja nie aus und deshalb habe ich 3 Tage später nochmal nachgefragt. Jetzt war die Kollegin schon ein bißchen genervt und versicherte mir, daß sie sich schlau machen würde. Das hatte sie beim erstem Mal natürlich nicht gemacht, was ich mir wiederum schon gedacht hatte. "No te preocupes" heisst nämlich auch: wird schon werden. Womit das "sich automatische Erledigen" von lästigen Dingen gemeint ist.

Inzwischen geht alles ganz schnell und ich bekomme meinen neuen Arbeitsvertrag. Der ist nahezu identisch mit dem alten, nur der Name der Firma hat sich geändert. Ich lasse also nicht locker und frage nochmals nach, wobei mir sofort gesagt wird, daß ich nur "kurz" zur Extranjeria (Ausländerbehörde) gehen müsse. Das hätte ich mir ja denken können, wieder ein Tag verloren.
Wir gehen ziemlich früh am nächsten Morgen los. Laut Internet hat die Behörde ab 8:30 geöffnet und wir wollen mindestens 15 Minuten davor schon da sein. Damit haben wir bis jetzt immer gut gelegen, der Chilene an sich ist so früh nur selten auf Ämtern anzutreffen.
Wir haben allerdings nicht mit den Peruanern, Bolivianern und Kolumbianern gerechnet. Die sind nämlich genau so schlau wie wir, eigentlich noch schlauer, denn sie sind alle schon da wenn die trägen Deutschen endlich aufkreuzen und haben sich bereits eine Nummer gezogen. Auch wissen sie schon genau wo sie hin wollen, was man von uns nicht behaupten kann.

Wir haben also genug Zeit uns das Treiben anzuschauen. Es gibt 3 Stationen in der Halle, jeweils in einer anderen Ecke des Raumes gelegen:
- Die Information.
- Die Station für die "Stempel" und die temporär ausgestellten Urkunden.
- Die Station für die Residencias (Aufenthaltserlaubnis).
Zusätzlich gibt es noch die nette Frau in der Mitte welche die Nummern verteilt. Jede Station hat ihren eigenen Nummernkreis, man sollte also davor schon wissen was man will und muss das der netten Nummernfrau sagen, um eine Nummer zu bekommen.

Da stehen wir also mit unserer 117! Und mit der können wir uns gerade mal am Informationsschalter anstellen. Die Zeit rinnt dahin und nach einer Stunde warten muss ich zur Arbeit und lasse Ann alleine, was sie mir übrigens die ganze Woche noch nachträgt. Nach weiteren 90 Minuten kommt endlich die 117 dran und sie kann an der Info nachfragen, was in unserem Fall zu erledigen ist.
Das ist relativ einfach: Wir müssen beide ein komplett neues Visum beantragen! Sie bekommt auch gleich die entsprechenden Formulare, mit der Bitte, diese per Post einzureichen. Wir hätten 30 Tage Zeit, nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses, bevor das alte Visum erlischt und wir uns in der Illegalität wiederfinden. Davon sind zu diesem Zeitpunkt gerade mal 15 bereits verstrichen.

Wir füllen also daheim schnell die Anträge aus und besorgen die zusätzlichen Papiere:

- Polizeiliches Führungszeugnis mit dem Zusatz, daß wir uns nicht der ehelichen Gewalt schuldig gemacht haben. Es ist jetzt also amtlich: Ann schlägt mich nicht, jedenfalls wurde sie noch nicht erwischt.
- ich muss mal wieder notariell beglaubigen lassen, daß ich für Anns Ausgaben während ihres Aufenthalts aufkommen werde und ihr Rückflugticket zahle.
- Meine Kündigung, auch notariell beglaubigt.
- Mein Arbeitsvertrag, ebenfalls notariell beglaubigt.
- die obligatorischen Passfotos. Hier sind wir doch noch die Verbrecherbilder losgeworden.
- Unsere Heiratsurkunde, übersetzt und nochmals notariell beglaubigt.

Wo haben wir die denn nochmal hingelegt???

Oh, wir haben ja gar keine!

