Eine Zweiwanderung

2. und hoffentlich letzter Teil

Neues Jahr, neues Glück! Nachdem wir uns im Weihnachtsurlaub ausreichend erholt haben, gehen wir entspannt den hoffentlich letzten Teil unserer Zweiteinwanderung an. So entspannt, daß wir fast die 30-Tage-Frist hätten verstreichen lassen, denn Markus war zwischenzeitlich noch eine Woche in Dallas, und als er zurückkam wurde es höchste Zeit sich mal wieder um die "tramites" (sehr wichtiges Wort: Behördengänge) zu kümmern.

Freitag morgen steht also der Termin auf der Policia Internacional an. Hier müssen wir unser neues Visum, das nun im Pass klebt, registrieren lassen. Wir fahren früh los und Markus setzt mich zum obligatorischen Nummernziehen ab, bevor er einen Parkplatz sucht. Ich muß an der Kasse man Anliegen vortragen, gleich bezahlen und erhalte dann die beiden Nummern. Der Betrag beläuft sich auf 1.600 Peso und ich lege einen 5.000er Schein hin. Die Frage ob ich 100 Peso habe verneine ich. Als die Frau zum zweiten Mal fragt (bei Ausländern weiß man ja nie) werde ich schon leicht ungeduldig: ja, ich habe sie verstanden und nein, ich habe immer noch keine 100 Peso. Sie hat aber kein Wechselgeld (da kann ja auch niemand mit rechnen) und kann mir jetzt nicht rausgeben, bzw. die Nummern aushändigen. Nach kurzer Ratlosigkeit schlage ich vor auf Markus zu warten, vielleicht er ja Münzen. Daraufhin erbarmt sich der hinter mir stehende Rastalockige und streckt mir grinsend 100 Peso vor. Allgemeine Erleichterung.

Wir setzen uns und ich bin die übernächste. Immer noch kein Markus in Sicht. Als die Nummernanzeige umspringt tausche ich mit dem netten Rasta meine Nummer, sodaß er vor mir dran ist. Gutes Geschäft für die 100 Peso. Ich hoffe nur, daß die Nummern nicht sozusagen Anliegen-gebunden sind. Endlich taucht Markus auf und ich bin auch gleich dran.
In dem Büro befinden sich zwei Schreibtische und ich setze mich an den zugewiesenen. Bevor ich dran komme, diskutieren die beiden Angestellten, wer denn jetzt die Frühstücksbrötchen holt. Da meine Bearbeiterin doch lieber raus geht, muß ich mich an den anderen Tisch setzen. Bevor der Blick auf mich gerichtet wird, diskutieren die beiden noch, ob es Jamón-Palta sein soll oder doch lieber Ave-Queso. Oder gar mit Ají drauf? Nein, das wär ja eklig. Also doch Jamón-Queso. Nach einer kurzen Diskussion über die Raumtemperatur und die sonstigen Befindlichkeiten, wendet man sich gnädig seufzend mir zu. Ohne Hast und ohne mir unnötige Blicke zu widmen werden meine Daten in den Computer eingegeben. Das Foto, das ich mitgebracht habe, braucht sie nicht, man verfügt jetzt über moderne webcams, mit denen das Foto geschossen wird. Im Anschluß das Resultat hochmoderner chilenischer Bürotechnologie oder einfach nur der Unfähigkeit des Benutzers. Man kann entfernt menschliche Wesen erkennen. Ich bin jedoch beruhigt, sollte ich mir in Chile je etwas zu schulden kommen lassen - auf Grund dieses Fotos wird mich die Polizei niemals finden und an der Ausreise hindern! Markus' Foto ist ähnlich gelungen, aber immerhin haben wir einen weiteren Trámite abgehakt.
Montag morgen nehmen wir den letzten Punkt auf der Liste in Angriff: die Beantragung einer neuen Cédula de Identidad. Alle guten Vorsätze nutzen nichts und wir überhören den Wecker. Als wir endlich am Registro Civil in Vitacura ankommen, welches uns ans Herz gelegt wurde weil es gute Parkmöglichkeiten, wenig Wartende und ein nettes Café gibt, ist es bereits eine Stunde nach Öffnung. Wir ziehen Nummer B70 und B71. Ein Blick auf die Nummeranzeige zeigt A93. Das kann ja dauern! Uns fällt ein, dass Ferienzeit ist und damit jeder Chilene mal eben noch den Pass beantragen muss. Wären wir also doch lieber nach Providencia gegangen, da können sich weniger Leute die USA-Reise leisten. Immer noch motiviert setzen wir uns ins Café und beobachten das Treiben. Nach einer Weile fällt uns auf, dass sich die Anzeige nur sehr langsam weiterschaltet. Nach Auswertung der Ergebnisse von zwei Viertelstunden rechnen wir schnell hoch: pro Stunde werden ca. 18 Leute abgefertigt. Nach einer weiteren Hochrechnung kommen wir auf eine voraussichtliche Verweildauer von knapp 4 Stunden! Wir packen und gehen. Pünktlichkeit zahlt sich also doch aus.

Dienstag stehen wir um 7:15 auf und sind um 7:55 am Registro Civil. Öffnungszeit: 8:30. Es warten bereits 7 Personen vor uns. Um 8:15 beschließen die findigen Chilenen eine Schlange zu bilden, denn es wird immer voller. Um 8:25 zieht sich eine Schlange von etwa 100 Menschen die Treppe in den 2. Stock hoch. Unruhe kommt auf, man rückt näher zur Tür. Um 8:31 wird geöffnet und sofort drängen von allen Seiten Leute nach, die vorderen rufen, die Schlange sei einzuhalten! Eine alte Frau versucht sich mit dem Seniorenbonus vorzudrängeln, kommt aber an Markus nicht vorbei. Fast bricht der Mob los aber wir schaffen es noch relativ geordnet in den Schalterraum und ich ziehe unsere Nummern. Geschafft! Doch jetzt hat der Angestellte wohl zu lange auf den Nummernknopf gedrückt und die Anzeige schnellt um 25 Punkte hoch. Zurückschalten kann er nicht, also schart sich jetzt alles um die drei Schalter, um nur ja den Anschluß nicht zu verpassen und sicherzugehen, dass die Nummern richtig aufgerufen werden!
An Schalter 1 hängt ein Schild: nur für Senioren (ab 60), Schwangere (in offensichtlichem Zustand) und Kinder unter 1 Jahr. Eine dicke, aber definitiv nicht schwangere Frau schafft es sich dortrein zu mogeln. Alle älteren Männer gehen plötzlich gebeugt und versuchen älter als 60 auszusehen. Endlich bin ich dran. Markus muß seinen Platz noch vor einer aufgebrachten Frau verteidigen, die auf die falsche Anzeige hereingefallen ist. Ich dränge sie ab und er kann sich hinsetzen.
Die Prozedur wird schnell und effizient abgewickelt und wir müssen nicht noch einmal alle 10 Fingerabdrücke geben. In zwei Wochen können wir den Ausweis abholen.
Manchmal kann es so einfach sein!