Das ist aber extra auf dem Formular fett markiert. Ann bekommt einen Schweißausbruch als sie darunter nachliest, daß eine Bearbeitung ohne die vollständigen Unterlagen leider nicht möglich ist.
Ich sage nur: Mut zur Lücke und alles zusammen (ohne Heiratsurkunde) mit einem aktuellen Kontoauszug, um die Einkünfte darzulegen, per Einschreiben weggeschickt.

Wir hören und lesen erstmal nichts.

Jetzt können wir wieder einen der Segen Chiles nutzen: Abfrage des Bearbeitungsstatus per Internet.
Mein Antrag ist angekommen und wird bearbeitet.
Anns Antrag ist nicht per Internetabfrage auffindbar. Da ist der nächste Schweissausbruch fällig, denn dieser Status ändert sich die nächsten 8 Tage nicht. Dann ist auch er abrufbar. Allerdings ist er in einer anderen Abteilung und der Antrag wurde kurzerhand geändert. Aus einer "dependiente" (Abhängige) wurde eine "titular" (Inhaberin) und sie ist scheinbar nicht mehr von mir abhängig. (Mist! Anmerkung der Redaktion)
Ich bekomme per Post Bescheid, daß mein Antrag bearbeitet wird und ich solange eine temporäre Arbeitserlaubnis bekomme. Die kann ich in der Extranjeria abholen, nachdem ich 40.000 Peso (€ 55.-) überwiesen habe. Also wieder in aller Frühe aufgebrochen, diesmal schaffen wir es bestimmt, eine niedrige Nummer zu bekommen. Leider klappt das Abholen nicht und Patricio vertrödelt auf der Fahrt unser frühes Aufstehen fast komplett. Wir haben die Nummer 84.. Immerhin!
Der Raum ist brechend voll.
In der Mitte ist eine Menschentraube um einen einzelnen Bearbeiter herum, der Flugblätter austeilt. Aus diesem erfahren wir von einer Generalamnestie für alle illegal eingereisten Ausländer.
Ob das auch bei Ann funktioniert? Wir werden enttäuscht. Deutschland gehört leider nicht zu den Ländern auf der Liste. Hätten wir uns ja denken können.
Diesmal gehen wir direkt und ausgiebig einen Kaffee trinken. Als wir eine Stunde später wieder zurückkommen fällt mein Blick auf den Aushang direkt am Eingang. Es werden keinerlei Bearbeitungen vorgenommen ohne den Pass vorzuzeigen. Den habe ich aber nicht dabei, wofür auch, ich kann mich ja ausgezeichnet mit meinem chilenischen Personalausweis ausweisen. Jetzt schwitzen wir beide, als wir nach gerade mal 90 Minuten warten dran sind. Nach 3 weiteren Minuten habe ich mein 55 € teures Din A4 Blatt.
Ich darf endlich arbeiten!
Ich muss zugeben, daß ich es noch nicht einmal bei der Arbeit abgegeben habe. Es hat aber auch keiner danach gefragt. Ach so, ehe ich es vergesse: Den Pass wollte übrigens auch niemand sehen.

Wir hören und lesen erstmal nichts!.

Der Status unserer Visa will und will sich nicht ändern.

Kurz vor Dezember schaue ich eher aus Langeweile nochmal im Internet nach und: Wir sind angenommen. Beide!
Es steht auch gleich dabei, daß wir auf die offizielle Mitteilung per Post warten oder uns nach 30 Tagen melden sollen. Datum 15. November.
Die ist dann ja schon 14 Tage unterwegs und man kann der chilenischen Post einiges nachsagen, aber so langsam ist sie nicht. Wir warten also auf den Brief. Der kommt dann auch genau 3 Tage vor Ablauf der Frist und beinhaltet alle Unterlagen, ein weiteres Merkblatt und vor allen Dingen die Überweisungsformulare für die 85.000 Peso (110€) pro Person.
Auf dem Merkblatt steht noch, daß die Visa der Generalamnestie nur im Estadio Nacional, dem größten Fußballstadion Chiles, ausgestellt werden und daß es ungefähr 25.000 Personen sein sollen die alle bei 7 festen Terminen abgefertigt werden müssen. Wir sind dann doch froh, daß wir da nicht hin müssen.
Zur gleichen Zeit trudelt auch Besuch aus D ein. Wir haben also nicht allzuviel Zeit um uns um alles zu kümmern. Ausserdem müssen wir für die Weihnachts-Tour packen und ich habe bei der Arbeit auch gerade viel zu tun. Es bleibt genau ein freier Morgen um auf die Extranjeria zu gehen wir bestellen Patricio auf 7:30, dann sollten wir kurz vor 8:00 da sein und "endlich" eine niedrige Nummer ziehen. Wir sind ja inzwischen schlauer.
Nur leider ist die Extranjeria, übrigens völlig unerwartet, umgezogen und man hatte auch keine Zeit mehr die Adresse auf all den Anschreiben zu ändern. Wir stehen also vor verschlossenen Türen und ein netter Herr erklärt uns, wie wir zur neuen Extranjeria kommen: 5 Blocks geradeaus, links abbigen und nochmal 3 Blocks. Ich sehe schon unsere Chance auf eine niedrige Nummer schwinden.
Nach 10 Minuten durch die Stadt hetzen erwartet uns das übliche Chaos. Erstmal nach dem Weg fragen, Schilder sucht man vergebens. Im 3. Stock dann nochmal nachgefragt und eine Nummer gezogen.

Die 16, Unglaublich!!!

Wir können unser Glück noch gar nicht fassen und ich mache schon Pläne, um 9:00 auf der Arbeit zu sein, da teilt uns einer der vielen Einweiser mit, daß der Nummernkreislauf bei 61 anfängt. Wir sind beide geknickt angesichts der bevorstehenden Wartezeit, da kommt der Einweiser nochmal. Diesmal ruft er alle Personen auf, die unter die Generalamnestie fallen. Die müssen zum Stadion gehen, hier werden sie nicht bedient. Nur 3-4 Personen stehen auf und gehen. Ob sie wirklich zum Stadion gehen kann ich leider nicht sehen, es hätte auch keinen Sinn da heute keiner der Termine ist. Das hatte der Einweiser aber nicht erwähnt. Jetzt kommen auch so langsam die Angestellten. Punkt 8:30 wird die Klimaanlage eingeschaltet. Leider schaltet sich zeitgleich das Computersystem aus und der Einweiser kommt mit der schlechten Nachricht, daß erstmal keinerlei Bearbeitung möglich ist. Unsere Laune sinkt weiter, dafür ist es jetzt nicht mehr so drückend heiss, dank der Klimaanlage.
Ich finde mich mit meinem Schicksal ab und versuche erstmal einen Kaffee aufzutreiben, Ann verteidigt solange unsere Sitzplätze in der Nähe der Klimanalage.
Im Erdgeschoss gibt es ein Café, gross wird auf einen Plakat angepriesen, daß es alles auch zum Mitnehmen gibt. Es hat aber noch geschlossen. Einen Stock weiter oben sitzen seit 8 Uhr 100-150 wartende Menschen und der Besitzer macht um 10:00 auf (hier muss ich anmerken, daß die Extranjeria schon um 14 wieder zu macht). Ich versuche mein Glück draußen und kann immerhin 2 Wasserflaschen auftreiben.
Aber dann geht es doch recht schnell, sobald die Computer wieder laufen. Wir stellen uns direkt vor die Sperre, da wir die nächsten Nummern haben und werden von Einweiser unfreundlich darauf hingewiesen, daß wir doch Abstand halten sollen. Wir halten ihm unsere Nummern unter die Nase und sagen, daß wir eh gleich dran sind und bewegen uns keinen Zentimeter. Damit hat er nicht gerechnet und Widerspruch nicht gewohnt verscheucht er lieber die Personen um uns herum und lässt uns in Ruhe. Die arme Frau hinter mir versucht auch zu widersprechen, sie hat die Nummer direkt nach mir, wird aber dann doch weggescheucht. Manchmal sind 1.80m doch ein klarer Vorteil. Wir sind dran und bekommen ein komplett neues Visa in den Pass geklebt und dazu mal wieder einen Laufzettel. Leider müssen wir auch noch zur Ausländerpolizei um das Visa bestätigen zu lassen und wahrscheinlich bekommen wir auch eine neue Cedula de Indentidad (Personalausweis). Die Geschichte ist also noch nicht ausgestanden. Wir haben aber keine Zeit mehr die nächsten Tage, deshalb muss die Zweiwanderung wohl noch bis nächstes Jahr warten.

Ich halte euch auf dem Laufenden,
Marke